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Rezension: Coaching the Tiki Taka Style of Play

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Das Buch „Coaching the Tiki Taka Style of Play“ hat weltweit einigen Erfolg gefeiert, auch wenn es heutzutage eher unbekannt ist. Die Ursache für den Erfolg dieses leider in Deutsch nicht erhältlichen Buches dürfte neben der Struktur auch die mainstreamige Themenwahl sein: Wie lehre ich meinen Spielern das Tiki Taka? Doch vermittelt das Buch dies wirklich ansprechend?

Perfekte Struktur und schönes Design

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Auffällig beim Buch ist, wie angenehm es zu lesen ist. Viele Bücher oder Artikel (sprich meine) sind beispielsweise inhaltlich womöglich gar nicht so schlecht, enttäuschen aber sprachlich und vom Aufbau her. Selbst ein eventuell guter Inhalt wird dann nicht gelesen. Bei Jed Davies‘ Buch ist das nicht der Fall. Viele Grafiken und Zitate aus unterschiedlichen Quellen sorgen im Fließtext immer wieder für Ablenkung, sind aber nie unpassend oder verwirrend.

Das Buch beginnt mit einer kurzen Vorstellung des Autors und einem lesenswerten Artikel von Jonathan Wilson zum „pass and move“-Stil sowie dessen historischer Entwicklung. Auch der Autor baut immer wieder Ausflüge in die Entstehungsgeschichte des „Tiki Taka“ ein. Das gesamte dritte Kapitel beschäftigt sich mit unterschiedlichen Mannschaften und Trainern, welche das organisierte Kurzpassspiel propagiert haben. Ob Archie McLean, Gusztav Sebes oder Pep Guardiola; allesamt werden kurz und lesenswert behandelt.

Ein Beispiel aus dem Geschichtskapitel

Ein Beispiel aus dem Geschichtskapitel

Dennoch ist dies nur ein kleiner Ausflug. Für die meisten dürften Kapitel zwei und vier die wichtigsten im Buch darstellen.

Trainingsübungen aus aller Welt

In Kapitel zwei (auch wenn ich die Übungen eher ans Ende oder ins vorletzte Kapitel gestellt oder sie generell in den Fließtext eingebaut hätte) dürfte wohl für die meisten Trainer das Entscheidende zu lesen sein: Die Trainingsübung. Persönlich bin ich gegen ein solches Sammeln und Aufnehmen von Übungen; jede Übung muss an die eigene Trainingsphilosophie, die besonderen Eigenschaften des vorhandene Spielermaterials und die Möglichkeiten angepasst werden. Allerdings sind die Übungen selbst sehr gut und können auch einfach an die speziellen Bedürfnisse jedes Trainers angepasst werden.

Lesenswert sind die Übungen auch, weil sie aus den Jugendakademien von Barcelona, Liverpool , Wigan, Ajax, Villareal, Athletic Bilbao, Feyenoord (eine Sprintübung Raymond Verheijens) und Swansea stammen. Es wurden quasi aus Beobachtungen und Recherche all der Trainingsübungen in diesen Mannschaften die besten herausgefiltert. Jed Davies reist nämlich nach eigener Aussage durch die Welt und hospitiert sich durch die Fußballgeschichte, was ihm solche interessanten Einblicke ermöglicht.

Beispielhafte Trainingsübungen aus dem Buch

Beispielhafte Trainingsübungen aus dem Buch

Bei Beschreibung der Übungen ist desweiteren der Aufbau der Beschreibung außerordentlich nützlich. Es sind nicht nur einzelne Abbildungen und Übungen, sondern auch die Erklärung, wie diese Übung anzuwenden ist, worauf die Trainer achten müssen, was damit erreicht wird und welche Variationen dieser Übungen es gibt. Dies ist zwar nicht in allen Übungen vorhanden, doch bei eigentlich allen relevanten sind die beschriebenen „Coaching Points“ ausreichend und sämtliche Übungen sind spätestens auf den zweiten Blick verständlich.

Mit fünfzig Übungen und den Variationen dieser Übungen können die meisten wichtigen Trainingsaspekte trainiert werden. Besonders löblich: Die Übungen sind allesamt mit Ballfokus und lehren nicht nur technische, sondern trainieren auch bewusst taktische und physische Komponenten gleichzeitig. Persönlich finde ich nicht alle Übungen perfekt (bei der Übung zum Pressing sollten beispielsweise die Trigger nicht vom Trainer ausgerufen werden und eine Sekundenbegrenzung für das Pressing sollte nicht so dogmatisch angewendet werden), alles in allem ist der Übungskatalog eine sehr sinnvolle Ergänzung für jeden Trainer und eine hochwertige Informationsquelle für mögliche Übungen.

Um eigene Übungen anhand der im Buch vermittelten Grundprinzipien erstellen zu können, dient Kapitel vier, welches womöglich den Kern des Buches darstellt.

Tiki-Taka-Taktiktheorie

In Kapitel vier befindet sich nämlich etwas, welches vielen Coachingbüchern fehlt und diese dadurch in meinen Augen kaum noch nutzbar macht: Eine detaillierte Beschreibung von grundsätzlichen taktisch-strategischen Punkten. Ohne diese Erklärung ist es nicht möglich den Spielern Fähigkeiten und Richtlinien effektiv zu vermitteln, weil es an den Zielsetzungen und Rahmenbedingungen fehlt.

Das Training von Jugendspielern ohne Berücksichtigung wichtiger strategischer Punkte wie dem Herstellen von effektiven Verbindungen, Kompaktheit, Kettenspiel, Raumdeckung, usw. usf. ist schlichtweg nicht möglich. Glaubt man einigen Coachingbüchern – und leider sind die Ausnahmen selten –, so trainieren die Autoren anscheinend weitestgehend ausschließlich die Technik isoliert von der Umsetzung dieser Technik auf dem Platz und in Relation zu den Mitspielern.

„Coaching the Tiki Taka Style of Play!” hingegen vermittelt in fast achtzig Seiten die Grundprinzipien der Spielidee. Zwar stimme ich persönlich nicht mit allem überein, doch die meisten Dissonanzen sind Definitions- und Geschmackssache. Dieses theoretische Kapitel ist übrigens trotz der Länge und Detailtiefe nicht langatmig: Die Erklärungen sind angereichert mit Interviews, Fallstudien, Grafiken und Beispielen aus dem Spiel.

Taktiktheorie zur Positionsfindung und Guardiolas positionellem Schema bei Barcelona

Taktiktheorie zur Positionsfindung und Guardiolas positionellem Schema bei Barcelona

Interessant ist diesbezüglich auch, dass Jed Davies „Tiki Taka“ und nicht „Juego de Posicion“ im Buchtitel stehen hat. Und er hat Recht: Seine Übungen und die Taktiktheorie vermitteln zwar einzelne Prinzipien zum „Positionsspiel“, allerdings fehlt es dennoch am taktischen Rüstzeug, um mithilfe dieses Buchs das Positionsspiel in eine Mannschaft einbauen zu können. Das ist allerdings keineswegs eine destruktive Kritik, sondern eine Feststellung.

Einer Mannschaft das Positionsspiel zu vermitteln und es erfolgsstabil aufzubereiten, ist enorm schwierig und komplex. Davies hat die richtige Mischung aus grundsätzlichen Prinzipien, die in allen Spielphilosophien anwendbar sind und einem gesunden Fokus auf die Entwicklung der Spieler und des Kombinationsspiels generell.

Eine lesenswerte Erklärung zum Pressing

Eine lesenswerte Erklärung zum Pressing

Fazit

Einzelne Punkte wie das differenzielle Lernen oder andere Aspekte in der Taktiktheorie und Trainingslehre (Periodisierung bspw.) fehlen zwar, doch alles in allem dürfte Jed Davies‘ Buch wohl das weltweit beste seiner Zunft sein. Davies hat sogar im ersten Kapitel eine evidenzbasierte Begründung für die beschriebenen Punkte seiner Trainingsphilosophie, u.a. interessante Studien zur Wirkung von Kleingruppenspielformen oder kognitivem Training.

Die Mischung aus grundsätzlichen Punkten in der Trainingsmethodik, der Geschichte des organisierten Kurzpassspiels, vielen guten Übungen und noch einem Schuss Taktiktheorie zum Abschluss weiß zu überzeugen. Durch das sehr schöne Design, die elegante Aufarbeitung und die reichhaltige Abwechslung durch Interviews, Themenvielfalt, etc. ist das Buch auch sehr einfach zu lesen. Der Preis ist mit annährend 30 Euro etwas teuer, doch persönlich finde ich, dass es trotzdem zweifellos eine Kaufempfehlung wert ist.


Rezension: Fitness in Soccer

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Das Buch Fitness in Soccer ist womöglich eines der interessantesten Trainingsbücher aktuell auf dem Markt. Dabei unterscheidet sich enorm von den meisten der Bücher, insbesondere im deutschen Sprachraum. Die Verfasser fokussieren sich nämlich auf eine sehr grundlegende und evidenzbasierte Methodik, anstatt Trainingsübungen ohne Hintergrundwissen in ein Buch zu stopfen (den eleganten Mittelweg geht hierzulande in letzter Zeit übrigens Martin Hasenpflug mit seiner Mischung aus Büchern, kleinen Erklärungen und weiterführenden Infos auf seiner Webseite).

Sehr komplexes und wissenschaftliches Werk

Das Buch vereint eine enorme Expertise auf knapp unter 400 Seiten. Hierbei ist löblich, dass von vielen unterschiedlichen Autoren spezielle Inhalte stammen. Die sechs Hauptautoren sind van Winckel, Helsen, McMillan, Tenney, Meert und Bradley. Sie konzentrieren sich weitestgehend auf die Trainingswissenschaft, welche natürlich den Großteil des Buches darstellt. Die insgesamt 22 Gastautoren unterstützen das Buch mit Expertise zu einzelnen Themen wie beispielsweise der taktischen Periodisierung.

Die Sprache ist allerdings dennoch öfters schwierige Kost. Es liest sich wie eine Sammlung von unterschiedlichsten Erkenntnissen und Studien zu den einzelnen Themen. Dadurch wiederholt sich auch einiges und nicht alle Themen sind für den 08/15-Trainer relevant. So sind beispielsweise die Kapitel 8-10 fast nur für höhere Leistungsklassen anwendbar, weil dort vorrangig die Messung von Herzraten und unterschiedlichen Erschöpfungsindikatoren sowie sonstigen weiteren Tests beschrieben wird.

Andererseits bietet das Buch auch eine tolle Einführung in grundlegende Punkte  der Sport-, Trainings- und Bewegungswissenschaften. Die Autoren besprechen zum Beispiel das Konzept der Superkompensation sehr interessant. So wird es als interessantes theoretisches Modell beschrieben, welches aber vom zweidimensionalen Fitness-Fatigue-Model abgelöst wird. In einigen wenigen Seiten wird das Modell dann kurz, kompakt und verständlich erklärt, ebenso wie das noch unbewiesene Performance-Potential-Model.

Dazu werden in den Artikeln immer wieder unterschiedliche interessante Konzepte eingebaut, wie beispielsweise ein Lauftraining unter Wasser zur Regeneration oder Rehabilitation. Generell entspricht das Buch dem aktuellsten Stand der Wissenschaft. Das differentielle Lernen wird zum Beispiel nicht wörtlich erwähnt, aber die relevanten Aspekte zu den positiven Effekten von einem variablen Training werden mithilfe unterschiedlicher Studien adäquat ausgeführt.

Dies trifft auch auf andere Aspekte zu, wodurch sich enorm vielfältige und komplette Anwendungsmöglichkeiten ergeben.

Moderne Trainingsphilosophie mit Altbewährtem

Die meisten Trainingsbücher heutzutage beschäftigen sich entweder unwissenschaftlich und bilden einzelne Übungen ab, während viele andere sich eher unsachlich und nicht fußballspezifisch über die wissenschaftliche Methodik der physischen Aspekte auslassen. Auch wenn Fitness in Soccer kaum über Taktik und nur wenig über Psychologie oder Didaktik berichtet wird, so ist das wissenschaftliche Fundament zur Bewegungs-, Trainings- und Sportwissenschaft enorm weitreichend. Sogar Aspekte wie Ernährung werden abgedeckt, dazu kommen zahlreiche unterschiedliche Studien zur Physis.

Cover des Buches

Cover des Buches

Diese sind auch in fast allen Belangen modern. Die dargestellten Spielformen sind meist gut gewählt und es gibt sehr interessante und weitreichende Ausführungen zu Kleingruppenspielen, wieso wie was variiert werden kann. Besonders aufschlussreich: Es gibt Studien, die anzeigen, dass das Antreiben vom Coach mit den höchsten Effekt auf den Pulsschlag und die Spielintensität hat. Selbst in guten Büchern fehlt es häufig an diesen Aspekten. Auch die unterschiedlichen Variationsmöglichkeiten und ihre Auswirkung werden sehr gut beschrieben.

Jedoch sprechen sich die Autoren auch für zwei Trainingseinheiten an einem Tag, eine eher kritisch zu beobachtende Periodisierung bei Makrozyklen in einer englischen Woche und einzelne isolierte Trainingsübungen. Zu ersterem fehlt es an einer Erklärung, auch wenn erwähnt wird, dass man diese sehr genau planen und in puncto Erholungspausen präzise umsetzen kann. Bei Zweitem scheint schlichtweg im Vergleich zum aktuellen Stand der Wissenschaft ein Fehler vorzuliegen.

Letzteres wird allerdings sauber argumentiert. So werden bei unspezifischen Kraftübungen durch einzelne Trainingsübungen Transmutationseffekte erzeugt und bei den funktionalen Kraftübungen am Ende des Buchs wird ausgeführt, welche Übungen im Fitnessraum für Fußballer wirklich effektiv sind. Die isolierten Übungen werden außerdem aus durchaus passenden Gründen empfohlen.

So führen die Autoren zum Beispiel aus, dass aerobe Fitness oft im Saisonverlauf nicht mehr trainiert und generell unterschätzt wird. Studien zeigen nach Fitness in Soccer aber, dass die Vorteile der aeroben Fitness (schnellere Erholungsrate, Veränderung im Stoffwechsel bei Fettverbrennung) sich auch auf die intensiven, anaeroben Aspekte auswirken.

Mit dieser Begründung sind die einzelnen gegnerdrucklose Passformen als Endlosformen durchaus zu akzeptieren. Beim intensiven Training wird wiederum auf Kleingruppenspiele mit Intervallmethodik zurückgegriffen, was auch dem modernen Stand der Wissenschaft entspricht.

Die gegnerdrucklosen Übungen sind jedoch keineswegs schlecht konzipiert. Der sogenannte Hoff Track ist zum Beispiel ein durchaus interessanter Dribblingparcours, der vier Mal in einem Intervall von 3-8 Minuten wiederholt werden soll. Bei Umsetzung mit hoher Herzrate steigert es die Sauerstoffkapazität in zehn Wochen um 10%; solche Übungen mit weniger ungeplanten, abrupten Drehungen werden empfohlen, um die Verletzungsgefahr gering zu halten und dienen zur Ergänzung der Kleingruppenspiele.

Auch der Fokus auf isolierte SAQ-Übungen (Speed, Agility, Quickness) in jeder nicht-regenerativen Trainingseinheit ist zwar kritisch zu bewerten, wird aber sehr kompetent und nachvollziehbar begründet.

Fazit: Ein Buch für Fitnesstrainer statt Coaches

In gewisser Weise ist das Buch schon fast zu viel für einen regulären Coach. Die Informationen sind sehr detailliert, komplex und wissenschaftlich angehaucht. Für eher ambitionslose Trainer in niederen Klassen oder an der Thematik komplett desinteressierten Coaches dürfte es wohl weniger interessant sein. Durch diese enorme Fülle an Inhalt ist es eigentlich eher für Fitnesstrainer und den Hochleistungssport konzipiert. Jedoch können durchaus Trainer aller Ebenen relevante und in der Praxis außerordentlich nützliche Informationen aus dem Buch ziehen, wenn sie sich mit der Thematik auseinandersetzen.

Das Buch ist auch ein interessanter Gegensatz zu Verheijens The Original Guide to Football Periodisation. Verheijen verweist kaum auf empirische Evidenz, die er zwar einbaut, aber eben nicht explizit zitiert. Stattdessen stellt er eine neue Herangehensweise, eine komplett neue Struktur (z.B. seine Fußballfitness) und einzelne interessante Ideen vor, die er Fitness in Soccer voraushat. Letztere sind aber deutlich ausschweifender, informativer und detaillierter.

Beiden Büchern mangelt es aber an taktisch-strategischen, psychologischen und didaktischen Informationen, die nur punktuell integriert wurden. Insgesamt ist Fitness in Soccer  aber überaus empfehlenswert und womöglich das beste Buch für alle, die sich speziell in Sport- und Trainingswissenschaft mithilfe neuester wissenschaftlicher Evidenz weiterbilden möchten.

Die Analyse im Fußball: Einführung und How-To

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Die taktische und strategische Analyse nimmt im modernen Fußball einen immer höheren Stellenwert ein. Doch was bringt sie? Und wie funktioniert sie?

Wozu strategische und taktische Analyse?

Beschäftigt man sich mit den Spitzentrainern im modernen Weltfußball, u.a. Josep Guardiola und José Mourinho, so stellt man fest, dass die Taktik und Strategie bei ihnen einen enormen Stellenwert einnimmt. Mourinhos Taktische Periodisierung geht immerhin soweit, dass sie die Taktik als die relevanteste Komponente des Kollektivs und des Individuums identifiziert, Raymond Verheijen setzt sie auch hierarchisch vor die technischen und physischen Eigenschaften. Guardiola analysiert sogar jedes einzelne Training nach, um sich selbst zu überprüfen sowie die taktischen und strategischen Bewegungen der Spieler in den Spielformen noch einmal zu betrachten.

Die strategisch-taktische Analyse wird also prinzipiell für unterschiedliche Aktionen genutzt:

Tabelle1

Man kann also viele Dimensionen des Fußballs auf unterschiedliche Art und Weise covern sowie im Verbund mit den jeweiligen Beratern (Co-Trainer, Fitnesstrainer, medizinische Abteilung, usw.) überlegen, wie die analytisch erhobenen Erkenntnisse nutzbar sind. Bei Cordes (2013) wird auch unterschieden, auf welche Art und Weise analysiert werden kann:

Abbildung1

Im Profibereich gibt es natürlich bei vielen Vereinen für die jeweiligen Kategorien feste Regeln, was beachtet und bewertet werden soll, dazu wird dies mit Videomaterial und Statistiken garniert. Dies entspricht der qualitativen Spielbeobachtung. Ohne die Videofesthaltung und die Validierung der Beobachtung durch Zahlen befindet man sich natürlich im Bereich der systematischen Spielbeobachtung.  Im Halbprofi- und Amateurbereich wechselt man meistens zwischen der ersten und zweiten Säule oder nutzt gar keine Analyse.

Dennoch gibt es in all diesen vier Säulen und auch auf den unterschiedlichen Leistungsniveaus besondere Aspekte, die berücksichtigt werden können. Zwar fallen Dinge wie die Gegneranalyse oder das Spielerscouting weg, aber zumindest die Spielanalyse, die Teamanalyse des eigenen Teams oder die Trainingsanalyse sind nach wie vor möglich. Dafür reicht es aber nicht nur zu wissen, was man analysieren kann, sondern worauf man bei der Analyse achten muss.

Was analysiere ich?

Viele sprechen davon, dass sich das Analysieren am ehesten durch das Lesen von Büchern antrainieren lässt. Wer das nötige theoretische Repertoire besitzt, der wird auch eher die praktische Umsetzung davon erkennen. Natürlich ist hier ein Kern Wahrheit enthalten. Wer zig Bücher zur Viererkette und all ihren Varianten gelesen hat, sollte eher im Stande sein die Umsetzung einer einzelnen Mannschaft zu erkennen und zu bewerten.

Allerdings gibt es nicht zu allem Bücher. Wer im deutschen Sprachraum kompetente Lektüre zum Geben von Verbindungen, zur Auswirkung von Staffelungen, zum offensiven Bewegungsspiel oder auch zum konzeptionellen Positionsspiel findet, der darf mir gerne eine Mail schreiben. Bislang habe ich dies vorrangig auf Spanisch oder gar nicht gefunden. Auch zum Gegenpressing gibt es relativ wenig Theorie, nur einzelne Trainingsübungen und eine basale Erklärung des strategischen Konzepts.

Desweiteren geht vieles verloren, wenn man sich nur mit in der Literatur beschriebenen Varianten beschäftigt. Kreative, unorthodoxe Ideen findet man ebenso selten wie Dinge, die nicht direkt beschrieben werden. Vieles, was sich taktisch auswirkt, ist unbewusst oder ungeplant. Elf Spielern einzelne, einfache Vorgaben zu geben, kann in einem Spiel durch die Wechselwirkung zueinander, die unterschiedlichen Fähigkeiten und den Gegner zu sehr komplexen und oftmals noch schwieriger zu entwirrenden Mustern führen.

Dies ist übrigens auch in der Wissenschaft der Fall. So gab es lange Zeit Probleme bei der Analyse von Geh- oder Flugwegen von Insekten, weil ihre komplexen Muster nicht verstanden wurden. Später fand man heraus, dass die Insekten bloß sehr simple Gedankengänge und „Wenn-Dann“-Formeln hatten, welche aber sowohl zum richtigen Weg als auch zu den sehr komplex wirkenden Mustern führten.

Im Fußball ist es schlicht noch extremer. Zweiundzwanzig Spieler haben sich im Laufe ihres jahrelangen Trainings ebenfalls gewisse Instinkte, kognitive „Wenn-Dann“-Formeln und sonstige, unbewusste Aktionen und Reaktionen angeeignet, welche sich im Spielverlauf konstant äußern. Zwar ist auf geringem und aus taktischer Perspektive ungeplanterem Niveau natürlich die Varianz deutlich höher und die Umsetzung deutlich schwächer, doch sogar im Amateurfußball können taktisch-strategische Analysen von Hilfe sein.

Aber wie analysiert man sowas? Ein interessanter Versuch der Erstellung einer Richtlinie stammt von Elferink-Gemser et al. (2004), welche ein sportartübergreifendes Inventory zur (vorwiegend taktischen) Analyse entwarfen. Dieses bestand aus grundsätzlich vier unterschiedlichen Kategorien, welche eine besondere Beobachtung verdienten und durch die Diskussion mit Sportlern gebildet wurden:

Scale

Positionierung & Entscheidungsfindung, Wissen um die Aktionen des Balles, Wissen um (die Aktionen) der anderen und die Bewegung in sich verändernden Situationen sind also die vier Skalen. Diese Aufteilung ist faktoranalytisch entstanden und wirkt überaus nützlich, auch wenn sie nicht optimal ist.

Eine Beobachtung dieser vier (beziehungsweise fünf) Faktoren, ihrer Interaktionen und der Bewertung nach strategischen Gesichtspunkten ergänzt durch die Weiterbildung mithilfe von fußballspezifischer Fachlektüre sollte einen grundsätzlich akzeptablen Rahmen zur Analyse bilden.

Jedoch beantwortet dies nur, was analysiert und worauf geachtet werden soll. Wie funktioniert die Analyse jedoch?

Analyse ist Wahrnehmung und Heuristik

Ein Großteil der menschlichen Informationsverarbeitung ist heuristisch. Als Heuristik wird meistens die Lösungsfindung bei komplexen Problemen verstanden, mit welcher mithilfe von vereinfachten Regeln eine möglichst sinnvolle und ökonomische Lösung angestrebt wird. Das Gehirn vergleicht meist mit evolutionär festgelegten Richtlinien, persönlichen Erinnerungen und Erfahrungen sowie den implizit daraus abgeleiteten Regeln, um Heuristiken zu bilden. Das ist zwar oft auch fehleranfällig, sorgt aber vielfach für sehr gute Lösungen, insbesondere unter Stress und Zeitdruck.

Im Rahmen der fußballspezifischen Analyse der Taktik und Strategie sind denk- und wahrnehmungspsychologische Heuristiken zu berücksichtigen. Die Gestaltpsychologie unterschied zum Beispiel schon vor über einem halben Jahrhundert mehrere Gesetze, mit denen das Gehirn arbeitet. Diese sind weitestgehend empirisch nachgewiesen worden und taugen zur Verdeutlichung der Wahrnehmungsprozesse:

  • Prägnanz: Objekte werden so wahrgenommen, dass sie eine möglichst einfache, verarbeitbare Struktur darstellen.
  • Nähe: Je geringer die Abstände, umso eher wird es als zusammengehörige Struktur wahrgenommen.
  • Ähnlichkeit: Ähnlichen sich Objekte, werden sie eher als zusammengehörige Struktur wahrgenommen.
  • Symmetrie: Symmetrische Objekte gelten eher als zusammengehörige Struktur.
  • Kontinuität: Objekte, die vorherige und/oder unterbrochener Objekte fortsetzen zu scheinen, gelten eher als zusammengehörige Struktur.
  • Geschlossenheit: Abgeschlossene oder scheinbar abgeschlossene Objekte gelten auch eher als zusammengehörige Struktur.
  • Gemeinsame Bewegung (Common fate): Wenn sich Objekte gemeinsam bewegen, dann wirken sie eher wie eine zusammengehörige Struktur.
  • Gemeinsame Region: Objekte in abgegrenzten Gebieten werden als zusammengehörig empfunden.
  • Verbundene Elemente: Verbundene Objekte werden eher als eine Struktur wahrgenommen.
  • Gleichzeitigkeit: Verändern sich Objekte zum gleichen Zeitpunkt, gelten sie auch eher als eine Struktur.

Die oberen sechs Gesetze stammen übrigens von Max Wertheimer, die unteren drei wurden von Stephen Palmer ergänzt. Ergänzend mit diesem Modell zur Informationsverarbeitung von Treisman…

Abbildung2

…liegt es nahe, dass die Wahrnehmung und ihre Gesetze durch die eigene Erfahrung ergänzt werden. Analysiert man zahlreiche Spieler und findet bestimmte grundlegende Muster in den Spielen, so können die jeweiligen taktisch-strategischen Schemen von Spielern und Teams sowie die Entwicklungsverläufe und Ursachen mit der Zeit besser eingeschätzt und beobachtet werden. Hermann von Helmholtz sprach schon Mitte des 20. Jahrhunderts davon, dass wir aus unbewusst aufgestellten Theorien über das Wahrgenommene Rückschlüsse erstellen.

Desweiteren spricht die Wissenschaft von Schemakongruenz. Weicht etwas  von den bisher damit verbundenen Erinnerungen und Erfahrungen ab, so fällt es verstärkt auf und wird auch besser memoriert. Bei vorhandener Schemakongruenz werden Mannschafften eher miteinander verwechselt, was allerdings kein wirkliches Problem in der Analyse selbst darstellt, weil man sich auf spezielle Mannschaften und ihre Abweichung vom Standardspiel der jeweiligen Strategie ansieht.

Darum fällt auch Laien bereits auf, dass beispielsweise Bayer 04 Leverkusen deutlich kompakter und ballorientierter spielt als die 08/15-Mannschaften. Gibt es kein vergleichbares Schema, so fällt das besonders auf, diese schemairrelevanten Bilder sind am schwierigsten zu memorieren, aber werden häufiger mit verstärktem Interesse und aktiver Analyse erschlossen. Im Fußball wäre dies eine komplett andere Spielweise gegen oder mit dem Ball, was es jedoch heutzutage kaum / nicht gibt.

In einem gewohnten Umfeld – also bei häufiger und vielfacher Analyse – erlaubt uns diese „unbewusste Schlussfolgerung“ (sh. von Helmholtz) bei wenigen Hinweisreizen bereits eine ökonomischere Verarbeitung.

Wer sich für das Thema interessiert, hier gibt es eine simple und schöne Übersicht über unterschiedliche Aspekte der Wahrnehmung.

Um eine gute taktisch-strategische Analyse vornehmen zu können, ist somit empfehlenswert eine Vielzahl von Spielen zu analysieren, damit auch bei der Wahrnehmung von Fußballaspekten Erfahrungs- und somit Vergleichswerte bestehen. Darum ist Übung wichtig, ansonsten verfällt man Problemen, dass man zum Beispiel lang andauernde Situationen im Vergleich zu kürzeren Situationen unpassend gewichtet (sowie andere Denkfehler, die noch genauer besprochen werden).

Doch wie trainiert man diese Fähigkeiten gezielt?

Wie trainiere ich meine Analysefähigkeiten?

Seit Mitte 2011 bis zum heutigen Tag habe ich ungefähr 3000 Analysen unterschiedlicher Art erstellt. Das reicht von Spieler- über Team- und Spielanalysen bis zu Trainingsanalysen meiner Jugendmannschaft. Im Schnitt also über zwei Analysen pro Tag. Natürlich ist nur ein Bruchteil davon veröffentlicht worden, manches war für Vereine aus dem Profisport, vieles einfach für mich selbst als Hobby und einiges auch eben schlichtweg zur Übung.

In dieser Zeit hat sich meine Analysefähigkeit nach meinem subjektiven Empfinden gesteigert. Zwar gibt es nach wie vor Fehler, die besonders bei schnellen Spielanalysen oder bei emotionaler Beeinflussung entstehen, doch diese wird es immer geben. Der Fokus sollte eher auf erhöhter Geschwindigkeit bei erhöhter Treffsicherheit gelten.

Hierbei ist natürlich auch zu berücksichtigen, dass die Retrospektive deutlich einfacher ist als die Planung und Umsetzung. Einen besonderen Aspekt zu beobachten und eine Analyse dazu zu verfassen ist simpel, die Probleme vorherzusehen oder sie später zu korrigieren ist deutlich schwieriger und keiner der SV-Autoren maßt sich an, er könnte das auf hohem Niveau unter Druck.

Das ist übrigens in allem so. Professor Gerd Gigerenzer  führt in seinen Werken, besonders in „Gut Feelings“, sehr gut und nachvollziehbar aus, dass in fast allen statistischen und mathematischen Modellen weniger Faktoren in der Prädiktion effektiver sind, mehr Faktoren in der Rückschau die gesehene Entwicklung jedoch besser erklären. Das ist bei der taktisch-strategischen Analyse ebenfalls der Fall und sollte beim Verfassen wie auch bei der Bewertung beachtet werden.

Grundsätzlich unterscheide ich bei den Analysen mehrere Möglichkeiten die Fähigkeit zu trainieren:

–          Erhöhung des taktisch-strategischen Repertoires durch Fachlektüre: Die Beschäftigung mit der passenden Literatur kann natürlich dafür sorgen, dass man oft übersehene Aspekte realisiert oder generell einfach ein größeres Spektrum aufbaut, was denn überhaupt analysiert werden kann.

–          Zwang zum Output: Eine schriftliche Analyse mit einer festen Wortvorgabe (ohne redundant und repetitiv zu werden oder Sachen zu erfinden) sorgt dafür, dass man sich näher und detaillierter mit dem Spiel oder mit einzelnen Details auseinandersetzt. Die verbale Feststellung einzelner Punkte oder das Beschreiben von Szenen ist etwas ganz anderes als eine eher detaillierte und schriftliche Auseinandersetzung, die man auch später kontrollieren kann.

–          Erhöhung der Geschwindigkeit der Informationswahrnehmung: Damit ist gemeint, dass durch das schnellere Abspulen des Spiels gezielt die Geschwindigkeit der Analyse gesteigert werden soll. Doppelte, dreifache und vierfache Geschwindigkeit werden auch von Profitrainern genutzt, Favre soll angeblich nur die vierfache Geschwindigkeit bei der Gegneranalyse nutzen. Das  Gehirn kann im Normalfall bis zu 60-64 Bilder pro Sekunde ohne Informationsverlust auswerten. Darüber hinaus würden Farben bspw. als Mischfarben aufgenommen werden, 80 bis 120 Bildern nicht mehr vom Gehirn auswertbar. Studien an Kampfpiloten zeigten aber höhere Zahlen, 100 bis 150 Bilder, durch mehr Übung und Fokus auf besondere Aspekte und die damit verbundene Erleichterung wahrnehmungsgebundener Strukturen. Das sollte hiermit ebenfalls möglich sein. Mein persönliches oberes Maximum an sehr guten Tagen liegt aktuell zum Beispiel bei sechsfacher Geschwindigkeit, aber oberhalb von dreifacher Geschwindigkeit finde ich es etwas unsauber bei der Kategorisierung und Bewertung taktischer Einzelaspekte. Hierbei ist natürlich die Frage, inwiefern diese Analysen weiterhin präzise genug sind. Ich hatte das Glück mithilfe eines professionellen Analysten eines Vereins meine auf vierfacher Geschwindigkeit (und sonstigen Hindernissen) basierenden Analysen extern kontrollieren und feedbacken zu lassen. Ein Beispiel zur sechsfachen Geschwindigkeit findet sich unter diesem Link.

–          Erhöhung des Volumens der Informationswahrnehmung: Marcelo Bielsa soll angeblich bis zu vier Spiele gleichzeitig schauen und analysieren. Damit dürfte vermutlich die Speicherkapazität und Informationsaufnahme trainiert werden, obgleich ich persönlich alles über zwei Spiele anstrengend und schwierig zu analysieren finde. Mein oberes Maximum als persönlicher Vergleichswert liegt bei drei, ich würde mir aber hier keine öffentlichen oder detaillierten privaten Analysen mit hoher Trefferquote zutrauen, weil ich bisher noch nicht die Möglichkeit zu Validierung hatte.

–          Reflexion & Kontrolle: Die Reflexion der Analysen durch Übereinstimmung mit anderen, eine abermalige spätere Betrachtung und Kontrolle des Inhalts sowie das Nachdenken über die Augenscheinvalidität der Analyse sind ebenso hilfreich, um die Präzision der Analysen zu schulen.

–          Diskussion: Ein selten genannter und oft unterschätzter Punkt ist die Diskussion mit anderen, Trainern, Scouts, Analysten, Bloggern, Fans, usw. In der gemeinsamen Besprechung von Spielern, Aspekten, Teams, Strategien oder besonderen Abläufen kann man durch die andere Meinung oder die Diskussion zwischen den zwei Meinungen oftmals neue Eindrücke finden.

–          Teilspielanalysen: Eine sehr interessante Methode ist das Betrachten von einzelnen Szenen aus dem Spiel ohne Kenntnis des Ergebnisses oder dem Spielverlauf. Nach einer festgelegten zeitlichen Sequenz sollen Aussagen über a) den bisherigen Spielverlauf (Ergebnis, Ballbesitz, etc.) und b) den künftigen Spielverlauf getroffen und später mithilfe statistischer Zahlen und taktischer Komplettanalyse kontrolliert werden.

–          Simulationen und Rollenspiele: Hier werden besondere Konstrukte geschaffen und sollen dann analysiert werden. Dies ist eine Methode aus dem Coaching im Wirtschaftsbereich für Eliteführungskräfte und kann auch in der Analyse genutzt werden. Martin und ich hatten beispielsweise einige Monate lang Spiele herausgepickt, mit den Wettquoten verglichen und bei besonderen Spielen die Verläufe prognostiziert, um quasi gegen die Wettbüros zu wetten. Dieses Experiment war ziemlich erfolgreich und half auch bei der Prognose von spezifischen Situationen. Innerhalb der Redaktion haben wir beispielsweise einige Male Screenshots aus besonderen Situationen in Spielen gemacht. Redaktionsintern wurde dann jeweils unter Einbezug der Situation, Staffelung, Mannschaftsausrichtung und Spielercharakters gefragt, wie diese Situation sich in den nächsten Momenten weiterentwickelt. Auch das Erzeugen von hypothetischen Mannschaften und wie diese funktionieren können ist eine interessante Methode, allerdings im Gegensatz dazu nicht mehr nachprüfbar.

–          Tactical & Social Gaming: Damit sind keine Spiele wie FIFA oder Football Manager gemeint, sondern spezielle elektronische Simulationen, die auch eine mehr oder weniger realistische taktische und spielerische Komponente erlauben. Auf dem freien Markt ist einzig Pro Evolution Soccer für die Nintendo Wii dafür tauglich, alle anderen Konsolen und Spielen sind dafür zu unrealistisch. Durch die gleichzeitige Steuerung von allen elf Spielern müssen taktische und strategische Aspekte berücksichtigt werden, dazu ist der Denkprozess dabei bewusster und die Konsequenzen direkter nachzuvollziehen. Studien zeigten, dass sich solche Übungen sowohl motorisch, kognitiv als auch sozial positiv auswirken können.

–          Entwurf eines Analysebogens: Das Verschriftlichen von Punkten zur Analyse dient nicht nur bei der späteren Analyse zur Berücksichtigung von Aspekten, sondern auch zum Brainstorming der taktisch-strategischen Möglichkeiten. Einen Spielverlagerungsanalysebogen aus unserer Anfangszeit vor vier Jahren habe ich als PDF angehängt. Als Einstieg ist es ganz passabel, sollte aber nicht so rigide und strikt angesehen werden, wie es vielleicht den Eindruck macht.

Dies sind sehr rudimentäre Konzepte und können natürlich verfeinert werden, doch zu speziellen Übungen und Methoden dieser Konzepte gibt es vielleicht ein anderes Mal mehr.

Das generelle Ziel des Analysierens ist es, dass der Prozess selbst durch die Übung und Wiederholung automatisiert wird und durch eine Fülle an differentiellen Lernmethoden sowie diese Vorgehensweise implizit gelernt wird. Es bringt wenig, dass man einzelne Punkte auf einer Liste abhakt (diese sollte nur zu Beginn als Orientierung dienen), weil sonst die Wechselwirkungen übersehen werden.  Vielmehr geht es darum, dass man den Analyseprozess intuitiv macht und daraufhin die beobachteten Aspekte bewusst macht. Diese sollen dann abstrahiert werden, ergo die Ursachen dafür gefunden und die grundlegende Funktionsweise klargemacht werden.

Dabei muss man sich aber auch immer bewusst sein, dass die Taktik und Strategie nur einen Teilaspekt des Fußballspiels widerspiegeln sowie die Analyse selbst ebenfalls auch bei viel Übung (enorm) fehleranfällig sein kann.

Die Reflektion der Analysen ist darum womöglich am wichtigsten und spielt bei allen Varianten eine Rolle. Bei der Reflektion und der Analyse selbst muss man sich aber auch bestimmter möglicher Denkfehler oder generell Heuristiken der Denkpsychologie im Klaren sein, um die Bewertung möglichst objektiv und richtig vornehmen zu können.

Wichtige Denkheuristiken

Die Heuristiken des menschlichen Gehirns beim Denken sind zwar nützlich, können aber auch zu Fehlern führen. Ich habe in dieser Liste kurz zusammengefasst, welche Denkfehler es gibt, was sie bedeuten und wie sie sich bei der Analyse auswirken können.

Tabelle2

 

Es gibt noch mehr „cognitive biases“, welche sich fußballspezifisch umformen könnten. Auf Wikipedia gibt es eine interessante Auflistung. Die Bücher von Kahneman und Gigerenzer sind ebenso sehr empfehlenswert. Wer wie ich in Salzburg studiert, dem dürfte auch der tolle Professor Anton Kühberger ein Begriff sein. Einen Artikel, welcher argumentiert, wieso Analysen durch das Auge eben deswegen unmöglich sind (am Beispiel Hockey vorrangig), findet sich hier (verfasst von Kent Wilson).

Außerdem sollte bei der Auswahl der Analysten nicht auf statische Dinge und die Konsequenz des Analyseprozesses geachtet werden, sondern auf die Fähigkeiten der Analyse selbst. Semantisches Faktenwissen, gutes Gedächtnis und eine angenehme Präsentation werden meist als die wichtigsten drei Eigenschaften bei der Betrachtung der Kompetenz genannt, dabei sollten Denkstrukturen, Denkausrichtung und Denkzustand im Fokus liegen. Soll heißen: Lieber habe ich jemanden, der obigen Denkfehler meidet, als jemand, der mir unreflektiert Ergebnisse aus den letzten 798 Spielen vorbeten kann.

Nachdem wir den Prozess der Analyse und ihre möglichen Nutzungsbereiche betrachtet haben, so stellt sich eigentlich die Frage: Bringen die Analysen überhaupt etwas?

Validierung der Analyse

In Südamerika und auch in Europa bei Trainern wie Guardiola gibt es bei den Co-Trainern den Beruf des „Trainer/Analyst“. Sie sind auf dem Trainingsplatz aktiv, analysieren Training, Spieler und Gegner, wodurch sie Einblick in alles haben. Dadurch sollen die Analysen ganzheitlicher und praktikabler werden, was sich auch in den Erfolgen Guardiolas und Sampaolis z.B. niederschlägt.

Auch die wissenschaftliche Forschung zeigte, dass bestimmte Analyseformen funktionieren.  Vaquera et al. konnten zum Beispiel nachweisen, dass sich sehr hohe Objektivität und Beobachterübereinstimmung bei bestimmten Analysenformen des Pick and Roll im Basketball erreichen lassen. Lemminck & Frencken sprechen in ihrem Vortrag Tactical Match Analyseis in Soccer: New Perspectives?  über ähnliche Eindrücke. Bei Sarmento et al findet sich in einer Studie zur Analyse mit mehreren Coaches aus der ersten portugiesischen Liga wiederum folgendes Modell:

Abbildung3

Sie fokussieren sich in ihrer Studie eher auf die Anwendungsweise und diesen Zyklus der Analyse. Die Möglichkeit und Wichtigkeit der Analyse selbst wird wie bei anderen Forschungen als gegeben genommen. Auch Albin Tengas Forschung orientiert sich in diese Richtung, er beschäftigt auch verstärkt mit der Analyse von Analysemöglichkeiten. Tenga konnte zum Beispiel nachweisen, dass bei schlechter Raumdeckung im Vergleich zu taktisch guter Raumdeckung ein deutlich höheres Risiko auf ein Gegentor besteht.

Insofern scheint es durchaus zu erwarten, dass der Nutzen der taktisch-strategischen Analyse und ihrer Konsequenzen für die Intervention auf die Mannschaft sowie den Zusammenhang mit der Leistung als bewiesen gesehen darf, auch wenn es an expliziter Forschung dahingehend auf Spitzenniveau mangelt. Auch die Erforschung von Trainingsanalysen oder taktisch-strategischen Spieleranalysen und ihrer Effizienz wäre interessant.

Neben der gut untermauerten Vermutung, dass sich Analysen was bringen, stellt sich natürlich auch die Frage, ob es besondere Strategien und Taktiken gibt, welche nützlich sind.

Statistische Validierung von Strategie & Taktik

Vorab: Im Internet findet sich eine schier unendliche Anzahl von Artikeln und Studien, meistens basierend auf Opta-Pro-Daten, die sich mit dieser Thematik beschäftigen. Manche Taktiken und Strategien führen häufiger zum (Tor-)Erfolg, obgleich sich bei bestimmten Gegnern oder einem durchgehenden Fokus darauf natürlich die Voraussetzungen etwas ändern können (sh. Spieltheorie).

Dennoch dachte ich, es wäre interessant hier auch einen kleinen Überblick über interessante Ergebnisse der statistischen Fußballtaktik&-strategieforschung darzulegen. Daniel Altman von North Yard Analytics beispielsweise besticht mit herausragender Forschung.

So hat er ein Fünf-Zonen-System  definiert, in welchem die „Expected Goals“-Erwartung zu sehen ist.

Abbildung4

Dies passt auch sehr gut zur Aufteilung Guardiolas oder auch meinem Artikel zu den Halbräumen. Man sieht: In den Flügelräumen liegt die Obergrenze bei 0.063 in den tornächsten Zonen. Eine höhere Erwartung scheint von der Seite aus also nicht möglich sein. In der Mitte und den Halbräumen ist dies höher. Die Halbräume und die Mitte unterschieden sich allerdings auch, wie ebenfalls gut zu erkennen ist. Desweiteren sind diese Zonen elliptisch gebeugt und zeigen quasi diagonal zum Tor hin, was im Artikel zu den Halbräumen ebenfalls behandelt wurde. Die Flügelräume sind also auch in Tornähe maximal so wertvoll wie der Zehnerraum und die tornahen Halbräume.

Daniel Altman bewies außerdem, dass besondere Situationen eher zu Toren führen; u.a.  solche Verbindungen im „Pentagon“, bevor der Schnittstellenpass gespielt wird. Die Qualität und Effizienz des Schnittstellenpasses wird also direkt durch die Staffelung und Verbindungen zuvor beeinflusst.

Abbildung5

Dieses Bild stammt beispielsweise aus seiner OPTA-Pro-Forum-Präsentation von letztem Jahr. Andere Präsentationen behandelten u.a. die Überschätzung der langen Seitenwechsel oder wann Distanzschüsse effektiv sind, usw. usf.

Untersuchungen zu Flanken von Marek Kwiatkowski zeigen außerdem, dass diese relativ ineffizient sind. Nur 1,76% der Flanken werden verwertet, wobei es immerhin 5% der Flanken nahe am oder von innerhalb des Strafraums sind. Dazu gibt es Hinweise, dass flache Flanken etwas effizienter sind. Andere Forschungen wie diese von Michael Caley z.B. zeigen eine enorme Qualität von Effizienz von Cutbacks (Rücklagen in den Rückraum des Strafraums von der Seite) und Schnittstellenpässen.

Michael Caley wiederum konnte nachweisen, dass eine höhere Geschwindigkeit der Angriffe die Effizienz erhöht, diese Effizienzkurve allerdings bei extremer Schnelligkeit einbricht. Caley verfasste auch einen Artikel über den Wert des hohen Pressings aus defensiver und besonders offensiver Perspektive.

Desweiteren untersuchte Caley auch die Effekte von fokussiertem Ballbesitzfußball (in persona des FC Barcelona) auf die Chancenverwertung und exkludierte sogar Messi aus  der Analyse, fand aber dennoch weiterhin überaus positive Effekte vor.

Will Gurpinar-Morgan schrieb wiederum über Raumbesitz, wie Ballbesitz und Raumbesitz zusammenhängen können und dass Topmannschaften meistens beides miteinander vereinigen. Defensiver Druck (und somit Kompaktheit!) hingegen verhindert die Qualität von Abschlüssen drastisch, sh. hier:

Abbildung6

Der Auszug stammt von Lucey et al (2015), die mithilfe von Trackingdaten und damit gemessenen taktisch-strategischen Aspekten die variierende Wahrscheinlichkeit für Torerfolge messen konnten.

Sander IJtsma von 11tegen11 fand auch eine hochprädiktive und reliable statistische Methode namens Composite Team Rating, um die zukünftige Punktausbeute sehr früh und sehr präzise vorherzusagen. Sein Expected Goals Model (Gewichtung des Abschlusses nach Dingen wie der Schussposition, der Schussart, der Art der Vorbereitung, etc.) wurde hierbei mit einigen taktisch-strategischen Punkten kombiniert (z.B. Pässen nach Zonen, usw.). Dies deutet darauf hin, dass besondere taktisch-strategische Punkte eben doch eher zum Erfolg führen und Spielerqualität nicht alles ist, obgleich sie auch einen großen Faktor dieser taktisch-strategischen Punkte ausmacht.

Will Gurpinar-Morgan hat sogar auf meinen persönlichen Wunsch hin eine Analyse zum Thema Ballbesitz, Raumbesitz und Erfolgsquote unter „Help me, Rondo“ verfasst. Die „Territorial-Possession Dominance“ (TPD) zeigte in Deutschland sogar eine höhere Korrelation mit der Tordifferenz als Expected-Goals-Ratio oder Total-Shots-Ratio. In England ist das fast gleich hoch wie diese zwei Metriken, in Spanien wiederum deutlich geringer. Diese werden aber u.a. enorm von Rayo Vallecano heruntergezogen, die sich aber eben dank ihres Positionsspiel-Ballbesitz-Pressingfußballs trotz des mitunter geringsten Budgets seit drei Jahren in der oberen Tabellenhälfte der Liga halten können.

Auch viele Netzwerkanalysen finden sich sowohl bei Vereinen als auch im Mainstream vermehrt wieder. Eine besonders interessante von Gyarmati und Co. (2014) zeigte, dass mithilfe einer simplen Kodierung der Passempfänger besondere Passmuster ausfindig gemacht werden können, wo sich europaweit nur sehr wenige Mannschaften signifikant differenzieren. Eine davon: Der FC Barcelona, der einen eigenen Cluster bildet und sich somit von allen anderen Mannschaften unterscheidet.

Die Zukunft wird aber die Erfassung von Trackingdaten bilden. Dann wird es auch möglich sein, dass taktisch-strategische Sachen wie Kompaktheit, aber sogar die Effektivität des Gebens von Anspielstationen und ihre Korrelation mit dem Erfolg des Teams mithilfe von Algorithmen gemessen werden. Eine tolle Präsentation zu „Fußball als dynamisches System analysieren“ gibt es von Paul Power (nicht zu verwechseln mit Max Power) hier.

In ein paar Gesprächen mit Spielverlagerung hat Power auch erzählt, dass sich ProZone nur auf Fußballvereine als Klienten konzentriert und auch viele taktisch-strategische Richtlinien für das Training und die Spielphilosophie weitergibt, unter anderem auch nach wie vielen Sekunden nach einer Balleroberung die Zone gewechselt werden muss, um die Erfolgswahrscheinlichkeit des Konters möglichst positiv zu beeinflussen.

Zum weiteren Zusammenhang steht dazu die Verbindung von Taktik und Statistik beziehungsweise von taktischer und statistischer Analyse. Bei Abseits.at habe ich hierzu zwei kleine Teile verfasst, wo ich mich im ersten Teil auf den Zusammenhang konzentriere und im zweiten Teil über die Zukunft der Analyse schreibe.

Eine kurze Zusammenfassung davon möchte ich dennoch hier inkludieren.

Exkurs: Taktik, Strategie und Statistik

Statistiken müssen mit der Taktik in Zusammenhang stehen, weil sie letztlich nur objektiv messen können, was konstant auf dem Platz passiert. Sobald es mehr oder weniger konstant geschieht, ist es Taktik, auch wenn es vielleicht unbewusst und ungeplant gemacht wird. Verheijen setzt beispielsweise Taktik mit „Kommunikation“ gleich, was eine durchaus passende Betrachtungsweise ist.

Ob zum Beispiel jemand weiß, dass er immer unter Druck bolzt oder ob er bei Rückwärtspressing immer auf den Ball steigt und die Seite wechselt, obwohl diese unbesetzt ist, ist für die Gegneranalyse relativ unerheblich. Solange er es einigermaßen häufig macht und sich einzelne Muster wegen der „Kommunikation“ mit der Situation, den Mitspielern und den Gegnern erkennen lassen, ist es taktisch-strategisch analysierbar.

Der taktische Analyst – oder wie in Südamerika und bei vielen spanischen und portugiesischen Trainern der „Trainer/Analyst“ – dient dem Statistiker als Hilfe, was analysiert und wie Analysiertes genutzt werden soll. Der Statistiker wiederum kann den Eindruck des taktischen Analysten unterstützen oder auch widersprechen, um den Analyseprozess effektiver zu gestalten.

Somit ergeben sich drei Grundregeln:

–          Die Statistik misst, was taktisch beeinflusst ist

–          Die Taktik definiert, was gemessen werden muss

–          Die Strategie bestimmt, was wie gewichtet wird

Darum wird in Zukunft der Taktikanalyst nicht nur für Videoanalysen, sondern auch für statistische Analysen taugen müssen. Der statistische Analyst wiederum wird mehr taktische Kompetenz besitzen müssen, wobei sich in den oben verlinkten Analysen auch zeigt, dass dies bereits der Fall ist. Ein Beispiel dafür ist Paul Power von ProZone, der sich selbst als “Trainer” sieht und in diesem Video sehr interessant über das Konzept der Spielintelligenz redet.

Exkurs: Wie bereite ich eine Analyse auf?

Damit die Analyse auch nützlich ist, sollten bestimmte Richtlinien beobachtet werden.

  • Fokus auf relevante Informationen. Zu viele Informationen bringen ist nicht effizient.
  • Die Analyse sollte dem Empfänger entsprechen. Ein Spieler erhält eine inhaltlich und sprachlich anders aufgebaute Analyse als der Trainer/Co-Trainer, als jemand vom Vorstand oder ein Leser im Internet / in der Presse, etc.
  • Logisch konsistentes Design und Schema.
  • Zur einfacheren Kategorisierung und zugunsten einer übersichtlichen Struktur nutzen die meisten eine Aufteilung in grundlegende Eigenheiten (Aufstellung bspw.), die vier Spielphasen und zum Abschluss die Standardsituationen sowie mögliche Gegenmaßnahmen.
  • Innerhalb der Kategorien sollten die Informationen nach der Wichtigkeit sortiert werden.
  • Wichtige Informationen sollten hervorgehoben werden.
  • Unterstützung durch Bild-, Video- und Zahlenmaterial ist immer hilfreich, sollte aber nur bei sinnvoller Ergänzung des Informationsgehalts oder zum verbesserten Verständnis dienen.

Fazit

Letztlich lässt sich wohl konstatieren: Die Fußballanalyse ist sehr weitreichend, sehr komplex und vielfältig. Dennoch ist es interessant, die dank Spielverlagerung erhaltenen Einblicke in die unterschiedlichsten Analysearten erhalten zu haben und mit diesen die eigene Arbeitsweise reflektieren zu können. Opta und ProZone analysieren ganz anders als die Statistikblogger, welche hingegen natürlich anders als Taktikanalysten vorgehen, die sich wiederum voneinander oftmals enorm unterscheiden.

Schlussendlich ist aus dem “Wie analysiere ich” eigentlich ein Mischmasch geworden, wie man analysieren könnte, doch jeder Weg ist individuell und muss selbst gegangen werden. Ansonsten verliert man die eigenen Denkstrukturen und die ganz individuelle Art ein Spiel zu sehen. Deswegen war dieser kleine Guide auch kein “So mache ich das und ich gebe euch Beispiele, wie ich es mache”, sondern eher eine Orientierung, welche Dinge schlichtweg wichtig sind und oft vorkommen, der Prozess selbst ist aber eigentlich frei geblieben. Ich würde mich freuen, wenn Spielverlagerungsleser Feedback dazu geben würden, wie sich das bei ihnen so entwickelt hat.

 

Wouter Frencken (2012). Soccer tactics. Dynamics of small-sided games and full-sized matches. (promotor Chris Visscher, co-promotor Koen Lemmink).

Elferink-Gemser MT, Visscher C, Richart H, Lemmink KAPM (2004). Development of the Tactical Skills Inventory for Sports. Perceptual and Motor Skills, 99, 883-895.

Cordes, O. (2013). Strategieentwicklung im Fußball. Konzept, praktische Umsetzung und empirische Überprüfung. Dissertation in Sport- und Gesundheitswissenschaft an der TU München. S. 20.

Cordes, O. (2013). Strategieentwicklung im Fußball. Konzept, praktische Umsetzung und empirische Überprüfung. Dissertation in Sport- und Gesundheitswissenschaft an der TU München. S. 45

Gyarmati, L., Kwak, H. & Rodriguez, P. (2014). Searching for a Unique Style in Soccer. http://arxiv.org/pdf/1409.0308.pdf

Lucey, P., Bialkowski, A., Monfort, M., Carr, P. & Matthews, I. (2015). “Quality vs Quantity”: Improved Shot Prediction in Soccer using Strategic Features from Spatiotemporal Data. MIT Sloan Sports Analytics Conference.

Vaquera, A., Cubillo, R., Garcia-tormo, J.V. & Morante, J.C. (2013). Validation of a tactical analysis methodology for the study of pick and roll in basketball. Revista de Psicologia del Deporte, 22(1), pp. 277-281.

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Gerd Gigerenzer (2008): Bauchentscheidungen: Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition. C. Bertelsmann Verlag: New York. (Originaltitel: Gut Feelings), ISBN 978-3-5700-0937-6.

Daniel Kahneman (2012). Schnelles Denken, langsames Denken. Siedler. ISBN 978-3-88680-886-1.

Goldstein, E. B. (1997). Wahrnehmungspsychologie. Spektrum Akademischer Verlag, Kap. 5.

Domschke, W. & Scholl, A. (2006). Heuristische Verfahren. Arbeits- und Diskussionspapiere der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Neumann, P. (2013). Handbuch der Markt- und Werbepsychologie. Hans Huber Verlag: Bern.

Verletzungen im Fußball: Von A wie Adduktoren bis Z wie Zentralnervensystem

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Ein kurzer Sprint, plötzlich bremst der Spieler ab, greift sich an den Oberschenkel, humpelt nur noch ein paar Meter. Die Partie ist für ihn gelaufen, das wissen alle Beobachter, die schon etwas länger Fußball verfolgen. Muskelfaserriss wird die Diagnose lauten. Drei Wochen Pause – wenn es gut läuft. Die sportlichen Verantwortlichen, auf ihr großes Lazarett angesprochen, machen “unfassbares Pech” dafür verantwortlich. So einfach ist es also. Ab zum nächsten Thema. Stop! So einfach ist es auf gar keinen Fall. Verletzungen gehören zum Leistungssport und natürlich zum Fußball dazu. Der stets zu hundert Prozent fitte Kicker ist eine Utopie. Aber der Profifußball muss sich der Wahrheit stellen. Es gibt eine hohe Flut an Verletzungen. Sind es nur die vielen Partien? Oder die hohen athletischen Anforderungen im 21. Jahrhundert? Sind es falsche Trainingsmaßnahmen? Oder individuelle Fahrlässigkeit, wenn es um das Heiligste im Sport, den eigenen Körper, geht? Aber unter gar keinen Umständen – und davon sind wir überzeugt – ist es allein auf “Pech” zurückzuführen, wenn Klubs große Verletzungsmiseren erleiden. Nur in einem Fünftel der Fälle ist es wirklich Pech. In vier von fünf Fällen im aktuellen Leistungsfußball ist es eine andere Art von Pech: Nämlich das Unglück nicht adäquat trainiert und periodisiert worden zu sein. Dabei sind Verletzungen für jeden Fußballer ungemein gefährlich. Selbst nach nahezu perfektem Verlauf ist eine Rückkehr zur alten Leistungsfähigkeit nicht immer gegeben.

Spielverlagerung, konkret gesagt die Autoren Marco HenselingRM und CE, greifen das Thema auf  und starten eine fünfteilige Reihe zu Verletzungen – angefangen beim Ausmaß in der Bundesliga über Ursachen für Verletzungen bis hin zu Möglichkeiten in der Trainingssteuerung. Hier ist unser Trainingsplan:

1. Verletzungsreport
2. Ursachen für Verletzungen
3. Passive Erholung: Schlaf und Ernährung
4. Trainingssteuerung und taktische Periodisierung
5. Einblicke in die Neuroathletik
6. Erfahrungsberichte zum Neuroathletiktraining

Die Krankenakte der Bundesliga

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Im Jahr 2001 startete die UEFA eine Elite Club Injury Study, welche vom Vizepräsidenten des Medizinischen Komitees, Jan Ekstrand, geleitet wird. Das Ziel war von vornherein klar definiert: Der Kontinentalverband möchte die Anzahl und Schwere an Verletzungen reduzieren. Mittlerweile hat man über eine Million Trainingseinheiten und Spiele ausgewertet, Verletzungen per Datenbank erfasst und so einen großen Pool an Informationen angesammelt. 75 Klubs aus 18 Ländern waren dabei behilflich. Die Ergebnisse selbst sind aber aus datenschutztechnischen Gründen für die Öffentlichkeit nicht einsehbar. Schade.

Denn Ekstrand sagt deutlich: “Unsere Daten zeigen sehr klar”, welche Trainer mit hohen Verletztenquoten zu kämpfen hätten. Die Bundesliga würde derweil vorbildlich arbeiten, wenn es darum ging, den Spielern genügend Zeit zur Rehabilitation zu geben.

Das klingt plausibel, hat man doch top-ausgebildete Trainer und Fachpersonal in der Bundesliga zur Verfügung. Mit Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt war sogar ein wahrer Guru über Jahrzehnte hinweg beim deutschen Rekordmeister Bayern München beschäftigt – bis zum Zerwürfnis vor wenigen Monaten.

Denn es trat zuletzt auch Fragwürdiges ans Licht. Als bei Holger Badstuber in der Rückrunde ein Muskelriss im linken Oberschenkel diagnostiziert wurde, verwunderte das zunächst. Denn im Spiel gegen den FC Porto am 21. April hatte er noch die kompletten neunzig Minuten durchgespielt. Erst am Abend des 23. April wurde aber die Diagnose öffentlich. Beim Auslaufen am Mittwochmorgen – das Spiel gegen Porto war am vorherigen Abend – nahm Badstuber locker am Training teil. “Badstuber hat also augenscheinlich die Schmerzen sehr lange nicht in dem gewöhnlichen Ausmaß verspürt”, spekulierte danach der kicker. “Weil er zuvor Spritzen bekam? Das Verabreichen von Schmerzmitteln gehört bei Bayern, wie anderen Klubs, zum Repertoire.”

2015-06-18_Ribery_Verletzungen

Schweres Leben als Profifußballer: Franck Ribérys Verletzungen in den vergangenen Jahren. Verletzungen im Sprunggelenk oder Muskelverhärtungen traten mehrfach auf. (Bild von Ribéry: Football.ua [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons)

Das Magazin Sport Bild schrieb einmal zum Disput zwischen Müller-Wohlfahrt und Guardiola: “Müller-Wohlfahrt hatte für seine Argumentation eine Statistik mitgebracht und Guardiola vorgelegt. Die medizinische UEFA-Studie wies Bayern als Nummer eins in Europa aus.” Diese Angabe darf man guten Gewissens in Frage stellen. Doch der Report meint, die Bayern-Profis hätten “die wenigsten Verletzungen, die kürzesten Ausfälle durch Muskelverletzungen, die wenigsten Behandlungszeiten.”

Dortmunds Sportdirektor Micheal Zorc hatte zudem vor einiger Zeit ganz andere Angaben parat. “Eine Langzeitstudie der UEFA zeigt, alle deutschen Mannschaften, die international vertreten sind, haben im Vergleich deutlich mehr Verletzungen als die europäische Konkurrenz zu beklagen”, so Zorc gegenüber dem kicker.

Weiter schreibt das Magazin selbst: “Bei vielen Klubs fehlt es an einfachsten wissenschaftlichen Standards, dazu an Personal.” Eben für jenen Ekstrand “sind das allergrößte Problem in der Vorsorge von Verletzungen noch nicht einmal fehlende Mittel, sondern fehlende interne Kommunikation.” Ärzte, Athletiktrainer, Physiotherapeuten würden kaum gehört.

“Die Mehrheit der Superstars denke, es hängt mit purem Pech zusammen”, sagt Stephen Smith. Er ist CEO von Kitman Labs, die sich auf die statistische Evaluierung von Profiathleten spezialisiert haben. Gegenüber Wired gab er an, dass er einen Trend über alle Sportarten hinweg ausgemacht habe: Es gäbe große Unterschiede zwischen jenen Teams, die aufgrund von Verletzungen viel Geld verlieren, und jenen, die wenig verlieren – was für ihn klar den Schluss zuließe, dass es nichts mit Glück zu tun hätte. Smiths Unternehmen habe in einem dreijährigen Versuch mit den MLB-Teams San Francisco Giants und LA Dodgers dem jeweiligen Trainerteam simpel aufbereitet eine große Anzahl an Daten zum Zustand der Spieler zur Verfügung gestellt. Kitman Labs “macht es möglich, dass der Trainer sein Mobiltelefon aus der Tasche zieht und sieht, welche Spieler mit Risiko spielen.”

Zumindest wird mittlerweile das Problem – auch im Fußball – wahrgenommen und nicht mehr nur mit “Pech” oder etwaigen “höheren Mächten” abgetan. Denn die Bundesliga im Speziellen hat ein Problem. “Ja, wir haben zu viele Muskelverletzungen”, gab Horst Heldt im Interview mit Bild vor Beginn der letzten Saison zu. Geändert hatte sich daraufhin insbesondere bei Schalke nichts. Andere Vereine hingegen stehen geradezu vorbildlich da, vergleicht man sie mit den Ligakonkurrenten.

Spielverlagerung möchte das Thema Verletzungen nicht außen vor lassen und widmet sich deshalb mit einer eigenen Serie der Problematik. Zunächst stellen wir in aller Kürze die statistischen Gegebenheiten der vergangenen Jahre dar. Dazu greifen wir dankenswerterweise auf die Erhebungen der Seite Fußballverletzungen zurück, die uns zur Verfügung gestellt werden und die Saisons von 2011/12 bis 2014/15 enthalten. Daran anschließend möchten wir gewisse Ursachen aufzeigen und zum Beispiel etwaige Verbesserungsmöglichkeiten hinsichtlich der Trainingsteuerung aufzeigen.

2015-06-19_Ausfalltage_Entwicklung

Entwicklung der Ausfalltage gesamt (links) und pro Kaderspieler (rechts) in der Bundesliga

Eine erste Feststellung dürfte überraschen. Die Verletztenraten haben sich in den letzten Jahren nicht negativ entwickelt. Die abgelaufene Spielzeit war sogar im Vergleich zu 2011/12 von niedrigeren Ausfallquoten geprägt. Damals waren es 45,06 Ausfalltage pro Kaderspieler. Drei Jahre später sind es nur noch 41,46. Im Zuge dessen haben sich allerdings einige Verletzungshochburgen wie Werder Bremen, der Hamburger SV, Schalke 04 oder Borussia Dortmund entwickelt. Eine Mannschaft wie der SC Freiburg, die unter Christian Streich in erster Linie von der enormen Spielintensität lebt, hat damit weniger Probleme, während Gladbach beziehungsweise insbesondere Lucien Favre schon lange ein Sonderlob verdienen.

2015-06-19_Ausfalltage-pro-Spieler_Bundesliga

Ausfalltage pro Kaderspieler in den letzten vier Bundesligasaisons

Zur differenzierteren Betrachtungsweise sollten allerdings Verletzungstypen klassifiziert werden. Schließlich können Bänderrisse unterschiedliche Ursachen haben. “Angestaute Erschöpfung aufgrund ungenügender Erholung verlangsamt das Nervensystem. Das Signal vom Gehirn zum Muskel wird langsamer”, sagte Fitness-Guru Raymond Verheijen vor einiger Zeit gegenüber The Guardian. “Wenn das Signal vom Gehirn später beim Muskel ankommt, bedeutet das, das Gehirn hat weniger Kontrolle über den Körper bei explosiven Aktionen im Fußball. Es gibt also genügend Beweise, dass unzureichende Erholung, angesammelte Erschöpfung und ein langsameres Nervensystem das Verletzungsrisiko dramatisch ansteigen lassen.”

Gründe für einen Bänderriss und ähnlich geartete Verletzungen können somit alleinig im Impuls des Gegenspielers liegen oder im Zusammenspiel mit der Erschöpfung des verletzten Spielers verursacht werden. Doch genauso können ungünstige Platzverhältnisse eine Rolle spielen. Ergo, es gibt nicht den einzig wahren Grund, aber zur Vorbeugung ist ein entsprechendes Kräftemanagement vonnöten.

Ursachen für Muskelverletzungen hingegen sind besser einzugrenzen, weshalb auch einzelne Statistiken, die wir ausgewertet haben, nochmal unter diesem Gesichtspunkt unterteilt wurden. Probleme an verschiedenen Muskelpartien, was im Fußball oftmals Faserrisse, Verhärtungen und ähnliches bedeuten, wurden so entsprechend herausgefiltert.

2015-06-19_Ausfalltage-gesamt-Muskel

Die Saison 2014/15 unter dem Gesichtspunkt der muskulären Verletzungen.

2015-06-19_Anteil-Muskelverletzungen_2011-12_2014-15

Der Anteil an Muskelverletzungen blieb ungefähr gleich: Links ist die Saison 2011/12 mit 24,38 Prozent, rechts die letzte Spielzeit mit 24,58 Prozent.

Die deutschen Spitzenteams Bayern München und Borussia Dortmund hatten zuletzt mit zahlreichen Ausfällen zu kämpfen. Beim BVB zeichnet sich dieser Trend schon seit geraumer Zeit ab. Seit dem Weggang von Athletiktrainer Oliver Bartlett im Jahr 2012 nahm die Negativentwicklung ihren Lauf. Dieser arbeitet mittlerweile für Roger Schmidt und war in den letzten knapp zwölf Monaten für Bayer Leverkusen tätig.

2015-06-19_Ausfalltage-gesamt-Muskel_Bayer

Radikale Pressingmaschine: Ausfalltage bei Bayer Leverkusen in den letzten vier Jahren

In der abgelaufenen Saison war die Anzahl an Ausfalltagen beim BVB sogar zurückgegangen. Die Anzahl an Muskelverletzungen allerdings gestiegen. Ligaprimus Bayern geriet in jüngerer Vergangenheit nicht nur durch den Disput zwischen Mannschaftsarzt und Cheftrainer in die Schlagzeilen, sondern auch wegen diverser Verletztengeschichten. Neben der bereits angesprochenen Misere um Holger Badstuber musste Arjen Robben zum Beispiel nach einem Kurz-Comeback gegen Borussia Dortmund seine Saison beenden. Die Odyssee um Thiago Alcântara wurde von einer angeblichen Behandlung mit Cortison oder Wachstumsfaktoren begleitet.

2015-06-19_Ausfalltage-gesamt-Muskel_Bayern-BVB-BMG

Ausfalltage insgesamt und Ausfalltage aufgrund von Muskelverletzungen in den letzten vier Spielzeiten

Verletzungen sind nicht nur Schicksalsschläge für Fußballer, die dadurch in ihrer Entwicklung zurückgeworfen werden und statt sich auf der großen Bühne präsentierten und brillieren zu können eher in der Reha anzutreffen sind. Doch Verletzungen spielen genauso eine ökonomische Rolle für die Klubs, wenn ihre Investments nicht zum Einsatz kommen. Zudem haben gerade viele Bundesligaspieler “individualvertragliche Vereinbarungen mit ihrem Verein darüber, dass die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall nicht die üblichen sechs Wochen, sondern deutlich länger dauert”, schreibt die Süddeutsche Zeitung.

Zudem ergab eine Studie, die vom Lehrstuhl für Sportmedizin der Ruhr-Universität Bochum gemeinsam mit der Verwaltungsberufsgenossenschaft und den Spitzenverbänden im Fußball seit Anfang der 1990er-Jahre in regelmäßigen Abständen durchgeführt wurde: “Die Kosten für Verletzungen im Profifußball summieren sich, Behandlungskosten und Personalkosten zusammengefasst, auf etwa 90 Millionen Euro pro Saison. Der Gesamtumsatz der drei ersten Ligen beträgt circa zwei Milliarden Euro pro Saison.” Weiter heißt es, dass Knieverletzungen als gravierendste Verletzungen Kosten in Höhe von 33 Millionen Euro, also 37 Prozent der Kosten verursachen. Verletzungen an den Sprunggelenken mit 14 Millionen und Oberschenkelverletzungen mit zehn Millionen Euro folgen auf den nächsten Plätzen. Eine Grafik der Bundeszentrale für Politische Bildung findet man hier.

Das Ausmaß lässt sich nicht wegdiskutieren. Und dass bestimmte Trainerteams beziehungsweise Klubs über einen längeren Zeitraum höhere Quoten aufweisen als andere, muss zu denken geben, ob hier nicht Präventionsmaßnahmen und Belastungssteuerungen versagt haben oder gar keine wirkliche Anwendung fanden. Dazu mehr im nächsten Artikel…

Der Dank gilt nochmals Fabian Siegel von der Seite Fußballverletzungen.

Die Ursache für Verletzungen im Fußball

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Verletzungen im Fußball werden meistens als Pech bezeichnet. Das stimmt nicht ganz. Natürlich ist es ungemein schade, wenn sich Menschen verletzten. Bei Fußballern gibt es auch finanzielle Einbußen und sie sind nicht im Stande ihren Beruf und ihre Passion zumindest in der unmittelbaren Zeit nicht auszuüben. Doch genau deswegen ist es wichtig, sich über die Gründe für eine Vielzahl der meisten Verletzungen klar zu werden.

Verletzungen hängen nämlich im Normalfall mit vielen Faktoren zusammen. Ein wichtiger Punkt ist die genetische Disposition, die man als Trainer natürlich nicht beeinflussen kann. Viele andere Aspekte sind jedoch vom Trainer und vom Spieler durchaus zum Positiven zu verändern. Das Stichwort hierbei lautet Prävention.

Der Treibstoff: Prävention durch Ernährung und Schlaf

Zwei sehr grundsätzliche Punkte – die hauptsächlich in der Verantwortung des Fußballers liegen – sind der Schlaf und die Ernährung. Schlechte Ernährung sorgt nicht nur für mehr Gewicht, für Fette und einen schwächeren Stoffwechsel, sondern vermindert auch die Leistungs- und Belastungsfähigkeit des Spielers. Diese Punkte können dazu führen, dass der Spieler sich überlastet bzw. sonst adäquate Belastung nicht mehr verträgt. Viele Verletzungen können die Folge davon sein. Nicht umsonst spricht z.B. Fitnessguru Raymond Verheijen vom Fußballer als Formel-1-Wagen. Die Ernährung ist hierbei der Treibstoff, welcher zugeführt wird. Unpassender Treibstoff wird sich auf viele Aspekte des Formel-1-Wagens auswirken.

Beim Schlaf ist es ähnlich. Je weniger ein Spieler schläft, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er sich verletzt. Das hat viele Gründe. Oftmals sind es sogar neurologische Aspekte. Spieler antizipieren und reagieren langsamer und ungenauer, wodurch sie sich im Spiel unpassend verhalten. Das erhöht das Verletzungsrisiko sowohl indirekt (zu spätes Ausweichen von Zweikämpfen) als auch direkt (schlechte Koordination). Desweiteren ist der Körper ohne Schlaf schlichtweg erschöpft, die Muskeln und Bänder sind anfälliger für Überbelastung und Fehlreaktionen.

Der Formel-1-Wagen: Prävention durch korrektes Training

Neben der genetischen Disposition, der Ernährung und dem Schlaf ist auch die tägliche Trainingsarbeit mitentscheidend. Die falsche Wahl der Trainingsübungen kann zum Beispiel fatale Folgen haben. Die besten Beispiele sind isolierte Sprint- und/oder Dauerläufe, welche bis heute vielfach zum Training der Ausdauer verwendet werden.

So fanden Sport- und Trainingswissenschaftler in der NBA bei internen Analysen heraus, dass Verletzungen der Leiste und Adduktoren extrem hoch waren nach besonderen Trainingseinheiten zur Entwicklung der Schnelligkeitsausdauer. Die Verletzungsraten fielen drastisch ab, als im Training die Sprints nie länger als zehn Meter gemacht wurden. Die Golden State Warriors – aktueller NBA-Sieger – haben sich außerdem weitestgehend von den klassischen Übungseinheiten der Basketballer verabschiedet und trainieren – wie z.B. Mourinho, Schmidt oder Favre im Fußball – fast nur noch mit Spielformen. Die Folge? Fitness hoch, Verletzungen gering.

Im Fußball ist dies ebenso. Isolierte Ausdauereinheiten sind diese nicht nur bei der Ausbildung der fußballspezifischen Kondition ineffizient (und vernachlässigen viele andere Trainingsinhalte komplett), sondern können einer der größten Gründe für eine Häufung unterschiedlichster Verletzungen sein.

“I don’t believe in soft-tissue injuries. If you get a soft-tissue injury in football, a mistake has been made.” – Roberto Martinez

Ein Faktor ist das Training falscher Aspekte. Der Spieler kann dann zwar lange in einem Tempo laufen, aber verfügt nicht über die relevanten Fähigkeiten für ein Fußballspiel. Wenn er im Fußballspiel dazu gezwungen wird, geht er (zu) weit über seine Grenzen und die Verletzungsgefahr erhöht sich drastisch, weil der Spieler trotz einer guten Grundausdauer schlichtweg keine Fußballausdauer besitzt.

Für das biomechanische und das neuronale System bedeutet ein nicht-fußballspezifisches Training ebenfalls eine hohe Gefahr und erhöhte Verletzungswahrscheinlichkeit. Die Muskeln und Sehnen sind besonders in Teilaspekten überlastet und dadurch anfällig sich bei Belastung zu verletzen. Gleichzeitig sind sie schlichtweg auf die falsche Art und Weise trainiert. Das Training kreiert bestimmte Strukturen in den Muskeln und Sehnen, die letztlich bei einer anderen Art von Belastung fragil sind. Wenn diese Strukturen brechen, entstehen Verletzungen.

Auch das neuronale System ist hier enorm wichtig. Das propriozeptive System, die Struktur der Nerven und die Weiterleitung der Informationen sowie ihre Informationsverarbeitung im Gehirn funktionieren nicht adäquat, wodurch deswegen ebenfalls die Verletzungsgefahr enorm steigt, weil Gehirn und Körper nicht fähig sind die Reize konstant adäquat zu verarbeiten und darauf zu reagieren. Dies trifft auch auf den Gleichgewichtssinn und sogar das visuelle System zu, welche mit ihren Aufgaben den Fußballer bei Aktionen stabilisieren.

Weiters ist es für Fußballer enorm wichtig, dass sie nicht nur Kondition, sondern auch Regenerationsfähigkeiten haben. Wenn diese nicht intervallartig mithilfe von fußballspezifischen Übungen im richtigen Rhythmus trainiert werden, können die Spieler zwischen Aktionen nicht adäquat erholen und ermüden. Diese Ermüdung sorgt wiederum für akute Verletzungsanfälligkeit im Spiel.

„High-level players have less time to catch their breath between their actions. (…) This is what makes playing football on a higher level so tough. (…)This does not teach you to recover faster between actions. Endurance runs make players slower. (…) During endurance runs at one tempo, the fast muscle fibers become slower, resulting in players executing their actions in a less explosive manner.” – Raymond Verheijen

Die Wartung: (Individualisierte) Periodisierung und Rotation

Die Wahl der richtigen Trainingsformen alleine reicht im Trainingsbetrieb allerdings nicht aus, um Verletzungen weitestgehend zu vermeiden. Es ist auch wichtig, dass die Spieler im richtigen Ausmaß belastet werden. Wie lange dauern Spielformen? Wie intensiv sind sie? Wie genau werden sie aufgebaut? Ein 3-gegen-3 hat beispielsweise eine ganz andere körperliche Belastung als ein 6-gegen-6. Zu welchem Zeitpunkt in der Vorbereitung wird wie sehr belastet? Gibt es Spieler, auf die besonders Acht gegeben werden muss? Und wie beginne ich die Vorbereitung und wie trainiere ich über die Saison hinweg?

“It is a general problem in football, if you do too much too soon, in the first few weeks of pre-season, you develop shorter-term fitness. If you do the same amount of fitness work spread over six weeks, you develop longer-term fitness that will last for 10 months.” – Raymond Verheijen

Wie dieses Zitat zeigt, wird in der Vorbereitung oftmals falsch periodisiert. Die Spieler werden zu Beginn der Saisonvorbereitung (häufig sogar unspezifisch) überlastet, woraufhin sich wegen der Ermüdung die Verletzungen in den darauffolgenden Wochen und Monaten häufen können. Nicht umsonst steigt die Verletzungsgefahr pro Spieldauer, senkt sich aber nach der Halbzeitpause wieder kurz ab.

Außerdem ist diese Fitness nur kurzlebig. Verheijen setzt sich darum für eine graduelle Periodisierung ein, welche die Spieler langsam entwickelt und sie bei hoher Frische hält, damit Verletzungen vermieden werden.

Die richtige Periodisierung betrifft aber nicht nur gesamtmannschaftliche Punkte und die korrekten Trainingsformen. Ein Fokus sollte auch auf das Individuum in der Gruppe gelegt werden. Einzelne Spieler können schlichtweg über schnellere Muskelfasern verfügen, weswegen eine andere Art von Belastung für sie notwendig ist. Auch darum ist ein durchgehendes Monitoring der Spieler und seiner (körperlichen) Leistungsindikatoren extrem wichtig. Vielfach werden auch weniger fitte Spieler mehr und härter trainiert, anstatt weniger.

In seinem Buch „Football Periodisation“ schrieb Verheijen zum Beispiel darüber, dass Craig Bellamy immer wieder aus Übungen herausgeholt und seine Trainingszeit verkürzt wurde. Anstatt aber weniger fit zu sein, ergab sich das Gegenteil. Die Belastung war ausreichend, um Bellamy konditionell zu entwickeln, er hatte weniger Verletzungen (und somit Rückschläge) und war insgesamt leistungsbereiter.

„Because of the limited amount of oxygen, explosive muscle fibres reocver slower between actions. Football players with a lot of fast muscle fibres therefore struggle to maintain making many actions for ninety minutes.”

Physiologe Jesper Andersen erzählte in The Sports Gene sogar, dass Fußballer in der ersten dänischen Liga im Schnitt weniger schnelle Muskelfasern hätten als der durchschnittliche Däne. Die vermutete Ursache: Gleiches Training im Fußball für alle, wodurch sich die Fußballer mit schnellen Muskelfasern schon in der Jugend häufig verletzen und letztlich nicht Profi werden (können). Verheijens Studien fanden sogar heraus, dass sie im Wachstum nachhaltig gestört werden können.

Die Spieler müssen deswegen auch bei Übungen in der Gruppe auch immer individuell betrachtet werden. Dies bezieht sich auf die körperlichen, mentalen, technisch-taktischen und sogar die neurologischen Komponenten. Der Leistungsstand jedes Spielers muss beachtet werden, um ihn ideal ausbilden zu können. Dabei muss auch das Spiel beachtet werden. Teilweise wurde in Spielen die bis zu 9fache Verletzungswahrscheinlichkeit im Vergleich zum Training beobachtet.

Ermüdete oder schlichtweg nicht fitte Spieler würden also oftmals gut daran tun, wenn sie zwar am Mannschaftstraining (auch längere Zeit) teilnehmen, ohne bei den Spielen (von Beginn an) aufzulaufen. Verheijen sprach z.B. davon, dass Spieler nach Verletzungen möglichst lange aufgebaut und danach schrittweise an die Spielbelastung herangeführt werden sollen.

Ein mögliches Schema wäre das Einsetzen von 15 Minuten in einem Spiel, 30 Minuten im nächsten, einer Spielpause, dann 45 und 60 Minuten sowie eine langsame Erhöhung in Richtung der neunzig Minuten. Verheijen empfiehlt übrigens nur ein Spiel pro Woche, dabei erst zwanzig Minuten, dann eine Halbzeit, 65 Minuten und schließlich neunzig.

Ähnliches sollte übrigens nicht nur in der Reha mit einer eigenen Periodisierung, sondern auch in der Jugend und sogar bei Neuverpflichtungen beachtet werden.

Das Umfeld: Analyse externer Aspekte und der Faktor Glück

Ein letzter Aspekt sind natürlich jene Gründe, welche Trainer oftmals als Entschuldigung für die vielen Verletzungen nehmen – auch wenn ihnen kaum die Verantwortung dafür gegeben wird. Meistens sind es die vielen Reisen, der Spielplan, die Nationalmannschaftseinsätze, die Doppelbelastung, der Gegner oder das Pech, welche als Gründe für die Verletzungen angegeben werden. Dies ist natürlich richtig.

Dennoch geht der schon mehrfach erwähnte Verheijen bspw. davon aus, dass 80% der Verletzungen schlichtweg durch besseres Training und passende Periodisierung vermieden werden können. Einzelne Reha-Programme zeigten auch, dass die Wiederverletzungswahrscheinlichkeit um 75% gesenkt werden konnte. Es gibt sogar regionale Differenzen bei Verletzungen. In Nordeuropa verletzten sich Spieler häufiger, in Südeuropa gibt es mehr Kreuzbandrisse (besonders ohne Gegnereinwirkung). Die meisten gehen davon aus, dass die Nordeuropäer ihre Spieler eher übertrainieren, während die Südeuropäer oftmals nicht fit genug für die Belastung sind. Die Existenz dieser Belastungsvarianz zeigt aber schon die tieferliegenden Ursachen.

Das richtige Training kann die Verletzungswahrscheinlichkeit also drastisch senken, vorrangig natürlich bei „soft tissue“-Verletzungen. Knochenbrüche sind in der Regel hierbei ausgeschlossen, können aber dennoch indirekt oder in Einzelfällen ebenfalls daran hängen.

Es ist aber schlicht auch die Aufgabe des Trainers um diese externen Aspekte herum zu planen. Die Berücksichtigung des Jetlags bei Planungen eines Trainingslagers, passende Ruhepausen für Nationalspieler, Rotation auf einzelnen Positionen und die Kaderplanung sind ebenfalls wichtige Aspekte, die berücksichtigt werden müssen.

Dennoch müssen bestimmte Aspekte natürlich zugestanden werden. Ein brutales Foul, eine schlichtweg extrem unangenehme Situation oder private Probleme eines Spielers können und sollen nicht dem Trainer angelastet werden. Auch ist klar, dass nicht alles realisierbar ist; im Fußball geht es schlicht um zu viel Geld (und Fußballer sind auch vielfach zu ehrgeizig), um in wichtigen Spielen müde Spieler pausieren zu lassen. Insofern wäre es schlichtweg den Spielern und Trainern gegenüber fair, wenn bestimmte Aspekte der Doppelbelastung von den verantwortlichen Institutionen gelockert werden.

Allerdings sollte klar sein, dass viele Spiele in kurzer Zeitdauer nicht nur die Verletzungswahrscheinlichkeit erhöhen, sondern auch die Leistung senken. Gelegentlich wäre eine Rotation von Schlüsselspielern vielleicht sogar hilfreich.

Fazit

„Verletzungspech“: Selten war ein Wort so korrekt und so falsch gleichzeitig. Nur in einem Fünftel der Fälle ist es wirklich Pech. In vier von fünf Fällen im aktuellen Leistungsfußball ist es eine andere Art von Pech: Nämlich das Unglück nicht adäquat trainiert und periodisiert worden zu sein. Dabei sind Verletzungen für jeden Fußballer ungemein gefährlich. Selbst nach nahezu perfektem Verlauf ist die Rückkehrrate zu vorheriger Leistungsfähigkeit meist nur bei knapp über 90%. Im Normalfall liegt dieser Wert deutlich geringer.

Dass sich vieles ändern muss, ist klar. Das beginnt bei den Verbänden, welche die Spieler überlasten und kann bei undisizplinierten, unvorsichtigen Spielern enden. Vielfach sind es aber die Trainer, welche für Verletzungen sorgen und so das Ausnutzen von Potenzial bei ihren Spielern vermeiden. Besonders sind es sogar Jugendspieler, die darunter leiden müssen. Trainer wie Mourinho, Favre und Schmidt gehen diesbezüglich mit leuchtendem Vorbild voran.

Andere wiederum nutzen ihre eigenen Verfehlungen sogar dafür sich selbst im Job zu halten. Jens Keller nannte zum Beispiel einst die vielen Verletzten als Grund, wieso die Mannschaft nicht die gewünschten Ergebnisse leisten konnte.

Nach seiner Entlassung sprachen einige Mutige davon, dass die Verletzungen nicht als Ausrede taugten. Richtiger wäre noch gewesen, wenn die Verletzungen als zusätzliches Argument gegen Keller gesprochen hätten. Keller forderte u.a. „Kevin-Prince Boateng müsse im nächsten Spiel auch verletzt spielen“, weil die Personallage damals so schlecht war. Interessanterweise sagte Keller zu Beginn der vergangenen Saison bei Schalke, er wüsste gar nicht, ob er ein Trainingsprogramm für so viele Spieler im Kader habe. Das angesprochene Zitat mit Boateng kam ungefähr eineinhalb Monate später.

Anstatt solchen Trainern Aufschub zu geben und die Gründe für die Verletzungen zu ignorieren, sollte man sich vielleicht über Folgendes klar werden:

“If you don’t score goals, you analyse why and think about what you should do in training; it’s the same with injuries. If you have a lot of muscle injuries, you need to look at why that’s happening. Presidents may not be aware of just how important the coach is in the injury situation at a club. Players are tracked for injuries, but it might be an idea to track coaches too. There is a proven correlation between injuries and success. If you want good injury prevention, my first piece of advice is to be aware that coaches are the most important people in terms of injuries. Coaches who say they have bad luck with injuries show that they don’t really have knowledge about these things. It’s not bad luck.” – Dr. Jan Ekstrand

Passive Erholung im Fußball: Schlaf und Ernährung

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Fußball ist ein überaus intensiver und körperlich enorm fordernder Sport. Um den hohen physiologischen Anforderungen gerecht zu werden, benötigt der Körper auch die entsprechende passive Erholung. Die Regeneration ist wichtig für Leistungsaufbau und -erhalt.

Ein Faktor dabei ist die Ernährung. Obgleich man insbesondere im Amateur- und Jugendsport nur wenig Einflussmöglichkeiten auf die Ernährung seiner Spieler hat, so sollte der Trainer doch über grundsätzliches Wissen über diese Thematik verfügen und seine Spieler zumindest auf die Vor- und Nachteile sowie Richtlinien für einen adäquaten Ernährungsplan hinweisen.

Ernährung im Fußball

Fußballer auf allerhöchstem Niveau benötigen bis zu knapp unter 1700 Kilokalorien für ein Spiel, im Amateurfußball ist dies zwar deutlich weniger, doch die Studien von Burke et al. (2006) zeigten, dass zu geringe Energieaufnahme ein wichtiger Faktor für verringerte Leistung, erhöhte Müdigkeit und Verletzungen war.

Im Buch Fitness in Soccer (2014) findet sich ein Artikel, in welchem fußballspezifische Bedürfnisse an die Ernährung angegeben werden. Zur Berechnung der täglich benötigten Energieaufnahme nutzen die Autoren eine Forme zur Berechnung der „Basal metabolic rate“ (BMR). Die Formel namens Mifflin-St Jeor Berechnung lautet wie folgt:

Formel1

Das Ergebnis dieser Formel wird mit unterschiedlichen Faktoren gewichtet, um den Energiebedarf der regulären Tagesaktivität zu berechnen:

  • Faktor 1,3 bei sehr geringer Aktivität (z.B. freier Tag im Bett, Bürojob ohne Bewegung)
  • Faktor 1,6 bei eher geringer Aktivität (z.B. Bürojob mit etwas Bewegung)
  • Faktor 1,7 bei moderater Aktivität (z.B. viel Aktivität in der Arbeit mit wenig Belastung)
  • Faktor 2,1 bei hoher Aktivität (z.B. körperlich harte Tätigkeit)

Zusätzlich wird für ein Training Energie benötigt. Hierbei wird folgende Formel für ein Fußballtraining angewendet:

Formel2

Dies ergibt eine beispielhafte Tabelle wie folgt:

 

Ernährung1

Allerdings ist natürlich auch die Frage, wie die Ernährung zusammengestellt wird. 1 Gramm Kohlenhydrate bringt beispielsweise 4 Kilokalorien, 1 Gramm Fett bedeutet 9 Kilokalorien, 1 Gramm Protein sind 4 Kilokalorien und 1 Gramm Alkohol entspricht 7 Kilokalorien. Sie sind allerdings von unterschiedlicher Bedeutung.

Kohlenhydrate

Kohlenhydrate sind die Energielieferanten im menschlichen Körper. Sie beinhalten unterschiedliche Saccharide alias Zucker, wie beispielsweise Frucht- oder Milchzucker. Fußballer sollten prinzipiell eine eher kohlenhydrathaltige Ernährung zu sich nehmen. Bei geringer Zufuhr fehlt es an der nötigen Kraft zum Leistungsabruf.

Fitness in Soccer führt beispielsweise aus, dass schon nach vier Trainingstagen bei 40 statt 70%igem Anteil an Kohlenhydraten in der Ernährung die Glykogenspeicher in den Muskeln erschöpft sind. Als Richtlinie gelten darum:

  • 8-10g Kohlenhydrate (= 32-40 Kilokalorien) pro Kilogramm Körpergewicht in 24 Stunden
  • Direkt nach dem Training zur Regeneration 1g (4 Kilokalorien) pro Kilogramm Körpergewicht
  • Drei bis vier Stunden vor Spielbeginn 4g Kohlenhydrate pro Kilogramm Körpergewicht
  • Bei physischer Aktivität sind es 30-60 Kohlenhydrate pro Stunde, um vor Ermüdung zu schützen

Es sollen eher Einfachzucker (Glukose, Fruktose, Galaktose) genutzt werden. Diese finden sich meist in Früchten wieder. Zweifachzucker setzen sich aus zwei Einfachzuckern zusammen, wo Sukrose beispielsweise den Tischzucker darstellt und Laktose der Milchzucker ist. Erbsen und Bohnen Oligosaccharide, also Mehrfachzucker, die nur von Stärke in der Masse an Kombination von Einzelzuckern übertroffen werden. Eine Tabelle zu den Ladungen findet sich hier:

Atkinson et al 2008

Atkinson et al 2008

Fette

Auch Fette sind wichtig. Sie werden eher bei niederer bis mittlerer Aktivität verbrannt. Bei sehr intensiver Aktivität (im anaeroben Bereich) nutzt der Körper verstärkt andere Ressourcen, da kein Sauerstoff zur Fettverbrennung genutzt werden kann, doch besonders bei längeren intensiven Einheiten oder Dauerläufen wird Fett als Antrieb verwendet. Desweiteren dienen sie bei der Absorption fettlöslicher Vitamine (A, D, E und K), die auch den Zellaufbau und -schutz im Körper unterstützen.

Bei der Aufnahme von Fett sollte jedoch darauf geachtet werden, ob diese gesättigt oder ungesättigt sind. Gesättigte Fettsäuren kommen meistens von Tieren, Transfette wiederum aus chemisch bearbeiteten Nahrungsmitteln. Insbesondere Letztere gelten als gesundheitsschädlich und sollten gemieden werden.

Ungesättigte Fettsäuren finden sich in pflanzlichen Ölen wie Olivenöl (exkl. Kokosnussöl und Nussölen). Dies wiederum äußeren sich positiv auf das körperliche und geistige Befinden. Besonders Omega-3-Fettsäuren aus Fischölen wirken gesundheitsfördernd und unterstützen auch die Augen, was bei Athleten wichtig ist.

Zusätzlich sollten Getreide in hohem Ausmaß und ergänzt mit gelegentlichem Fleischverzehr zur Abdeckung des Proteinehaushalts genutzt werden, der besonders wichtig bei der Regeneration von Zellen ist. Fleischverzehr gilt als wichtig, da acht der zwanzig Aminosäuren nicht vom Körper hergestellt werden und sich vorrangig in Tierfleisch finden.

ATP

Die ATP oder Adenosinphosphate sind biochemisch für die Anwendungsmöglichkeit von Energie zuständig.

Für Fußballer ist insbesondere das ATP-CP-System wichtig, da es die kurzen und hochintensiven Aktionen ermöglicht. Kreatin und Training fördern dieses. Beim System der Anaeroben Glykose geht es um die Energie bei Zeitintervallen über 10 Sekunden, die meist vom Muskelglykogen bereitgestellt wird.

Die Oxidative Phosphorylation wiederum übernimmt die Energiebereitstellung jenseits der 30 Sekunden und bis zu 2 Minuten. Hierzu werden Kohlenhydrate genutzt und auch das ist ein enormer Faktor im Fußball, insbesondere bei längeren Phasen ohne Spielunterbrechung und hoher Intensität im Spiel. Die Kinase als viertes System ermöglicht als Enzym den Transfer von Phosphaten um bei enorm hoher Intensität Energie zu liefern.

Die ATP-Systeme sind auch unterschiedlich je nach Muskelfasern. Typ 1 Muskelzellen sind langsamer Natur und aktivieren sich aerobischer Belastung, während die Typ 2a und 2b Muskelzellen. Letztere besitzen einen anaeroben Mechanismus und verbrauchen sehr viel Glykogen. Die meisten Fußballer haben/benötigen Typ 2a Muskelzellen, die sowohl aerobisch als auch anaerobisch wirken.

Die azyklische Natur des Fußballs bedeutet auch, dass zwischen den Energiesystemen flexibel gewechselt wird. ATP-CP-Systeme werden bei kurzen Sprints genutzt, u.a. im Dribbling, bei Laufduellen oder beim Pressing. Die anaerobischen und von Kohlenhydraten gestützten Prozesse kommen beim intensiven Verschieben, Seitenwechseln, Herausrücken oder Verschieben gegen schnell und weiträumig zirkulierende Gegenspieler zustande. Die aerobischen Prozesse stellen den Rest dar und dienen auch zur Erholung der anderen Systeme.

Um dies zu ermöglichen wird eine variable Ernährung empfohlen, wie bereits ausgeführt. 70% Kohlenhydrate, 20% Fette (in Form von ungesättigten- und Omega-3-Fettsäuren) und 10% Proteine gelten als gute Richtlinie. Zum genauen Energieverbraucht sh. die Formeln zu Beginn des Kapitels.

Vitamine

Die Vitamine A , C, und E gelten als Antioxidantien, die Zellen vor den freien Radikalen schützen sollen. In Anbetracht der Anforderungen im Fußball – mit enormen Wechseln zwischen aeroben und anaeroben Belastungen – muss der Körper verstärkt gegen diese freien Radikale unterstützt werden. Die B-Vitamine sind nötig für die metabolischen Reaktionen zur Energieerzeugung, während Vitamin D sich um die Skelettmuskulatur und den Hormonhaushalt kümmert. Bei Fußballern ist ein Mangel an Vitamin D darum potenziell verantwortlich für Verletzungen und Leistungseinbußen. Nahrungsergänzungsmittel können hierfür genutzt werden, sind aber bei passender Ernährung mit Getreiden, Obst, Gemüse, etwas Fett und genügend Zufuhr von frischem Sauerstoff sowie Licht nicht benötigt.

Mineralien

Selen fungiert wie die Vitamine A, C und E als Antioxidant. Kalzium hilft bei der Instandhaltung der Knochen, Zink wiederum übernimmt eine ähnliche Rolle für das Immunsystem und die Muskulatur. Eisen unterstützt wiederum den Sauerstoffhaushalt im Blut. Die Elekrolyte Sodium, Potassium und Chlorid kümmern sich um das Weitergeben von allen elektrischen Informationen im Körper, also Nerven- und Muskelimpulsen. Bei balancierter Ernährung wird der Körper sich ausreichend damit versorgt.

Ernährung3

Ernährungsperiodisierung

  • Kohlenhydratreiche Ernährung in den Tagen vor dem Spiel durch Nutzung komplexer Kohlenhydrate wie Reis, Getreide, Gemüse, Kartoffeln.
  • Füllen der Glykogen-Reserven vor dem Spiel mithilfe von zwei Bananen oder einem kleinen Müsli.
  • Eine oder zwei Bananen zur Halbzeit.
  • Ein kleines, kohlenhydratreiches Essen nach dem Spiel/Training zur beschleunigten und verbesserten Regeneration der Muskeln.
  • Kleinere fettarme, kohlenhydratreiche Häppchen mehrmals bis zum Schlafengehen
  • Kleine Proteindosis, bspw. durch etwas Putenfleisch oder einen Schokodrink, zur Verbesserung der Zellregeneration.

Weitere Richtlinien und Tipps

  • Kohlenhydratarme Ernährung zum Gewichtsverlust ist ineffektiv, weil sie wenig am Körperfett verändert und eher den Körper erschöpft sowie der Gewichtsverlust durch Verlust an Glykogen und Wasser in den Muskeln stammt.
  • Es soll in kurzen Intervallen vermehrt Wasser getrunken werden, vor, während und nach dem Training/Spiel. Salz im Wasser unterstützt bei der Aufarbeitung und dem Füllen der entleerten Energiereserven.
  • Gesättigte Fettsäuren sind bei Raumteperatur meistens fest und sollten gemieden werden.
  • Alkohol sollte gemieden werden, da es schädliche Effekte besitzt und insbesondere nach dem Training der Regeneration schadet.
  • Energiedrinks mit Kohlenhydraten in der Halbzeit oder adäquate Ernährung vor dem Spiel sorgt für geringere Erschöpfung im Spiel. Auch Koffein kann dabei helfen.
  • Ein halber Liter Wasser mit einem halben bis zu einem ganzen Teelöffel Salz kann die Wahrscheinlichkeit auf Krämpfe senken.

Schlaf als Mittel zur passiven Erholung (und aktivem Training?)

Der Schlaf ist ebenfalls eine sehr unterschätzte und enorm wichtige Komponente eines leistungssteigernden und –erhaltenden Trainings. Darum sollen kurz die relevanten wissenschaftlichen Erkenntnisse vorgestellt werden, welche eine korrekte Adaption aus Sicht des Trainers für seine Spieler gewährleistet.

Unterschiedliche Schlafstadien

Grundsätzlich wird zwischen Schlafzustand mit raschen Augenbewegungen, dem sogenannten REM-Schlaf (REM steht für Rapid Eye Movement) und dem Schlafzustand ohne rasche Augenbewegungen unterschieden. Dieser wird als nonREM-Schlaf bezeichnet. Entgegen früherer Erkenntnisse ist heutzutage bekannt, dass innerhalb kürzerer Zeit mehrere Schlafstadien auftreten können und der Schlaf somit ein kontinuierlicher Prozess ist, der nicht in bestimmte Abläufe gepresst werden kann.

Dennoch gibt es ein paar bestimmte Punkte. Die Standard American Academy of Sleep Medicine unterscheidet im AASM Manual (2007) fünf Stadien:

  • Wachstadium
  • NonREM1
  • NonREM2
  • NonREM3
  • REM-Schlaf

Die Unterschiede in diesen fünf Stadien sind in dieser Grafik übersichtlich dargestellt:

Grafik nach Hödlmoser & Schabus (2014)

Grafik nach Hödlmoser & Schabus (2014)

Mit fortschreitender Tiefe des Schlafes in der NonREM-Phase (von N1 zu N3) werden die Augenbewegungen also immer langsamer und weniger. Auch der Muskeltonus verringert sich. Im REM-Schlaf entsteht die sogenannte Schlaflähmung, die immer wieder von phasischen Zuckungen unterbrochen wird. In diesem Stadium gibt es die mit Abstand meisten Augenbewegungen.

Interessant sind aber die EEG-Besonderheiten, welche die Gehirnwellen darstellen. Je länger und weniger frequent die Amplitude, umso tiefer der Schlaf. Die N3-Phase gilt somit als Tiefschlaf.

In der N2-Phase finden sich zwei weitere Unüblichkeiten: Die K-Komplexe und die Schlafspindeln. Die K-Komplexe sind Gehirnwellen mit kleiner Frequenz (12-14 Hz), welche aus einer negativen scharfen Welle und einer direkt darauffolgenden positiven Welle zusammengesetzt sind. Eine besondere Betrachtung verdienen die Schlafspindeln.

Schlafspindeln

Die Schlafspindeln sind besondere Muster der Gehirnwellen, die im zweiten Schlafstadium in zentralen Hirnregionen auftauchen. Es gibt langsame und schnelle Spindeln (11-16 Hz). Die Funktion von Schlafspindeln ist noch nicht geklärt, doch die moderne Forschung geht von drei grundsätzlichen Wirkungen aus:

  1. Schlafprotektive Wirkung
  2. Gedächtniskonsolidierung
  3. Rolle bei subjektiver Schlafwahrnehmung

Schlafspindeln zeigen in Studien beispielsweise, dass sie das deklarative Gedächtnis verbessern. Sie sind sowohl für Löschung als auch für Speicherung und Verbesserung dieser Gedächtnisinhalte zuständig (Schabus et al. 2008; Saletin et al 2011). Die Ergebnisse von Schabus (2006) zeigten auch, dass höhere Spindelaktivität mit einem höheren Wert bei IQ-Tests und stärkeren Lerneffekten korreliert.

Somit ist der Schlafrhythmus bzw. das Erreichen der N2-Stufe sehr wichtig, um deklarative Gedächtnisinhalte zu konsolidieren. Doch wie sieht der Schlafrhythmus insgesamt aus?

Schlafzyklus

Der Schlaf verläuft meistens in 90 Minuten Zyklen, ergo sind es 4 bis 6 Zyklen bei jugendlichem Schlaf (6 bis 9 Stunden), bei Erwachsenen sind es meist 3-5 Schlafzyklen. Zu Beginn des Schlafes überwiegt der nonREM-Schlaf. Insbesondere Tiefschlaf (N3) nimmt im weiteren Verlauf der Nacht ab, der REM-Schlaf hingegen nimmt zu. Allerdings ist der genaue Verlauf auch altersabhängig.

In der Zeit nach der Geburt schläft man 16-18 Stunden, was bis in die Adoleszenz auf 8,5 und in der späten Adoleszen sogar auf 7 Stunden abfällt. Der REM-Schlaf wird ebenso weniger, der Schlaf der Phase 2 nimmt zu und der Tiefschlaf nimmt ab. Im hohen Alter dominiert sogar der Leichtschlaf und es gibt einen sehr fragmentierten Schlaf (vrgl. Ohayon et al. 2004).

Herzfrequenz und Blutdruck sinken im Schlaf zuerst ab, steigen in den REM-Phasen aber wieder an. Die Körpertemperatur nimmt ab, erreicht zur Schlafmitte – meist gegen 3 Uhr morgens – ihr Minimum. Bei der Atmung wird wiederum im Tiefschlaf die Frequenz gesenkt und das Volumen erhöht.

Von Wichtigkeit ist aber eine ganzheitliche Betrachtung des Schlafzyklus. Zu Schlafbeginn werden Wachstumshormone ausgeschüttet, die sich auf Knochen, Muskeln und Organe positiv auswirken sowie Blutzucker und Fett abbauen.

Der circadiane Schlafrhythmus orientiert sich außerdem an externen Zeitgebern. Der endogene Oszillator im Körper fungiert als Schrittmacher, doch er dauert 25 Stunden. Der Lichteinfluss und Hormonhaushalt in Reaktion auf externe Zeitgeber sind die wichtigsten Taktgeber. Die Hormonausschüttung ist auch verantwortlich dafür, dass man aufwacht (Cortisol als Hormon für die Schlafkonsolidierung) und wie man sich im Tagesverlauf verhält.

So ist der Leistungspunkt ungefähr zwei bis drei Stunden nach dem Aufstehen am höchsten, in der arbeitstätigen Bevölkerung also zwischen 9 und 11 Uhr. Der Leistungstiefpunkt im Wachzustand liegt wiederum bei 12 bis 14 Uhr, bevor es wieder bergauf und nach dem Einschlafen scharf bergab zum absoluten Leistungspunkt zwischen 2 und 4 Uhr früh geht.

Neben dem Schlaf als Erholung und zur Gedächtniskonsolidierung gibt es auch die Wirkung von Träumen, welche in der fußballwissenschaftlichen Literatur oft vernachlässigt werden.

Träumen und ihr möglicher Einfluss auf den Fußballspieler

Die moderne Wissenschaft hat den meisten klassischen Traumtheorien den Riegel vorgeschoben werden. Psychodynamische Theorien wie jene von Freud gelten zumindest in ihrer ursprünglichen Konzeption als obsolet. Die Aktivations-Synthese-Theorie von Allan Hobson, welche behauptet, dass unsystematischer und zufälliger Input vom Individuum im Nachhinein zu einer sinnvollen Geschichte konstruiert wird, wird ebenfalls meist abgelehnt.

Stattdessen gelten Theorien zur Verbesserung des Gehirns und seiner Leistungsfähigkeit als wahrscheinlich. Drei solcher Theorien können interessant kombiniert werden:

Schlaf2

Die Studien von Dement und Kleitman fanden heraus, dass der Mensch sowohl in nREM- als auch in REM-Phasen träumt, die meisten (~80%) sich allerdings nur an die Träume aus den REM-Phasen erinnern. Entgegen der weitläufigen Ansicht träumt man allerdings auch in nREM-Phasen und bei gutgetimten Aufwecken können sich Versuchspersonen in bis zu 60% der Fälle an ihre Träume erinnern. Die nREM- und REM-Phasen können in puncto Trauminhalte so voneinander unterschieden werden:

Schlaf3

Demzufolge dienen nREM-Phasen (insbesondere N2) eher zu Konsolidierung semantischer/expliziter Gedächtnisinhalte, während die REM-Phase sich um prozedurale/implizite Gedächtnisinhalte kümmert. Die Beeinflussung der REM-Phase zur zielgerichteten Training von Situationen ist ein weiteres interessantes Konzept, welches vereinzelt schon Eingang in den Hochleistungssport gefunden hat.

Luzides Träumen

Als luzider Traum wird ein Traum bezeichnet, in dem man sich über das Träumen bewusst wird. Beim Klartraum können die Träumer den Traum sogar willentlich Steuern und Beeinflussen. In den Büchern von LaBerge und Tholey wird zum Beispiel berichtet, dass die Autoren damit Sportarten erlernt haben oder motorische Abläufe eintrainieren konnten. Was nach einem Gimmick klingt, ist wissenschaftlich bewiesen.

Interessanterweise zeigen moderne Studien wie von Voss, Holzmann, Tuin & Hobson (2009), dass sich auch neuropsychologische und biologische Korrelate des luziden Träumens finden:

  • Die Frequenz der Delta- und Theta-Wellen entspricht den REM-Phasen.
  • Es gibt vermehrt eine Frequenz von 40 Hz im Vergleich zum nicht-luziden Träumen, besonders in den frontalen und frontolateralen Hirnregionen.
    • Somit wirkt es wie eine Mischung aus Wachzustand und REM-Phase.
  • Die Kohärenz der Gehirnverbindungen ist signifikant erhöht im Vergleich zum üblichen REM-Schlaf.

Mithilfe unterschiedlicher Methoden kann sowohl die Traumerinnerung als auch die Traumkontrolle trainiert werden. Ein Traumtagebuch, welches direkt nach dem Aufstehen ausgefüllt wird, hilft bei der Traumerinnerung. Dazu gibt es grundlegende Methoden, um sich im Traum über das Träumen bewusst zu werden.

Ein Beispiel sind die sogenannten Realitätschecks, wo mithilfe von Überprüfungen im Wachzustand, die zur Kontrolle dienen, ob man sich in einem Traum befindet, werden diese auch in den Traum übertragen. Diese Methode wird als Mnemonically Induced Lucid Dream bezeichnet und gilt als herkömmlichste und simpleste Art und Weise zum Erlernen von luziden Träumen.

Durch das luzide Träumen könnten theoretisch z.B. die Koordination oder auch technisch-taktische Aspekte trainiert werden, ohne den Körper zu belasten. Die REM-Dauer korreliert außerdem mit der berichteten Traumberichtlänge, wodurch quasi in Echtzeit diese Komponenten trainiert werden könnten.

Mögliche Implikationen für das Training

  • Training kurz nach der Mittagszeit ist nicht empfehlenswert, auch nicht in Trainingslagern, weil die körperliche Fähigkeiten verringert und die Verletzungsgefahr erhöht ist.
  • Durch die Hormonausschüttung ist es in Anbetracht des homöostatischen Prozesses einfacher später als früher ins Bett zu gehen. Bei Reisen in andere Zeitzonen ist es also besser von Osten nach Westen zu reisen als umgekehrt. Trainingslager sollten dementsprechend geplant werden.
  • Im Amateurfußball bei Schichtarbeitern ist es empfehlenswert, dass diese vor der Nachtschicht (ausgehend einer Startzeit von 21 Uhr) das Training besuchen, es aber nicht komplett mitmachen. Nach der Arbeit in der Früh noch kurz wachzubleiben und danach bis zum späten Nachmittag zu schlafen ist ideal. Arbeiten sie in der Frühschicht ist empfehlenswert, dass sie direkt nach dem Training ins Bett gehen oder das Training früher beenden. Ebenso sind aus biopsychologischer Perspektive die Schichtwechsel von Nachtschicht zu Frühschicht zu Spätschicht am besten.
  • Im Trainingslager sollten Trainings nicht zu früh und nicht zu spät, aber auch nicht mittags abgehalten werden.
  • Schlaf ist wichtig, da Schlafdeprivation zu Verletzungen und schwächere Informationsaufnahme führt. Es reduziert auch die Fähigkeit Glykogen zu speichern, verschlechtert die Reflexe und Entscheidungsfindung, der Kortisolspiegel bleibt hoch, es gibt gleichzeitig weniger Wachstumshormone sowie insgesamt eine schlechtere Regeneration (van Winckel et al. 2014).
  • Im Jugendfußball ist es darum auch empfehlenswert sich eher auf Situationen und Spielformen zu konzentrieren und implizit zu coachen, da der REM-Schlaf in diesem Alter vorherrscht.
  • Zum Verbessern des Schlafes sollten auch die externen Zeitgeber beobachtet werden. Wenige Geräusche und wenig Licht schon ein paar Stunden vor dem zu Bett gehen sollten eingehalten werden, um früh einzuschlafen.
  • Eine Temperatur von 18°C gilt im Zimmer als ideal zum Einschlafen.
  • Nickerchen sollten gemacht werden, aber unter 30 Minuten, um nicht in Tiefschlaf zu verfallen.

 

Quellenverzeichnis (Ernährung):

Atkinson, F.S., Foster-Powell, K., Brand-Miller, J.C. (2008). International Tables of Glycemic Index and Glycemic Load Values. Diabetes Care, 31(12). 2281-2283.

Burke, L., Loucks, A. & Broad, N. (2006). Energy and carbohydrate for training and recovery. Journal of Sports Sciences, 24(7), S. 675-685.

Meert, J-P., Hara, S., Tenney, D. & van Winckel, J. (2014). Nutrition. In J. van Winckel (Hrsg), Fitness in Soccer. The Science and Practical Application (S.43-72). Klein-Gelmen: Moveo Ergo Sum.

Quellenverzeichnis (Schlaf und Träumen):

Hödlmoser K. & Schabus, M. (2014). Physiologie des Schlafes I. Im Rahmen der Vorlesung Schlaf und Bewusstsein der Universität Salzburg im Bachelorstudium Psychologie.

Hödlmoser K. & Schabus, M. (2014). Chronobiologie Traum. Im Rahmen der Vorlesung Schlaf und Bewusstsein der Universität Salzburg im Bachelorstudium Psychologie.

Van Winckel J., Helsen W., McMillan K., Tenney D., Meert J-P. & Bradley P. (2014). Fitness in Soccer. S. 214 & 226. Klein-Gelmen: Moveo Ergo Sum.

Iber C., Ancoli-Isreal S., Chesson A. & Cuan S-F. (2007). The AASM Manual for The Scoring of Sleep and Associated Events: Rules, Terminology and Technical Specifications. 1st ed.: Westchester, Ilinois: American Academy of Sleep Medicine.

Ohayon M., Carskadon M.A., Guilleminault C. & Vitiello, MV. (2004). Meta-analysis of quantitative sleep parameters from childhood to old age in healthy individuals: Developing normative sleep values across the human lifespan. Sleep, 27, 1255-1273.

Saletin J.M., Goldstein A. & Walker M.P. (2011). The role of sleep in directed forgetting and remembering of human memories. Cerebral Cortex, 21, 2534-2541.

Schabus, M., Hoedlmoser, K., Pecherstorfer, T., Anderer, P., Gruber, G., Parapatics, S., Sauter, C., Klösch, G., Klimesch, W., Saletu, B., & Zeitlhofer, J. (2008). Interindividual sleep spindle differences and their relation to learning-related enhancements. Brain Research, 1191, 127-35.

Schabus, M. et al. (2006). Sleep spindle-related activity in the human EEG and its relation to general cognitive and learning abilities. European Journal of Neuroscience, 23(7), 1738-1746.

Voss U., Holzmann R., Tuin I. & Hobson A.J. (2009). Lucid Dreaming: A State of Consciousness with Features of Both Waking and Non-Lucid Dreaming. Sleep, 32(9), 1191-1200.

 

Trainingssteuerung

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Die primäre Aufgabe eines Trainers ist es natürlich, die Leistungsfähigkeit seiner Spieler zu steigern. Dabei wird aber ein wesentlicher Aspekt leider viel zu häufig ignoriert: Welche Risiken entstehen durch Training?

Wir haben bereits gesehen, dass vor allem Mannschaften von Verletzungen betroffen sind, deren Spieler ein hohes Wettkampfpensum absolvieren müssen. Es ist nur folgerichtig, erhöhte Belastungen als ursächlich für potenzielle Verletzungen anzusehen. Aber Sportler werden nicht nur durch Wettkämpfe belastet sondern ebenso durch das Training. Manche Trainer belasten ihre Spieler im Training sogar deutlich stärker, als diese tatsächlich im Spiel belastet werden. Insofern sollte bei der Ursachenforschung für Verletzungen vor allem die Trainingssteuerung in den Fokus rücken.

Um nachvollziehen zu können, wie sich Belastungen auf den Körper auswirken, müssen einige physiologische Grundprinzipien klar sein. Durch sie sind erste Rückschlüsse möglich, wie man Spieler im Einzelnen, aber auch als Mannschaft weiterentwickeln kann. Darüber hinaus ist ein Verständnis über die ganzheitlichen und systemdynamischen Zusammenhänge des Fußballs wichtig, um zu erkennen, welche Trainings- und Steuerungsmethoden Sinn machen und welche nicht.

1. Die Superkompensation

Um die körperliche Leistungsfähigkeit zu steigern, müssen Belastungsreize zu einer Ermüdung des Körpers führen. Dabei kommt es zu einem Ungleichgewicht der Funktionssysteme des Organismus (Heterostase): Es entstehen Mikrorisse in den Muskelfasern (Muskelkater), die Nährstoffspeicher werden aufgebraucht und Milchsäure sowie CO¬2 stauen sich im Blut an. Verbesserungen der physischen Leistungsfähigkeit werden aber nicht während der Belastung selbst erreicht, sondern bei der Erholung von derselben. In dieser Zeit wird das Gleichgewicht der Funktionssysteme (Homöostase) wieder hergestellt und der Organismus passt sich auf die spezifischen Reize an, um für zukünftige Belastungen „gewappnet“ zu sein. Der Körper stellt nach einer Belastung also nicht nur die Bereitschaft zur Erbringung des gleichen Leistungsniveaus wieder her, sondern steigert im Verlaufe der Erholungs- bzw. Regenerationsphase die Leistungsfähigkeit über das ursprüngliche Niveau hinaus.

2015-07-10_Trainingssteuerung_1

Abb. 1

Über einen bestimmten Zeitraum wird die höhere Leistungsfähigkeit behalten. Wird dieses höhere Leistungsniveau jeweils für neue Trainingseinheiten genutzt, kommt es im Rahmen der natürlichen körperlichen Grenzen zu einer kontinuierlichen Leistungssteigerung.

Die Regeneration stellt demnach einen wichtigen Aspekt zur Steigerung und Aufrechterhaltung der körperlichen Leistungsfähigkeit dar. In der Erholungszeit werden die erschöpften Nährstoffspeicher wieder aufgefüllt, Zellgruppen aufgebaut/gestärkt und Anpassungen im Nerven-, dem Herz-Kreislauf-System und den Muskeln vorgenommen. Die Erholung kann passiv oder aktiv erfolgen. Zu den passiven Regenerationsmaßnahmen gehören u.a. Schlaf, gesunde Ernährung, und physiotherapeutische Anwendungen. Aktive Erholung findet mittels geringintensiver Bewegungseinheiten statt. Durch lockere und geringkomplexe Übungsformen sollen die Durchblutung und der Stoffwechsel angeregt[1] und mentale Entspannung erreicht werden. Die Bewegungs- und Spielformen können unspezifisch und disziplinfremd sein, um Abwechslung im Training herzustellen. So lässt Guardiola bspw. Basketball spielen. Neben der Intensität ist auch die Belastungsdauer zu reduzieren. Aktive Regenerationseinheiten sollten nicht länger als 60-70min dauern. Auch das cool down, welches am Ende einer jeden Trainingseinheit stattfinden sollte, fällt unter die aktive Erholung.

Ist die Regenerationsphase zwischen den Trainingsbelastungen zu groß, geht der Trainingseffekt verloren. Wird hingegen zu intensiv trainiert, ohne dass der Körper genügend Zeit zur Regeneration erhält, kommt es zum Übertraining. Durch Übertraining sinkt das Leistungsniveau infolge unvollständiger Versorgung mit Nährstoffen ab und es steigt die Anfälligkeit für Verletzungen. Zudem ermüdet das zentrale Nervensystem. Es arbeitet in der Folge langsamer, sodass Signale vom Gehirn zum Muskel und umgekehrt länger brauchen.[2]

2. Die Bedeutung des ZNS

Die Neuroathletiktrainer Lars Lienhard und Martin Weddemann, deren Arbeit wir im letzten Teil dieser Serie vorstellen werden, beschreiben die Bedeutung des zentralen Nervensystems wie folgt: “Das Gehirn und das zentrale Nervensystem sind für die Steuerung jeglicher Bewegungen zuständig. Das Gehirn hat aus evolutionsbiologischer Sicht die Aufgabe, unser Überleben in der Umwelt zu sichern. Dafür muss es Gefahren für den Körper erkennen und ihn auf diese Gefahren aufmerksam machen. Das Gehirn weiß nicht, ob wir gerade Sport treiben oder um unser Überleben kämpfen. Es bekommt Input, analysiert und wertet diesen aus und gibt dann einen Bewegungsoutput. Wenn wir dies aufs Training übertragen, sollten wir dafür Sorge tragen, dass sich unser Gehirn und Nervensystem sicher fühlen und keine Gefahren aus der Umwelt oder aus dem eigenen Körper wahrgenommen werden.

Wird keine Gefahr festgestellt, läuft alles ganz normal weiter. Wird allerdings eine reale oder potentielle Gefahr antizipiert, findet das Gehirn Mittel und Wege, auf diese Gefahr hinzuweisen. Dies äußert sich u.a. etwa durch Krafteinbußen, Bewegungseinschränkungen, diffuse Schmerzen, bewegungsinduzierte oder wiederkehrende Verletzungen. In der Folge sinkt die Leistungsfähigkeit. Werden die natürlichen Schutzmechanismen, wie beispielsweise Schmerzen, ignoriert oder gar ausgeschaltet – wie es manche Profivereine durch das sogenannte „Fitspritzen“ praktizieren –, kann das für den Körper gefährliche Folgen haben.“

Einen großen Stellenwert in der Arbeit von Lienhard und Weddemann nehmen neben dem visuellen und dem vestibulären System die sogenannten Propriozeptoren ein. Diese liefern dem Gehirn Informationen über die Gelenkstellung, Muskelspannung und -Dehnung. Je besser diese Informationsverarbeitung funktioniert, desto schneller können die jeweiligen Muskeln und Gelenke bei intensiven Aktionen (Landung nach Sprung, plötzliche Richtungsänderung im Sprint, Drehung, Antritt, plötzliches Abstoppen) stabilisiert werden. Ist das zentrale Nervensystem in Folge von hohen Belastungen jedoch ermüdet bzw. erschöpft, ist die Kontrolle und Stabilisierung bei explosiven Aktionen geringer oder erfolgt zu spät, wodurch es – infolge von „Umknicken“ oder „Überdrehen“ – leichter zu Verletzungen der Sehnen und Bänder kommen kann.

Neben den bereits genannten muskulären Folgen des Übertrainings können auch Stress, emotionale Unausgeglichenheit bis hin zum Burnout durch Übertraining herbeigeführt werden.[3] Zeigen sich derartige Beschwerden, muss die Belastung verringert oder ganz gestoppt werden; der Körper muss regenerieren. Wie lang eine optimale Regeneration sein sollte und wie sie im Detail zu gestalten ist, weicht je nach Alter, Geschlecht, Fitnesszustand und Leistungsniveau von Mensch zu Mensch ab.

3. physiologische Einflussfaktoren

Es zeichnet sich also ein gewisses Dilemma ab: Durch das Training wird die Leistungsfähigkeit der Spieler erhöht, sodass sie den intensiven Wettkampfbelastungen standhalten können. Eine hohe Belastungsintensität schwächt und ermüdet jedoch Muskeln und Nervensystem und führt so gleichermaßen zur physischen und mentalen Erschöpfung. Die Faktoren, die die Leistungsfähigkeit von Athleten beeinflussen, sind mannigfaltig. So ist etwa die natürliche Veranlagung eines jeden Einzelnen ebenso wie Fitnesszustand und Leistungslevel maßgeblich. Aber auch der altersabhängige Entwicklungsstand von Körper und Geist wirkt sich auf die periodische Schwerpunktsetzung der Trainingsinhalte aus. Kinder und Jugendliche sind aufgrund fortschreitender Entwicklungsprozesse des Nervensystems, der Knochen und Muskeln jeweils anders zu trainieren als Erwachsene. Letztlich müssen in der Periodisierung ganzheitliche Aspekte berücksichtigt werden.

3.1 Leistungsniveau

Je höher die Spielklasse, desto höher ist die allgemeine Spielintensität (näher dazu siehe unten). Darüber hinaus steigt mit zunehmendem Leistungsniveau die Anzahl an Trainings und Spielen (Belastungsumfang). Im Bereich des Hochleistungssports, in dem allein durch eine hohe Zahl von Wettkämpfen die Belastungsintensität über einen langen Zeitraum sehr groß ist, kann es leicht zu Überbelastungen kommen, wohingegen Verbesserungen der athletischen Leistungsfähigkeit kaum noch zu erreichen sind. Um eine Überbelastung zu vermeiden, müssen Umfang und Intensität im Training sogar dosiert werden.

3.2 Alter

Das Alter der Athleten spielt in zweifacher Hinsicht eine entscheidende Rolle. Zum einen haben ältere bzw. trainingserfahrene Athleten, die über eine lange Zeit sportlich aktiv sind, größere Energiereserven, die die Leistungsfähigkeit quasi konservieren (residualer Trainingseffekt).[4] Durch langjähriges Training haben sich viele Organsysteme des Sportlers an die stetige Belastung angepasst und sind so in der Lage, schneller zu regenerieren. Diese Anpassungen gehen ohne Training nur sehr langsam wieder verloren. Derartige Reserven müssen jüngere Athleten erst noch aufbauen. Diesbezüglich regenerieren Sportler, die noch keine jahre- bzw. jahrzehntelange Belastungserfahrung haben, langsamer und benötigen unter Umständen längere Regenerationsphasen.

Andererseits nimmt die Leistungsfähigkeit mit zunehmendem Alter ab. Um das 50. Lebensjahr baut die Anzahl der Muskeln in Gestalt der motorischen Einheiten (efferente Nervenzelle mitsamt allen innervierten Muskelfasern) und der Muskelfasern kontinuierlich ab. Mit der Abnahme der Muskelmasse geht ein Zuwachs des Körperfettanteils einher. Vom 5. bis zum 50. Lebensjahr bleibt die Anzahl der Muskeln jedoch stabil.[5]

Auch die Energiebereitstellung durch Sauerstoff nimmt in der altersabhängigen Beeinflussung der Leistungsfähigkeit eine große Rolle ein. Die maximale Sauerstoffaufnahme (VO2max), welche für die Ausdauerleistungsfähigkeit und Energiebereitstellung maßgeblich ist, nimmt ab dem 25. Lebensjahr jedes Lebensjahrzehnt um ca. 9% ab; bei Leistungssportlern beträgt die Abnahme etwa 5%.[6]

3.3 Muskelbeschaffenheit

Auch die natürliche Veranlagung beeinflusst die Regeneration. Dabei geht es vor allem um die Muskelbeschaffenheit. Man unterscheidet zwischen „langsamen“ Muskelfasern (Typ-I-Faser) und „schnellen“ (Typ-II-Faser). Von Geburt an haben Menschen entweder mehr langsame oder schnelle Muskelfasern. „Langsame“ Muskelfasern sind stärker durchblutet und gewinnen ihre Energie aus Kohlenhydraten, freien Fettsäuren und Oxidation (aerobe Energiegewinnung). Aus diesem Grund sind sie weitgehend ermüdungsresistent. Etwas anderes gilt für Spieler, die eher schnelle Muskelfasern (Typ-II-Fasern) haben. Deren Energiequellen stellen Glykogen und Phosphate dar (anaerobe Energiegewinnung), die zwar zu einer schnellen Kraftfreisetzung führen, die Muskeln aber schnell ermüden lassen und länger zur Regeneration benötigen.

Die Regenerationszeit hängt zudem von den biologischen Teilsystemen ab (Heterochronismus der Regeneration).

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Abb. 2

3.4 Reizintensität und Anpassung

Die Reizschwelle, die überschritten werden muss, um die Heterostase überhaupt herbeiführen zu können, weicht wie die optimale Regenerationszeit je nach Alter, Geschlecht, Veranlagung und Fitnesszustand ab. Untrainierte Menschen brauchen nur geringintensive Reize, um ihre Reizschwelle zu überschreiten, wohingegen Leistungs- und Profisportler ungleich höhere Reize zur Überschreitung ihrer Schwelle benötigen. Unterschwellige Reize bleiben ohne Wirkung, während stark überschwellige Reize zu Übertraining führen können.

Ebenso wie die Zeit der Erholung zwischen den Teilsystemen variiert, ist auch die Zeit der Anpassung in den einzelnen Organsystemen unterschiedlich ausgeprägt. So passen sich etwa Nervensystem, Herz-Kreislauf-System und die Muskulatur schneller an spezifische Reize an als Sehnen, Bänder, Gelenke und letztlich auch die Knochen.

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Abb. 3

Nerven- und Herz-Kreislauf-System brauchen nur wenige Belastungseinheiten über einige Wochen, um Anpassungen vorzunehmen. Die Muskeln, Sehnen, Bänder und Gelenke benötigen für Anpassungen einige Monate. Da in erster Linie neuronale Vorgänge für die Bewegungssteuerung verantwortlich sind, kann bereits durch wenige Reize eine verbesserte Kontrolle des gesamten Bewegungsapparates erreicht werden. Haben sich die Organsysteme angepasst, müssen die Reize erhöht werden, da gleichbleibende Reize nun keinen überschwelligen Charakter mehr haben.

Wird der Körper über Jahre Belastet und die Reizintensität kontinuierlich gesteigert, wird das erhöhte Leistungsniveau zunehmend stabilisiert und Reserven erzeugt (residualer Trainingseffekt). Im Jugendalter müssen die Belastungssteigerungen behutsam erfolgen. Der im pubertären Wachstum befindliche Körper ist verletzungsanfälliger[7] und kann noch keine residualen Trainingseffekte erzielt haben. Er muss sich daher langsam an die vermehrten und erhöhten Reizintensitäten gewöhnen und bedarf dafür einer ausgiebigeren Regeneration.

3.5 Zwischenfazit

Die Wirksamkeit von Reizen und Erholung werden durch verschiedene Faktoren beeinflusst, die bei jedem Menschen anders ausgeprägt sind. Dafür bedarf es individualisierter Trainingspläne. Die nächste Schwierigkeit ergibt sich aus der Situation einer Mannschaft. Im Gegensatz zu Individualsportlern müssen Mannschaftssportler ein uniformiertes Training bekommen, damit sich die Individuen als Einheit weiterentwickeln. Da aber jeder Athlet auf die gleichen Reize unterschiedlich reagiert, muss das Mannschaftstraining sehr genau geplant und mit den individuellen Trainingsplänen harmoniert werden.

Das Prinzip der Superkompensation stellt also kein Instrument für eine präzise Trainingsplanung dar. Es vermittelt lediglich die Grundprinzipien und allgemeinen Wirkungsweisen von Belastung und Erholung auf den Körper und erlaubt so, einen ungefähren Rahmen für eine leistungsadäquate Trainingsintensität für den Einzelnen, aber auch die Mannschaft abzustecken. Auf Grundlage dieser Prinzipien werden Intensität und Umfang des Trainings saisonal periodisiert.

4. Fußballfitness

Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit bilden die drei grundlegenden physischen Fähigkeiten eines Athleten. Zusammen mit der Koordination und der Beweglichkeit – den motorischen Fähigkeiten – werden sie unter der Kondition zusammengefasst. Jede fußballspezifische Aktion erfordert stets das simultane Beherrschen konditioneller, technischer und taktischer Fähigkeiten. So sind Sprints mit Ball (Dribbling) nicht nur von der Schnelligkeit abhängig, sondern ebenso von der technischen und koordinativen Qualität der Ausführung und müssen einen taktischen Nutzen haben. Sprintaktionen ohne Ball (Anlaufen des gegnerischen Ballführers, Laufduell, besetzen offener Räume) bedürfen neben der Grundschnelligkeit die Beachtung taktischer Prinzipien und eine gute Orientierung im Raum.

Zweikämpfe, Kopfballduelle sowie Pass- und Schussaktionen setzen jeweils eine spezifische Kraft voraus (Zweikampfkraft, Sprung- und Schnellkraft, Stoßkraft). Dazu müssen verschiedene Muskelgruppen in abgestimmten Bewegungen präzise koordiniert werden (Kopplungsfähigkeit). So schießen rechtsbeinige Fußballer mit dem rechten Bein weiter und fester als mit dem linken. Allerdings springen sie regelmäßig mit dem linken Bein ab und erreichen so größere Höhen oder Weiten, als wenn sie mit rechts abspringen würden. Die Grundkraft ist also in beiden Beinen in etwa gleich ausgeprägt.[8] Letztlich sind Koordination und Technik bei der Bewegungsausführung entscheidend und von größerer Bedeutung als die reine Kraft. Dies gilt ebenso für Zweikämpfe, wo koordinative und technische Geschicklichkeit eher über den Ausgang entscheiden, als pure Kraft.

In diversen Studien konnte nachgewiesen werden, dass Fußballer mit steigendem Leistungslevel vermehrt intensive Aktionen (Zweikämpfe, Sprints, kurze Antritte) haben.[9] Zumindest in den drei höchsten englischen Ligen sinken aber Dauer und Distanz jener intensiven Aktionen mit zunehmendem Leistungslevel.[10] Dieser Umstand wird mit dem taktisch klügeren Verhalten und technisch stärkeren Fertigkeiten erklärt, wonach höherklassige Spieler Situationen schneller wahrnehmen und verarbeiten, bessere Entscheidungen treffen, diese besser umsetzen und so insgesamt mehr Aktionen ausführen, dafür aber weniger Laufen müssen:[11] So wird der Ball seltener lang gespielt (weniger Laufleistung), weil sich besser und schneller angeboten wird, was der jeweilige Ballführer früher erkennt. Zweikämpfe können dann mittels Kurzpässen umgangen werden (weniger Kraftaufwand) und im Falle von Ballverlusten kommt man schneller ins Gegenpressing, sodass man zwar nicht langsamer, dafür aber insgesamt weniger laufen muss.

Dahingehend besteht also ein systemdynamischer Zusammenhang zwischen taktischem Verständnis, technischen Fertigkeiten und konditionellen Anforderungen. Um Aktionen auch unter großem Druck mit einer hohen Qualität umsetzen zu können, muss schnell gespielt und sich schnell bewegt werden. Dies führt zwangsläufig zu mehr Aktionen, die wiederum eine höhere Qualität verlangen (Intensität). Es muss also das Ziel sein, die Qualität der Entscheidungen sowie die Qualität und Intensität der entsprechenden Ausführung zu erhöhen. Zeitgleich sollen die Spieler in die Lage versetzt werden, dies über die gesamte Spieldauer möglichst konstant abzurufen. Die Spielintensität wird demnach nicht bloß vom läuferischen Vermögen der Spieler beeinflusst, sondern vor allem durch die technisch-taktischen Fähigkeiten.

4.1 Energiebereitstellung

Durch die Muskelkontraktion – eine durch einen Nervenimpuls (Reiz) ausgelöste Verkürzung des Muskels – werden mechanische Kräfte im Muskelgewebe erzeugt, wodurch der Körper bzw. Teile davon überhaupt erst in Bewegung gesetzt wird. Die Energie, die in den Muskelzellen für diese mechanische Arbeit benötigt wird, liefern ATP (Adenosintriphosphat) und KP (Kreatinphosphat). Kreatinphosphat stellt die Phosphorylgruppe zur Verfügung, die zur Rückwandlung des bei der Muskelkontraktion entstandenen ADP (Adenosindiphosphat) in ATP genutzt wird. Das ATP-KP-System ermöglicht kurze und hochintensive Aktionen unter 15 Sekunden.

Für länger anhaltende Belastungen über 15 Sekunden werden andere Energieträger benötigt. Diese sind Kohlenhydrate und Fette. Kohlenhydrate dienen – umgewandelt in Glykogen – der kurz- bis mittelfristigen Speicherung und Bereitstellung des Energieträgers Glukose (Traubenzucker). Bei vermehrtem Energiebedarf (Belastung ab 45 Sekunden) verwenden die Muskelzellen ihren Glykogenspeicher. Bei einer Belastungsdauer bis 60 Sekunden (intensive Ausdauerbelastung = Kraft- und Schnelligkeitsausdauer) werden Kohlenhydrate unter Bildung von Milchsäure – Laktat (CH3–CHOH–COO-) + Wasserstoff-Kationen (H+) – unvollständig abgebaut (anaerobe Glykolyse). Dabei häuft sich Laktat in den Muskeln an (metabolische Azidose). Wird der leicht alkalische pH-Wert des Blutes von 7,4 unterschritten, kommt es zur Übersäuerung, wodurch die Muskelkontraktion gehemmt wird. Die Übersäuerung äußert sich durch Schmerzen und in einer stark verminderten Leistungsfähigkeit. Um der Azidose entgegenzuwirken, wird Kohlenstoffdioxid abgeatmet. Eine tiefe und beschleunigte Atmung ist die Folge.[12] Das vermehrte Aufkommen von Kohlenstoffdioxid beeinträchtigt die Atmung und Sauerstoffaufnahmefähigkeit, sodass letztlich die Ausdauerfähigkeit sinkt.

Für Belastungen, die länger als 60 Sekunden andauern, werden Kohlenhydrate und Fette durch vollständige Verbrennung (Verbrauch von Sauerstoff = aerob) in ATP und somit Energie gewandelt. Durch den Verbrennungsprozess entstehen die Nebenprodukte CO¬2 und ¬H2O, aber kein Laktat. Dieser aerobe Energiebereitstellungsvorgang findet in den Mitochondrien statt.

Fette dienen letztlich der Energiebereitstellung bei langen Ausdauerbelastungen von geringer Intensität. Dabei werden aber weiterhin auch Kohlenhydrate verbraucht.

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Abb. 4

Die Belastungen im Fußball sind hinsichtlich Intensität und Dauer sehr unterschiedlich. Einem Intensiven Sprint über 10-15m kann eine längere Erholungsphase folgen, auf die wiederum ein Zweikampf folgt. Wegen dieser sich stets ändernden Belastungsarten werden die einzelnen Energiegewinnungs- und -Bereitstellungsvorgänge im Fußball in fließenden Übergängen begriffen.

4.2 Trainingsgrundsätze

Die athletischen Anforderungen von Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit sind im Fußball also azyklisch. Das bedeutet, dass Aktionen nicht gleichbleibend sind, wie etwa beim 100m-Sprint, wo sich der Athlet in einem möglichst stabil hohem Tempo mit den immerselben (zyklischen) Bewegungsabläufen fortbewegt. Stattdessen variieren die Aktionen im Fußball je nach Situation. So müssen ständig Richtungs- und Geschwindigkeitsänderungen vorgenommen werden, wobei sich Pässe, Schüsse und Zweikämpfe fortwährend abwechseln.

Isolierte Laufübungen – mit einer Intensität von 90-95% der maximalen Herzfrequenz – führen zwar zu konditionellen Verbesserungen der Schnelligkeit und Schnelligkeitsausdauer,[13] sind aber angesichts mangelnder Azyklik und fehlender Spezifik wenig erfolgversprechend, um entsprechende fußballtypische Aktionen, wie das Dribbling oder schnelle Richtungswechsel (multidirektionale Sprints) zu trainieren. Auch Dauerläufe zur Verbesserung der Ausdauerfähigkeit sind aus denselben Gründen für den Fußball nicht zielführend. Mittels Hantel- und Medizinballübungen zur Kräftigung können wiederum nur gewisse Muskelgruppen stabilisiert werden. Die koordinativen Anpassungen (insbesondere Kopplungs- und Orientierungsfähigkeit), die in einer Spielsituation wie dem Zweikampf oder dem Torabschluss notwendig sind, werden so aber unmöglich simuliert. Technisch-taktische Aspekte bleiben gänzlich außen vor.

4.2.1 Ganzheitlichkeit

Die Schulung der technischen, taktischen und konditionellen Fähigkeiten darf angesichts ganzheitlicher Zusammenhänge nicht getrennt voneinander erfolgen. Alles muss zunächst aus der taktischen Perspektive betrachtet werden. Der Spieler nimmt die Spielsituation wahr, verarbeitet die wahrgenommenen Informationen, sucht Lösungen, trifft eine Entscheidung und führt diese aus. Die Ausführung – der technische Aspekt – erzeugt eine neue Situation und der Prozess beginnt von vorn.

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Abb. 5: Phasen taktischen Handelns

Die Strukturen einer Spielsituation werden also durch die jeweilige Qualität der Entscheidung und der darauffolgenden Ausführung der Spieler beeinflusst. Die Qualitäten von Entscheidung und Ausführung hängen wiederum von mentalen und athletischen Voraussetzungen, wie der Beweglichkeit und Ausdauer, ab. Der Grad der Fitness bestimmt, wie lang, wie schnell und wie oft Entscheidungen getroffen und ausgeführt werden können. Dabei arbeiten Nerven- und Muskelsystem auf verschiedenen Ebenen des Spielers (Wahrnehmung, Verarbeitung, Entscheidung, Ausführung) zusammen. Setzt eine Ermüdung ein, nehmen all diese Systeme jeweils qualitativ ab, sodass letztlich die Leistung sinkt. Somit sind Spielintelligenz, Technik und Kondition der Spieler sich gegen- und wechselseitig beeinflussende Faktoren für die Situationsstrukturen.

Würden die Spieler im konditionellen Bereich isoliert und unspezifisch trainiert werden, erreichen sie dahingehend zwar auch ein wettkampfgerechtes Leistungsniveau; die technisch-taktischen Aspekte würden aber wenig bis gar keinen Fortschritt verzeichnen. Diese Defizite werden sich zwangsläufig früher oder später in spielerisch schlechten Leistungen zeigen, was in der Folge durch noch mehr konditionelle Fortschritte wettgemacht werden müsste. Dieser Kreislauf verdrängt die Bedeutung des Spielstils sowie die Festigung technisch-taktischer Mittel und erhöht die Gefahr von Verletzungen infolge einer planlos steigenden Trainingsbelastung. Reine Konditionsformen ohne Ball – und damit ohne Bezug zum Fußball – sind demnach zu meiden. Stattdessen müssen sich viele unterschiedliche Aktionen in einer Übung wiederfinden, um Situationen mit wechselnden Intensitäten und azyklischen Aktionen zu erzeugen.

4.2.2 Kleingruppenspiele

Diese spezifischen und situativen Anforderungen an Fußballaktionen können lediglich in spielnaher Form adäquat geschult werden. Dabei haben sich Kleingruppenspiele und Parcours mit diversen koordinativen und technischen Aufgaben als effizienteste Mittel zur Vermittlung konditioneller Aspekte im ganzheitlich-spezifischen Rahmen erwiesen.[14] In Kleingruppenspielen und Parcours werden in konditioneller Hinsicht sogar die gleichen Fortschritte erzielt wie bei unspezifischen Übungen.[15] Diese werden somit obsolet. Damit es jedoch zu einer Heterostase kommen kann, um konditionelle Verbesserungen überhaupt verzeichnen zu können, muss die Intensität solcher Übungen im Bereich der typischen Wettkampfintensität liegen. Diese liegt zwischen 80 und 90% der maximalen Herzfrequenz.[16] Also (deutlich) unter den 100%, die stets eingefordert werden.

In Kleingruppenspielen ist jeder Spieler häufiger in direkte Ballaktionen involviert, als das im 11-gegen-11 der Fall ist. Mit sinkender Spieleranzahl, erhöht sich die Intensität, wobei in 3-gegen-3-Spielformen der höchste Grad erreicht wird.[17] Um die Intensität weiter zu steigern – wobei die konditionellen Anforderungen ebenso erhöht werden, wie die technisch-taktischen – können neben der Anzahl der Spieler pro Mannschaft auch die zulässigen Ballberührungen verringert werden.[18] Dies führt zu einem Mehr an Aktionen, weil sich schneller angeboten werden muss. Hinsichtlich der Variation der Feldgröße gilt hingegen: wird das Feld vergrößert, steigt die Intensität.[19] In größeren Feldern ist zwar die Anzahl der Aktionen geringer, dafür aber Dauer und Distanz derselben länger. Letztlich steigert auch ein reges Coaching die Intensität.[20]

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Abb. 6

Um die Fähigkeit die Intensität stabil aufrecht erhalten zu können (Ausdauer) zu erweitern, wird die Dauer der jeweiligen Spielformen nach und nach erhöht (Abb. 9).

Im 2-gegen-2 oder direkten Zweikampfübungen werden die spezifischen Kraftanforderungen geschult. Es kommt zu vielen Zweikämpfen, multidirektionalen Antritten und Sprints sowie Abschlüssen. Diese hohe Intensität kann nur sehr kurz aufrecht erhalten werden. Darum werden mehrere Wiederholungen durchgeführt, zwischen denen die Spieler sich kurz erholen können (intensive Intervallübung). In diesen Übungen kann die Anzahl der individuellen Ballkontakte nicht eingeschränkt werden, da ein hoher Dribblings- und Zweikampffokus herrscht. Mangels Dreiecken ist die Bedeutung des Passspiels sehr gering.

In Kleingruppenspielen mit 3-4 Spielern pro Mannschaft ist die Spielintensität am höchsten. Zwar sinkt die Zahl der intensiven Aktionen gegenüber den 1-gegen-1 und 2-gegen-2-Spielen, dafür steigen aber Dauer und Distanz der jeweiligen Aktionen (extensive Intervallübung). Da nun Dreiecke gebildet werden können, steigt die Bedeutung des Passspiels, wodurch auch das Freilaufen wichtig wird.

Bei Spielformen mit einer Mannschaftsstärke von je 5-7 sinkt die Anzahl der Aktionen abermals. Dies führt zu einer insgesamt geringeren Intensität, weil sich die Spieler zwischen den Aktionen erholen können. Dadurch kann die Spieldauer deutlich erhöht werden (intensive Ausdauerübung). Die Verbesserung der Schnelligkeitsausdauer (Aufrechterhaltung intensiver Aktionen) steht hierbei im Vordergrund.

Ab 8 Spielern je Mannschaft entspricht die Spielintensität überwiegend derjenigen des letztlichen Wettkampfs. Die Aktionen eines jeden Spielers werden wiederum quantitativ weniger, was es den Spielern erlaubt, länger zwischen diesen Aktionen zu erholen. Hierbei geht es vorwiegend um die Ausdauerfähigkeit; also die Aufrechterhaltung vieler intensiver Aktionen (extensive Ausdauerübung).

Lange wurde Fußball als Ausdauersport betrachtet. Zwar ist eine Grundlagenausdauer wichtig, allerdings dominieren im Verlauf eines Spiels kurze intensive Aktionen (Schnellkraft) und Aktionen im laktaziden Bereich (Kraft- und Schnelligkeitsausdauer, Abb. 4). Zwischen diesen Aktionen wird sich erholt. Die Ausdauerfähigkeit der Spieler hat also Intervallcharakter und wird nicht nur durch die Variation von Belastungsumfang und -Intensität trainiert. Die Spieler sollen vielmehr lernen, sich zwischen den Aktionen zu erholen. In den Kleingruppenspielen bis zu 4 Spielern je Mannschaft wird dies noch durch die Unterbrechungen des Trainers gesteuert. In den Spielformen mit 5 Spielern je Team und mehr sollen die Spieler sich selbständig Erholungsphasen zwischen den Aktionen ermöglichen. Dies kann durch Rhythmus- und Tempoänderungen im Angriffs- und/oder Abwehrverhalten geschehen und ist somit auch ein taktischer Aspekt.

5. Periodisierung

Im Verlauf einer Saison und innerhalb einer Trainingswoche sind die körperlichen Voraussetzungen der Spieler niemals gleich, sondern schwanken stetig. Das Training steigert zwar die Leistungsfähigkeit der Spieler; eine hohe Belastungsintensität schwächt und ermüdet jedoch, wie oben gezeigt, Muskeln und Nervensystem, wodurch die Leistungsfähigkeit sinkt und die Anfälligkeit für Verletzungen zunimmt. Um diesen Schwankungen Rechnung zu tragen, sodass einerseits ein wettkampfgerechtes Leistungsniveau erreicht und dieses andererseits ohne Verletzungen stabil aufrecht erhalten werden kann, müssen Umfang und Intensität von Trainingsbelastungen in bestimmten Zyklen erhöht oder verringert werden (Periodisierung).

Während es vor allem in Individualsportarten mit wenigen Saisonhöhepunkten üblich ist, auf bestimmte Wettkämpfe „hinzutrainieren“, um auf den Punkt die volle Leistungsfähigkeit zu erreichen, kann dies im Fußball nicht angewandt werden. Stattdessen muss über die ganze Saison ein möglichst gleichbleibendes Leistungsniveau (ohne Verletzungen) aufrecht erhalten werden können. Dieses Niveau wird in der mehrwöchigen Vorbereitungsphase erarbeitet. Die effektive Gestaltung dieser Prozesse ist ein komplexes Unterfangen und bis heute noch nicht vollends entschlüsselt. Dennoch habt insbesondere die Periodisierungsmodell von Jose Mourinho (taktische Periodisierung) in den vergangenen Jahren gezeigt, wie eine erfolgreiche Trainingssteuerung auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse aussehen kann.

5.1 Trainingszyklen

Es ist umstritten, ob pro Trainingseinheit, Mikrozyklus (1-3 Wochen) oder gar Mesozyklus (4-12 Wochen) spezielle technisch-taktische und konditionelle Schwerpunkte gesetzt werden sollen. Entscheidet man sich für eine Schwerpunktsetzung über die Dauer eines Mesozyklus, besteht die Gefahr, sich nicht auf momentane Anforderungen einstellen zu können, die sich häufig im Laufe von Spielen zeigen. Zudem können in einem Mesozyklus erarbeitete Schwerpunkte im Laufe des nächsten Zyklus wieder vergessen werden oder verloren gehen. Es empfehlen sich daher Schwerpunktsetzungen pro Trainingseinheit oder Mikrozyklus.

Weitere Argumente für eine derartige Periodisierung liefern die sehr komplexen technisch-taktischen Anforderungen im Fußball, individuellen körperlichen Voraussetzungen eines jeden Spielers und die zunehmend verschwindenden Grenzen zwischen den Spielmomenten. Es müssen sämtliche technisch-taktischen Aspekte des Fußballs zeitnah und möglichst ganzheitlich schwerpunktartig vermittelt und geübt werden. Das bedeutet auch im Hinblick auf die athletischen Anforderungen eine ganzheitliche Periodisierung. Eine mesozyklische Schwerpunktarbeit, in welcher erst Kraft dann Schnelligkeit und/oder Ausdauer trainiert werden, wird dieser Ganzheitlichkeit nicht gerecht und ist außer Stande, auf die Bedürfnisse des Einzelspielers einzugehen.

5.1.1 Belastungsbereitschaft im Wochenverlauf

Sportliche Fitness bezeichnet die Leistungsfähigkeit des Körpers und beschreibt damit das Vermögen, Belastungen standzuhalten. Die Ermüdung bzw. mangelnde Frische wiederum deutet daraufhin, dass der Körper diese Fitness nicht komplett ausnutzen kann oder bei Abruf verletzungsanfällig ist. Frische und Fitness werden also voneinander getrennt betrachtet. Das tatsächliche Vermögen, Leistungen abzurufen – die Spielbereitschaft – ergibt sich somit aus der Differenz von Fitness und Ermüdung. Je nach Bereitschaftslevel wird im Laufe einer Woche die Belastungsintensität des Trainings gesteuert, um zum Zeitpunkt des Wettkampfes die höchste Bereitschaft zu gewährleisten.

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Abb. 7

Am ersten Tag nach einem Spiel ist die Ermüdung aufgrund der Heterostase sehr groß. Wird hier mit geringer Intensität aktiv erholt, damit die Durchblutung angeregt wird, werden die Blutgase (O-2, CO¬2, Laktat- + H¬+) wieder auf das Normalniveau herangeführt, was die weitere Regeneration unterstützt. Am zweiten Tag nach dem Spiel werden die Energiespeicher wieder aufgefüllt und die Muskelzellen regeneriert. Dies erfordert viel Energie, welche für sportliche Aktivitäten fehlt. Die Ermüdung ist an diesem Tag am größten, sodass nicht trainiert wird.

Selbst am dritten Tag nach dem Spiel sind noch nicht alle Spieler vollends von der vergangenen Partie erholt.[21] Junge Spieler, Spieler mit vorwiegend schnellen Muskelfasern oder Spieler, die in den Wochen zuvor eine hohe Belastungsdichte absolvierten, können sogar trainingsfrei bekommen. Bei den übrigen Spielern wird die Intensität für die kommenden Trainingstage erst noch hochgefahren. Ihnen sollten Pausen während der Trainingseinheit erlaubt werden, in denen sie sich erholen können. In den beiden darauffolgenden Tagen wird mit weniger Pausen (Mittwoch) oder mit höherer Intensität (Donnerstag) trainiert.

Am Tag vor dem nächsten Spiel findet eine geringintensive Einheit statt. Die Trainingsintensität wird im Vergleich zu den drei vorherigen Tagen reduziert, um einen erholsamen Übergang zwischen der intensiven Trainingsphase und dem kommenden Wettkampf herzustellen (Tapering).

5.1.2 Morphozyklen

Während der Belastungsperiodisierung soll auch der Spielstil und somit technisch-taktische Inhalte weiterentwickelt werden. Eine geeignete Möglichkeit, dies zu harmonisieren, bieten sogenannte Morphozyklen. Diese sind eine Unterart der Mikrozyklen und bezeichnen den Zeitraum zwischen zwei Spielen. Mittels solcher Zyklen ist es möglich, zeitnah auf die in den vergangenen Spielen gezeigten Leistungen zu reagieren. Die technisch-taktischen Inhalte werden in den Übungsformen derart konzipiert, dass der Ermüdungsgrad berücksichtigt wird. So kann einerseits zeitnah an möglichen spielerischen Defiziten gearbeitet werden, während die Athleten die notwendige Bereitschaft zur Leistungserbringung für das kommende Spiel erhalten.

Liegen 6 Tage zwischen 2 Spielen, werden 3 intensiven Trainingseinheiten dazu genutzt, die konditionellen Elemente gemäß dem ganzheitlichen Ansatz zu fördern. Zwei Tage werden der Erholung gewidmet: Um die Blutgase wieder auf das Normalniveau zu bringen, werden am ersten Tag nach dem Spiel durchblutungsfördernde Bewegungseinheiten (aktive Regeneration) durchgeführt. Fußballtennis, kurze geringintensive Kleingruppenspiele, einfache Abschlussübungen und simple Positionsspiele können hier stattfinden. Am zweiten Tag wird passiv regeneriert. Am Tag vor dem Wettkampf wird geringintensiv trainiert, um die Spieler für den Wettkampf „anzuschwitzen“. Zeitgleich dient diese Einheit als aktive Erholung von den intensiven Einheiten der drei vorherigen Tage. Es wird nur einmal täglich trainiert.

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Abb. 8

Am Dienstag – dem dritten Tag nach dem Spiel – wird die Intensität für die kommenden Trainingstage hochgefahren. Hier dominieren Spiel- und Übungsformen mit 5-7 Spielern pro Mannschaft (intensives Ausdauertraining, Abb.6).

Auf diese Weise wird die spezifische Schnelligkeit (Laufduell, Dribbling, Pressingbewegungen) in einem gruppentaktischen Kontext trainiert. Die Belastungsintensität ist nicht so hoch, wie beim Krafttraining (am Donnerstag) und nicht so langandauernd, wie beim Ausdauertraining (Mittwoch). Pro Spielform gibt es mehrere Wiederholungen. Zwischen diesen Wiederholungen sollen sich die Spieler einige Minuten von der Belastung erholen.

Am Mittwoch sind die Spielformen für 8-11 Spieler je Mannschaft gestaltet (extensives Ausdauertraining). Diese behandeln gruppen- und mannschaftstaktische Aspekte, sind von langer Dauer und von wenigen Unterbrechungen geprägt. Der mentale Stressfaktor ist wegen dieser wenigen Unterbrechungen in Verbindung mit der hohen Komplexität permanent hoch. Es wird zwar ohne größere Unterbrechungen trainiert, dafür ist aber die Intensität geringer. Die Spieler sollen auf diese Weise lernen, sich innerhalb der Übungs- und Spielformen zwischen den Aktionen zu erholen.

Donnerstag werden die spezifische Kraft und Explosivität (Zweikampf-, Schuss- und Schnellkraft) mittels intensiver Intervall- und Ausdauerübungen geschult. Die Übungen sind für 1-4 Spieler pro Mannschaft und kleine Räume konzipiert (Individual- und Gruppentaktik), wobei 3-gegen-3- und 4-gegen-4-Spielformen dominieren. Das führt zu sehr hohen aber kurzweiligen Belastungen mit mehreren Unterbrechungen und kurzen Erholungspausen. Gleichzeitig ist der mentale Stress für die Spieler nicht so groß wie in den Spielformen des Vortages.

5.2 Saisonphasen

Eine Saison wird grob in vier Phasen eingeteilt (Sommervorbereitung, Wettkampfphase I, Wintervorbereitung, Wettkampfphase II). Je nach Phase ändern sich im Laufe einer Saison Trainingsumfang und -intensität. In der Vorbereitungsphase werden die konditionellen Grundlagen wieder aufgebaut, die in der Sommer- oder Winterpause verloren gegangen sind. In der anschließenden Wettkampfphase wird entsprechend der Belastungsdichte zwischen den einzelnen Spielen die Trainingsintensität angepasst. Der strukturelle Aufbau einer Trainingswoche bleibt jedoch phasenübergreifend gleich (Abb. 8). Lediglich die technisch-taktischen Inhalte werden entsprechend dem Leistungsniveau modifiziert.

5.2.1 Vorbereitungsphase

Es stellt bis heute selbst in den Spitzenligen eine übliche Praxis dar, die Spieler in der Vorbereitungsphase durch ein bewusstes (teilweise unspezifisches) Übertraining völlig zu ermüden, um schnell einen hohen Fitnesslevel zu erreichen. Ein aktuelles Beispiel liefert Hertha BSC unter Pal Dardai, der gleich dreimal am Tag trainieren lässt (Valentin Stocker: „Ich bin jetzt 24 Stunden hier und hab‘ fast 4 Trainings schon gemacht.“). Angesichts der daraus entstehenden Verletzungsgefahren und der Vernachlässigung spielerischer Aspekte – nach Aussage von Neuzugang Mitchell Weiser wird „sehr viel ohne Ball“ gearbeitet – ist ein solches Vorgehen nicht nachvollziehbar. Zudem sind die konditionellen Vorteile nur von kurzfristiger Dauer.

„With the traditional quick built-up there will be more injuries and less playing style development. Will this make the team ready for the first league game?!“ – Raymond Verheijen

Es erscheint kaum plausibel, dass die Spieler in derjenigen Phase, in der sie in sämtlichen Bereichen (Technik, Taktik, Kondition) wieder an ein wettkampfadäquates Niveau herangeführt werden, über die Belastungsgrenze hinaus „gequält“ werden sollen. Denn dadurch sinken die körperliche und geistige, und infolge dessen auch die technisch-taktische Leistungsfähigkeit. Anstatt das Lernen zu fördern, wird es also tatsächlich beeinträchtigt. Und da sich die Teilsysteme des Körpers ohnehin erst im Laufe von Wochen an die Belastungen anpassen (Abb. 3), macht es auch aus biologischer Sicht wenig Sinn, Fitness erzwingen zu wollen. Dem Körper muss nach der langen Pause die Gelegenheit gegeben werden, sich kontinuierlich wieder an höhere Belastungen zu gewöhnen.

Die Sommervorbereitung hat eine Dauer von etwa 6 Wochen. In dieser Zeit sollte die Intensität nach und nach erhöht werden, um sich dem Wettkampfniveau schrittweise anzunähern. Dabei muss zwischen diesen Schritten ausreichend Regeneration ermöglicht werden. Zunächst werden das Herz-Kreislauf-System und die maximale Sauerstoffaufnahmefähigkeit auf ein wettkampfadäquates Niveau gebracht. Zu diesem Zweck werden die Trainingsspielformen in den ersten beiden Wochen der Sommervorbereitung auf einem geringintensiven Niveau gehalten. Das bedeutet, dass die individuellen Ballkontakte noch nicht unter 3 beschränkt und die Feldgrößen noch nicht zu sehr erweitert werden. Die Dauer der einzelnen Übungsformen ist noch gering (Abb. 9). Nerven- und Herz-Kreislauf-System passen sich in dieser Zeit nach und nach an die Belastungen an. Um die Heterostase trotz Anpassungen weiterhin herbeiführen zu können, wird die Dauer der einzelnen Übungen jede Woche verlängert. Anschließend wird die Anzahl der Wiederholungen und/oder Serien (die Serien stehen in Klammern) erhöht.

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Abb. 9

Ab der 3. Woche wird auch die Intensität erhöht, indem nun die jeweiligen Feldergrößen erweitert und individuellen Ballkontakte verringert werden. Diese kontinuierliche Steigerung erlaubt eine ganzheitliche Fortentwicklung der technischen, taktischen und konditionellen Fähigkeiten. Gegenüber klassischen Vorbereitungen sind die spielerischen Fortschritte größer, die Verletzungsgefahr geringer und die Fitness erreicht zum Saisonbeginn das gleiche Niveau.[22] Außerdem können die konditionellen Verbesserungen langfristig aufrecht erhalten werden. Ein Übertraining wird so vermieden. Strategische und technisch-taktische Aspekte werden zunehmend ausgebaut und präzisiert.

Auch die für die angestrebte Strategie notwendigen Taktiken und dazugehörigen Techniken werden periodisch geübt und gefestigt. In der Vorbereitungsphase werden die Grundlagen des gewollten Spielstils vermittelt, damit die Spieler die Ideen und Vorstellungen des Trainers kennen- und verstehen lernen. Hier sind vor allem die jeweils taktik- und strategiepsychologischen Komponenten entscheidend, damit die Spieler lernen, instinktiv die gewollte Strategie anzuwenden.

Die Dauer der Winterpause ist gegenüber der Sommerpause sehr gering (ca. 4-5 Wochen in der Bundesliga). In einigen Spitzenligen Europas (u.a. England, Spanien) gibt es gar keine Winterpause. In den übrigen Ligen kommt der Wettkampf- und Trainingsbetrieb nicht völlig zum Erliegen. Stattdessen wird das Spiel in die Halle verlegt. Aufgrund der geringen Dauer der Winterpause und dem Verlauf der Hallensaison, geht die athletische Leistungsfähigkeit – wenn überhaupt – nur zu einem geringen Teil verloren.

Wird mit der Vorbereitung auf die zweite Wettkampfphase (Rückrunde) begonnen, muss also nicht erst wieder mit den Grundlagen begonnen werden. Stattdessen wird die Wintervorbereitung ähnlich wie die Übergangsphase zwischen Sommervorbereitung und Wettkampfphase I (Wochen 4-5 der Sommervorbereitung, Abb. 9) gestaltet.

5.2.2 Wettkampfphase

In der Wettkampfphase ist die Belastungsintensität über mehrere Monate (August bis November/Dezember & Februar/März bis Juni) sehr groß. So finden neben dem regulären Training regelmäßig Wettkampfspiele statt. Verbesserungen der athletischen Leistungsfähigkeit sind in dieser Zeit kaum noch zu erreichen; stattdessen steigt mit zunehmendem Belastungsumfang die Verletzungsanfälligkeit.[23] Durch adäquate Trainingsreize und optimierte Regenerationsprozesse wird versucht, das körperliche Leistungsniveau beizubehalten und Verletzungen vorzubeugen.

Wie die Periodisierung aussieht, wenn 6 Tage zwischen 2 spielen liegen, wurde bereits gezeigt (Abb. 8). Liegen weniger als 6 Tage zwischen zwei Wettkämpfen, wird der jeweilige Morphozyklus anders gestaltet. Sind zwischen zwei Wettkampfspielen beispielsweise 5 Tage, wird an den beiden Tagen nach dem ersten Spiel wieder regeneriert. Am dritten Tag werden gruppentaktische Aspekte (Schnelligkeit) trainiert, am vierten Tag individual- und gruppentaktische (Kraft). Der Tag vor dem nächsten Spiel dient wieder der Regeneration und der Spielvorbereitung.

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Abb. 10: Morphozyklus (5 Tage zwischen zwei Spielen)

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Abb. 11: Morphozyklus (4 Tage zwischen zwei Spielen)

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Abb. 12: Morphozyklus (3 Tage zwischen zwei Spielen)

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Abb. 13: Morphozyklus (2 Tage zwischen zwei Spielen)

Liegen nur drei oder gar zwei Tage zwischen Wettkampfspielen, bietet sich keine Gelegenheit für intensives Training. Aufgrund der hohen Wettkampfbelastung müssen die Spieler ausreichend regenerieren. Andernfalls steigt die Verletzungsgefahr. Auf Spielformen für 8-11 Spieler wird angesichts der hohen Wettkampfdichte verzichtet. Der Stressfaktor wäre dabei zu hoch. Die Ausdauerfähigkeit wird durch die hohe Wettkampfdichte genug beansprucht.

Europäische Spitzenmannschaften absolvieren neben den regelmäßigen Ligaspielen am Wochenende auch internationale Partien in der Champions League (CL) oder der Europaleague (EL). Häufig finden die Spiele im Rhythmus Samstag – Dienstag/Mittwoch – Samstag/Sonntag (CL) oder Samstag – Donnerstag – Sonntag (EL) statt (englische Woche).

Diese hohe Belastungsdichte wirkt sich einerseits leistungsmindernd, andererseits verletzungsfördernd aus. Obwohl hinsichtlich der Anzahl und Distanz von Aktionen insgesamt keine signifikanten Unterscheide zwischen zwei Spielen innerhalb einer Woche vorliegen,[24] weisen Mannschaften, welche zwei Tage nach einer Wettkampfbelastung gegen Mannschaften spielen, die drei Tage zuvor einen Wettkampf bestritten, eine um 42% niedrigere Siegwahrscheinlichkeit auf. Insbesondere die Torerzielung in den letzten 30 Minuten des zweiten Spiels wird negativ beeinträchtigt.[25] Spielen Mannschaften an einem Mittwoch in der Champions League und am darauffolgenden Samstag in der heimischen Liga, erzielen sie durchschnittlich 0,55 Punkte weniger als sonst.

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Abb. 14: Morphozyklen im Laufe einer englischen Woche (CL)

Spielen Mannschaften an einem Donnerstag in der Europa League und am darauffolgenden Sonntag in der heimischen Liga, erzielen sie durchschnittlich 0,41 Punkte weniger als üblich.[26]

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Abb. 15: Morphozyklen im Laufe einer englischen Woche (EL)

Da sich mehr als 72 Stunden erholt werden müsste, um auf das konditionelle Ausgangsniveau zu gelangen,[27] stellen diese sogenannten englischen Wochen große Probleme für die Trainingssteuerung dar. Tatsächlich ist die Verletzungsrate bei Mannschaften, die zwei Spiele pro Woche bestreiten, erhöht.[28] Innerhalb englischer Wochen sollte also kaum intensiv trainiert werden. Die Einheiten werden primär der aktiven Erholung gewidmet.

Die hier dargestellten Beispiele von Morphozyklen sind der taktischen Periodisierung Jose Mourinhos nachempfunden. In der Saison 2013/14 absolvierte außer Manchester City keine Mannschaft der englischen Premiere League so viele Spiele wie der von Mourinho betreute FC Chelsea (57 Spiele; Länderspieleinsätze und Testspiele sind nicht berücksichtigt). Chelsea erreichte in dieser Spielzeit Platz 3 in der Liga (4 Punkte Rückstand auf Meister Manchester City) und kam ins Halbfinale der Champions League. Trotz dieser hohen Belastung hatte Chelsea in jener Saison die zweitwenigsten verletzungsbedingten Ausfälle (556 Tage). Lediglich Stoke City hatte nur einen Ausfalltag weniger, absolvierte aber auch nur 45 Spiele. Cardiff City belegte in dieser Statistik mit 609 Ausfalltagen Platz Drei (43 Spiele). Manchester City hatte in 57 Spielen 929 Ausfalltage (Platz 7), der FC Arsenal belegte mit 1716 Ausfalltagen den letzten Platz (54 Spiele).

Insofern kann ein positiver Zusammenhang zwischen den oben dargestellten Morphozyklen und einer verringerten Verletzungsanfälligkeit ausgemacht werden. Jose Mourinho schafft es offensichtlich, den Spielern trotz einer hohen Wettkampfbelastung genügend Erholung zu ermöglichen. Dabei erhalten die Spieler eine wettkampfadäquate Kondition und bekommen gleichzeitig viele spielerische Inhalte vermittelt, die es ihnen ermöglichen, auf europäischem Spitzenniveau mitzuhalten.

5.3 Rekonvaleszenz

Verletzungen sind nicht nur dahingehend nachteilig, dass der verletzte Spieler der Mannschaft fehlt. Der betroffene Spieler wird in der Zeit, in der er nicht spielen kann, seine bis dahin erarbeitete konditionelle Leistungsfähigkeit wieder verlieren. Er muss nach Abheilen der Verletzung erneut seine Kondition aufbauen. In diesem Fall entsteht ein Leistungsrückstand des betreffenden Spielers gegenüber dem restlichen Team. Wird die Belastungsintensität nach Wiedereinstieg ins Training für diesen Spieler auf einem sehr hohen Level betrieben, um den Leistungsrückstand schnell wett zu machen, entsteht wiederum eine Gefahr des Übertrainings. Neue Verletzungen können die Folge sein und wenigstens für diese Saison einen Kreislauf an Verletzungen für den Spieler verursachen.[29] Selbst Verletzungen, die in keinem direkten Zusammenhang mit der ursprünglichen Verletzung stehen, sind möglich. Zerrt sich ein Spieler etwa die Bauchmuskeln und fällt infolge dessen mehrere Wochen aus, kann ein übereilter Wiedereinstieg mit hoher Belastungsintensität zu Verletzungen der unteren Extremitäten führen (Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und realen Handlungen sind rein zufällig).

Aus diesem Grund, müssen verletzungsbedingt ausgefallene Spieler – unabhängig von der Saisonphase – langsam wieder an das notwendige Leistungsniveau herangeführt werden. Das bedeutet, dass sie ihre Verletzung zunächst ausheilen lassen und erst dann wieder ins Training einsteigen. Die Dauer des verletzungsbedingten Ausfalls gibt die erneute Vorbereitungsphase für diesen Spieler vor. Fällt ein Spieler mitten in der Saison wenigstens 4 Wochen aus, entspricht das in etwa der Dauer der Sommerpause. Somit fängt der betroffene Spieler wieder bei Null an. Er beginnt unabhängig vom Fitnesszustand der restlichen Spieler mit geringintensiven Übungen und braucht mehr Erholungsphasen, um sich nach und nach an das notwendige Leistungsniveau zu gewöhnen (Abb. 9). Die Einsatzzeiten in Wettkampfspielen werden stetig erhöht.

6. Fazit

Häufig liest und hört man, Fußballprofis seien gegenüber Spitzensportlern anderer Disziplinen trainingsfaul. Schließlich trainieren etwa Schwimmer und Leichtathleten teilweise bis zu 8 Stunden am Tag und haben ausgefeiltere Trainingspläne. Solche Kritiken unterliegen einigen Fehlannahmen. Zum einen ist es in Individualsportarten, wie dem Schwimmen oder der Leichtathletik wesentlich leichter, präzise Trainingspläne zu erstellen. Da jeder Sportler unterschiedlich auf Reize und Regeneration reagiert, ist es eine komplizierte Angelegenheit, das Training für Mannschaftssportler so zu steuern, dass sich sämtliche Teammitglieder einerseits gleichmäßig verbessern; sich andererseits aber nicht verletzen. Es müssen also neben individualisierten Trainingsplänen auch Trainingspläne für eine gesamte Mannschaft erstellt werden.

Zudem sind die Anforderungen in Sportarten wie der Leichtathletik und dem Schwimmen eher einseitig, während Fußballer vielfältige Fertigkeiten beherrschen müssen. Außerdem gibt es im Fußball keine wenigen Saisonhöhepunkte. Stattdessen muss beinahe über die Dauer eines ganzen Jahres und im Abstand von nur wenigen Tagen kontinuierlich ein hohes Leistungsniveau erbracht werden. Um das körperlich und auch geistig durchzuhalten, müssen Fußballer ausgiebig regenerieren.

In den letzten Jahrzehnten ist im Fußball nach dem Vorbild der Leichtathletik periodisiert worden. Das führte einerseits zu unspezifischen und isolierten Konditionseinheiten und war wegen der fußballfremden Praktiken wenig tauglich, um Verletzungen vorzubeugen. Auch die Bedeutung der neuronalen Ermüdung, der Leichtathleten nicht in der Form unterliegen, wie das bei Fußballern der Fall ist, wurde ignoriert. Der Wettkampf endet für Fußballer nicht nach 10 Sekunden intensiver Belastung. Sie müssen noch weitere 1,5 Stunden in unterschiedlichen Intensitäten absolvieren, wobei sie hochkomplexe Aufgaben zu bewältigen haben.

Tatsächlich gibt es noch immer unzählige Lücken hinsichtlich des Wissens um die beste Trainingssteuerung. Wie sich etwa das Wachstum und Änderungen im Hormonhaushalt während der Pubertät auf die körperliche Leistungsfähigkeit und Verletzungsanfälligkeit auswirken, ist nicht vollständig geklärt. Der überwiegende Teil von Studien bezieht sich zudem auf Männer. Zu Frauen und Mädchen liegen teilweise noch überhaupt keine Erkenntnisse vor.

Jedes Detail hat große Auswirkungen auf das Gesamtgefüge. Zu all diesen Themen muss zukünftig weitergeforscht werden, um eben die bestmögliche Trainingssteuerung ableiten zu können. In der Bewertung einzelner Methoden dürfen nur zwei Kriterien ausschlaggebend sein: Ist die Methode leistungsfördernd? In wie fern wird die Verletzungsgefahr gesteigert oder verringert? Bloße Erfahrungen und eingeschliffene Gewohnheiten („Das haben wir schon immer so gemacht.“) sind hingegen keine Bewertungsmaßstäbe. Die Verantwortung gegenüber den Spielern ist zu groß, als ihre Trainingszeit mit ineffektiven Übungen zu verschwenden oder sie mittels unüberprüfter Methoden der Gefahr von Verletzungen auszusetzen. Denn letztendlich sind es die Spieler, die auf dem Platz stehen und Leistung erbringen müssen.


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[25] Verheijen 2012, S. 8f.
[26] Verheijen 2012, S. 7.
[27] Nédélec et al. 2012 (m.w.N.).
[28] Dupont et al. 2010.
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Interview zum Neuroathletiktraining

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Spielverlagerung interviewte Coach Lars Lienhard von der Weddemann & Lienhard GbR – Focus-On-Performance, die Profisportlern ein Trainingskonzept anbietet, das auf den neurologischen Grundlagen des einzelnen Athleten basiert. Lienhard selbst war bereits unter anderem als externer Neuroathletikcoach mit dem DFB bei der letztjährigen Weltmeisterschaft in Brasilien.

Spielverlagerung: Wie unterscheidet sich euer Ansatz von anderen Trainingsmodellen?
Lars Lienhard: Nahezu alle Trainingskonzepte, die sich der Verbesserung von Bewegungen widmen, betrachten Bewegungen durch eine biomechanische Brille. Dabei werden nach der Trainingsintervention ständige Soll-Ist-Vergleiche angestellt, bis sich eine vermeintlich verbesserte Motorik einstellt. Das Gehirn und das Nervensystem als bewegungssteuernde Organe und die individuelle Bewegungsqualität spielen in diesen Konzepten leider kaum eine Rolle. Stattdessen wird von einem übergeordneten, personenunabhängigen Bewegungsideal ausgegangen. Aber Menschen sind keine Roboter, die alle demselben Leitbild entsprechen. Diesen Umstand haben wir zur Grundlage unserer Arbeit gemacht. Wir betrachten den individuellen und aktuellen Status quo des Menschen und versuchen, die neuronalen Hintergründe für den jeweiligen Ist-Zustand zu finden – eine Analyse, die so individuell ist, wie der menschliche Fingerabdruck.

Wie sieht das in der Praxis aus?
Bevor wir mit einem Athleten arbeiten können, erfolgt zuerst eine umfassende Anamnese über den neuronalen und körperlichen Zustand inklusive einer genauen Analyse seiner Verletzungshistorie. Dabei wird eine umfangreiche Untersuchung des Sportlers durch einen Blick in seine neuronalen Hintergründe vorgenommen. Dafür nutzen wir visuelle, vestibuläre und propriozeptive Tests und als wichtigen Basistest eine Ganganalyse aus neuronaler Perspektive. Es werden also mehrere Bereiche betrachtet, um einen individuellen Status Quo des Athleten zu bekommen.

Warum ist das wichtig?
Durch die Anamnese wollen wir eine detaillierte Verletzungshistorie erstellen. Dies zeigt uns, wo das Training gegebenenfalls starten könnte. Hier können anhand der aufgetretenen Verletzungen Rückschlüsse über Gehirnaktivitätsstrukturen (über- oder unterrepräsentierter Areale) gezogen werden (z.B. sind fast alle Probleme auf einer Körperseite etc). Wir gehen der Frage nach der Entstehung der Verletzung nach: Sind die Verletzungen aus Bewegungen entstanden oder durch Fremdkontakt bzw. Gewalteinwirkung von außen? Sind die Verletzungen immer bei ähnlichen Bewegungssituationen entstanden, z.B. Augen rechts oder Drehung nach links? etc.
Die meisten chronischen Probleme, wie etwa ein Beckenschiefstand, haben sehr selten rein mechanische Ursachen, sondern einen neuronalen Hintergrund. Die Bewegung und Haltung des Menschen wird vom zentralen Nervensystem gesteuert, so auch, wenn etwas schiefgestellt wird. Die Ursachen für einen Beckenschiefstand müssen immer individuell in der Historie des Athleten gesucht werden und sind nicht per se durch orthopädische Tests diagnostizierbar. Wenn es zu einem Beckenschiefstand kommt, sind in den meisten Fällen alle bewegungssteuernden Systeme beteiligt. Liefert etwa eine Körperseite dem Gehirn mehr und präzisere Informationen als die andere oder liefert ein Auge beziehungsweise ein Teil des Gleichgewichtssystems deutlichere und präzisere Informationen als die übrigen, werden diese auch mehr benutzt. Die Folge davon: Der Körper „verdreht“ sich.
Der Schiefstand ist also abhängig von Aktivitätsmustern im Gehirn, die vom visuellen, vestibulären und dem propriozeptiven System bewirkt werden können. Das Gehirn versucht, den mangelhaften Input zu kompensieren. Diese Kompensationsstrukturen lassen sich zwar mechanisch als Schiefstand messen. Aber es geht vielmehr um die Software, die hinter der Biomechanik steht.

Lars Lienhard hier mit der mehrfachen Skeletonweltmeisterin Marion Thees | copyright: focus on performance

Was genau steckt hinter dem visuellen, vestibulären und propriozeptiven System?
Die Augen und das visuelle System sind für die menschliche Bewegung und die Sicherung des „Überlebens“ in der Umwelt die wohl wichtigsten Sinnesorgane. Wenn ich – im übertragenen Sinne – den Tiger nicht sehe, habe ich ein Problem. Zusammen mit dem vestibulären System – dem Gleichgewichtssinn – im Innenohr orientieren und bewegen wir uns im Raum. Das bedeutet, dass die Präzision, Zielgenauigkeit, Stabilität und Balance jeder Bewegung an diese Systeme gebunden ist und von ihnen somit stark beeinflusst werden. Sie beliefern besonders die zahlreichen Hirnareale, die an der Bewegungssteuerung beteiligt sind, mit Input. Unser Gehirn nimmt diese Informationen auf und analysiert sie, um dann den motorischen Output zu bestimmen.
Im visuellen System geht es nicht nur um „gutes Sehen“. Das Sehen speziell im Sport umfasst mit dem Tiefensehen, der Blickwechselgeschwindigkeit, der Nah-Fern-Fokus-Geschwindigkeit oder der peripheren Wahrnehmung sehr viele visuelle Fertigkeiten und findet nicht in den Augen, sondern im Gehirn statt. Sagt bei diesen Fertigkeiten z.B. ein Auge dem Gehirn etwas anderes als das andere, wird unsere Leistungsfähigkeit direkt eingeschränkt.
Das Vestibulär-System sagt uns – grob vereinfacht –, wo oben ist und wie wir uns im Raum bewegen. Dieses Gleichgewichtsorgan kontrolliert also in erster Linie die Bewegung im Raum. Quasi alle Bewegungen des Menschen stehen mit diesem Organ in Wechselwirkung und werden wiederum von der Qualität der Signale beeinflusst. Neuronal sind die Augen und die Gleichgewichtsorgane extrem eng mit der posturalen Kontrolle (Haltung) als auch mit dem Kleinhirn verschaltet und haben direkten Einfluss auf die Muskeln, die für unsere Haltung zuständig sind, sowie auf die Integration aller Signale und die Koordination von Bewegungen. „Unspezifische“ Rückenschmerzen können bei schlechter Signalqualität schnell die Folge sein.

So viel zum Gleichgewicht und dem visuellen Sehen. Was ist mit dem propriozeptiven System?
Das propriozeptive System verarbeitet alle Daten, die von den Nerven-Endigungen im Körper kommen. Es gibt unserem Gehirn die Information, wie wir uns dreidimensional im Raum bewegen. Alle Daten aus den verschiedenen Nerven-Endigungen, die an der Bewegung beteiligt sind, werden zum Gehirn transportiert, analysiert, interpretiert und dann als Bewegungs-Output umgesetzt. Je bessere und genauere Informationen wir aus diesem System bekommen, desto bessere und klarere Informationen erhält unser Gehirn zur Verarbeitung und desto hochwertiger und effizienter kann es agieren.
Wenn zum Beispiel Gelenke im Fußwurzelbereich auf einer Seite blockiert sind, kommen aus diesem Bereich keine klaren Informationen mehr zum Gehirn. Bildlich gesprochen ist dieser Bereich ein „blinder Fleck“ für unser Gehirn. Das Gehirn braucht aber immer Sicherheit und Vorhersagbarkeit. Es kommt zu Schutzreflexen und die Muskelspannungen werden so verändert, dass die nichtkontrollierbare Struktur geschont wird. In der Folge werden die anderen, „klaren“ Strukturen mehr genutzt und die Bewegung läuft um den „blinden Fleck“ herum. Jedoch gehen und stehen wir den ganzen Tag auf den Füßen und müssen bei jedem Schritt das Zwei- bis Dreifache unseres Körpergewichtes auffangen und im Anschluss wieder verarbeiten. Diese Kompensationsstrukturen werden sehr hoch belastet und die Verletzungsgefahr ist enorm, besonders im Spitzensport. Die Konsequenz ist, dass das propriozeptive System wirklich als Basiselement für Athletiktraining gesehen werden muss.

Was passiert, wenn die Systeme nicht optimal arbeiten?
Wenn eine Information falsch, verzerrt oder zu spät im Gehirn ankommt, ist unsere Bewegung in diesem Moment für das Gehirn nicht vorhersehbar und kontrollierbar. Dann ergreift das Gehirn Schutzmaßnahmen, indem es etwa ein oder zwei Gänge zurückschaltet. Ist das Gefahrenlevel zu groß wird sich auch oft für Schmerz als Handlungsaufforderung entschieden. Selbstverständlich wird dadurch die Leistungsfähigkeit drastisch reduziert: die Bewegungsweite, die Kraft, die Reaktionsgeschwindigkeit. Denn aus Sicht des Gehirns besteht die Gefahr einer Verletzung.
Insofern haben die bewegungssteuernden Systeme in höchstem Maße mit unserer Leistungsfähigkeit zu tun. Je besser zum Beispiel das propriozeptives System ausgebildet ist, desto weniger Schutzreflexe (inkl. Schmerzen) nimmt der Körper vor. Infolgedessen arbeitet der Körper viel präziser und hat wesentlich mehr Kraft und Flexibilität. Unser Training führt zum einen zu einer verbesserten Signalqualität, und zum anderen zur gezielten Aktivierung der Hirnareale, die die Verarbeitung und Integration dieses Inputs im Gehirn gewährleisten. Auf die Performance eines Athleten bezogen folgt also ein verbesserter motorischer Output.

Ihr habt vom „Überleben“ und „Schutzreflexen“ gesprochen. Was hat es damit auf sich?
Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass unser Gehirn aus evolutionsbiologischer Sicht die Aufgabe hat, unser Überleben in der Umwelt zu sichern. Dafür muss es Gefahren für den Körper erkennen und uns auf diese aufmerksam machen. Unser Gehirn weiß nicht, ob wir gerade Sport treiben oder um unser Überleben kämpfen. Es bekommt Input, analysiert und wertet diesen aus und gibt dann einen Bewegungs- bzw. Handlungsoutput. Wenn wir dies auf ein Hochleistungstraining übertragen, sollten wir dafür Sorge tragen, dass sich unser Gehirn und Nervensystem in der Trainingsbelastung sicher fühlen und keine Gefahren aus der Umwelt oder aus dem eigenen Körper wahrgenommen werden. Werden aber die natürlichen Schutzmechanismen, wie beispielsweise Schmerzen, ignoriert oder gar ausgeschaltet – wie es manche Profivereine durch das sogenannte „Fitspritzen“ praktizieren –, kann das für den Körper gefährliche Folgen haben.
Unser Nervensystem funktioniert im Grunde wie eine Wache, die 24 Stunden, sieben Tage die Woche unsere internen Abläufe und Prozesse sowie unsere Umwelt genauestens beobachtet. Bei dieser Beobachtung bedient es sich aller Systeme im menschlichen Körper; zum Beispiel dem Sehen, Gleichgewicht, Hören, Riechen, Tasten, Bewegungsgefühl, Balance. Das ist wichtig, um ein permanentes Feedback aus dem Körperinneren und der Umgebung zu erhalten. Sämtliche Informationen laufen unentwegt durch einen „Bedrohungsfilter“. Wird keine Gefahr festgestellt, läuft alles ganz normal weiter. Wird allerdings eine reale oder potentielle Gefahr antizipiert, findet das Gehirn Mittel und Wege, uns auf diese Gefahr hinzuweisen. Dies äußert sich u.a. etwa durch Krafteinbußen, Bewegungseinschränkungen, diffuse Schmerzen, bewegungsinduzierte Verletzungen oder wiederkehrende Verletzungen. Kurz gesagt unsere Leistungsfähigkeit lässt nach. Um im Sport zu bleiben: Unser Nervensystem zieht bildlich gesprochen einfach bei Tempo 150 die Handbremse, um uns auf eine Gefahr, die z.B. durch unsere Bewegung im Training wahrgenommen wird, hinzuweisen.

Ihr arbeitet also vor allem daran, dass der Körper als Ganzes sensibler auf innere Reize und Umweltreize reagiert, damit er weniger anfällig für Verletzungen ist und gleichzeitig leistungsfähiger wird. Wie schafft ihr das?
Unsere Interventionsmaßnahmen beruhen im Allgemeinen auf sogenannten „Drills“; also Übungen, die die bewegungssteuernden Systeme betreffen und auftrainieren. Wir arbeiten sportartspezifisch größtenteils mit individuell ausgestalteten und auf das jeweilige „Neuro-Profil“ angepassten Augen-, Gleichgewichts- und spezifischen isolierten Gelenkkontrollübungen um die Qualität des Signalinputs zu verbessern. Diese Übungen werden allgemein ins Aufwärmen eingebaut und/oder als aktive Pausengestaltung genutzt und können recht allgemein gehalten oder auf das spezifische Anspruchsprofil des Trainings abgestimmt werden. Wurde etwa als schwächste Stelle bei einem Athleten ein Koordinationsdefizit auf der linken Seite festgestellt, d.h. sein linkes Kleinhirn braucht mehr Aktivität, so werden diesem Athleten verschiedene Kombinationen von Drills gegeben, die alle in der richtigen Dosierung das linke Kleinhirn aktivieren.
Meist wird ein starker Reiz vor einen kleineren und schwächeren Reiz geschaltet. In diesem Fall: Augen rechts stabilisieren, dann Kopfbewegungen nach links oder links oben oder rechts unten, gefolgt von nicht-linearen Bewegungen auf der linken Seite. Wichtig hierbei ist jedoch immer zu testen, was für welchen Athleten in welcher Dosis am besten wirkt. Daneben sollten die Drills noch ein bis dreimal über den Tag verteilt in Eigenregie vom Athleten gemacht werden, damit die hohe Belastung des Alltags nicht zu Einbußen in der Performance des Athleten führt. Denn im Gang muss pro Schritt das Zwei- bis Dreifache des Eigengewichts durch den Körper remoduliert werden.

Wie arbeitet ihr im Speziellen mit Fußballern?
Nachdem wir die bewegungssteuernden Aspekte angesteuert und optimiert haben, versuchen wir grundlegende Bewegungen zu verbessern, die für den individuellen Spieler wichtig sind. Das betrifft meist natürlich den Torschuss, aber auch positionelle Anforderungen oder die Verbesserung der spezifischen Wahrnehmung. Denn Schnelligkeit im Fußball korreliert nicht immer zwangsläufig mit der reinen Sprintleistung oder der Richtungswechsel-Beschleunigungszeit. Oftmals ist ein viel größeres Problem, dass der Athlet bestimmte Situationen langsamer wahrnimmt und deshalb später reagiert. Es gibt genug Beispiele von läuferisch nicht so schnellen Spielern, die in einer Spielsituation aber unglaubliche, situationsspezifische Schnelligkeitsleistung bringen. Um diese Schnelligkeit zu trainieren, gucken wir zunächst, wo es hinsichtlich der Wahrnehmung Defizite gibt. Eine schnelle Wahrnehmung und die Klarheit der Information aus ebendieser Wahrnehmung sind maßgeblich für den schnellen motorischen Output.

Worin liegt in diesem Bereich die Schwäche von biomechanischen Modellen?
Um überhaupt mit technischen Aspekten arbeiten zu können, legen wir zuerst die neuronalen Voraussetzungen für ein effizientes sportartspezifisches Techniktraining. Wir müssen bei jedweder Bewegung bedenken, dass jede Situation ein spezielles Anforderungsprofil hinsichtlich der motorischen Fertigkeiten an den Athleten stellt. Beweglichkeit, Kraft und Schnelligkeit sind immer körperpositions- und bewegungs- bzw. handlungsspezifisch. Um etwa eine optimale Handlungsschnelligkeit zu erlangen, muss der Athlet daraufhin überprüft werden, ob er den Anforderungen hier auch im vollen Maße Rechnung tragen kann. Ist der Athlet in der Lage, jedes Gelenk in jeder Schrittstellung bei jeder Oberkörperrotations-, Kopf- sowie Augenstellung in der optimalen Geschwindigkeit zu kontrollieren? Des Weiteren muss festgestellt werden, ob die technischen Vorraussetzungen situationsspezifisch vorhanden und vollends kontrollierbar sind. Meist ist dies nicht der Fall und wird auch so gut wie nie isoliert trainiert, obwohl diese Aspekte essenziell für eine gute Schnelligkeitsleistung sind.
Wenn bei einem Athleten außerhalb der reinen Sprintleistung Schnelligkeit beurteilt wird und diese verbessert werden soll, werden in der Regel klassisches Schnelligkeitstraining, Reaktionstraining oder Spielformen durchgeführt, die diese Fähigkeit trainieren sollen. In den meisten Fällen ist es jedoch suboptimal, damit zu starten. Denn eigentlich ist gerade in den Spielsportarten nicht derjenige der Schnellste, der sich am schnellsten bewegt, sondern derjenige, der sich als erster bewegt. Irritierend ist hier, dass es schnell aussieht aber eigentlich nur früher und effizienter stattfindet.

Wie geht ihr vor, wenn ein Spieler Defizite bei bestimmten Aktionen zeigt? Beispielsweise beim Torschuss?
Auch hier sehen wir uns zunächst das neuronale Anspruchsprofil hinter einem präzisen Schuss, unabhängig von der individuellen Schusstechnik, an. Um einen Schuss präzise platzieren zu können, bedarf es mehrerer Fertigkeiten. Zunächst muss die Entfernung bzw. die Tiefenmessung zum Objekt, unabhängig davon ob es sich bewegt oder nicht, ermittelt werden. Im Anschluss erfolgt die Ausführung selbst; der Schuss. Die Augen des Spielers müssen aus seiner Position ein Objekt verfolgen können. Sie müssen ggf. schnell von einer nahen in eine ferne Position springen oder umgekehrt und hierbei dem Gehirn jeweils klare Daten über Tiefe und Geschwindigkeit des Objekts liefern können. Oftmals vermittelt das eine Auge dem Gehirn jedoch etwas anderes als das andere Auge. Die Information eines Auges wird häufig regelrecht unterdrückt und schon sind die Tiefen- und die Geschwindigkeitswahrnehmung des Objekts reduziert. Das Gehirn kann quasi nur schätzen, wo sich das Objekt befindet. Der Bewegungsentwurf des Schusses im Gehirn ist somit nicht so exakt, wie er sein könnte.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Aufmerksamkeitslenkung auf den Bewegungsablauf des Schusses. In der Hierarchie der Bewegungssteuerung sind es die Augen, die hier die wichtigste Rolle spielen. Die meisten Spieler sind beim Schuss zu ziel- und zu wenig prozessorientiert. Sie wenden den Blick zu früh vom Ball hin zum Zielobjekt. Wendet sich jedoch der Blick weg vom Ball, muss das Gehirn quasi schätzen, wo der Ball genau ist und die Bewegung wird im entscheidenden letzten Abschnitt Blind ausgeführt. Die Wahrscheinlichkeit, den Ball optimal zu treffen, sinkt deutlich. Dadurch kommt etwa die Flanke oder der Abschluss nicht so präzise, wie er kommen könnte.
Unser Ziel ist es, dem Athleten zu vermitteln, länger prozess- und handlungsorientiert zu bleiben, um so die Qualität der Bewegungsausführung zu optimieren. Ihm sollte vermittelt werden, wie es sich anfühlt, den Ball genau zu sehen und den Blick länger auf dem Ball zu halten, bis der Fuß den Ball trifft. Verbessert sich diese Fertigkeit, erhöht sich die Schusspräzision meist sehr deutlich.

Ihr habt von der Orientierung im Raum gesprochen, was ja in Verbindung mit dem visuellen System gerade in engen und druckvollen Situationen für den Fußball von großer Bedeutung ist. Könnt ihr auch das Verhalten eines Spielers im Raum beeinflussen?
Wenn ein „gelernter“ oder „intuitiver“ Rechtsverteidiger auf einmal auf links spielen muss, bedeutet das für das Gleichgewichtssystem, das visuelle System und das propriozeptive System des Athleten große Umstellungen. Die Systeme müssen nun meist in den komplett anderen Raum drehen. Das Zweikampfverhalten, die Spieleröffnung kurz gesagt die gesamte Bewegungssteuerung ist anders. Oftmals ist es so, dass die Spieler an den Positionen gut spielen, wo das Gleichgewichtssystem und das visuelle System positionsspezifisch gut funktionieren und der Raum, in den hineingelaufen wird, sehr gut unter „Kontrolle“ ist. Testet man in der Praxis nun diese Systeme, werden hier meist sehr gute Reaktionen gefunden. Hier ist es nun wichtig zu wissen, dass die bewegungssteuernden Systeme nicht dadurch gut funktionieren, dass diese auch im Training mehr trainiert werden. Der Spieler geht intuitiv auf die Seite, wo seine Bewegung den Anforderungen besser Rechnung tragen kann.
Dass die Systeme auf der einen Seite besser funktionieren als auf der anderen hat aber weniger mit reiner Gewohnheit zu tun, sondern ist im Laufe des Lebens, durch Krankheiten, Verletzungen etc. entstanden. Wird ein Außenspieler auf einmal in die Mitte umgestellt oder gar auf die andere Seite, muss er jetzt auf der Position spielen, wo sein Gleichgewicht und/oder sein visuelles System für das Anforderungsprofil dieser Position schlechter funktionieren bzw. wo das Anforderungsprofil der neuen Position nicht auf sein neuronales Profil passt. Das heißt, dass Wahrnehmung, Bewegungspräzision, Koordination, Kraft und Schnelligkeit hier reduziert sind. Im Prinzip ist die Performance insgesamt runtergefahren, weil das Gleichgewichtssystem und die Augen des Spielers den Raum und die Bewegung im Raum nicht so gut kontrollieren können. Dadurch verliert der Spieler Geschwindigkeit bei der Drehbewegung in den neuen Raum und wird erst wieder schnell und sicher in seiner Performance, wenn das Gleichgewichtssystem und das visuelle System wieder durch eine zentrierte Kopfposition justiert sind.
Dies hat natürlich auch Auswirkungen auf die technisch-taktischen Aktionen, wie die Ballannahme oder die Schuss- und Passpräzision sowie das Zweikampfverhalten. Es sind also nicht nur die Füßigkeit, sondern auch die bewegungssteuernden Strukturen für die Performance auf dieser Position verantwortlich. Hier kann man sehr gute Resultate erzielen, wenn das Gleichgewichtsystem mit den Augen anforderungsspezifisch „auftrainiert“ wird. Trainiert man hier also zuerst die Grundlagen, gelingen die technisch-taktischen Umstellungen schneller und effizienter.

Vielen Dank für das Gespräch.

Erfahrungsberichte zum Neuroathletiktraining

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Nachdem wir bereits Lars Lienhard, Coach von Focus on Performance, im Interview hatten, möchten wir Euch unsere Erfahrungsberichte nicht vorenthalten. Eine kleine Abordnung von Spielverlagerung und Konzeptfußball war in Bonn zu Gast.

Bericht von Eduard Schmidt, Autor bei Konzeptfußball

Bevor ich in Bonn Martin Weddemann und Lars Lienhard von Focus on Perfomance kennenlernte, meinte ich keineswegs die Funktionsweise des menschlichen Körpers in Bezug auf sportliche Leistung verstanden zu haben, dennoch hing ich unterbewusst auch als reichlich kritischer Geist an einem bestimmten Bild. Einem mechanischen Bild. Einem Bild, das die Ursache von Schmerzen eben auch an der Stelle erkennt, wo sie auftreten. Wenn das rechte Knie schmerzt, muss das rechte Knie behandelt werden. Wenn die Augen so wie bei mir einem ständigen Zittern ausgesetzt sind, so kann man zwar am Augenmuskel eine Operation vornehmen, aber grundsätzlich nichts ändern.

Ich stellte mir Lars, den Neuroathletik-Trainer, als jemanden vor, der mich an ein Gerät anschließt, das mich vermisst, um mich anschließend an ein anderes Gerät weiterzugeben, mithilfe dessen ich trainiert werde. Vermutlich, weil man sich Wissenschaftlichkeit in einer solchen Gestalt denkt oder weil man glaubt, Fortschritt müsse sich in einer gewissen Art der Technologie niederschlagen. Stattdessen finden wir uns nach dem für solche Vorstellungen etwas zu ungesunden gemeinsamen Mahl in einem Gym wieder, das der Erscheinung nach irgendwo zwischen Künstlerwerkstatt und Produktionshalle liegt und wenig mit gewissen Vorstellungen von High-Tech gemein hat.

Lars beginnt zu erzählen von der Wichtigkeit der Augen, des Gleichgewichts sowie des propriozeptiven Systems für die Bewegungsausführung. Vor allem aber sagte er: “Bewegung findet im Gehirn statt”. Ein Satz dessen Tragweite ich nur langsam verstehe, die man womöglich derart abstrakt kaum begreifen kann. Das Ganze funktioniert eben nicht mechanisch. Vielmehr könnte und müsste man es eben als organisch oder systemdynamisch denken. Die Brücke zum Projekt “Spielverlagerung” bzw. in meinem Falle “Konzeptfussball” ist geschlagen: Versuchen wir mit Fokus auf die Taktik im Fußball nicht eben das zu tun, was Lars in Bezug auf die Bewegung an sich macht? Weg von alteingesessenen Betrachtungsweisen (“So wird es gemacht!”) hin zu anderen rationaleren und variableren Modellen, die vielleicht im ersten Moment nicht intuitiv zu begreifen, aber mit etwas Nachdenken leicht nachzuvollziehen sind. Einen Vorteil besitzt er gegenüber uns vielleicht: Seine Herangehensweise kann praktisch demonstriert beziehungsweise nachgefühlt werden, womit wir ebenso gespannt wie erwartungsvoll beginnen.

Zunächst das Schießen auf ein an die Wand geklebtes Dreieck, mehr nicht. Die einfache wie erstaunliche Aufgabe: Im Moment der Berührung auf den Ball schauen und nicht auf das Ziel. Im Sinne der Übung und der Überwindung des vorhandenen Reflexes auch noch eine Sekunde nach dem Schuss weiter auf den eigenen Fuß blicken, der zuvor die Bewegung ausführte. “Wenn du bei der Berührung ein gutes Gefühl hast, dann hast du auch getroffen”, spricht Lars beruhigend und erklärend zu uns. Tatsächlich werden die Schüsse genauer und gleichzeitig härter. Lars beweist eben das, was er selbst stets von sich sagt: dass er in erster Linie ein Coach ist. Einer, dem praktisch nichts entgeht. “Hast du den Ball wirklich gesehen? Hast du gesehen, wie dein Fuß ihn berührt hat?”. Immer wieder weist er auf Details hin und muntert gleichzeitig dazu auf, den gewohnten Bewegungsablauf beim Schuss nicht aus Verkrampfung zu verändern. Eine simple Übung, die funktioniert und ein erstes Gefühl für diese Art der Methodik gibt. Eine Erklärung lässt sich leicht finden: Das Gehirn nimmt ein Ziel eben genau in dem Moment wahr, in dem es sieht. Es speichert also bereits beim Anvisieren des Dreiecks seine Position ab. Ich brauche es nicht weiter anzuschauen, sondern kann mich auf eine qualitativ hochwertige Bewegungsausführung konzentrieren. Die Genauigkeit lässt sich durch zusätzliche Augenübungen noch steigern, wie wir am Folgetag feststellen werden.

Nun fährt Lars zunächst damit fort, einige Tests durchzuführen, um jene Gehirnareale ausfindig zu machen, die im Gegensatz zu anderen inaktiv sind. So lässt sich einfach ausgedrückt schnell feststellen, ob eher die linke oder die rechte Seite dominant ist. Dazu reicht es beispielsweise schon, während der Kopf leicht nach links oder rechts gedreht ist, seitlich gedrückt zu werden. Bei einer Kopfposition steht man vermutlich instabiler als bei der anderen. Zur Verbesserung der eher schwachen Seite und der inaktiven Areale werden dann spezielle Übungen absolviert, die zunächst von einer in der Kombination beinahe beängstigenden Simplizität und Effektivität sind. Einem sich bewegenden Stäbchen nur mit den Augen folgen. Den Kopf auf eine Seite drehen und anschließend wieder in die Mitte zurück. Einen Fuß oder eine Hand kreisen lassen, während die Augen einen Punkt fixieren. Beim Summen bewusst eine Seite fokussieren. Nach Durchführung ein paar solcher Aufgaben gelange ich beim Hinunterbeugen mit meiner gesamten Handfläche auf den Boden, ohne dass ich mich zuvor gedehnt hätte. Noch vor Start der kleinen Trainingseinheit hatte ich gerade so mit meinen Fingern an ihn heranreichen können. Ein möglicher Test, um die Effektivität der jeweiligen Maßnahme unweigerlich nachvollziehen zu können.

Bei mir wird beispielsweise weiterhin eine gewisse Schwachstelle gefunden, die wohl von Zeit zu Zeit ein Faktor für die ein oder andere Gemütsstörung sein kann. Was nun folgt, ist eine Art der Entspannungsübung, bei der ich gleichzeitig einen Geruch, meinen Herzschlag sowie Wärmeeinwirkung auf den Bauch wahrnehmen muss. Nach mehreren Durchgängen dieser meditativen Einheit wirkt mein Gang plötzlich zügiger und bestimmter. Erst jetzt fallen mir die anderen Sportler auf, die mittlerweile die Einrichtung betreten haben und kurz davor stehen, ihr eigenes Work-Out zu beginnen. Mehr noch: Ich blicke mit meinen Augen mehrere Momente durch die Gegend, ohne dass sie zittern. Daran war also doch etwas zu ändern.

Um die Dauerhaftigkeit des Fortschritts beizubehalten verschreibt Lars mir am nächsten Tag einige Übungen, die ich seitdem regelmäßig durchführe. Allein dass ich, der jedes sportliche Programm abseits des Fußballs nach spätestens ein paar Wochen aufgegeben hatte, daran festhalte, mag für eine gewisse Effektivität sprechen. Die Wichtigkeit eines subjektiven Erlebnisses darf man jedenfalls nicht unterschätzen. Das können wir neben vielem anderen im Fußball nutzen: Der Spieler muss fühlen, was ein richtiger Pass ist, ehe er ihn auch tatsächlich spielen kann. Das geht zunächst nicht über (explizite) Beschreibung sondern vielmehr über (implizites) Erleben.

Wir gehen nun noch gemeinsam auf einen nahegelegenen Bolzplatz, um die Übungen des Vortages mit deren weiteren anzureichern. Dieses Mal treten wir an, das obere Loch einer Torwand zu treffen, was nach einigen Minuten erfolgsstabil gelingt. Zumindest in die Nähe kommen wir nahezu jedes Mal. Anschließend werfe ich mit Lars scheinbar simpel einen Tennisball hin und her, auf dem Ziffern und Zeichen stehen, die beim Fangen gelesen werden sollen. Der Kopf darf dabei nicht bewegt werden, lediglich die Augen. Sie sollen den Ball über die gesamte Flugkurve verfolgen und auch noch in der eigenen Hand auf ihn schauen. Zugegeben: Zunächst überfordert mich das Ganze. Doch irgendwann verstehe ich es in einer Mischung aus eigenem Tun und hervorragendem Coaching. Schnell fliegt der Ball durch die Luft. Die Augen folgen ihm beinahe mannorientiert, erfreut über die Erkenntnis, dass sie sich auch willentlich bewegen können. So also fühlt sich Sehen an.

Dann noch nach Prüfung der Beinstabilität eine Übung zur Verbesserung derselben. Lars macht einen bestimmten Punkt am Fuß des instabilen Beins aus, auf den ich mich bei gleichzeitiger Beugung des anderen Knies leicht stütze, während ich mit den Augen einen Punkt in der Umgebung fixiere. Mehrfach auf und ab. Beim nächsten Test wirkt die Muskulatur, ohne dass ich zwischendurch heimlich ein Krafttraining absolviert hätte, deutlich kräftiger. Sie hält einem deutlich höheren äußeren Druck stand. Der darauffolgende Schuss ist mein bester während der beiden Tage. Ohne auf das Einschlagen des Balls im Kreuzeck zu schauen, weiß ich das. Martin bestätigt mit einem kurzen Jubel diesen Eindruck.

Überhaupt sollte ich Martin an dieser Stelle noch abschließend würdigen. Lars ist ohne Frage das Genie bei Focus on Perfomance. Wie er Bewegungen erkennt und angelehnt an die Methode von Dr. Eric Cobb optimiert, habe ich eindringlich beschrieben. Martin hingegen ist so etwas wie der Menschenfänger, der Organisator, derjenige, der Lars schlichtweg unters Volk bringt. Die beiden harmonieren dabei in einer Art und Weise, die für den Erfolg eines solchen Projekt unablässig ist. Zwischen den Trainingseinheiten unterhalten wir uns viel. Man merkt sofort, dass hier Leute am Werke sind, die die Welt des Fußballs nachhaltig verändern können. Auch wenn Lars diesen allseits geliebten Sport nach eigener Aussage gar nicht wirklich mag, versteht er ihn doch um ein Vielfaches besser als allzu viele andere, die sich Expertentum auf ihre Fahnen geschrieben haben. Bei der Verabschiedung sagt er zu mir sinngemäß: “Wir schaffen das.” Es ist lange nicht das Ende.


Bericht von MR

Bevor ich meine Eindrücke vom Neuroathletiktraining im Detail schildere, möcht ich kurz anmerken, dass ich mit keiner konkreten Erwartungshaltung an die Sache rangegangen bin. Da jetzt eine ziemlich krasse Lobhudelei folgt, ist es vielleicht relativ wichtig, dass diese auf einer einigermaßen unvoreingenommenen Sichtweise basiert. Ich hatte zuvor nur ein sehr kurzes Interview mit Lars Lienhard gelesen. In Bonn bei Focus On Performance angekommen wurde dann im Gespräch vor dem Training mein Interesse geweckt, indem neben ein paar Ergebnissen auch die Wirkweise dieser Herangehensweise näher erklärt wurde. Als das Training begann, brauchte es nur ein paar Sekunden, um durch erste Resultate auch meine Begeisterung zu wecken.

Wir begannen damit, dass ich kurz meine Verletztengeschichte umriss. Neben einem Knorpelschaden im linken Knie mit 18 Jahren schleppe ich seit mittlerweile bald 10 Jahren ständige Muskelprobleme im linken, hinteren Oberschenkel mit mir herum (etliche Zerrungen und wahrscheinlich mehrere Faserrisse). “Ich hab immer wieder zu früh angefangen” meinte ich zu Lars, der mir sofort widersprach. Das habe nichts damit zu tun gehabt, sondern sei ein Steuerungsproblem im Hirn. Was mir umgehend auch eindrucksvoll belegt wurde: Zum Testen meiner Hirnaktivität (?) sollte ich mit geschlossenen Augen verschiedene Finger zu meiner Nase führen. Wir stellten fest, dass mir das mit links bedeutend leichter fällt. Bei diversen Fingern der rechten Hand waren die letzten Zentimeter ein bisschen “blockiert” und die Hand begann zu zittern. Daraufhin sollte ich mich, wiederum mit geschlossenen Augen, im Kopf fünf Mal rechts herum um meine eigene Achse drehen – wohlgemerkt: nur in meiner Vorstellung. Gesagt, getan. Danach wiederholten wir den Test mit den Fingern und schon beim ersten Finger von rechts erschrak ich förmlich, da ich die Bewegung viel leichter und schneller umsetzen konnte. Statt auf den letzten Zentimetern abzubremsen, beschleunigte meine Hand nun regelrecht. So ein massiver, klar spürbarer Unterschied in der Motorik nach einer rein gedanklichen Übung von ein paar Sekunden war erst einmal höchst beeindruckend.

Vor dieser Übung sollte ich übrigens meine Beweglichkeit testen. Ganz normal, Beine durchstrecken und Handspitzen zu den Füßen. Vor der Übung war ich 15-20 cm vom Boden entfernt, beim erneuten Testen kam ich ohne jede Anstrengung rund 10 cm weiter runter. Ich mache diese kleine Rotation im Kopf nun übrigens regelmäßig vor dem Sport (und teilweise auch kurz währenddessen) und die Ergebnisse sind absolut zuverlässig reproduzierbar.

Anschließend machten wir die Schussübung, die Eduard bereits näher beschrieben hat. Ich startete aber erst einmal mit freiem Spielen auf die Wand. Nach kurzer Zeit unterbrach Lars und wir machten eine kleine Augenübung: Er führte mir eine Art metallenen Lolli langsam in Richtung der Augen. Ich sollte konzentriert einen Punkt darauf fokussieren, “achte auf die Lichtreflexion”. Anschließend spielte ich wieder frei auf die Wand und merkte sofort eine klare Verbesserung im Spielgefühl. Vor allem war meine Wahrnehmung des Balles in direkter Körpernähe bedeutend besser. Ich sah viel klarer die Aufsprungbewegungen des Balles, die Bewegungsgeschwindigkeit und die Höhe über dem Boden. Dadurch begann ich auch automatisch, mich deutlich sauberer zum Ball zu positionieren und das ganze Hin- und Her wurde spürbar flüssiger. Anschließend begann ich auf ein an der Wand angetaptes Kreuz zu schießen, wobei ich zunächst eine beständige Streuung von rund einem halben Meter hatte, ganz genau das Kreuz traf ich kein einziges Mal, soweit ich mich erinnere. Dann sollte ich aufhören dem Ball nachzuschauen und stattdessen noch eine Sekunde lang nach Ballkontakt mit dem Augen auf dem Ball bleiben. Das ist erst einmal gar nicht so einfach, da man ja in seinen Bewegungen sehr festgefahren und automatisiert ist. So gelang es mir auch bei den ersten drei, vier Mal gar nicht. Beim etwa fünften Versuch hielt ich den Blick unten und dachte sofort explizit, dass ich es dieses Mal korrekt umgesetzt hatte. Ich hob den Blick und der Ball schlug exakt auf dem Kreuz ein. Erneut ein sofortiges, beeindruckendes Ergebnis. In der Folge blieb es dabei, dass es mir nur hin und wieder gelang, meinen Blick richtig zu steuern. Wenn ich den Ball fokussierte, aber meine Anlauf- oder Schussbewegung dabei veränderte (zu viel Nachdenken, man kennt das), dann traf ich nicht. Aber in den Momenten, wo ich meine natürliche Schussbewegung mit einem klaren Blick auf den Ball verband, landete der Ball jedes Mal exakt auf dem Kreuz. Am nächsten Tag an der Torwand war es das gleiche Spiel.

Anschließend sprachen wir mit Lars über Positionen. Lars meinte, er könne mir meine Position bzw. meine bessere Spielfeldseite sagen, ohne mich jemals spielen gesehen zu haben. Dafür machte er einen simplen Test, um festzustellen, ob ich beim Blick nach rechts oder nach links ein besseres Gleichgewicht habe. Es ist wohl so, dass 95% aller Profifußballer, die auf der linken Seite spielen ein besseres Gleichgewicht mit Blick nach rechts haben – also die Blickrichtung, mit der sie ins Feld “hinein” schauen. Und andersherum. Mein Gleichgewicht war mit Blick nach rechts besser, was mich nicht überraschte – gleich mehr. Aber wie stark sich diese Tendenz auf Aktionen auswirkt, war dann doch mehr als überraschend. Erst demonstrierte mir Lars das, indem er mich einfach versuchte von der Seite wegzudrücken, während ich mit Körperspannung dagegen hielt. Mit Kopfhaltung nach vorne und nach rechts konnte ich mich gut dagegen stemmen. Mit Kopf nach links konnte Lars mich wegschieben wie Butter. Diese Metapher macht jetzt keinen Sinn, aber ungefähr so hab ich mich dabei gefühlt. Dass die Richtung der Kopfdrehung so stark die effektive Körperkraft beeinflusst, hätte ich nie erwartet und ist natürlich ein immens wichtiger Aspekt für das Zweikampfverhalten im Fußball. Deshalb war das wohl auch die Passage, die für mich wohl am stärksten “mindblowing” war. Während es bei all den Wahrnehmungs- und Hirnaspekten ja um Dinge ging, auf die man schwer durch Beobachtung kommen kann, bewegten wir uns nun im taktischen Feld und sprachen über Aspekte, die ich schon tausend Mal selber gesehen und gespürt hatte.

Kollege und Analyse- wie auch Intuitionsmaschine RM meinte interessanterweise mal zu mir, dass er mich als einrückenden Linksaußen ausgebildet hätte, was mich damals noch arg irritierte, weil ich von den Fähigkeiten her eindeutig ein Spieler für’s Zentrum bin. Ich hatte seitdem aber auch schon festgestellt, dass ich von der linken Seite aus bedeutend effektiver bin, zumindest als von rechts. Das hatte ich bisher jedoch vor allem darauf geschoben, dass ich eben Rechtsfuß bin. Nun ist mir klar, dass das nur ein kleiner Teil der Erklärung ist. Ich bin übrigens von rechts auch dann am effektivsten, wenn ich leicht nach hinten knickend einrücke, sodass ich das zu bespielende Feld und das Tor also mit Blick nach rechts wahrnehme. Ebenfalls spannend: Erst am Tag davor hatte ich bei einem Punktspiel drei Aktionen, bei denen ich mich über fehlende Präzision wunderte. Zwei davon waren Ablagen – die ich mit Blick nach links spielte. Und die dritte war ein ungestörter Schuss von rechts, den ich statt im langen Eck vor dem kurzen Pfosten im Außennetz platzierte. Dieser war nach einem langen, flachen Pass von links den ich sekundenlang verfolgte – natürlich mit Kopfdrehung nach links. Ich konnte mittlerweile auch bei zwei von mir trainierten Spielern einige merkwürdige taktische Verhaltensweisen durch ihr Gleichgewichtssystem entschlüsseln. Das Wissen um die Bedeutung dieses Aspekts ist unheimlich wichtig für die Einschätzung und Einordnung von taktischem Verhalten und individueller Präzision und sollte absolutes Basiswissen unter Fußballtrainern (oder Trainern allgemein) sein. Übrigens: Lars arbeitete letztes Jahr in Brasilien intensiv mit Benedikt Höwedes, als dieser von der gewohnten rechten auf die linke Seite versetzt wurde. Wer weiß, wie das ganze sonst gelaufen wär…

Nach dem Feststellen meiner “starken Seite” machten wir noch eine kurze fußballspezifische Übung dazu. Lars spielte mir Bälle von der rechten Seite zu, ich sollte sie einfach in den Raum mitnehmen – lief alles sauber und problemlos. Anschließend bekam ich die Bälle von links. Die Ballmitnahmen waren nun (mittlerweile erwartungsgemäß) wesentlich unsauberer, die Bewegung war etwas schwergängiger und langsamer. Die Bälle versprangen jetzt nicht katastrophal; wenn einem im Spiel sowas passiert, läuft das unter normaler technischer Streuung. Daher merkt man von selber wohl diesen Effekt nicht. Aber wenn man es fokussiert von beiden Seiten testet, stellt man doch einen ganz klaren Unterschied fest. Ich sollte dann kurz im Stand ganz banal die Kopfdrehung nach links konzentriert üben. Anschließend bekam ich wieder die Pässe von links – und siehe da: Nun liefen die Ballmitnahmen direkt viel flüssiger und sauberer. Ziemlich geil. Anschließend war ich auch beim Runterstoppen hochgelupfter Bälle ungewohnt konstant sauber.

Am zweiten Tag kamen dann noch weitere Dinge dazu. Beispielsweise zeigte mir Lars einen sogenannten Gelenk-Drill, eine Dehnungsvariante für eine Stelle im Fußgelenk, die sofort zu mehr Standfestigkeit und Beinkraft führte. Wir machten noch ein paar Augenübungen wie die von Eduard genannte mit dem Verfolgen eines Tennisballes. Der Konzentrations- und Rhythmusaspekt dabei führte bei mir – wohl als ungewollter Nebeneffekt – übrigens kurzzeitig zu einem Zustand von enormer Ruhe und Konzentration, den ich bisher nur ganz vereinzelt mal hatte und der mit guten fußballerischen Leistungen einhergeht. Als ich das bemerkte, versenkte ich auch erst einmal einen Ball völlig unbeschwert im oberen Loch der Torwand.

Obwohl wir es leider bei zwei recht kurzen Sessions belassen mussten und auch neuroathletisch nur ganz oberflächlich gecheckt wurden, sind die Ergebnisse schon nach kurzer Zeit ziemlich erwähnenswert. Vor allem sind meine Probleme mit dem hinteren Oberschenkelmuskel selbst ohne Aufwärmen völlig verschwunden. Die wurden in den zwei Monaten vorher zwar schon viel besser, aber nun hab ich den Eindruck, ich hätte mit dem Muskel nie Probleme gehabt. (Dabei hatte ich das Ding sozusagen schon abgeschrieben, so oft wie der kaputt gegangen ist.) Ansonsten hab ich das Gefühl, dass sich meine Koordination, mein Antritt und sogar meine Regeneration merklich verbessert haben, wobei das natürlich nicht so leicht überprüfbar ist. Das Wissen um die Gleichgewichtsaspekte ist übrigens auch auf dem Platz nutzbar: In einer Szene, wo ich in einer Bewegung nach rechts außen den Ball an der Strafraumecke bekam, drehte ich mich bewusst nicht wie gehabt in Laufrichtung nach links, um den Raum anzusteuern, sondern brach lieber die Bewegung ab und dreht mich über rechts sozusagen “nach hinten”, wodurch ich dann unter mehr Druck stand, aber den Ball schnell und sauber mit Außenrist ins lange Eck schlenzen konnte.

Fazit: Ich will nicht behaupten, dass Neuroathletik die Welt retten wird, aber man müsste mir schon eine utopische Quote anbieten, damit ich dagegen wette. Neuroathletik erscheint mir in puncto Verletzungsprävention, Reha, Athletiktraining und Techniktraining ein extrem mächtiges, regelrecht unverzichtbares Tool zu sein, verbindet so nebenbei mal die athletische und die taktische Ebene des Fußballs miteinander und liefert dazu noch gute, konstruktive Erklärungsansätze für individuelle Schwächen und Fehler von Sportlern (im Gegensatz zu “so ein Fehler darf auf diesem Niveau nicht passieren!”). Eigentlich ist es nur traurig, dass quasi die ganze Welt ohne diese Erkenntnisse Sport macht. Der Sport braucht eigentlich so schnell es geht so viele Neuroathletik-Trainer wie möglich. Das ist die Zukunft.

(Spiel-)Kreativität im Fußball

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Die Kreativität wird im Fußball häufig als eine der Schlüsseleigenschaften gesehen. Im Trainingsbetrieb wird sie dennoch oftmals übersehen.

Kreativität im Spiel und in der Wissenschaft

Die Suche nach wissenschaftlicher Literatur zu diesem Thema gestaltet sich bereits äußert schwierig. In der Recherche finden sich nur wenige Studien, welche sich explizit mit diesem Aspekt beschäftigen und die meisten beziehen sich lediglich auf die Kreativität als Persönlichkeitseigenschaft, nicht als Fähigkeit eines Akteurs in Sportspielen. Allerdings gibt es zumindest im deutschen Sprachraum lesenswerte Literatur.

Besonders tat sich in den letzten Jahren Prof. Dr. Daniel Memmert hervor, der eine Koryphäe der Forschung im Fußball ist. Zur Info: Memmert ist Institutsleiter für Kognitions- und Spielsportforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln. Seine Arbeit ist in diesem Bereich wohl auch weltweit federführend.

So finden sich in seinem Artikel „Kreativität im Sportspiel“ aus dem Jahr 2012 interessante Punkte aus der (Spiel-)Kreativitätsforschung, in der Memmert eigene Forschung betreibt. Insgesamt unterscheidet Memmert fünf unterschiedliche Forschungsaspekte:

  • Eine grundlagenorientierte Forschung über die Wirkungsmechanismen der kreativen Entwicklung sowie den Zusammenhang kognitiver Leistungen und visueller Aufmerksamkeitsprozesse (z.B. über die Wirkeffekte der inattentional blindness in Sportspielkontexten)
  • Theorie-Praxis-Transfer, u.a. mithilfe von sportartspezifischen Kreativitätstests
  • Analyse von direkten und indirekten Umwelteinflüssen auf kreative Sportler, wo sich u.a. zeigte, dass Wahrnehmungsvielfalt einen positiven Effekt auf kreative Entwicklung hat. Hier sind das „deliberate play“ und „deliberate practice“ wichtig.
  • Die erwähnten neuronalen Netzwerke, welche eine prozessorientierte Perspektive wiedergeben
  • Möglichkeiten für die Umsetzung in der Sportwissenschaft mithilfe motivationaler Theorien

Als theoretisches Fundament für die Definition der Kreativität – und somit die Grundlage für die oben angeführte Basis – fungiert die klassische Kreativitätstheorie Sternbergs.

„Kreativität ist die Fähigkeit etwas zu vollbringen, dass sowohl neuartig (original, unerwartet) als auch adäquat ist (nützlich, passend, an die Einschränkungen der Aufgabe angepasst)“

Dies kann sich nach Sternberg auf acht unterschiedliche Arten äußern:

  • Replikation (replication)
  • Re-Definition (redefinition)
  • Weiteres Vorwärtsbringen im Sinne der aktuellen Richtung (forward incrementation)
  • Weiteres Vorwärtsbringen über den Punkt hinaus, wohin andere gehen würden (advance forward movement)
  • Re-Direktion (redirection)
  • Re-Direktion in die Vergangenheit (redirection from a point in the past)
  • Neustart / Re-Initiation (starting over / re-initation)
  • Integration zweier unterschiedlicher Ideen in eine (integration)

Basierend darauf entstand folgendes Modell, welches grundsätzlich das Konstrukt der Kreativität in seiner Gesamtheit abbilden soll und obige Definitionen beinhaltet:

Kreativität1

Die meiste Forschung konzentriert sich vorrangig auf die Interaktion von Ressourcen und die bereichsrelevanten Kreativitätsfähigkeiten. Für ersteres taugen – wenn auch nicht gänzlich perfekt – die Bücher „The Talent Code“ von Daniel Coyle und „The Gold Mine Effect“ von Rasmus Ankersen. Die taktische Analyse konzentriert sich auf die bereichsrelevanten Kreativitätsfähigkeiten und – teilweise – auf Entwürfe von kreativen Vorhaben, ebenso wie natürlich die Gehirnforschung (aus einer anderen Perspektive) dies deutlich tiefgreifender macht.  Die statistische Analyse bezieht sich vorrangig auf die Evaluation der kreativen Produkte. Memmerts Werke konzentrieren sich vorrangig, aber nicht nur, auf die ersten beiden Aspekte.

Aus diesem Modell Sternbergs (u.a.) wurde von Roth das sogenannte konvergente taktische Denken und divergente taktische Denken abgeleitet. Ersteres ist mit dem Begriff der Spielintelligenz gleichzusetzen; einem fast schon klischeehaft und inflationär gebrauchten Wort in der Bewertung und Ausbildung von Sportlern. Letzteres wird als Spielkreativität bezeichnet.

Grundsätzlich ist jedoch die Frage nach dem Sinn einer solchen Unterteilung zumindest kritisch zu stellen. Spielintelligente Bestlösungen gibt es nicht als objektive Bestlösungen. Sie müssen immer spezifisch zu einer bestimmten Strategie bzw. dem Spielmodell und besonderen Zielen zu sehen sein. Auch der Gegner und die Konkurrenz spielt hier eine Rolle. Diese Faktoren machen eine objektive Bestlösung zumindeset in dynamischen und komplexen Sportarten unmöglich, insbesondere weil die genaue Funktionsweise (zumindest in Teamsportarten) von Erfolg nicht eindeutig klärbar ist.

Notes Towards A Critique Of Twentieth-Century Psychological Play Theory von Brian Smith ging zumindest ansatzweise in eine solche Richtung. So kritisierte er die Segmentierung und isolierten Einzelbetrachtung von Spielen und Spielern, welches anhand der Teamsportarten ebenfalls passend ist; die kollektive, interagierende Natur ist entscheidend zum Erreichen der Ziele und insofern ist der jeweilige Gegenüber Mitgründer dafür, dies zu schaffen.

Dies ist auch der Hauptgrund, wieso Spielformen aller Art vermehrt im Training genutzt werden und sich als überaus effektiv zeigen. Charlotte Bühler prägte zum Beispiel den Begriff der “Funktionsspiele”, welches ich persönlich als Wort für die Methode der spielformorientierten technisch-taktisch-strategischen Spielerausbildung nahezu als ideal sehe.

Nichtsdestotrotz ist Roths Modell schon rein aus praktischen Gründen durchaus nützlich und haltbar. Dennoch sollte die genaue Art der Definition nochmals geprüft werden.

Der Schwelleneffekt mit Intelligenz und die Bedeutung für die Spielertypen

Wer sich näher mit Psychologie beschäftigt hat, dürfte vom Schwelleneffekt der Kreativität mit der Intelligenz gehört haben. Demzufolge können wenig intelligente Personen nicht wirklich kreativ sein, sehr intelligente Personen müssen aber nicht unbedingt kreativ sein, besitzen aber die kognitive Veranlagung dazu. Insofern können leicht überdurchschnittlich intelligente Personen auch extrem kreativ sein. Deswegen ist folgendes Schema Roths nicht haltbar:

Kreativität2

Der sogenannte „verrückte Spieler“ kann zwar in diesem Schema divergent denken, aber seine Aktionen sind letztlich oftmals zwar unorthodox, aber nicht konstant zielführend und strategisch effektiv. Ein „intelligenter Spieler“ verfügt nicht über das divergente Denken, während ein „kreativer Spieler“ alle Fähigkeiten besitzt. Diese Einteilung finde ich schlichtweg falsch, da ich den zugeschriebenen Attributen widersprechen würde.

Der verrückte Spieler kann meiner Meinung nach nicht kreativ agieren, weil ihm die intelligente Basis fehlt, um kreative (also auch effektive und nützliche Sachen) zu kreieren. Die Aktionen des „verrückten Spielers“ sind in der Regel nur zufällig effektiv, insofern sollte diese Bezeichnung überdacht werden. Sogar die Fähigkeiteneinteilung des intelligenten Spieler ist nicht optimal, auch wenn nicht grundsätzlich falsch. Für mich bietet sich darum ein anderes Schema an.

Kreativität3

Hier habe ich versucht die Funktionsweise in die Definition des Spielertyps zu integrieren. Der Spieler mit hoher Spielintelligenz, aber ohne Kreativität, ist schablonenorientiert. Er verfügt über erfolgsbringende Strategien, kann diese aber taktisch nicht effektiv anpassen oder unorthodox verändern, um zusätzlichen Erfolg zu bringen. Der musterorientierte Spielertyp besitzt diese strategisch wichtigen Schablonen, kann aber effektiv und nützlich aus diesen herausbrechen, um die richtige Lösung in unüblichen Situationen bzw. unübliche (und korrekte) Lösungen in typischen Situationen zu finden. Der orientierungslose Spieler kann zwar versehentlich ebenfalls unübliche Lösungen an den Tag legen, ihre Wirkung ist allerdings zufällig.

Anhand dessen wird auch klar, dass Spielintelligenz und Spielkreativität nicht voneinander isolierbar zu trainieren und betrachten sind. Vielmehr müssen sie im Trainingsbetrieb gemeinsam aufgebaut werden.

Spielkreativitätstraining und Spielintelligenztraining

Meistens werden im Training der Spielintelligenz Situationen kreiert, welche bestimmte taktische Probleme abbilden und die Spieler dahingehend schulen sollen, wie sie im Rahmen der Vorstellungen des Trainers bzw. dem Spielmodell der Mannschaft diese zu lösen haben. Viele Trainer generieren dabei sehr eindeutige, repetitive Situationen und/oder nutzen explizite Kommandos zur Ausbildung der Spielintelligenz. Dies ist ein Problem, da es sowohl Spielintelligenz- als auch Spielkreativitätstraining in der Effektivität eindämmt. Stattdessen müssen taktische Probleme kreiert werden, welche auf viele unterschiedliche Art und Weise bewältigt werden können.

So korreliert die Bewältigung unbewusster und unkontrollierbarer Situationen mit Kreativität und die sehr diffusen Situationen führen durch die Schemaverstöße zu Verbesserungen. Eine quasi-experimentelle Studie von Raab, Hamsen, Roth und Greco aus 2001 zeigte nach Memmert und Roth (2007) Folgendes:

In conclusion, however, the data tend to support the view that non-specific and specific concepts are similar in terms of creativity development. As the comparisons of the percentage increases of the treatment phases have shown, the non-specific approaches can be even more useful in the long term. A quasi-experimental study by Raab, Hamsen, Roth, and Greco (2001) indicated that Brazilian children – with broad and unguided stimuli and game experiences – showed greater improvements in creativity than German children who had received game-specific training and high-grade instruction in sports clubs. – Aus Memmert & Roth (2007): The effects of non-specific and specific concepts on tactical creativity in team ball sports.

Diese Studie untersuchte ebenfalls, wie sich unkontrollierte Situationen auswirken und dass die positiven Effekte auf die Kreativität – wider Erwarten der traditionellen Trainer! – vorhanden sind; und zwar in unterschiedlichen Sportarten. Allerdings zeigte sich auch, dass beim Fußball – durch die Raumdimensionen, die Spielerzahl und Regeln der komplexeste Spielsport – der Effekt zumindest etwas geringer ist. Eine Erklärung wäre natürlich, dass die Komplexität so hoch ist, dass ein unstrukturiertes Spiel nicht zu einem Lerneffekt mithilfe des impliziten Lernens führen kann. Allerdings geben Memmert und Roth eine Alternativerklärung:

A selection effect, which always needs to be taken into consideration in field studies, could have played a role in the good performance of the soccer-specific group, in comparison with the non-specific groups. In Europe, football is by far the most common sport first participated in, especially among boys. Good adult footballers, who often have talented children, tend to send their offspring to soccer-specific training at an early age. Previous experience has indicated that it is difficult to find and convince talented children (or rather the parents of talented children) to take part in nonspecific training.

Dennoch lässt sich konstatieren, dass ein Training in Spielformen, oft gänzlich ohne Instruktionen, deutlich effektiver ist als vielfach angenommen. Basierend auf diesen Erkenntnissen ergeben sich nach Memmert (2014) diese sechs Möglichkeiten zum Training taktischer Kreativität:

Kreativität4

Memmert (2014): Tactical Creativity in Team Sports

Dieses Schema mit sechs unterschiedlichen Aspekten des kreativen Trainings ist interessant und sportart- bzw. somit spielübergreifend anwendbar. Bei Lopes (2011) (Wirksamkeit von impliziten und expliziten Lernprozessen. Aneignung taktischer Kompetenzen und motorischer Fertigkeiten im Basketball) finden sich auch die drei grundlegenden Arten des Taktiklernens nach Roth übersichtlich wieder:

  • Das spielerische Lernen bezeichnet die Entwicklung des Spielverständnisses.
    • Hier geht es um die Suche nach Lösungen für ein taktisches Problem basierend auf einem konstruktivistischen Ansatz.
    • Durch die eigene Suche nach der Lösung können also unterschiedliche Lösungswege gefunden werden, die von der üblichen Norm abweichen können. Dennoch ist das Ziel weiterhin gegeben und die erfolgreiche oder erfolglose Lösung des Problems ist für Spieler sowie Trainer klar erkennbar.
    • Das Spielverständnis wird hierbei geschult und anhand dieses Spielverständnis sowie der impliziten Regeln bestimmter Aspekte des Spiels entstehen kreative und intelligente Handlungen.
  • Das unangeleitete Spiel stellt im Sinne des impliziten Lernens die Möglichkeit dar ohne Struktur ein Gefühl für das Spiel und die Lösungsideen zu entwickeln.
    • Der geweitete Aufmerksamkeitsfokus soll langfristig zur Spielkreativität führen.
    • Durch das unangeleitete Spiel gibt es keine Vorgaben, wodurch die Spieler immer wieder neue Situationen unterschiedlichster Natur lösen sollen.
    • Die geringere Struktur kann zwar zu einer (verzögerten) Entwicklung der Spielintelligenz führen, das variiert jedoch nach Sportart und Aufbau des „unangeleiteten Spiels“. Im Fußball können z.B. bestimmte Regeln oder Spielformen das Spielverständnis implizit schulen.
  • Das vielseitige Spiel ist im Sinne des differenziellen Lernens zu sehen, wo durch das Prinzip der Verfremdung einer Situation neue Lösungsideen generiert werden.
    • Dazu werden variable, veränderte Spielformen des Spiels mit unterschiedlicher Betonung der jeweiligen Aspekte genutzt.
    • Indem eine Situation immer wieder neu verändert und angepasst wird, erfahren die Spieler, dass es unterschiedliche Lösungen für prinzipiell ähnliche Probleme gibt.
    • Dadurch erweitern sie ihre Lösungs- und Situationskenntnisse, wodurch sie zwischen diesen flexibel Assoziationen bilden können.

In Memmerts oben angeführtem Schema könnte man zum Beispiel sagen, dass „Deliberate-Play“ und „Delibarate-Coaching“ unangeleitete Spiele darstellen, „1-Dimension-Games“ und „Deliberate Practice“ ins spielerische Lernen fallen und „Deliberate-Motivation“ sowie „Diversifications“ am ehesten zum vielseitigen Spiel gehören.

Auf höherem Niveau ist das instruktionsfreie Spiel allerdings nicht uneingeschränkt zu empfehlen. Insbesondere dynamische Teamsportarten sind so enorm komplex, dass ohne gewisse strategische Richtlinien Chaos ausbrechen würde; der pure Zufall würde vermeiden, dass bestimmte technische oder physische Fähigkeiten genutzt werden können, desweiteren wäre jegliches Interaktionsspiel innerhalb der Mannschaft nicht planbar und das Spielergebnis somit Glücksspiel. Besonders im Leistungssport kann sowas natürlich nicht praktiziert werden.

Hierbei ist wichtig, dass Spielintelligenz primär durch besondere, klare Regeln, Richtlinien und Vorgaben in den Spielkontexten des jeweiligen Sports vermittelt wird (aber natürlich weiterhin in Spielformen). Kreativität hingegen wird anders ausgebildet, nicht direkt vermittelt (beziehungsweise nur sehr ansatzweise), sondern über ein bestimmtes Umfeld kreiert. Der oben erwähnte Faktor der breiten Aufmerksamkeit ist hierbei entscheidend.

Indem es verstärkt „Schemaverstöße“ mit den bisherigen Erfahrungen und Strategien gibt, entsteht ein unerwarteter Verlauf im Spiel. Diese sorgten für einen größeren und breiteren Erfahrungsschatz. Die Erfahrungen wiederum können dann in anderen, „orthodoxeren“ Situationen genutzt werden. Insgesamt sind es also schlichtweg unkontrollierte und unstrukturierte Spielsituationen, die für mehr Kreativität sorgen. Das bedeutet auch, dass eine große Bandbreite an Informationen, die variabel und frei zugänglich ist, zwar für eine diffuse Aufmerksamkeit sorgt, diese aber eben vorteilhaft für die Entwicklung der Kreativität ist. Wie genau ist dies allerdings umzusetzen?

Spielkreativitätstraining in der Praxis

Insgesamt taugen Spielformen anstatt isolierter Übungen für beide Aspekte, Spielintelligenz und Spielkreativität; so wird auch die Funktionalität und Differenzialität der jeweiligen Sportart stärker betont, welche im aktuellen Coaching eine extrem wichtige Rolle einnehmen.

Beispielsweise ist im Handball ein Wurf aus einer bestimmten Distanz zwar eine gute Übung, doch ohne das Herausspielen dieser Situation, den Druck des Gegenspielers oder einen aktiven Torwart wird der Wurf nur ein Wurf sein und keinerlei taktischen Lerneffekt (sondern nur einen isoliert technischen) haben. Im Fußball ist dies ebenfalls der Fall. Dadurch kann man auch konstatieren, dass sich technische Aspekte nicht von taktischen Komponenten trennen lassen und verbunden zu betrachten sind.

Da Spielformen dynamisch sind und der Kontext immer variiert, gibt es somit die Möglichkeit sowohl die Spielkreativität als auch die Spielintelligenz zeitgleich und effizienter zu trainieren. Gleichzeitig wird damit schon ansatzweise das „vielseitige Spiel“ bei den Lerntypen erfüllt, weswegen es im letzten Teil des Portfolios schon mit dem differenziellen Lernen verglichen wurde. Basierend auf dieser Logik wäre es interessant, wenn man besondere Spielformen zu spezifischen taktischen Problemen der jeweiligen Sportart herstellt, um diese in weiterer Folge sowohl mit expliziten Inhalten zur Spielintelligenz als auch freien, impliziten Variationen zur Spielkreativität füllen zu können.

So könnte zum Beispiel im Fußball eine Übung kreiert werden, welche ein 5-gegen-5 darstellt und auf einem rautenförmigen Platz gespielt wird. Dieses Setting hat die Situation entfremdet (anstatt eines rechteckigen Spielfelds), wodurch die Spieler automatisch zu besonderen und unüblichen Aktionen gezwungen werden. Innerhalb dieser Spielform werden die Spieler also in der Spielkreativität geschult und können sich hier entwickeln; gleichzeitig ist es möglich bestimmte Aspekte eines taktischen Schemas zur Entwicklung der Spielintelligenz in diese Übung einzubauen.

Eine Möglichkeit wäre es, dass man jedem Spieler bestimmte Richtlinien gibt oder bestimmte Instruktionen vorgibt, welche die Komplexität einschränken und die Strategie des Teams widerspiegeln. Dadurch könnte man die Spielkreativität in besonderen Aspekten weiterentwickeln, während man das Gleiche bei der Spielintelligenz in anderen Aspekten oder gar überlappend ebenfalls praktiziert.

Allerdings ist nicht nur die Art der Übung wichtig, sondern auch die Periodisierung. Ein Faktor ist natürlich, in welchem Alter so etwas gemacht wird. Neueste Erkenntnisse in den Neurowissenschaften scheinen zu indizieren, dass Kreativität sich schon sehr früh im Leben entwickelt und ähnlich stabil wie die Intelligenz über die Jahre verläuft. Deswegen wäre es wichtig, dass in den frühesten Jahren Kinder ein sehr vielseitiges und variables Spiel verfolgen dürfen, um die Spielkreativität zu entwickeln. Hier wären instruktionsfreie Spielformen zu Beginn noch empfehlenswert.

Jedoch ist noch unklar, wie das genau aussehen soll. Die Ergebnisse zwischen eines unspezifischen (sportartübergreifenden) und sportartspezifischem Kreativitätstraining variieren; so sollen sich in vielen Sportarten keine wirklichen Unterschiede zeigen, wobei sich beide Gruppen besser entwickeln als die Kontrollgruppe mit einem klassischen Trainingsprogramm. Zusätzlich gab es Transfereffekte zu beobachten.

Desweiteren zeigten Studien, dass Trainingsprogramme zur Aufmerksamkeitserweiterung größere Verbesserung brachte, wenn die Übungen reicher an Komplexität waren. Und andere Untersuchungen legten näher, dass es signifikante Unterschiede zwischen Gruppen gibt, welche mehr Zeit in unstrukturierten Spielaktivitäten verbrachten; es gab nur einen marginal signifikanten Unterschied zur gesamten Trainingszeit!

Insofern wäre es empfehlenswert, wenn man jungen Spielern – welcher Sportart auch immer – in den ersten Jahren sehr wenig Instruktionen und Anleitungen gibt. Ideal wäre es, wenn Kinder in

  1. unterschiedlichen, restriktionsfreien Spielformen in ihrer Sportart
  2. unterschiedlichen, restriktionsfreien Spielformen anderer Sportarten

üben. Dies entspricht auch Erkenntnissen der Neuropsychologie in Bezug auf die Effektivität von implizitem und explizitem Lernen in Bezug auf das Alter. Besonders das sogenannte „entdeckende Lernen“ im Anfangsstadium des Erlernens einer Sportart und des Generieren eines „Sense of Play“ sorgt für die Entwicklung von Spielkreativität und Spielintelligenz. Zusätzlich gibt es zahlreiche positive motorische Effekte in der Bewegungserfahrung der Kinder, welche auch präventive und gesundheitliche Vorteile mittel- und langfristiger Natur haben.

Eine weitere Variante der Periodisierung des Spielkreativitätstrainings im Sport bezieht sich auf den genauen Einbau besonderer Übungen zur Kreativität in ein Training. Meistens gibt es in Teamsportarten eine warm-up-Phase, eine Trainingsphase mit unterschiedlichen Übungen unterschiedlicher Intensität unter einem großen technisch-taktischen Leitbild im Sinne der jeweiligen Teamstrategie sowie eine cool-down-Phase. Auch hier wäre es somit empfehlenswert, wenn man unterschiedliche Spielformen kreiert, welche sowohl Spielintelligenz als auch Spielkreativität trainieren können. Wie Ritter und Dijksterhuis z.B. zeigten, gibt es eine gewisse „Inkubationszeit“ beim Generieren von Kreativität.

Somit wäre es interessant, dass man Spielformen mit gewissen anderen Übungen dazwischen praktizieren lässt. Meist wird nämlich nicht direkt beim ersten Versuch eine kreative Lösung generiert; besonders nicht, wenn dazu keine Aufforderung besteht. Wenn jedoch dieses Ziel festgelegt wird und es eine Inkubationszeit nach der Erstanwendung gibt, so steigt die Wahrscheinlichkeit auf kreative Lösungen beim nächsten Mal.

Darum könnte man einen „undemanding task“ (z.B. ein bereits bekanntes Taktiktraining, ein Fokus auf die simple Repetition von Abläufen, eine weniger komplexe Passübung, etc.) zwischen zwei sehr komplexe und instruktionsfreie Spielformen, die dem Spielkreativitätstraining dienen, einbauen. In weiterer Folge wäre es auch möglich, dass man die Übung zwischen den zwei Spielkreativität-fokussierenden Übungen bewusst so baut, dass sie den Spielern neue, kreative Lösungen näherbringen kann.

Alternativ könnte auch getestet werden, ob dieser Ablauf effektiv ist beziehungsweise wie effektiv er ist, während eine Variation dieser Periodisierung sich nicht auf einen Trainingstag, sondern auf eine Trainingswoche bezieht.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass klare Hinweise auf

  • auf die Fähigkeit zur Steigerung der Spielkreativität
  • auf eine höhere Effektivität bei jungen Spielern

vorliegen. Die genaue Anwendung dieser Erkenntnisse – in Bezug auf Arten des Lernens, spezifische Übungen und Exekution dieser Übungen – ist jedoch noch unklar. In weiterer Folge wäre es primär interessant für bestimmte Sportarten Übungen zu kreieren, welche sowohl Spielkreativität als auch Spielintelligenz entwickeln können (inklusive Variationen davon), bevor die Effektivität davon getestet werden kann.

Ideen aus der Wissenschaft und Praxis

Im Leistungssport  entwickeln sich oftmals ganz eigene Ideen und Paradigmen, welche durch den Wettbewerb in sich und das enorme Geld im Sport teilweise Methoden entwickeln, die nicht publik oder offiziell wissenschaftlich getestet werden, den jeweiligen Vereinen oder individuellen Athleten Wettbewerbsvorteile bringen.

Um hier Informationen zu finden, recherchierte ich im Bereich Fußball sowie (in geringerem Ausmaß) in den großen US-Sportarten. Bei Letzterem konzentrierte ich mich primär auf Basketball und Eishockey, da American Football und Baseball durch ihre Strukturierung kaum die Möglichkeit zur kreativen Entfaltung haben und die mangelnde Dynamik (hauptsächlich American Football) sowie geringe Spielkomplexität (hauptsächlich Baseball) Kreativität kaum erfordern.

Im Buch „Athlete-centred Coaching: Developing Decision Makers“ von Lynn Kidman wird zum Beispiel Folgendes auf Seite 148 erwähnt:

Kreativität5

Insofern scheint es die Forderung nach der Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse durchaus im Praxisbereich zu geben. Einerseits kann man davon ausgehen, dass es sicher Vereine gibt, die das bereits anwenden. Dazu gibt es auch zahlreiche Artikel und Bücher, unter anderem von Launder (Launder, A.G. (2001). Play Practice: The Games approach to  reaching and coahcing sports. Champaign, IL: Human Kinetics).

Andererseits gäbe es diese oben zitierte Forderung Rick Fenoglios nicht, wenn viele es falsch machen würden. Bei genauerer Recherche findet sich z.B. enorme Kritik an der englischen Spielerausbildung (sportartübergreifend!) und großes Lob an der spanischen.

Generell finden sich in diesem Buch (bei Google Books finden sich viele Seiten einsehbar: https://books.google.at/books?id=27q3P4-EtIMC ) zahlreiche Informationen für eine praktische Anwendung. So wird erwähnt, dass es vielfach Ansätze „nonlinearer Pädagogik“ und solchen spielformorientierten Methodiken wie den „Teaching Games for Understanding (TGfU) gibt.

Teaching Games for Understanding hat übrigens ein sehr interessantes Video, die Heidelberger Ballschule hat hier einen Einblick in deren Konzept, dazu gibt es noch Methoden wie Game Sense, GCA, FUNino, Tactical Games Approach, Constraints-led Approach, etc.

Im Cricket wird zum Beispiel sogar der „Constraints-led Approach“ praktiziert, der allerdings vom Grundprinzip den Variationen Memmerts entspricht. Sh. hier:

Kreativität6

Hier zeigt sich, dass die Variation in puncto Regeln, Umständen und auch Instruktionen für eine positive Entwicklung in Spielintelligenz und Spielkreativität sorgen sollte. Ob die Methodik TGfU, „Deliberate Play“ oder sonst wie heißt, sollte unerheblich sein.

Im spanischen Jugendfußball wird das zum Beispiel nicht einmal bewusst berücksichtigt. Die ursprüngliche Methode des „FUNnino“ stammt von Horst Wein, dessen Buch „Spielintelligenz im Fußball – kindgemäß trainieren“ sich eigentlich nur auf Technik und Spielintelligenz fokussiert, diese aber ebenfalls durch implizites Lernen und Spielformen vermittelt, wodurch eben automatisch Freiheit im Spiel und Variationen gegeben sind, welche parallel die Kreativität weiterentwickeln. Bei Analyse des Konzepts ist eigentlich bei Wein nur auffällig, dass er fast ausschließlich auf Spiele setzt und diese altersgemäß periodisiert; der Rest (z.B. Art der Variation, Zeitpunkt, Periodisierung des Trainingsablaufs) wird nur gelegentlich genauer erklärt oder überhaupt berücksichtigt.

In Anbetracht weiterer Publikationen von Vereinen unterschiedlicher Sportarten über ihre Trainingsmodelle findet man, dass die Kreativität oftmals als untrainierbar oder von Natur aus gegeben betrachtet wird, viele andere dies zwar trainieren, es jedoch mit Spielintelligenz gleichsetzen oder es eben nur implizit und unbewusst trainieren. Vielfach sind Gegenbeispiele Individuen, die unter instruktionsfreien und schwierigen Bedingungen aufwuchsen oder ein eigenes Training durchliefen. Ein Beispiel für ersteres wären natürlich die brasilianischen Straßenfußballer aus den Armenvierteln oder die Straßenbasketballer in den USA, wie z.B. im legendären „Rucker Park“. Ein Beispiel für ein eigenes Training wären Wayne Gretzky und Michael Jordan; die jeweils besten Spieler in der Geschichte ihrer Sportart (Eishockey und Basketball).

Gretzky wurde von kleinauf von seinem Vater ausgebildet, der ihn nicht nur schon sehr jung ans Eis führte, sondern ihm auch viele kleine Tipps kreativer Natur in puncto Spielintelligenz mit auf dem Weg gab. Gretzky konnte sich dadurch und durch die spielformorientierten Übungen seines Vaters, die wohl auch die Anforderungen an ein „Constraints-led Approach“ erfüllen würden, früh auf ein höheres Niveau entwickeln. Durch diesen Entwicklungsvorteil und die größere Spielintelligenz konnte Gretzky bei erzielten Treffern und Vorlagen letztlich zum Abstand erfolgreichstem Spieler der NHL werden.

Bei Michael Jordan war es neben dem extremen Ehrgeiz auch der Umgang seiner Coaches mit ihm. Jordan spielte extrem viele „Pick-up Games“, also Straßenbasketballspiele, was er sich vertraglich sogar als Profi zusichern ließ. Desweiteren erhielt er im Training eine besondere Behandlung und agierte auch dort in vielen Spielformen in seiner Anfangszeit. Bei Trainingsspielen wurde Jordan nach Führung seiner Mannschaft in der Jugend und Anfangszeit seiner Karriere mitten im Spiel zur Mannschaft gewechselt, die gerade hinten lag. Jordan musste sich also immer wieder selbst einfallen lassen, wie er unter verschiedensten Bedingungen zum Erfolg kam. Jordan entwickelte sich auch deswegen im Laufe seiner Karriere zu einem besseren Distanzschützen, entwarf eine neue Spielweise im Mid-Range-Game und wurde zum wohl kreativsten Spieler in Nähe des Korbs, der jemals in der NBA spielte und ungefähr Jordans Größe hatte.

Fazit

Das Konzept der Spielkreativität wird im Fußball nicht nur oft unterschätzt, sondern auch falsch eingeschätzt. Spielkreativität ist – mithilfe der Spielintelligenz und des richtigen Trainings – durchaus trainierbar, um musterorientierte Spieler zu kreieren, welche strategischen Richtlinien folgen, aber situativ die “geniale Lösung” finden können. Nur wenige Trainer fokussieren sich darauf; auch wenn manche interessante Konzepte nutzen, wie am Anfang dieses Videos zum Beispiel zu sehen ist.

Solche Variationen könnten mit der richtigen Periodisierung, mit dem richtigen Coaching und den passenden strategischen Vorgaben sowie Alternativen in weiteren Spielformen sowohl die Spielintelligenz als auch die Spielkreativität adäquat trainieren. Immer mehr Trainer steigen ohnehin auf diese Trainingsweise um. Sie dürfte in den nächsten Jahren zum Standard werden.

Unser Buch: Fußball Durch Fußball

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Bei Spielverlagerung hatten wir schon mehrere Buchprojekte am Laufen, unter anderem unsere erfolgreichen WM- und EM-Vorschauen sowie Ballnah-Ausgaben. Dieses Mal erscheint erstmals ein Buch von uns als Printversion. „Fußball durch Fußball“ soll Trainern auf allen Ebenen eine Unterstützung sein.

FdF Cover

Unser Cover. Das Schlechteste am Buch.

Das Ziel

Grundsätzlich war unser Wunsch, ein Buch zu schaffen, welches alle Facetten des Fußballtrainings bedient und es in möglichst handlicher, praktischer und funktionaler Form dem Leser vermittelt, um dessen Interesse zu stillen oder im Idealfall gar positiv auf die Praxis einzuwirken.

Im Gegensatz zu einigen anderen Trainingsbüchern ging es uns allerdings nicht darum, ein Konzept zu vermarkten oder mithilfe von vielen bunten Bildern und Trainingsübungen viele Seiten zu füllen, sondern systemunabhängig ein grundlegendes, objektives Fundament zu schaffen.

Viele Bücher verfolgen – neben dem Verkauf – oft nur den Wunsch ein bestimmtes Spielsystem zu vermitteln. „Mach es wie Barcelona!“ oder „Dribbeln wie Neymar!“ wird dann meist nur eine Anhäufung von isolierten Technikübungen mit ein paar Rondos ohne wirkliches strategisches und taktisches Ziel noch ohne Kenntnisse, wie diese Übungen in Relation zu den Spielern in der Mannschaft oder zur Belastung der Spieler gesetzt werden.

Um dem Leser wirklich etwas mitzugeben, so unsere Logik, sollte man basale Informationen möglichst schmackhaft, aber dennoch seriös vermitteln, ohne die Kreativität in der Anwendung zu beschneiden. Nur dann entsteht auf beiden Seiten ein Vorteil – beim Leser und beim Autor; immerhin haben wir uns selbst auch durch die Arbeit an dem Buch und den Austausch massiv entwickelt.

Zwischen Evidenz und Rationalität

Über 130 zitierte Quellen, fast alle davon aus dem wissenschaftlichen Bereich, haben wir im Buch angeführt. Dabei muss beachtet werden, dass wir diese nicht als Argumente für unsere Ansicht nutzen; vielmehr ist unsere Ansicht durch das Lesen der sport- und trainingswissenschaftlichen Literatur entstanden und beeinflusst worden. Auch viele Informationen zur Lern-, Denk- und Wahrnehmungspsychologie sowie Grundkenntnisse von Themen wie Systemdynamik, der Theorie komplexer Systeme und vieler anderer wurden verwendet.

Diese wissenschaftliche Basis anhand ausgewählter Studien – viele zusätzliche und ergänzende Literatur hat es nicht ins Buch geschafft – war für uns wichtig, um objektiv eine wirklich effektive Trainingsmethode zu schaffen. Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse verbanden wir natürlich auch mit eigenem Wissen.

Was wir in den letzten Jahren durch die eigene Analyse des Fußballs, Reflektion von unterschiedlichen Konzepten, der Arbeit mit hervorragenden Trainern und interessanten Vereinen sowie natürlich den Austausch mit enorm kompetenten Personen in und außerhalb des Fußballs gewonnen haben, wurde ebenfalls miteingebaut.

Torhüteraufbau bei Matosevic

Torhüteraufbau bei Matosevic

 

Wie sieht das aus?

Somit geht es in diesem Buch auch nur vereinzelt um spezifische Strategien und Taktiken. Stattdessen steht im Fokus, wie die unendliche Zahl an unterschiedlichen taktischen Möglichkeiten entstehen, vermittelt, gelernt und gelehrt werden können. So folgt auf Kapitel 2 „Erarbeitung des Spielstils“ zum Beispiel „Kognition und Emotion“ im dritten Kapitel, bevor wir uns der Kondition widmen.

Wir probierten in unserem Buch auch die Gedanken hinter vielen Konzepten zu erklären und die Gemeinsamkeiten wie Differenzen zu anderen Ansätzen zu finden. Ein Beispiel: Die taktische Periodisierung. Sie unterscheidet sich nur minimal von Paco Seirul·los „strukturierten Mikrozyklen“, hat aber gewisse Differenzen zu Raymond Verheijens Periodisierung (der die taktische Periodisierung für schwachsinnig hält).

Mithilfe der Erforschung all dieser Konzepte, den Grundgedanken dahinter und auch Alternativen zu ihnen versuchten wir, die bestmögliche Variante zu finden, ohne einen Anspruch auf ein eigenes Konzept zu erheben. Damit wollten wir aber auch die Möglichkeit schaffen, diese Erkenntnisse im Amateursport nutzbar zu machen.

Morphozyklus im Konzept der takt. Periodisierung - Von uns eingedeutscht

Morphozyklus im Konzept der takt. Periodisierung – Von uns eingedeutscht

So verhält es sich bei den anderen Aspekten im Buch ebenfalls, ob im Bereich der physischen Vorbereitung oder des psychologischen Umgangs mit den Spielern. Anhand dieses Fundaments haben wir im siebten Kapitel dann auch probiert eine Basis zu vermitteln, mit welcher man selbstständig effektive Übungen kreieren kann.

Am Ende des Buches blickten wir auf fußballspezifische Teambuildingmöglichkeiten, alternative Trainingsmethoden (z.B. Coerver oder Life Kinetik) und auf die Neuroathletik, wo uns Lars Lienhard und Martin Weddemann von Focus On Performance in beeindruckender Form kurz ihr innovatives Konzept zeigen.

Besondere Schmankerl

Neben dem Abschlusskapitel von Weddemann und Lienhard gab es drei weitere Gastbeiträge, die unseren Lesern sicherlich besonders ins Auge stechen dürften.

Robert Matosevic ist einer der innovativsten Torwarttrainer der Welt; er trainiert die U20 der australischen Damennationalmannschaft und die Jugendteams von Adelaide United. Auf seinem Twitteraccount finden sich interessante Videos und Beiträge zu diesem Thema, denn er propagiert einen enorm mitspielenden Torhüter und vermittelt diesen dementsprechend an seine Spieler. Bei uns gab er Einblick in sein Konzept.

Martí Perarnau war ebenfalls überaus wichtig für uns, da er uns Einblick in das Training, speziell die Periodisierung, Pep Guardiolas gewährte. Der regelmäßige Austausch mit Martí ist erfreulich und wir sind dankbar, dass wir Teile davon als ergänzendes Interview in unser Buch einpflegen durften.

Der wohl bekannteste Interviewpartner ist allerdings Roger Schmidt, der sein System ebenso wie die Vermittlung davon erklärte und uns auch in unseren Ansichten zur Trainingsmethodik bestätigte. Unser Austausch zum Thema Fußball war mit ein Highlight der Arbeit an diesem Buch und auch hier konnten wir die relevanten Punkte zu einem Interview gestalten.

Das Buch kann man sich auf Amazon hier bestellen.

In den kommenden Tagen schlägt das Buch auch in unserem Online-Shop auf. Man kann dann bei uns die Druckversion und evtl auch die E-Book-Version bestellen (wir befinden uns derzeit noch in Verhandlungen mit dem E-Book-Anbieter). Für Rezensionsexemplare auf größeren Internetseiten und in Zeitschriften bin ich bei rm@spielverlagerung.com erreichbar.

Danke an Dietrich Schulze-Marmeling, den Werkstatt-Verlag, Christoph Schottes, Markus Montz, die vielen Verfasser unserer Literatur und allen Helfern, welche das Buch erst ermöglichten! Besonders Markus widmete diesem Projekt sehr viel Zeit und tolle Arbeit.

Traineranalyse: Johan Cruijff

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Johan Cruijff ist womöglich die einflussreichste Einzelperson des Fußballs.

Auf dem Weg zum Superstar der Niederlande

Schon als Spieler war Cruijff ein herausragender Akteur und schon damals hauptverantwortlich für eine innovative Spielweise gewesen. Er war nämlich das Herzstück des „totaal voetbal“ der großen Ajax-Mannschaft der 70er und der beeindruckenden niederländischen Nationalmannschaft bei der WM 1974.

Für viele war Cruijff  der erste und letzte Erbe Alfredo Di Stefanos. Ein totaler Fußballer, im wahrsten Sinne des Wortes. Cruijff besaß unglaubliche Rhythmuswechsel, physisch wie geistig. Kaum ein Spieler konnte das Spiel mit einzelnen Aktionen dermaßen stark beeinflussen, wie Cruijff; und nur wenige konnten das Spiel so konstant beeinflussen.

Einigen gilt Cruijff gar als wahrer Kopf hinter der Strategie und Taktik der großen Michels-Mannschaft jener Jahre. Ohne Cruijff hatte Michels nur wenige Erfolge – und auch diese waren ganz anders geartet als jene mit Cruijff. Die enorme positionelle Flexibilität war kaum zu sehen. Besonders Michels‘ Jahren in Deutschland deuten darauf hin, dass zumindest teilweise etwas Wahres dran sein könnte.

They laugh when I say it, but I don’t care. I insists that Dutch football can come very far internationally. It can become the best football ever seen on the planet. That seems boastful for a 20 year old braggart but can I explain why I’m an optimist? Because Dutch football is both disciplined and imaginitive. Others don’t have this. Look at Liverpool. Only when they were 4-0 down they tried something else – and only on command. We would do this much quicker, because we have fantasy in our game. In five or ten years time look back and you will see that this guy called Cruyff was right.

Allerdings dürfte es eher stimmen, dass beide einander brauchten. Cruijff galt in der Jugend gar als Streichkandidat. Zu schmächtig war er – seine Ecken kamen mit 15 Jahren noch nicht einmal bis auf den ersten Pfosten. Doch Ajax war bereits jener Zeit vielen Mannschaften voraus, insbesondere in der Jugendausbildung.

Cruijff, der mit einer schwierigen Kindheit, einem verstorbenen Vater und Problemen in der Schule zu kämpfen hatte, wurde dennoch toleriert. Jimmy Hogan, Jack Reynolds und Vic Buckingham hatten über die Jahre bereits Ajax auf Nachwuchsarbeit und Kurzpassspiel ausgerichtet.

Ein junger Johan Cruijff

Rinus Michels, einst selbst ein Spieler Ajax‘, verkörperte diese Ideale zwar in seiner aktiven Zeit nicht, dafür als Trainer. 1965 wurde Michels Trainer und machte Cruijff zum Stammspieler; er wurde bald zu einem überaus wichtigen Spieler. In der Saison 1966/67 erzielte Ajax unglaubliche 122 Tore in 34 Spielen, 33 davon durch den 19jährigen Cruijff. Es sollte seine beste Torquote in einer Saison in der niederländischen Liga sein.

Cruijff startete meistens als linker Flügelstürmer in einem 4-2-4 und Ajax arbeitete sich langsam zu einer der besten Mannschaft Europas empor. 1969 stand man sogar schon im Finale des Meisterpokals, doch verlor gegen AC Milan mit 1:4.

Rinus Michels at one time decided we needed more stamina. Footballers should be able to do everything: defend and attack. But what’s often ignored is that Michels had technically perfect players: Keizer, Mühren, Vasovic, Krol, myself, Rep, Swart – yes when you have so much technical ability you can start paying attention to running. Everyone has since copied him, but without having all that technical ability.

Rinus Michels sollte in den Folgejahren nun ein anderes System nutzen. Das 4-3-3 schaute man sich vom Erzrivalen Feyenoord Rotterdam ab, welche 1969 Meister wurden und 1970 den Meisterpokal gewannen. Nicht umsonst war auch Cruijff voll des Lobes über Happel, den er als einen von zwei Trainermeistern bezeichnete:

„Happel war der andere Meister des niederländischen Fußballs; und der eine war Rinus Michels. Happel war ihm ebenbürtig. (…) Happel war einer, der auch als Coach einzigartige Qualitäten besaß. Ernst Happel war ein großer Taktiker, bei dem alles auf den Fußball gegründet war.“

Außerdem intensivierte Michels das Training. Teilweise trainierten sie sogar 4mal am Tag, einigen Gerüchten späterer Jahre sollen auch Amphetamine zur Verbesserung der physischen Leistungsfähigkeit genutzt worden sein. Die Spieler wurden bisweilen nicht nach ihrem Namen angeredet, sondern nach ihrer Nummer, die sich nach ihrer Position definierte. Waldläufe standen ebenfalls an der Tagesordnung. Waldläufe, die Cruijff eigentlich nicht benötigte.

Eine schöne Anekdote erzählt, wie Michels und Cruijff damit umgingen. Cruijff verweigerte gelegentlich den Dauerlauf, woraufhin Michels ihn vor versammelter Mannschaft zu einem Einzel-Waldlauf am nächsten Tag kommandierte. Auf die Minute pünktlich würde Cruijff am nächsten Morgen erscheinen, um mit Michels spazieren zu gehen. Grund: Es war nicht Cruijffs Physis, welche gepflegt werden müsste, sondern seine Vorbildwirkung für die Mannschaft.

Im Verbund mit dem neuen System und der physischen Qualität sowie natürlich den verbesserten Einzelspielern – kaum eine Vereinsmannschaft vor dem Bosman-Urteil und nach Di Stefanos Real dürfte individuell so stark besetzt gewesen sein – schufen Michels und Cruijff ein innovatives System.

Ein Spiel des flexiblen Raums

Obige Überschrift stammt aus dem tollen Buch Dietrich Schulze-Marmelings „Der König und sein Spiel“. Sie wird genutzt, um die Spielweise jener Ajax-Mannschaft zu beschreiben.

“We discussed space the whole time. Cruijff always talked about where people should run, where they should stand, where they should not be moving. It was all about making space and coming into space. It is a kind of architecture on the field. We always talked about speed of ball, space and time. Where is the most space? Where is the player who has the most time? That is where we have to play the ball. Every player had to understand the whole geometry of the whole pitch and the system as a whole.”

So äußerte sich einer der Mitspieler Cruijffs (Barry Hulshoff) über die Spielweise. Andere Übersetzungen aus dem Niederländischen ergänzen „Geschwindigkeit“ anstatt „Raum“. Was mit Geschwindigkeit damals auf Niederländisch gemeint war, dürfte im heutigen Taktiksprech am ehesten dem Begriff „Dynamik“ entsprechen. Ajax wollte auf dem Feld Dynamik – die Symbiose aus Raum und Geschwindigkeit im Fußball – erzeugen. Überall, jederzeit, flexibel und doch organisiert.

Europas Fußballer des Jahres

Strategische Grundlagen dafür: Pressingfußball, Zirkulationsfußball und Positionsspiel. So bezeichneten Cruijff und Michels sie damals. Pressingfußball bedeutete grundsätzlich die durchgehende Jagd nach dem Ball, die Zirkulation ist mit der bewussten Nutzung des Balles für offensive wie defensive Zwecke gleichzusetzen und das Positionsspiel bezeichnete zu jener Zeit prinzipiell eine Positionsbesetzung, aus der flexibel Bewegungen gemacht und Positionen gewechselt werden konnten.

Drei Mal in Folge sollte Ajax den Meisterpokal gewinnen. Die Liga dominierten sie ebenfalls. 1971/72 holten sie gar in 34 Spielen 30 Siege bei einem Torverhältnis von 104:20. 1972/73 waren es 30 Siege bei einem Torverhältnis von  102:18. Konstanz auf allerhöchstem Niveau; europaweit konnte keiner mithalten, am ehesten war national noch Feyenoord eine Gefahr. Diese schafften immerhin in den Erfolgsjahren Ajax‘ im Meisterpokal einmal Meister und einmal mit fünf Punkten Rückstand Vizemeister zu werden. Einzig 1972 war es mit zwölf Punkten eine klare Deklassierung.

In den letzten zwei Jahren war jedoch Michels nicht mehr Trainer. Er war bereits zum FC Barcelona  abgewandert. Ștefan Kovács hatte die Mannschaft übernommen und die Zügel gelockert, was zu noch höheren Höhen führte – und letztlich zum Zerfall. Interne Streitigkeiten zwischen Cruijff und Mitspielern sorgten für Cruijffs Abgang.

El Salvador

Cruijff sollte beim FC Barcelona das Gegenstück zum jeweiligen Star Real Madrids bilden. Diese wollten nämlich mit ihren Einkäufen unbedingt wieder an die Spitze Spaniens und natürlich Europas kommen. Sie holten sich Günter Netzer und wollten zwei der ganz großen Stars Osteuropas: Kaszimierz Deyna und Nicolae Dobrin, welche beide jedoch das Land nicht verlassen durften. Barcelona angelte sich zwar Sotil aus Südamerika, aber man benötigte einen Spielmacher. Cruijff, der zwischenzeitlich auch immer wieder als (falsche) Neun gespielt hatte, war dabei die Ideallösung.

Problem: Real mischte sich ein. Unangenehme Erinnerungen an den Verlauf des Transfers von Alfredo Di Stefano, der eigentlich zuerst zu Barcelona hätte gehen sollen, wurden wieder wach. Real hatte hinter Cruijffs Rücken damals sogar schon alles mit Ajax vereinbart, aber nein, Cruijff wollte zu Barcelona.

Der spanische Verband RFEF war wie bei Di Stefano dagegen, doch trotz einer Sanktion blieb man standhaft. Nach sechs verpassten Spieltagen debütierte Cruijff mitten in der Saison beim kriselnden FC  Barcelona. Es folgten 24 Ligaspiele in Folge ohne Niederlage und zwei ganz große Erfolge Cruijffs, welche ihn endgültig zum Held der Katalanen machten.

Catalonia was suffering a dictatorship and that was strange for me. I don’t accept anyone forbidding me to do anything. I can forbid things to myself but no one else can.

Im Februar 1974 gab es die Geburt von Cruijffs Sohn; Jordi Cruijff. Jordi ist der Name des katalanischen Schutzpatrons, den die spanischen Ämter partout nicht akzeptieren wollten. Cruijff stellte sie mit den niederländischen Dokumenten vor vollendete Tatsachen und aufgrund der Angst vor einem Streit gab man nach. Nur zwei Wochen später gab es das legendäre 0:5 im Estadio Bernabeu, welches für manche sogar als ein wichtiger Schritt für die Freiheit Kataloniens diente.

Cruijff in der Elftal

Um dies zu verstehen, muss man einerseits das katalanische Selbstverständnis und den Bezug zum Fußball nachvollziehen können und andererseits wissen, wie repressiv und rassistisch Francos Innenpolitik war. Katalanen wurden verächtlich als „Pollacken“ bezeichnet, ihre Sprache denunziert und aus der Öffentlichkeit gedrängt. Katalanisch wurde nun nur noch hinter verschlossenen Türen geflüstert – und gelegentlich im Stadion angestimmt.

Der Fußball war somit eine Ausnahme und diente auch als Versammlungspunkt. Der FC Barcelona stand stellvertretend für das in der Öffentlichkeit verbliebene Katalonien; was wiederum zu Repressionen gegenüber dem Fußballverein führte. Das rückte die Katalanen natürlich noch näher zu ihrem Verein und es entstand eine Eigendynamik, weswegen das 0:5 im Bernabau so frenetisch bejubelt wurde.

Spätestens nach diesem Februar 1974 wurde Cruijff zum beliebtesten Nicht-Katalanen aller Katalanen; er war El Salvador, der Retter. Seine Krönung wollte sich Cruijff bei der WM 1974 verpassen, doch man scheiterte an den Deutschen und der Vogts’schen „mal schon, mal nicht“-Manndeckung im Finale.

I knew I would dominate less in this game. Because the Germans played so strong on man marking, our libero Arie Haan had to advance more, creating a free man on midfield. But the interchange between myself and Haan failed. I was mentally exhausted in the final. The World Cup lasted one game too long. I didn’t have a bit of energy left in my body.

Cruijff sollte im Rahmen der Weltmeisterschaft den Spruch „Tore haben nichts zu tun mit Fußball“ prägen, was ihm gelegentlich später vorgeworfen wurde. Nach 1974 gab es nur noch einzelne Erfolge für Cruijff als Spieler. Die EM 1976 wurde verpatzt, die Folgejahre bei Barcelona gestalteten sich als schwierig, da es trotz des späteren Kaufs Johan Neeskens an Mitspielern fehlte.

Cruijff ließ das Training schleifen und die WM 1978 fiel aus, nachdem er persönliche Drohungen erhalten hatte und sich außerdem weigerte, in ein Land mit Militärdiktatur einzureisen. Dem neuen Trainer Weisweiler schmeckte Cruijff nicht, was auf Gegenseitigkeit beruhte:

The Barcelona coach, Hennes Weisweiler, always did the opposite of what I told him to do.

Der Rebell Cruijff kam hier zum Vorschein. Von Anfang an verband Cruijff seinen enormen Fokus nach Gerechtigkeit mit einer gewissen Selbstgerechtigkeit, Arroganz und lateralem Denken. Im Fußball war dies nie anders. Bei der WM 1974 hatte er als Spieler seinen eigenen Sponsor und sein eigenes Trikot, im Verein war er der Chef und 1970 wechselte er nach einer Verletzung seine Rückennummer von 9 auf 14; für Stammspieler unüblich.

Cruijff sollte keine WM mehr bestreiten. 1978 beendete er seine Karriere sogar für ein Jahr, bevor er wegen Geldsorgen in die amerikanische NASL ging. Nach einem Jahr in Washington schloss sich Cruijff dem spanischen Zweitligisten Levante für ein kurzes Gastspiel an, spielte jedoch nur wenige Partien und versetzte sich bei einem Freundschaftsturnier, wo er mit Milan spielte.

Das kurze Intermezzo endete 1981, woraufhin Cruijff zu Ajax ging. Eigentlich war er der „technische Berater“ von Trainer Leo Beenhakker, doch nach kurzer Zeit unterschrieb er einen Vertrag und spielte ab Dezember 1981 wieder für zwei Jahre bei Ajax. Beide Male wurde man Meister, einmal holte man sogar das Double und erzielte einen bis heute legendären Elfmetertreffer.

198 3 erhielt er jedoch keinen Vertrag und er ging aus Rache für eine Saison zu Feyenoord. Die Folge: Ein weiteres Double, ein weiterer Titel als niederländischer Fußballer des Jahres; zwanzig Jahre nach seinem Profidebüt.

I was terribly insulted that Ajax wrote me off. Nobody can write me off. I will decide when I quit. That’s why I wanted revenge. At first I wanted to sign for Feyenoord purely out of rancour, but I quickly put Ajax out of my mind. I look back on that year with lots of joy. We won the double and that seemed like a nice farewell.

Cruijff verabschiedet sich erhobenen Hauptes bei Feyenoord; was ihm bei Ajax verwehrt wurde.

Meine Lieblingsanekdote über Cruijff stammt gar aus dieser Saison.

Among the Feyenoord players, he quickly wins a reputation for thinking he knows everything. To trick him, the Feyenoord players ask him for the definitions of several difficult words. Full of his usual confidence, Cruyff explains one meaning after another. The players pretend to be impressed. In reality, they have prepared a trap. The final word has a catch. It doesn’t exist.

Still, Cruyff proceeds to explain it. lnitially the players laugh, telling him he got fooled. But Cruyff continues to insist. Feyenoord player Bennie Wijnstekers describes the scene: “Cruyff kept explaining the word with so much confidence that we started to doubt ourselves. Maybe that word existed after all?”

Diese Geschichte, hier auf 4dfoot zu finden, zeigt Cruijff in der Nussschale. Intelligent, aber dabei anmaßend. Eine Führungspersönlichkeit, zu der man aufschaut, aber an deren Arroganz man sich auch reibt. Ein Redner, der sogar sicheres Wissen verunsichert. Kann so einer ein Trainer sein? Es sollte sich zeigen, dass diese Anekdote das beste und das schlechteste an Cruijffs Trainerdasein einfängt.

Cruijffs dritter Start bei Ajax

Every trainer talks about movement, about running a lot. I say don’t run so much. Football is a game you play with your brain. You have to be in the right place at the right moment, not too early, not too late.

Zitate wie dieses zeigen Cruijffs enormes Spielverständnis, trotz einiger anderer abstruser Bemerkungen. Doch tatsächlich hatte Cruijff ein faszinierendes Gespür für den Fußball. Eine Geschichte vom 30. November 1980 zeigt dies beeindruckend. Leo Beenhakker ist Trainer Ajax‘, die zur Halbzeit 1:3 hinten liegen. Zuschauer Johan Cruijff geht zur Trainerbank, setzt sich neben den Trainer und beginnt die Spieler einzuteilen. Rijkaard geht sich aufwärmen, die anderen erhalten taktische Instruktionen. Das Spiel endet 5:3. Für Ajax, wohlgemerkt. Die Bilder von damals wirken wie eine Parodie.

1987 gegen Lok Leipzig

1987 gegen Lok Leipzig

Fünf Jahre später wird Cruijff der Trainer Ajax‘. 1985/86 wurde man trotz 120:35 Toren nur Zweiter hinter Guus Hiddinks PSV Eindhoven, die zwei Jahre später sogar den Meisterpokal holen konnten. In dieser und der nächsten Saison konnte man jedoch den niederländischen Pokal gewinnen und auch den Pokal der Pokalsieger 1987 holen.

Cruijff implementierte ein System, welches vielfach mit Louis van Gaal und dem CL-Sieg 1995 verbunden wird: Das 3-1-2-1-3 mit einem Sechser, welcher sich bei beiden Mannschaften in die erste Linie zurückfallen lassen konnte. Bei Van Gaal geschah dies jedoch etwas häufiger, obwohl beide denselben  Akteur auf dieser Position einsetzten.

Frank Rijkaard war für beide (einer) der Schlüsselspieler, doch wie in meinem Porträt vor einigen Tagen geschrieben war der junge Rijkaard ein ganz anderer Akteur als die ältere Version seiner selbst. Unter Van Gaal gestaltete er sich das Spiel, stieß punktuell nach vorne und unterstütze die erste Linie häufig.

Bei Cruijff war Rijkaard ein wahrer Box-To-Box-Spieler. Immer wieder stieß er an den anderen Mittelfeldspielern vorbei und agierte unheimlich weiträumig. Im Finale des Pokals der Pokalsieger 1987 gab es z.B. eine Szene, wo Rijkaard im Sechserraum den Ball erobert und einen Lauf ansetzt. Nach seinem Pass setzt er den Lauf fort und die Situation endet damit, dass der tiefste Sechser der Mittelfeldraute, Frank Rijkaard, an der rechten Eckfahne des Gegners seinen Gegenspieler tunnelt und gefoult wird.

Ein weiterer wichtiger Akteur war natürlich auch Marco Van Basten. Wie Rijkaard sollte er später beim AC Milan für Furore sorgen, unter Cruijff wurde er zu einem der besten Mittelstürmer Europas. Cruijff hatte den talentierten, aber etwas faulen Jungstar häufig auf anderen Positionen eingesetzt, insbesondere als Zehner.

Die zwei Gründe dafür: Van Basten solle anfangen zu laufen, sich anzubieten und die Mitspieler zu unterstützen sowie natürlich seine spielerischen Fähigkeiten noch verbessern. Als er später wieder im Sturmzentrum agierte, agierte er zumindest unter Cruijff teils wie eine falsche Neun und insgesamt vom Bewegungsspiel her ähnlich zu Lewandowski in der aktuellen Bayernsaison; viele ausweichende und situativ zurückfallende Bewegungen mit kurzen, gestalterischen Aufgaben.

Gegen den Ball spielte man in zwischen Mann- und Raumdeckung; prinzipiell wurde im Raum gedeckt, doch immer wieder wurden bestimmte Läufe und anspielbare Optionen in Ballnähe mannorientiert verfolgt.

„Wir spielen mit Raumdeckung. Du deckst also den Raum, das heißt den ballführenden Gegner, der in den Raum kommt. (…) Eine der Verteidigungsaufgaben, auf die Johan immer wieder zurückkommt, ist, dafür zu sorgen, dass immer ein Mann frei ist. Wenn wir unerwartet den Ball verlieren, müssen wir, je nachdem, wo wir sind, entweder sofort eingreifen oder sofort unsere Positionen einnehmen. (…) Wenn Menzo den Ball hat, schlägert ihn ab zu dem Spieler, der am weitesten entfernt von ihm steht. Dann bist du manchmal vier Gegner los. Früher war ich lediglich Verteidiger, heute bin ich Teil des Teams.“ – Ronald Spelbos, Spieler unter Cruijff

Das Pressing wirkte wie eine Mischung aus 4-1-4-1 und 3-1-2-3-1, wobei in einigen Situationen der Flügelstürmer diagonal herausrücken und einen der gegnerischen Halb- oder Innenverteidigerpressen konnte. Dies ist ebenfalls unter Guardiola bei den Bayern zu sehen, wo aus dem 4-1-4-1 oft ein asymmetrisches 4-1-3-2 zum Ball hin entsteht.

Cruijff nutzte allerdings in diesen Situationen Van Basten als Akteur, der seinen Deckungsschatten über den Sechserraum legte und aus dieser recht tiefen Situation nach eigenem Gutdünken herauszurücken schien. Die Pressinghöhe war somit hoch, aber eigentlich kein Angriffspressing und zwang den Gegner eher zu langen Bällen in das überfrachtete Mittelfeldzentrum.

Insgesamt waren die Defensivschemen flexibel. Ein 3-2-2-3 war ebenso möglich wie ein kurzzeitiges 4-2-1-3, viele asymmetrische Staffelungen und natürlich 3-2-4-1 mit engen Sechsern vor der Kette, welche die Abwehr auffüllen, kamen vor. In Strafraumnähe waren auch 5-2-2-1-Staffelungen möglich.

Kompaktheit und Gegenpressing waren für damalige Verhältnisse bereits gut ausgeprägt, ebenso wie die Abseitsfalle, wenn auch inkonstant und unsauber. Die ersten Ansätze des Cruijff’schen Positionsspiels waren ohnehin schon klar vorhanden. Bewegungen waren mithilfe von simplen Vorgaben an das Individuum in Relation zum Ball gekoppelt.

„Wenn Mühren links den Ball hat und Rijkaard rückt ins Mittelfeld, komme ich von der rechten Seite in die Mitte. Bleibe ich in meiner Zone, dann entsteht hinter Rijkaard eine gefährliche Lücke. Wenn ich den Ball habe, geht Mühren zur Mitte.“ – Jan Wouters, der rechte zentrale Mittelfeldspieler

Interessant war eine leichte Asymmetrie in eigenem Ballbesitz. Auf dem rechten Flügel spielten sie etwas breiter und fokussierter auf Durchbrüche, welche durch lange Bälle oder Ablagen und Sprints erzeugt werden. Auf der linken Außenbahn war man etwas flexibler, aber auch isolierter und mit Witschge individueller. Passenderweise blieb der rechte Verteidiger häufiger auch tiefer und absichernder.

Das Siegtor entstand z.B. passenderweise nach einem Flügeldurchbruch auf der rechten Seite von Van’t Schip nach einem Loblangballs und einer Flanke nach einem gewonnenen Sprintduell. Generell schienen die Außenspieler eher positionell fixiert zu sein und mit längeren Vertikalbällen zu agieren, während es in der Mitte viele Rotationen gab. Immer wieder tauschten die vier zentralen Spieler die Positionen, dazu bewegten sich Van Basten vorne und der „Libero“ hinten vertikal in sich bietende Lücken. Besonders das Wechselspiel zwischen Verlaat und Rijkaard funktionierte gut, ebenso wie das Einrücken der ballfernen  Spieler.

Allerdings hatte Cruijffs Ajax auch einige Schwächen. Diese Spielweise gegen den Ball nicht immer stabil und mit Ball gegen bessere Mannschaften etwas anfällig. In der zweiten Aufbauphase war man bisweilen zu flach und die Zirkulation war zu fokussiert auf die Seiten, auch zu drucklos in der Positionierung. Schob man mehr Spieler in die Formation des Gegners hinein, hatte man Probleme die Folgeaktionen konstant anzubringen und war häufig zu überhastet im Beenden der Angriffe.

Insgesamt gab es auch eine recht breite und oftmals doppelte Flügelbesetzung, die zwar für Verlagerungen geschickt genutzt wurden, dann aber beim Ausspielen der Verlagerung bzw. der Wechselpässe zu linear waren. Vorteilhaft waren allerdings die Flügel beim Konter, wo der ballferne Flügelstürmer etwas höher blieb, während Van Basten leicht zum Ball schob und Konter nicht nur über Balleroberungen, sondern auch Menzos Abwürfe beginnen konnten.

Menzo war einer der weiteren Schlüsselspieler, da er als einer der ersten wirklichen Antizipationstorhüter galt; sein Torwarttrainer war sogar Frans Hoek, der seine Vorstellungen des Torwarttrainings zuerst bei Cruijff ausleben durfte. Hoek fokussierte sich auf die Beteiligung des Tormanns am Spiel, seine technische-taktische Ausbildung und einen enormen Fokus auf verbale wie non-verbale Kommandos.

1988 gegen Marseille

1988 gegen Marseille

Nicht nur Hoek coachte so explizit, auch Cruijff tat es. Die Mannschaft wirkte, als ob es sehr viele individuelle Vorgaben gab, diese aber sehr gut umgesetzt wurden. Das Pass- und Kombinationsspiel war dadurch etwas unstrategisch, was sich aber mit der Einwechslung Bergkamps (als Flügelstürmer) und einem klareren 4-3-3 etwas verbesserte.

Das war auch in anderen Partien. Gegen Marseille in der Folgesaison war es ähnlich, aber es gab in der Ballzirkulation einen stärkeren Fokus auf Läufe des dritten Spielers in Kombinationen und auf Pässe in den Lauf und eine noch druckvollere Vertikalzirkulation durch vermehrte Positionen in der gegnerischen Formation.

Viele weite Läufe im Mittelfeld und flexible Positionswechsel gaben der Mannschaft weiterhin diesen „Cruijff-Touch“, doch etwas zu viele Fünferreihen gegen den Ball und sehr flache Staffelungen machte sie gegen den Ball etwas anfällig. Nach vorne war man wegen der Abgänge Rijkaards und Cruijffs nicht mehr so durchschlagskräftig. Mittelstürmer Bosman (oder auch Meijer) spielte keineswegs wie eine falsche Neun, obgleich auch er sich für damalige Verhältnisse viel bewegen musste.

Letztlich zeigte sich der Substanzverlust als zu groß. Die Mannschaft konnte Cruijffs Vorstellung nicht mehr umsetzen und teilweise wollte sie es auch nicht mehr; so soll Rijkaard im Streit abgewandert sein.

„Ein Spitzenverein braucht einen Spieler, zu dem andere Spieler aufsehen. Aber der Rijkaard ließ, warum auch immer, selbst den Kopf hängen, und dann lassen alle Spieler den Kopf hängen. Das wollte ich bei Frank ändern.“

Dazu überwarf sich Cruijff mit dem Vorstand, welcher gegenüber dem Verein die Interessen der Spieler vertritt und dadurch den Funktionären bitter aufstößt. Darum suchte der Kultheld nun nach anderen Aufgaben und größeren Möglichkeiten.

Die Anfänge und ersten Erfolge in Katalonien

Josep Lluis Nunez, Barcelonas Präsident, buhlte um Cruijff. Cruijff als Spieler hatte ihm zehn Jahre zuvor, also 1978, zur Präsidentschaft verholfen. Nunez‘ Opposition verspricht unter Zustimmung der Fans den Trainer Cruijff – Nunez kommt ihm zuvor und schnappt sich Cruijff, um seinen eigenen Platz zu sichern.

„Mein Team wird dem Angriffsfußball verpflichtet sein. Ich betrachte das nicht als Risiko. Im Gegenteil. Ich glaube, dass die Mannschaft, die den mutigsten Fußball spielt, am Ende auch die meisten Trophäen gewinnen wird. Wenn der Gegner vier Tore schießt, müssen wir halt fünf erzielten.“

Cruijffs Verpflichtung ist ein Goldgriff. Im Laufe seiner Jahre macht er Barcelona nicht nur zu einem erfolgreichen Team und entreißt Reals damalige Vormachtstellung, sondern hat einen nachhaltigen Einfluss. Trotz aller Kritik – u.a. von Nationaltrainer Javier Clemente, der später auch den verächtlichen Begriff des Tiqui Taca prägen sollte – setzte Cruijff seine Ideen im Verein durch.

“I don’t care about criticism. Not about a single article. It doesn’t concern me. They’re going after Cruyff. And somewhere, that’s someone different.“

Unter Cruijff wurde das Bauernhaus der „La Masia“, welches dem Verein gehörte, zu einer ganzheitlichen Fußballakademie erweitert. Die Jugendarbeit wurde reformiert. In Dietrich Schulze-Marmelings (sehr empfehlenswerten) Buch „Der König und sein Spiel“ findet sich auch folgendes Zitat:

Dauerläufe werden ebenso abgeschafft wie Krafttraining. Bis zum 16. Lebensjahr sehen die Barça-Schüler keinen Kraftraum, absolvieren keinen Dauerlauf, kein Zirkeltraining. (…) In Cruyffs La Masia wird fast ausschließlich mit dem Ball trainiert. Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit – das alles verbessern die Nachwuchskicker spielerisch. Ohne dies bewusst zu registrieren, denn ihr gesamtes Denken ist auf den Ball ausgerichtet. Trainingspartien werden auf kleinen Feldern ausgetragen, denn Enge und Bedrängnis fördern die Technik und die Handlungsschnelligkeit. Ganz im Cruyff’schen Sinne wird das Hirn statt der Muskeln geschult. Es geht um Ideenreichtum, Beweglichkeit, Überblick, Entscheidungsfreude und schnell ausgeführte Entschlüsse. Das verwirrende Kurzpassspiel, das unter diesen Bedingungen entsteht und zum Kennzeichen des Barça-Fußballs wird, firmiert in Spanien noch heute als el cruyffismo.

Cruijff war im Verbund mit dem späteren Jugendkoordinator Albert Benaiges (von 1991 bis 2010 tätig) und dem legendären Fitnesstrainer Francisco Seirul·lo Vargas federführend in dieser Innovation, welche heutige moderne Erkenntnisse aus der Trainings- und Sportwissenschaft vorwegnahm. Übungen wie das „El Caos“, welches sich auch im Buch Marco Henselings und mir findet und sich an ähnlichen grundsätzlichen Prinzipien orientiert, werden in La Masia zum Standard.

Auffallend viele Spieler in La Masia sind außerdem sehr klein. Die Idee dahinter ist einfach. Diese Spieler sind unterschätzt und werden bei später hinzukommender Physis die besseren Fußballer. Und durch ihre körperliche Unterlegenheit lernen sie, wie man agil und vorausschauend agiert, vertrauen mehr auf ihre Intelligenz und ihre Technik, als auf ihre Physis. Implizites Lernen in jeder Situation sozusagen.

“Jeder Nachteil hat seinen Vorteil”

Aus dieser Denkschule sollten später Spieler wie Iniesta und Xavi herauskommen.

Cruijff verändert nicht nur die Jugendarbeit, sondern auch andere Strukturen. In Appell an den katalanischen Geist fokussiert er die Bedeutung Barcelonas und entwirft eine Siegermentalität, die schon in La Masia eingeimpft wird. Der FC Barcelona gilt als die größte Waffe des FC Barcelona; paradox und doch einleuchtend.

Mit seinen Assistenten Tommie Bruins, der für ihn Videoanalyse und Verschriftlichung übernimmt, und Carles Rexach arbeitet Cruijff auch am Umbau der ersten Mannschaft. Wichtig: Routinierte Spanier und Katalanen, von Cruijff als bissig deklarierte Basken (Bakero, Goikotxea, Begiristain) und Superstars aus dem Ausland sollen mit den Emporkömmlingen aus La Masia eine unschlagbare Mannschaft bilden. Auch, dank des Positionsspiels und der Trainingsmethodik natürlich.

„Wenn du laufen willst, mach Leichtathletik. Aber wenn du Fußball spielen willst, brauchst du den Ball.“

13 Spieler verlassen 1988/89 die Mannschaft, elf werden geholt. In La Liga wird man hinter Real Madrid nur Zweiter, doch im Pokal der Pokalsieger wird Sampdoria Genua bezwungen. In dieser Partie zeigte sich, dass es zwar noch an der Qualität späterer Jahre mangelte, doch die Strukturen des Systems bereits etabliert waren.

Abermals war es ein 3-1-2-1-3; Cruiffs favorisierte Formation jener Jahre, u.a. wegen der Möglichkeiten in der Raumaufteilung. Die Halbverteidiger rücken flexibel gegen den Ball nach vorne hervor, der Sechser in der Mitte lässt sich zurückfallen. Die Formation gegen den Ball variiert zwischen 3-1-2-1-3, 3-3-1-3/4-2-1-3 und leichte 3-4-Ansätze in der ersten Linie. Gegen Sampdoria agieren bisweilen alle drei vorderen Spieler als zockende Akteure gegen den Ball; sie warten auf Konter.

1989 gegen Sampdoria

1989 gegen Sampdoria

In eigenem Ballbesitz sind die Strukturen des Positionsspiels zu erkennen, doch der Flügelfokus ist noch relativ groß. Der Gegner kann Barcelona oft dabei isolieren, die hohe Besetzung der zentralen Räume endet in gefährlichen Kontern und vielen Flanken. Der Zwischenlinienraum wird nur teilweise wirklich kombinativ und dabei effektiv genutzt.

Das System wird durch Lineker, einen eigentlichen Mittelstürmer, auf dem rechten Flügel etwas asymmetrisch ausgelegt. Passenderweise ist es eine Flanke über links, wo Roberto in der Mitte auf Salinas ablegt. Sampdoria dient es an Durchschlagskraft, das Mittelfeldpressing zerstört die Konstruktivität der Italiener.

Gegen eine bessere italienische Mannschaft – ein halbes Jahr später im Supercup gegen Sacchis Milan – verliert die Cruijff-Elf.  Sie spielen jetzt 3-2-4-1-artiger im Pressing, auch, weil der Gegner eine größere Gefahr darstellt. Im Aufbau ist die Raute nach wie vor zu sehen, die Halbspieler bewegen sich allerdings etwas geschickter zwischen den Linien.

Milan verteidigt dies aber gut und die Seitenwechsel gegen die herausrückenden Flügelstürmer sind gefährlich, einige Male schaffen es die Mailänder zu Kontern. Cruijff reagiert bereits nach zehn Minuten, indem er Soler für Roura bringt und die Formation verändert.

1990 gegen Milan inkl. Umstellung

1990 gegen Milan inkl. Umstellung

Das System wird zu einem asymmetrischen 3-1-2-3-1/4-1-2-3; Salinas geht etwas auf die Seite Roberto übernimmt öfters das Sturmzentrum und Soler spielt auf der linken Seite etwas tiefer. Begiristain wechselt nach rechts und das Ziel ist es, die Flügelangriffe Milans besser abzusichern. Einzelne 5-3-2-Staffelungen sind die Reaktion auf den doppelt besetzten Flügel Milans, welche das Spiel aber für sich entscheiden.

Auf dem Weg zur europäischen Spitze

Nach dieser Niederlage arbeitete Cruijff verstärkt an seiner Mannschaft. Ziel: Internationale Topstars. Einer davon war ein alter Bekannter. 1986 verließ Koeman, schon damals ein wichtiger Spieler für die Ajax-Spielweise, den Verein gen Eindhoven. Bei PSV war er Mitgrund, wieso Cruijff national scheiterte. Bei Barcelona sollte er in Guardiolas System den Libero geben, der nach vorne stößt und ein Wechselspiel mit dem Sechser anregt.

Ein weiterer Spieler war Hristo Stoichkov. Der Enfant Terrible aus Bulgarien war ein antrittsstarker, sehr abschlussfähiger Dribbler, der auf allen vorderen Positionen agieren konnte. Der dritte im Bunde hieß Michael Laudrup; ein Spieler, dessen schiere individuelle Qualität Cruijff auf mehreren Positionen herausragende Qualität bescheren sollte. Vielfach als linker Flügelstürmer oder auf einer der drei vorderen Positionen der Mittelfeldraute, später aber immer öfter als Mittelstürmer bzw. sogenannte falsche Neun.

When you’re playing against a team that has two great central defenders, the best option is to play without a striker.

Im 1991er-Spiel gegen Juventus zeigte sich schon, wohin der Weg gehen sollte. Die individuelle Qualität wurde besser, die Strukturen waren etablierter. Nach wie vor gab es viele Freiheiten für die Einzelspieler, aber eben auch Verantwortung in bestimmten Situationen, u.a. Absicherungsbewegungen.

1991 gegen Juventus

1991 gegen Juventus

Zahlreiche der Spieler agierten auch sehr weiträumig, um die individuellen Bewegungen zu ergänzen. Besonders auffällig waren die flexiblen Positionswechsel von Koeman und Nando sowie Salinas und Stoichkov. Laudrup auf der Zehn organisierte das Spiel in vorderen Zonen und man suchte ihn für seine Pässe. Auf rechts schob der Halbverteidiger vor und es gab intelligente Bewegungen von Beguiristain auf links, der geschickt einrückte und sich anbot.

Auch gegen Fergusons Manchester United war dies 1991 ähnlich zu sehen. Man hatte zwar wieder Probleme gegen die defensive Stabilität einer besseren Mannschaft, insbesondere dem Konterspiel und wegen der doppelten Flügelbesetzung, was Cruijff dazu bewog mit tieferen Mittelstürmern und herausrückenden Mittelfeldspielern zu agieren. Einige Male war ein 4-1-4-1 sichtbar, doch es gab Probleme beim Übergang ins letzte Drittel.

1991 gegen Manchester United

1991 gegen Manchester United

Das Jahr 1991 war aber ein wichtiger Wegbereiter, denn es ermöglichte Cruijff langsam diese etablierten Strukturen anzupassen und zu optimieren. Im CL-Finale gegen Sampdoria im Jahre 1992 war es nicht mehr Salinas, der zentral vorne agierte, sondern Laudrup als falsche Neun. Laudrup war die erste Linie gegen den Ball im Pressing, dahinter spielten Salinas als rechter Flügelstürmer (in einer Rolle ähnlich zu jener Linekers), Bakero als vorstoßender Zehner und Stoichkov als linker Flügelstürmer.

1992 gegen Sampdoria

1992 gegen Sampdoria

Die Rollenverteilung war interessant. Salinas spielte relativ breit und ging nur bei Flanken wirklich konstant in die Mitte, während Stoichkov und Bakero immer wieder das Sturmzentrum besetzten, wenn sich Laudrup zurückfallen ließ. Laudrup besetzte häufiger den linken Halbraum und kurbelte das Aufbauspiel an, was wiederum zu der genauen Staffelung der Mittelfeldraute passte.

Diese war nämlich leicht asymmetrisch. Juan Carlos verfolgte Lombardo relativ weit und spielte als linker Halbspieler im Mittelfeld deutlich breiter als sein Gegenüber. Vermutlich wollte Cruijff dadurch Lombardo manndecken und die Flügelverteidigung verstärkten, obgleich auch Eusebio situativ den gegnerischen Flügelstürmer übernehmen konnte. Sampdoria spielte in einem 4-4-2, war aber häufiger in einem asymmetrischen 4-4-1-1 unterwegs und insgesamt nicht ansatzweise so aktiv wie Sacchis Milan mit und ohne Ball.

Einige Male liefen Stoichkov und Salinas die Innenverteidiger an, besonders Salinas spielte zentraler. Die linke Seite Sampdorias war dadurch etwas offener und man leitete sie dorthin, bevor Eusebio und Co. Zugriff erzeugen konnten. Bakero und Laudrup verhinderten Pässe durch das Mittelfeldzentrum.

Beide Mannschaften neutralisierten sich allerdings. Sampdoria hatte kaum Präsenz in vorderen Zonen und war offensiv harmlos. Barcelona wiederum zog immer wieder Sampdoria auf den Flügel heraus, bevor sie mit diagonalen Pässen die Halbräume anspielten. Dabei gab es einen Fokus auf Laudrup im linken Halbraum. Guardiola und Koeman bauten das Spiel in der Mitte auf und die Halbverteidiger standen ziemlich breit, auch wenn sich einige Male Ferrer wegen Juan Carlos enger positionierte.

Koemans Vorstöße gegen das passive 4-4-2/4-4-1-1 Sampdorias sollten zwar den Ball ins zweite Drittle bringen, aber die Unterstützung inkonstant in höheren Zonen war inkonstant. Sampdorias Mannorientierungen und die Kompaktheit in den ersten zwei Linien deckten die tiefen Räume ab und es war letztlich Koemans Freistoß in der Verlängerung, der Barcelona den ersten CL-Titel bescherte.

Den Weltpokal im gleichen Jahr konnte man allerdings nicht holen. Die hervorragenden Innenverteidiger Sao Paulos und das freie Spiel nach vorne sowie die relativ gute Besetzung der Mitte in der Arbeit gegen den Ball neutralisierte Barcelona im Dezember 1992.

1992 gegen Sao Paulo

1992 gegen Sao Paulo

“Sao Paulo were infinitely superior, with Rai, Muller and other fantastic players. We couldn’t even compete with them, let alone win.“

Dabei war diese Partie eine der besten in der Geschichte des Weltpokals. Eigentlich zeigte Barcelona einige starke Passmuster mit viele geschickten Halbraum- und Flügelverlagerungen sowie dem zuverlässigen Finden von Guardiola in der Mitte in der Schnittstelle, besonders durch Koeman.

Sao Paulo war allerdings wie erwähnt leicht überlegen, obwohl Cruijff die „Cruijffigste“ aller Aufstellungen auspackte. Laudrup und Bakero variierten enorm, Amor schob ebenfalls weit nach vorne und die Halbverteidigerpositionen wurden sehr offensiv interpretiert. Eusebio besetzte immer wieder die rechte Außenbahn, um einrückende Bewegungen Stoichkovs zu balancieren. Dieser tauschte sogar einige Male mit Laudrup die Position, was Letzterem ermöglichte in nahezu allen Zonen aufzutauchen.

Insgesamt gab es immer wieder viele freie Positionswechsel, eine sehr gute Besetzung in der Vertikalen und durch Beguiristain und Eusebio gegen den Ball wie Flügelverteidiger eine Art 3-5-2-Formation. Es gereicht  Sao Paulo zur Ehre, dass sie gegen diese Mannschaft und einen hervorragenden Guardiola so stark waren.

Ein Video aus diesen Jahren zu Cruijffs Positionsspiel gibt es hier.

Zwischen Genie und Wahnsinn

In den nächsten beiden Jahren hielt Barcelona die nationale Dominanz aufrecht. Titel drei und vier in Folge wurden 1993 und 1994 standesgemäß eingefahren. In der Champions League scheiterte man aber an der Mission Titelverteidigung sehr früh gegen ZSKA Moskau. Dies brachte Cruijff dazu, den Kader noch stärker zu machen. Das Ziel: Vier ausländische Topstars, wovon jeweils drei je nach Gegner auflaufen sollten. Die Ausländerregelung jener Jahre verbot nämlich mehr als drei ausländische Spieler gleichzeitig auf dem Feld.

Die Katalanen verpflichteten Romario, den Torschützenkönig der CL 1993 (7 von 15 Toren PSV Eindhovens erzielt sowie ein paar weitere Torbeteiligungen), und hatten somit fünf absolute Weltklassespieler in ihren Reihen.

Koeman spielte weiterhin als Libero, wobei immer häufiger Viererketten genutzt wurden und Koeman einer der beiden zentralen Verteidiger war – auch, wenn Cruijff selbst sie nicht als vier, sondern als zwei Verteidiger bezeichnete. Außerdem konnte Koeman in einzelnen Partien als Sechser agieren.

Guardiola war nach wie vor einer der Schlüsselspieler und der einzige, der nicht von einem anderen Verein verpflichtet wurde. Er baute das Spiel auf der Sechs auf, sowohl in den 4-1-2-3 als auch 3-1-2-1-3-Systemen. In ein paar Partien gegen sehr schwache Mannschaften besetzte er sogar mit Koeman die Innenverteidigung, um möglichst viel Offensivdruck zu erlauben.

Laudrup wurde langsam zum Bankspieler degradiert, auch wenn er in einigen Spielen seine Einsätze bekam und weiterhin starke Leistungen zeigte. In gewisser Weise war er Cruijffs Allzweckwaffe; der beste Allround-Einwechselspieler in der Fußballgeschichte. Mal kam er als linker Außenstürmer rein, mal als Zehner oder Achter und gelegentlich sogar als Mittelstürmer.

Stoichkov wiederum konnte die beiden Flügelpositionen besetzen, wobei er mit Romario häufig eine Art verschobenen Zweiersturm kreierte. Der zweite Flügelstürmer – häufig Beguiristain, dessen Arbeit nach hinten und seine balancegebende Natur oft unterschätzt werden – balancierte dies und Stoichkov konnte zocken, um das Konterspiel zu verbessern und Romario zu unterstützen.

Ein Beispiel ist die Partie gegen Osasuna im Herbst 1993. Ohne Koeman agierte man im 3-1-2-1-3. Laudrup und Stoichkov liefen gemeinsam in der Mittelfeldraute auf. Stoichkov spielte hierbei als Zehner, der immer wieder nach vorne stieß oder mit Beguiristain die Positionen tauschte.

1993 gegen Osasuna

1993 gegen Osasuna

Laudrup war der Achter, der das Spiel – gemeinsam mit Guardiola – aufbauen sollte. Estebaranz wurde auf der rechten Seite als isolierter Breitengeber und Dribbler genutzt, Romario wiederum war sehr fokussiert auf Ablagen und sein Weltklasse-Bewegungsspiel.

Dieses System funktionierte zum Beispiel sehr gut. Auch ohne Koeman war man defensiv sehr stabil und spielte mit Ball überaus druckvoll. Dies war auch in 4-3-3-Systemen der Fall, wenn Koeman fehlte. Im Spiel gegen Valencia im Frühling 1994 war Laudrup der linke Achter und Guardiola gab den rechten Innenverteidiger.

1994 gegen Valencia

1994 gegen Valencia

Tatsächlich spielten die Außenverteidiger durchaus sehr hoch; mit und ohne Ball im Pressing, Goikotxea, der häufig als Mittelfeldspieler agiert hatte, besetzte mit Ferrer die seitlichen Positionen. Interessant ist, dass Bakero – früher ein sehr vertikaler Zehner im 3-1-2-1-3 – immer tiefer spielte.

In dieser Saison übernahm er öfters Sechser- und Achterpositionen, wie eben in dieser Partie. Stoichkov und Begiristain besetzten die Flügelpositionen, allerdings anders als üblich; dieses Mal war Begiristain auf rechts und Stoichkov auf links. Ivans Rolle unterstützte Begiristain häufig auf rechts, während Laudrup und Goikotxea vielfach den linken Flügel übernehmen konnten. Gegen den Ball spielte man in einem 4-1-4-1.

In jener Phase im Frühjahr 1994 wirkte Barcelona herausragend. Sie spielten viele starke Pässe in die Halbräume und auf die Flügelstürmer, was gegnerische Pressingbewegungen zerstörte. Die Positionswechsel waren gut organisiert, das Pressing sehr stabil und durch den Kader war man nicht nur herausragend besetzt, sondern konnte auch sehr flexibel agieren.

Die Zirkulation war sehr druckvoll, insbesondere Glanzleistungen Koemans und Guardiolas sowie das immer besser werdende Positionsspiel waren dafür hauptverantwortlich. Eine weitere Systemalternative zeigte Cruijff auch gegen Sevilla.

1994 gegen Sevilla

1994 gegen Sevilla

Hier spielte Laudrup eine Mischung aus falscher Neun und Zehn; die Formation war ein 4-3-1-2/4-1-2-3. Stoichkov und Amor besetzten die rechten Flügel- und Halbräume sehr gut, welche von Eusebio – einem eigentlichen Mittelfeldspieler – gut bespielt und unterstützt wurden.

Auf links spielte mit dem jungen Sergi ein gelernter Flügelstürmer, welcher die linke Seite besetzte. Das ermöglichte Romario Positionierungen im linken Halbraum und in der Sturmmitte, ebenso wie Laudrup. Situativ übernahm Bakero diese Aufgabe, wenn Sergi es nicht mit passendem Timing schaffen konnte.

Die weiten Vorstöße Sergis wurden ansonsten durch die flexiblere Rolle Eusebios und die zwei zentralen Spieler in der ersten Linie kompensiert, ebenso wie Guardiolas Bewegungen. Amor, der insgesamt linearer und vertikaler als Bakero spielte, übernahm wiederum Aufgaben Eusebios vorne und Bakero sicherte die Mittelfeldzonen neben Guardiola. Dieser bewegte sich teilweise auch ohne Ball nach hinten und verbesserte die Breitenstaffelung.

Diese Anpassungen zeigen, wie flexibel Cruijff war und wie sehr sich seine Möglichkeiten dank Romarios Verpflichtung verändert hatten. Im Spiel gegen Osasuna ging es primär um das Erzeugen von Durchschlagskraft im letzten Drittel, gegen Valencia wollte man stabil und druckvoll im Aufbau spielen, gegen Sevilla lag der Fokus wiederum auf hoher Pressingresistenz und Stabilität mit und ohne Ball.

Ein besonders wichtiges Spiel war natürlich das 5:0 gegen Real 1994, welches endgültig die Vormachtstellung Barcelonas in Spanien und Europa zementieren sollte – so zumindest die damalige Meinung. Dieses Mal entschied sich Cruijff gegen Laudrup.

1994 gegen Real Madrid

1994 gegen Real Madrid

Ursache dafür war die Suche nach defensiver Stabilität. Sergi besetzte den linken Flügel und arbeitete viel nach hinten, während Goikotxea als breiter Halbverteidiger Vorstöße auf der Seite suchte. Nadal, ein eigentlicher Innenverteidiger, agierte als linker Achter und füllte gemeinsam mit Guardiola als etwas nach rechts versetztem Sechser immer wieder die Dreierkette auf.

Dadurch entstanden einige Vierer- und sogar Fünferreihen in der ersten Linie, obgleich die grundlegende Formation eben das 3-1-2-1-3 war. Bakero war dieses Mal wieder der vorstoßende Zehner und erinnerte in gewisser Weise an Arturo Vidal in seiner Rolle bei Juventus Turin.

Real zeigte sich im 4-1-4-1 merkwürdig passiv und hatte unsaubere Staffelung in höheren Zonen, auch sehr wenig Präsenz, wodurch Barcelona sowohl im Pressing als auch in tieferen Zonen sehr stabil war. Das gute Bewegungsspiel Barcelonas und die klare Überzahl in der Mitte sorgten für die Dominanz.

Vermutlich wählte Cruijff in dieser Partie die 3-Raute-3-Formation exakt wegen dieser Überzahl in der Mitte und den Vorstößen der Halbverteidiger, welche von keinem der Real-Spieler aufgefangen wurden. Die Außenstürmer Reals waren quasi nicht im Spiel und die Passmuster Barcelonas überspielten die ersten zwei Linien der Madrilenen spielerisch.

Die offensiven Halbverteidiger und die gute Absicherung machten die meisten Probleme. Auch die Passmuster Barcelonas passten; viele längere Pässe mit Ablagen und Verlagerungen oder Vertikalpässen sorgten für einfachen Raumgewinn und einige Querpässe mit Vertikalpässe banden die Überzahl im Mittelfeld hervorragend ein.

Die Partie gegen Manchester United, welche Constantin Eckner hier analysierte, war ebenfalls ein Highlight dieser Phase. Und just in diese Phase der Dominanz kam anstatt eines Titels ein Rückschlag, von dem sich Cruijffs Barcelona nicht mehr erholen sollte.

Das CL-Finale 1994

Nach den zahlreichen starken Leistungen der letzten Wochen und Monate sowie den vielen Starspielern im Kader war der FC Barcelona Favorit. Sie hatten 1992 gewonnen und Cruijff selbst begründete den Favoritenstatus damit, dass man prinzipiell wie 1992 war, nur noch kompletter, erfahrener und wettbewerbsstärker. Cruijff provozierte vor dem Spiel sogar: „Sie basieren ihr Spiel auf Verteidigung, wir auf Angriff. Was wir für Romario ausgaben, der in 33 Spielen 30 Tore erzielte, haben sie für Desailly gegeben. Das ist bezeichnend.“

Barcelonas Vorbereitung für das Finale war mangelhaft. Cruijff motivierte seine Spieler 1992 noch mit „Geht raus und genießt es“; dieses Mal war es „ihr seid besser, ihr werdet gewinnen“. Doch Cruijff machte nicht nur einen psychologischen Fehler, sondern auch einen taktischen. Im CL-Finale entschied sich Johan Cruijff abermals dafür, Laudrup auf der Bank zu lassen und mit Koeman, Romario und Stoichkov als den erlaubten ausländischen Akteuren zu starten.

Der gegnerische Trainer Fabio Capello freute sich darüber mehr, als sich Laudrup ärgerte: „Als ich sah, dass Laudrup nicht spielte, war ich entspannt. Laudrup  war jener Spieler, den ich fürchtete, aber Cruijff ließ ihn draußen und das war sein Fehler.“

Cruijff: Ohne Laudrup und mit Viererabwehr

Barcelona startete nicht nur ohne Laudrup, sondern auch ohne die 3-Raute-3-Formation, welche man unter Cruijff jahrelang oft und erfolgreich praktiziert hatte. Stattdessen gab es eine Abwehrreihe mit Nadal, der gegen Real im Clásico noch auf der tieferen Achterposition auflief, neben Koeman als Innenverteidigerduo.

1994 Milan vs Barcelona

1994 Milan vs Barcelona

Die Umstellung war auf dem Papier durchaus nachvollziehbar. Gegen Real im legendären 5:0-Clásico funktionierte das System deswegen so gut, weil die Halbverteidiger in ihren Vorstößen offen waren. Sie konnten weite Wege machen, Gegenspieler herausziehen und in hohen Zonen simple Pässe in gefährliche Räume spielen. Die zahlreichen Mannorientierungen Reals halfen dabei. Außerdem gab es eine klare Überzahl in der Mitte und ein starkes Bewegungsspiel; gegen Milan fehlte dieses.

Das 4-3-3 Barcelonas sollte vermutlich die schnellen Konterangriffe und die doppelte Flügelbesetzung der Italiener negieren. Doch anstatt eines Vorteils für Barcelona, entstand einer für die Rossoneri. Sie konnten nämlich Barcelonas wichtigstes Instrument neutralisieren.

Positionsspiel ohne Bindung, Ballzirkulation ohne Zugriff

In den meisten Spielen hatte Barcelona leichtes Spiel in puncto Raum- und Balldominanz. Nur wenige Teams attackierten sie überhaupt in den vorderen Zonen, kaum eine Mannschaft tat es in damaliger Zeit konstant und mit passenden Strukturen. Koeman, Guardiola und die Halbverteidiger waren fast immer frei, wodurch sie den Ball problemlos laufen lassen konnten.

Gegner wurden dadurch Stück für Stück aufgemacht, bis die vorderen Staffelungen passten, um punktuelle Durchschlagskraft zu erzeugen – ob mit adäquaten Verbindungen für Kombinationen oder mithilfe der individuellen Qualität von Romario, Laudrup und Stoichkov.

Milan machte ihnen das Aufbauspiel natürlich deutlich unangenehmer. Zwar presste die Elf Fabio Capellos keineswegs durchgehend oder schon in den höchsten Zonen, dafür aber intelligent und mit guten Abläufen. Prinzipiell war es natürlich das übliche 4-4-2, doch es gab einige interessante Mechanismen, um die Spielweise Barcelonas zu beschädigen.

Einerseits stellte man aus dem 4-4-2 viele Staffelungen mit einem oder keinem Stürmer her; 4-4-1-1, 4-3-2-1 und 4-4-2-0 waren nicht unüblich. Massaro und Savicevic konnten die Passwege auf Guardiola versperren oder ihn einzeln abdecken, während der jeweils andere presste.

In einigen Situationen gab es natürlich auch das typische 4-4-2 oder eine Variante mit herausrückendem Albertini. Meistens war es aber durch die Mannorientierungen ein 4-4-1-1: Massaro ging eher auf Guardiola, Savicevic eher auf Koeman. Dadurch musste Nadal ohne wirkliche Anspieloptionen das Aufbauspiel übernehmen.

Dieser schob nämlich zusätzlich zu den beiden Stürmern oder eben bei höherer Stellung dieser beiden auf Guardiola heraus. Dadurch wollte man verhindern, dass sich Guardiola drehen und den Ball in höhere Zonen verteilen konnte. Albertinis Vorstöße wurden von Desailly abgesichert, der hierfür mit seiner Weiträumigkeit und physischen Präsenz besser geeignet war.

Interessanterweise spielten sie dieses Schema in Ballbesitz umgekehrt; Desailly rückte nach vorne, um zweite Bälle pressen oder lange Bälle per Kopf verlängern zu können. Dadurch entstanden 4-3-1-2-Staffelungen mit engen Flügelstürmern, tiefem Albertini und etwas breiteren Mittelstürmern, was für viele gewonnene zweite Bälle mit Schnellangriffen oder ruhiger Zirkulation zu Folge hatte.

Cruijffs Barcelona fielen dadurch einige Ballbesitz- und Pressingmöglichkeiten weg, die sie ansonsten für ihre eigenen Angriffe nutzten. Die eigenen, organisierten Spielaufbausituationen waren wie erwähnt eingeschränkt. Besonders problematisch war, dass die ohnehin unsaubere Besetzung der vorderen Zonen nun aufgezeigt wurde.

Koemans tiefe Positionierung und der Mangel an Räumen für seine Vorstöße, Guardiolas geringe Möglichkeiten im Spielaufbau und das gute Versperren der Außenverteidiger hatte zur Folge, dass Beguiristain, Stoichkov und Romario kaum Bälle erhielten. Insbesondere letztere beiden sind in puncto Unterstützung in tieferen Aufbausituationen nicht besonders aktiv und warten eher auf Pässe ins zweite Drittel, bevor sie ihre Bewegungen starten.

Bakero und Amor konnten diese jedoch nicht konstant bringen. Bakeros enorme Weiträumigkeit und Dribbelstärke früherer Tage ließ  mit 31 Jahren langsam nach, außerdem war er eher ein Spieler, der nur punktuell mit kreativen Aktionen wie Dribblings präsent wird und sich sonst über seine Bewegungen ohne Ball hervortat. Ohne die Präsenz in höheren Zonen konnte er sie nicht einbringen  und da er die Fähigkeit in höhere Zonen zu kommen nicht besaß, litt sowohl er als auch das Team darunter.

Amor und Bakero positionierten sich entweder zu tief, wodurch sie von vorne isoliert waren oder Pässe nach vorne von Milans schnellem Zusammenziehen abgefangen wurden, oder aber sie agierten zu hoch und konnten von den vier Abwehrspielern nicht angespielt werden. Dies war wohl auch der Grund, wieso Capello sich einzig vor Laudrup fürchtete.

Das Gegenmittel für Koeman und Guardiola war gefunden; und damit auch für Stoichkov und Romario. Mit Laudrup hätte Barcelona aber einen Spieler gehabt, der das Aufbauspiel unterstützt und sowohl die Raumdeckung als auch die Mannorientierungen Milans aufgebrochen hätte. Seine Pässe, seine Bewegung und seine Dribbelfähigkeiten waren eben deswegen die große Gefahr für Milan – die Cruijff nicht nutzte.

Sacchi-Lite gewinnt

Verletzungsbedingt kein Barest und kein Costacurta sowie keiner der drei großen Niederländer (Van Basten, Rijkaard, Gullit) mehr im Kader, doch Capello schaffte dennoch einen so souveränen Sieg gegen den großen FC Barcelona jener Jahre. Dabei war entscheidend, dass beide Mannschaften zu jener Zeit strategisch ihren Gegnern überlegen waren; Milan war zwar nicht mehr so spektakulär und intensiv wie unter Arrigo Sacchi, doch weiterhin hochklassig.

Speziell in Relation zum damaligen taktischen Kontext zeigten sie sehr hohe Kompaktheit und ein gutes Gegenpressing. Besonders die horizontale Kompaktheit in der Mittelfeldreihe war stark. Pässe in die Halbräume wurden gut attackiert, die Flügelstürmer unterstützten die zentralen Akteure dabei sehr gut und die Viererkette agierte in tiefen Zonen eng an ihnen, wodurch viele Pässe des Gegners in das letzte Drittel plötzlich zu Konterangriffen für Milan wurden.

Das oft genutzte 4-4-1-1 mit engerer Mittelfeldkette erinnert insofern an eine nicht ganz so intensive und kompakte Version von Diego Simeones Atlético Madrid der Saison 2013/14. Der Gegner hatte in der Mitte kaum Räume und musste auf die Seite spielen, wohin dann kollektiv verschoben wurde. Die hängende Spitze – öfters Massaro als Savicevic – sperrte die nächste Rückpassoption ins Mittelfeld zu (gegen Barcelona eben Guardiola) und zwang die Außenspieler des Gegners zu einer Entscheidung zwischen verhältnismäßig schlechten Optionen: Weit nach hinten, riskant nach vorne oder riskant in die Mitte?

Dank der Raumdeckung und einzelnen Mannorientierungen funktionierte diese Systematik sehr gut. Savicevic und Massaro als Ballhalter unterstützten das Konterspiel, bis nachstoßende Läufe kamen oder man auffächern und sicher aufbauen konnte.

Das 1:0 – und wegen der Strategien sowie taktischen Wechselwirkungen der beiden Mannschaften die Vorentscheidung – fiel passenderweise nach einem langen Ball, wo der zweite Ball nach einem Kopfball Sergis von Boban auf Savicevic weitergeleitet wurde. Sein tolles Dribbling führte zur Großchance Massaros.

Umstellungen ohne Erfolg

Cruijff schien Kleinigkeiten anzupassen (z.B. Positionswechsel Begiristain und Stoichkov oder weiträumigere Bewegungen Guardiolas im Aufbauspiel), bevor er kurz nach der Halbzeit umstellte. Aber diese Umstellung kam schon zu spät; Milan hatte Sekunden vor dem Halbzeitpfiff das 2:0 erzielt und zwei Minuten nach Wiederanpfiff das Spiel mit dem 3:0 entschieden.

Beim 2:0 kam es nach einer kaum gepressten Zirkulation Milans nahe am Strafraum zu einem Durchbruch Donadonis über den Flügel und einem Pass von der Grundlinie nahe am Fünfmeterraum in den Rückraum, welcher Massaro eine simple Einschussmöglichkeit gewährte. Beim 3:0 war es abermals eine Balleroberung auf der Seite, dieses Mal von Savicevic bei Nadal, sorgte für ein Traumtor – einen Volleylupfer über 25 Meter ins lange Eck.

Mit der Einwechslung Eusebios für Begiristain entstand eine Art 3-5-2; Sergi und Eusebio besetzten die Seiten, Ferrer und Nadal die Halbverteidigerpositionen neben Koeman. Das geringe Auffächern der drei zentralen Verteidiger zeigte einerseits eine unsaubere, unvorbereitete Umsetzung und andererseits die Angst vor den Angriffen Milans.

Diese blieben bei ihrem 4-4-1-1/4-4-2, wurden aber nun etwas häufiger überspielt. Stoichkov und Romario waren nun frei sich vorne zu bewegen, die Probleme in der Einbindung blieben. Das Tor Desaillys zum 4:0 – abgefangener Ball im Mittelfeld von ihm selbst, dann Konter eingeleitet und Durchbruch – entschied die Partie.

Anfang vom Ende

Mit dem verlorenen CL-Finale 1994 begann der Untergang von Cruijffs Barcelona. Laudrup wandte sich ab und ging zum Erzrivalen aus Madrid; Romario kam weder fit noch motiviert von der Weltmeisterschaft 1994 zurück und Stoichkov begann seine Streitereien mit Trainer Cruijff, der wiederum von Präsident Nunez Druck bekam. 1995 sollten auch diese zwei Starspieler nicht mehr im Verein sein, ebenso wenig wie Ronald Koeman.

Brazil won the World Cup after 24 years and that has made Romario crazy. A real number one will always perform, has strong legs that can carry glory and succes. Romario was no longer coachable. I don’t regret buying him, but I knew something like this would happen.

Cruijff sollte im nächsten Jahr kein goldenes Händchen mehr mit seinen Transfers haben. 1994/95 kamen Igor Kerneev, Gheorghe Hagi und Sohn Jordi Cruijff  als ausländische Spieler; einen besonders großen Einfluss sollte keiner haben. Auch Innenverteidiger Abelardo war kein Star, obgleich er jahrelang gute Leistungen zeigte.

Am ehesten hätte die Transferphase 1995/96 für eine Rückkehr des „Dream Team“ sorgen können. Mit Gheorghe Popescu und Luis Figo kamen zwei hervorragende Akteure. Ersterer sollte die Lücke Koemans füllen, Zweiterer jene Stoichkovs. Die zwei anderen ausländischen Transfers waren jedoch nicht so effektiv. Robert Prosinecki wurde zum bestbezahlten Fußballer der Welt gemacht, doch seine Leistungen waren inkonstant, er kämpfte mit Verletzungsproblemen und passte nicht ganz zum System Cruijffs, während Meho Kodro für viele bis heute als riesiger Flop gilt – mit 5,5 Mio. € war er auch der teuerste Transfer dieser Jahre.

Dabei muss man natürlich auch sagen, dass in jenen Jahren von Scouting kaum eine Spur vorhanden war. Zusammenschnitte von Spielern waren Mangelware, Statistiken gab es nicht. Auch viele andere infrastrukturelle Vorteile sind damals noch nicht nutzbar gewesen, weswegen bei vielen Transfers – insbesondere wenig bekannter Stars aus dem Ausland – immer ein großes Risiko dabei war.

Die individuelle Qualität wurde somit zum Problem. Cruijff konnte Spieler und Mannschaften zwar besser machen, doch für das höchste Niveau benötigte er eine Grundbasis an technisch-taktischen Fähigkeiten. Dementsprechend gab es die Dominanz letzter Jahre nicht mehr zu sehen. Den Tiefpunkt der Cruijff-Ära erreichte man wohl 1995 gegen Real Madrid.

1995 gegen Real Madrid

1995 gegen Real Madrid

Laudrups Rache kam über Cruijff und Barcelona, als der Erzrivale mit dem ehemaligen Superstar der Katalanen mit 5:0 gewinnen konnte. Real war dabei herausragend besetzt. Mit Raul, Luis Enrique, Zamorano, Hierro, Sanchis, Milla, Amavisca und natürlich einem Laudrup in Form besaß man herausragende Qualität.

Dank Laudrup konnte man diese Spieler auch passend einbinden und besonders im Konterspiel war man durch die zockenden Flügelstürmer effektiv. Ein weiterer Aspekt war natürlich der glückliche Start. Ein frühes Tor aus eigentlich schwieriger Position führte zu einer tollen Ausgangslage, dazu ließ Trainer Jorge Valdano mit einem deutlich aktiveren Pressing agieren.

Ohnehin schien es, als hätte Capellos Milan im CL-Finale 1994 vielen Mannschaften einen gewissen Plan vorgegeben, wie man Cruijffs Barcelona begegnen konnte. Das Cruijff’sche Positionsspiel wurde eigentlich als Maßnahme gegen Manndeckungen und unkollektives Pressing geschaffen; im Laufe der Jahre wurde dies seltener und seltener.

Real spielte zum Beispiel mit einem 4-3-1-2haften Pressing, welches insbesondere die Kreise Guardiolas einschränken sollte. Viele herausrückende Bewegungen verhinderten den typischen Einfluss Guardiolas auf das Spielgeschehen und somit fiel der womöglich wichtigste Akteur dieser Mannschaft effektiv aus. Stoichkov mangelte es an Explosivität früherer Tage, Hagi als falsche Neun war eher kontraproduktiv, da ihm das strategische Geschick Laudrups sowie die Unterstützung der Mitspieler wie in dessen früheren Jahren fehlte. Durchschlagskraft gab es kaum und das 3-5-2 mit tiefem Eskurza und höherem, engerem Stoichkov ließ die rechte Seite offen, welche Luis Enrique und Laudrup gnadenlos ausnutzten.

Cruijff versuchte in der folgenden Saison das Ruder umzureißen, doch trotz einzelner starker Spiele sollte es nicht mehr reichen. Im Clásico 1996 baute der niederländische Startrainer 4-2-2-2-System, welches im Mittelfeld allerdings verschoben war. Roger und Sergi wechselten sich beim Bedecken der linken Außenposition ab, Bakero konnte in hohen Zonen ebenfalls in diesen Raum ausweichen. Gegen den Ball ließ man die Seite oft erstmals unbesetzt oder Roger übernahm sie.

1996 gegen Real Madrid

1996 gegen Real Madrid

Kodro und Figo spielten sehr beweglich, es gab zahlreiche Positionswechsel und über längere Phasen spielte Figo wie eine falsche Neun, Kodro suchte zwischenzeitlich vom rechten Flügel immer wieder diagonale Läufe in die Spitze – à la Lineker und Salinas in früheren Saisons.

Das System sollte wohl Real von der starken Seite mit Laudrup und Redondo auf halblinks weg leiten, De La Pena spielte als Zehner und Popescu sicherte mit Guardiola die tiefen Zonen sowie die Einzugsgebiete Laudrups und Redondos. Das führte zu einem 3:0-Sieg, doch für einen Titel sollten Cruijffs Spielereien letztlich nicht reichen. In Europa und in Spanien konnte man sich nicht durchsetzen. Zwar gab es eine sehr interessante Partie im 3-1-2-1-3 gegen die Bayern, u.a. mit Guardiola als Libero und der Flügelzange Hagi-Figo, aber diese taktischen Highlights blieben oft die einzigen über Wochen. Der Bruch mit dem Vorstand und gesundheitliche Probleme führten zur Entlassung im Sommer 1996.

The board here are at Barcelona nothing. I have zero respect for these people. One puts on the music, the rest dances along. I’ll never drink a beer or a coffee with [President] Nuñez.

Der Verlauf des mannschaftlichen GoalImpacts. Danke an @GoalImpact, der die Grafik zur Verfügung gestellt hat. Der individuelle Verlust bzw. die Spitze von 1990 bis 1994 ist unverkennbar.

Der Verlauf des mannschaftlichen GoalImpacts. Danke an @GoalImpact, der die Grafik zur Verfügung gestellt hat. Der individuelle Verlust bzw. die Spitze von 1990 bis 1993 ist unverkennbar.

Nationaltrainer, Berater und Philosoph

Nach 1996 sollte Cruijff keine Trainerstelle annehmen. Er betätigte sich als Botschafter und äußerte sich oft in den Medien zu unterschiedlichsten Belangen im Fußball (wie in diesem interessanten Interview). Gelegentlich philosophierte er mit seiner Kolumne auch im El Periodico. Besondere Aufmerksamkeit erregten seine Kommentare zur Weltmeisterschaft 2010, wo er sich als gebürtiger Niederländer und Wahlkatalane zur spanischen Nationalmannschaft bekannte. Die Niederlande passe nämlich nicht zu seiner Spielphilosophie:

On Thursday they asked me from Holland ‘Can we play like Inter? Can we stop Spain in the same way Mourinho eliminated Barça?’ I said no, no way at all. I said no, not because I hate this style – I said no because I thought that my country wouldn’t dare to and would never renounce their style. I said no because, although without having great players like those of the past, the team has its own style.

I was wrong. Of course I’m not hanging all 11 of them by the same rope, but almost. They didn’t want the ball. And regrettably, sadly, they played very dirty. So much so that they should have been down to nine immediately. They made two such ugly and hard tackles that even I felt the damage.

It hurts me that I was wrong in my disagreement that instead Holland chose an ugly path to aim for the title. This ugly, vulgar, hard, hermetic, hardly eye-catching, hardly football style – yes it did serve the Dutch to unsettle Spain. And if with this they got satisfaction, fine, but they ended up losing. They were playing anti-football.

Immer wieder äußerte sich Cruijff zu einzelnen Punkten im Fußball auf diese Art und Weise; entweder durch Erklärungen seiner eigenen Ideen oder eben der (oft gleichzeitigen) Kritik an bestimmten Vereinen oder Trainern (besonders José Mourinho).

Selbst aktiv wurde er kaum noch. Der niederländische Verband hatte in den frühen 90ern seine Chancen verspielt, als man ihm nicht die Stelle als Bondscoach anbot. Er wollte zu viel Geld für die WM-Teilnahme, auch wenn er sich später natürlich äußerte, dass man mit ihm die WM 1994 gewonnen hätte.

Cruijff als Trainer Kataloniens

Seine letzte Trainerstelle war als Betreuer der katalanischen Nationalmannschaft, welche er entsprechend der Spielphilosophie in La Masia und somit seiner eigenen aufstellte. Mit einem 4-3-3 (Piqué, Busquets und Xavi im Mittelfeld) feierte man bspw. einen bejubelten 4:2-Sieg gegen Argentinien und insgesamt blieb Cruijff vier Jahre.

Später sollte Cruijff noch als technischer Berater bei Ajax Amsterdam und bei Chivas de Guadalajara arbeiten, doch bei beiden verstrickte er sich in Streitereien und die Cruijff’sche Revolution bei Ajax und in deren Jugendarbeiten gilt als gescheitert.

Am stärksten hatte Cruijff nach seiner Karriere Einfluss beim Barcelona, wo er Joan Laporta zum Präsidenten verhalf und neben Rijkaard auch für Guardiolas Positionierung auf dem Trainerstuhl verantwortlich war. In Anbetracht seiner Errungenschaften als Spieler und Trainer verlieh ihm Joan Laporta im März 2010 den Titel des Ehrenpräsidenten, welchen ihm Sandro Rosell, der neue Präsident, vier Monate später wieder entzog.

Trotz viel Kritik und ein paar Kontroversen nach seiner Karriere als Trainer, ist Cruijffs Erbe unglaublich groß. Er ist wohl die einflussreichste Person in der Geschichte des Fußballs. Besonders ein Konzept ist enorm wichtig.

Das Positionsspiel

In diesem Video werden einzelne Aspekte des Positionsspiels veranschaulicht, ebenso wie in diesem Artikel von unserem Adin Osmanbasic. Auch wenn die Ursprünge auf unterschiedliche Trainer zurückzuführen sind, so war es Johan Cruijff, der es – basierend auf seinen Ansätzen mit Rinus Michels bei Ajax – in heutiger Art und Weise konzeptualisierte.

Im Gespräch mit Martí Perarnau, Guardiolas Biographen, bezeichnete dieser Juanma Lillo und Johan Cruijff als die zwei großen Mentoren Guardiolas und den Niederländer auch als Erfinder des Positionsspiels in seiner heutigen Form, trotz vieler unterschiedlicher Anwendungsmöglichkeiten.

Das beginnt bereits in der holistischen Herangehensweise an den Fußball. Angreifer müssen verteidigen; Verteidiger müssen angreifen. Die Wichtigkeit des Ballbesitzes wurde ebenso betont wie die Einnahme bestimmter Positionen in Relation zur Ballposition.

When you play a match, it is statistically proven that players actually have the ball 3 minutes on average. The best players – the Zidane’s, Ronaldinho’s, Gerrard’s – will have the ball maybe 4 minutes. Lesser players – defenders – probably 2 minutes. So, the most important thing is: what do you do during those 87 minutes when you do not have the ball. That is what determines wether you’re a good player or not. (…) The best man in football is the one who’s positioned best. Without the ball.

Das Ziel: Mithilfe der richtigen Abstände möglichst viele Passoptionen schaffen und die eigenen Mitspieler zu unterstützen, ohne ihnen Aktionsmöglichkeiten wie z.B. das Dribbling zu rauben.

Playing simply is the hardest thing there is. The art is to play the ball so that the receiver has the overview of the pitch and can go to action effectively. The speed with which that happens is the difference between a good and a bad player.(…) The foundation is controlling the ball as quickly as possible, so you have more time to look around you.

Cruijffs Mannschaften zeichneten sich allerdings durch eine deutlich freiere Art und Weise des Positionsspiels aus, als Guardiolas Teams heutzutage. Es gab sehr viele Positionswechsel, die es bei Guardiola z.B. nur gelegentlich gibt. Außerdem liegt der Fokus Cruijffs auf dem Individuum. Die Positionen schienen nicht unbedingt kollektiv definiert, sondern durch eine Verkettung vieler individueller Vorgaben – oft auch individualtaktischer und technischer Natur – zu entstehen.

Für Cruijff war besonders das Spiel in den Lauf und das korrekte Anspielen wichtig.

Technique is not being able to juggle a ball 1000 times. Anyone can do that by practicing. Then you can work in the circus. Technique is passing the ball with one touch, with the right speed, at the right foot of your team mate. (…) A player who can play one touch football must have a fabulous technique. Strange how you have to be able to do everything with a ball before you can play it directly.

Deswegen konnte man bei Cruijff häufiger als bei Guardiola Pässe in den Raum anstatt in den Fuß sehen, welche das Ziel hatten einen Läufer aus dem Mittelfeld einzubinden und Spielzüge mit Spielern mit Sichtfeld nach vorne zu ermöglichen. Auf diese Aktionen folgten wiederum viele Hinterlaufbewegungen, welche in weiterer Folge nach den Ablagen und linienüberwindenden Pässen geschaffen wurden.

A team that passes the ball around in its own defense is doomed. You must pass the ball to midfield, as soon as possible because that’s where your best players are, and then the whole defense will be behind the ball.

Leseraufgabe: Was sagt Cruijff hier zu den Spielern? Bitte möglichst absurde technisch-taktische Erklärungen.

Passive Raumdeckungen konnten von Cruijffs Team fast ebenso gut bespielt werden wie Manndeckungen, welche insbesondere über das Schaffen von Überzahl in Ballnähe, die Vorstöße einzelner Spieler, Einzelaktionen und natürlich die Positionswechsel erzeugt wurden. Recht klare Passmuster, viele anlockende Aktionen und sehr viele Kombinationen mit nur einer oder zwei Ballberührungen sowie Zonenwechsel in der Ballzirkulation halfen dabei natürlich auch.

If you play on possession, you don’t have to defend, because there is only one ball. (…) Offside is not a defensive but an offensive weapon. (…) One thing is forbidden in football. The horizontal pass. If it goes wrong you lose two players. (…) A pass is only useful if you beat an opponent with it.

Auch der Torwart spielte bei Cruijff eine Rolle, auch wenn er nie so extrem wie Neuer unter Guardiola agierte. Besonders in Ballbesitz wurde er eigentlich nur im Notfall, für Konter oder bei Wechselpässen genutzt. Für jene Zeit war dies allerdings fortschrittlich, ebenso wie die sehr gute Raumaufteilung das konstante Geben von Breite und Tiefe.

Playing the ball back to the goalie doesn’t count as ball possession.

Seine eigene Erklärung zur Raute ist ein erhellender Hingucker eines großen Fußballdenkers. Folgende Prinzipien hat auch Pieter Zwart von Catenaccio.nl in diesem Artikel erwähnt und sogar präzise ausgeführt:

  • Keeping the field small
  • Direct pressure after losing possession
  • Defending spaces rather than opponents
  • Depth over width
  • Build-up play through the centre
  • Third man and triangles
  • Creating one-on-ones
  • Interchanging of positions
  • Profit from weaknesses

Neben dem Positionsspiel war Cruijff natürlich auch ein auf Pressing fokussierter Trainer und hatte zu damaliger Zeit auch dort einen Vorteil gegenüber allen Mannschaften Europas, außer einzelnen Erscheinungen wie Sacchis Milan. Besonders das flexibles Herstellen von Engstellen in strafraumnahen Situationen war sehenswert, das Gegenpressing und Pressing aus einer zonalen Grundstruktur mit vielen Mannorientierungen waren ebenfalls hochwertig.

Neben diesen strategischen Ideen und vielen tollen individualtaktischen Leitfäden war Cruijff auch in puncto Trainingsmethodik fortschrittlich.

„Der Ball wird nicht müde.“

Unbewusster Vorreiter im Training

How many more years do you want to continue being a coach?

Cruyff: “No idea. But in the first place, as long as I enjoy it. I love playing football. I love taking part in training sessions.”

Will you retire as a coach the moment you cant play anymore?

Cruyff: “That’s certainly possible. Playing makes this job tolerable.”

Are you still better than the players?

Cruyff: “Depends in what. The pitch is large. But as you’ve seen this morning, I make it smaller to suit me.”

To suit you?

Cruyff: “Of course, if it’s too big I can’t play. I have to change the rules so I can play. If we train 5 times a week, it’s twice for the players and three times for me.”

Dieses Zitat aus einem Interview Mitte der 90er zeigt, wie Cruijff trainieren ließ: Zwei Mal die Woche gab es größere Felder für die Spielformen und drei Mal die Woche kleinere Spielformen, sogenannte „small sided games“ und viele Rondos. Lieblingsübung: 4 gegen 4 mit zwei Neutralen in einem halbierten Strafraum.

Cruijff selbst wollte nämlich mitspielen, weswegen diese Spielformen genutzt wurden. Das Interessante daran: Cruijff konnte durch seine Beteiligung das Spiel innerhalb der Spielformen beeinflussen, seine Spieler direkt im Spiel kommandieren und ihnen Vorgaben geben sowie als Beispiel fungieren, wie man zu spielen hat. Diese Aspekte hatten einen positiven Effekt auf die Spieler und halfen Cruijff bei der Umsetzung seiner Ideen.

Gleichzeitig zeigen moderne sport- und trainingswissenschaftliche Studien, dass solche Spielformen für die technisch-taktische und physisch-mentale Entwicklung günstiger sind. Cruijff schaffte es damals, seine Spieler überdurchschnittlich gut zu trainieren und ihnen auch noch überaus kompetente Ratschläge zu geben. Im Verbund mit der individuellen Qualität erklärt sich der enorme Erfolg jener Jahre.

Desweiteren verband Cruijff im Fußball alles miteinander, auch wenn es teilweise an den Haaren herbeigezogen war (schien?):

What you see on the pitch often reflects what happens outside it. For example, in Barcelona we play aggressive and offensive. That’s because everyone around the team has an aggressive and offensive mentality. In everything we do. You’ll notice that when we train fast, the players also eat their lunch faster. Maybe the doctor will say that’s bad, but it’s about the mentality that reigns here.

Dieser Einfluss äußerte sich nicht nur in der ersten Mannschaft, sondern auch in der Jugend. Jüngst kritisierte Cruijff den FC Barcelona dafür, dass sie Messi kein Englisch in der Akademie beibrachten – und er wollte bewusst kleine Spieler in der Akademie haben, weil sie sich besser entwickeln.

Cruijff auf der Bank des Camp Nou

Desweiteren stand die Entwicklung im Fokus; Guardiola spielte vor seinem Debüt in der A-Mannschaft nicht als Stammspieler für die B-Elf, sondern im dritten Juniorenteam, oft auch als Rechtsaußen. Grund? Er spielte nicht, weil körperlich zu schwach. Cruijffs Antwort? NA UND?! Er musste spielen und entwickelt warden; Cruijff forderte auch, dass viele Angreifer mit Schwächen gegen den Ball in ihren Mannschaften als Abwehrspieler aufgestellt wurden, um sich dort zu entwickeln. Unter Cruijff schienen körperlich schwache Spieler gar eher bevorteilt als benachteilt zu werden:

Pep was not so big, so that was his disadvantage, but also his advantage. He was intelligent and he had vision. If you are not going to win physical battles you must learn to stay out of them. He could see and understand every position from the field. Pep was not going to be good if he had to defend 20 meters, but if he had to defend 5 or 10 meters, he could do it. So, he needed to make sure he had two players in the right position to help him and close down the space. When I saw his intelligence and his vision, that was the first indication he was going to be a good player and could become a great coach and go on to develop people. (..) The most important aspect of a coach are his eyes. Pep’s eyes are perfect, he sees every detail.

Diese Denkweise veränderte den FC Barcelona. Die Jugendtrainer und alle Verantwortlichen im Jugendbereich wurden mit diesem Mindset ausgestattet, was La Masia zur wohl besten Jugendakademie der Welt machte. Ein wichtiger Name: Francisco Seirul·lo Vargas, der den wissenschaftlichen Hintergrund für La Masia lieferte, gleichzeitig aber selbst den Fußball mit einer sozialen und eben kognitiven Komponente verband.

“We have destroyed only thinking in terms of defence, midfield and attack and have built a new game. In the last five years we have experienced a phenomenon if playing football in other conditions. If we do not evolve, we end up doing the same thing as everyone else. So we have to take a step forward. When we play the practise games in training he is the best defender on the team, much better than any of our defenders, because not only can he recover the ball but he also starts the move to create something.”

Seit langem ist Seirul·lo eine Koryphäe. Viele seiner Arbeiten sind auch heute noch Standard. Recherchiert man auf seiner Seite entrenamientodeportivo.org, so finden sich zahlreiche Artikel zu dynamischen Systemen, kognitiven Strukturen des Athleten im Sport und so weiter. U.a. teilte Seirul·lo das Training in eine kognitive Struktur (Vermittlung von Informationen in der Spielform), eine sozial-affektive Struktur (die Interaktionen der Einzelspieler innerhalb) und eine emotional-volitive Struktur (die Motivation zur Umsetzung), welche im Training zu berücksichtigen sind.

Dies zeigt übrigens auch eine Seite von Cruijff, die oft vergessen wird. Obwohl er so arrogant und selbstsicher wirkte, für sich unfehlbar und mit einer Meinung zu allem und jedem, so überließ Cruijff kompetenten Leuten – ob Spielern oder Leuten in seinem Trainerstab – durchaus wichtige Aufgaben. Eine wahre Führungspersönlichkeit also.

Fazit

Sometimes something’s gotta happen before something is gonna happen.

Coincidence is logical.

Every disadvantage has its advantage.

I’m an optimist. I’ve never seen the point of being a pessimist. When I close my eyes at night I see beautiful things.

Before I make a mistake, I don’t make that mistake. (…) Actually I never make a mistake, because it takes a huge effort for me to be wrong.

Zitate wie diese definieren Cruijff. Martin Rafelt und ich hatten uns sogar scherzhaft überlegt, einen Podcast zu machen, wo wir einfach über Cruijff reden und seine Zitate diskutieren. Sie spiegeln kurz und kompakt den Trainer und den Menschen Cruijff wieder.

Teilweise gilt er deswegen als arroganter Unsympath, für andere erhält er Kultstatus – und viele finden kleine Weisheiten in diesen anfänglich unpassend wirkenden Zitaten, welche ich bewusst über den Text verstreut eingebaut habe. Sie sollen ein authentisches Bild von Cruijff zeichnen, wie er sich gab und gibt.

In der Geschichte des Fußballs gab es zahlreiche bunte Persönlichkeiten (aka schräge Typen), Genies, tolle Trainer und herausragende Spieler, welche den Fußball für immer verändern sollten. Cruijff ist aber womöglich der einzige, der all diese Kategorien in sich kombiniert und wohl für jede einzelne davon als Prototyp gelten könnte. Seine Ideen haben sich beim FC Barcelona verselbstständigt und verwirklicht, mit phänomenalen Erfolgen in den letzten Jahren.

Heute kämpft Johan Cruijff mit dem Lungenkrebs, mutmaßlich eine Folge seines jahrelangen Kettenrauchens, welchem er als Spieler und Trainer frönte; sein vielleicht einziger „Mistake“, den er selbst zugeben würde. In den 90ern hörte Cruijff bereits wegen gesundheitlicher Beschwerden damit auf und widmete sich dem Kampf gegen das Rauchen. Fortan war er in Werbespots als erklärter Gegner des Tabaks zu sehen, auf der Bank hatte er häufig einen Chupa-Chups-Lutscher anstatt einer Zigarette bei sich.

Es ist sein Vermächtnis im Fußball, als Spieler, Trainer und Persönlichkeit, welche zu den vielen Genesungswünschen der letzten Wochen führten. Und auf diesem Wege wünschen wir einem Helden des Fußballs gute Besserung und viel Erfolg in seinem Kampf gegen die Krankheit.

Cruijff. Geborener Sieger. Quelle: Cruijff.

Dietrich Schulze-Marmelings (sehr empfehlenswertes) Buch „Der König und sein Spiel“, woraus ich zahlreiche Informationen und Zitate in diesem Artikel bezog, die Eigenrecherche von über fünfzig Partien und die tolle Seite 4dfoot.com halfen bei diesem Artikel ebenso wie die Seite Footballia.com / ihr Seiteninhaber, unser Leser Lukas Tank von footballarguments.wordpress.com und die Jungs von Catenaccio.nl.

 

Wer zu spät kommt, den bestraft der Verband

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Der relative age effect (RAE) ist eines der interessantesten Phänomene im Nachwuchssport – und eines der besorgniserregendsten.

Im Wesentlichen besagt er, dass innerhalb eines Jahres – oder genauer: innerhalb eines Selektionszeitraumes – früh geborene Sportler gegenüber jenen, die in einem späteren Monat geboren sind, systematisch bevorzugt werden. Demnach sind in einer Stichprobe häufiger Geburtsdaten anzutreffen, die im Beginn des Selektionszeitraumes liegen. Wissenschaftlich formuliert ist dann vom RAE die Rede, „wenn die Geburtsdaten einer Stichprobe nicht proportional zu den Geburtsdaten des entsprechenden Ausschnitts der Normalbevölkerung verteilt sind.“ (LAMES et al. 2008).

Vom RAE sind vor allem kraft- und laufintensive Sportarten betroffen, die sich einer großen öffentlichen Beliebtheit erfreuen und in denen früh selektiert wird. All das trifft auf den Fußball zu. Geht man davon aus, dass sich Talent gleichmäßig übers Jahr verteilt und sich nicht in der ersten Jahreshälfte ballt, deutet der RAE auf Mängel im System der Nachwuchsförderung hin. Daher ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem RAE zugleich eine kritische Auseinandersetzung mit der Nachwuchsarbeit an sich.

  1. Fakten ! Fakten! Fakten

Eine erste Studie zum RAE wurde bereits im Jahre 1985 von BARNSLEY/THOMPSON/BARNSLEY im nordamerikanischen Eishockey veröffentlicht. Seither konnte der RAE in vielen weiteren Sportarten auf allen Kontinenten nachgewiesen werden. Besonders auffällig ist der RAE im europäischen Fußball:

Grafik von Wikipedia

Grafik von Wikipedia

Eine Studie zur U17-WM 2013 (SALLAOUI et al. 2014) zeigte, dass mehr als ein Drittel aller Spieler im ersten Quartal des Jahres 1996 geboren wurden (38,7%) und beinahe ein Viertel im zweiten (23,2%). Lediglich 24,4% wurden in der zweiten Jahreshälfte geboren. 13,7% aller Spieler wurden nach 1996 geboren. Graphisch stellt sich das wie folgt dar:

Grafik zum RAE bei der U17-WM 2013

Grafik zum RAE bei der U17-WM 2013

Auch bei der jüngsten U17-WM, die 2015 in Chile stattfand, bestätigten sich diese Zahlen (die folgenden Geburtsdaten stammen von fifa.com). 38,8% der Spieler wurden im ersten Quartal  von 1998 geboren, 22,8% im zweiten, 12,9% im dritten, 12,3% im vierten und 13,1% in der Zeit nach 1998. Bei den UEFA-Teams wurden insgesamt gar 73% der Spieler in der ersten Jahreshälfte geboren; lediglich ein Spieler kam 1999 zur Welt. Auch die Mannschaft von DFB-Trainer Christian Wück offenbarte einen signifikanten RAE: Jeweils 9 Spieler wurden im ersten und zweiten Quartal geboren (je 42,9%), einer im dritten (4,8%) und zwei im vierten (9,5%).

Vergleich der Verbände bei der U17-WM

Vergleich der Verbände bei der U17-WM

Damit hatte das DFB-Team neben Russland, Frankreich und Belgien einen der deutlichsten RAE. Interessante Werte lieferte auch Syrien: Insgesamt 17 Spieler (81%) kamen im Januar zur Welt; jeweils einer in den Monaten Februar bis Mai. Kein einziger Spieler wurde in der zweiten Jahreshälfte geboren. Es wurden also 19 von 21 Spielern im Zeitraum von Januar bis März geboren. Fünf Spieler Syriens kamen 1999 zur Welt.

Der DFB im Vergleich mit Syrien

Der DFB im Vergleich mit Syrien

Aufgrund der auffälligen Daten in der deutschen U17-Nationalmannschaft liegt die Vermutung nahe, dass sich auch in den Bundesligen von U17 und U19 entsprechende Hinweise auf den RAE finden lassen. Und tatsächlich zeigen die Geburtsdaten einen auffälligen RAE.

Daten zum RAE der U17- & U19-Bundesliga

Daten zum RAE der U17- & U19-Bundesliga

Mit 47,5% kam beinahe die Hälfte aller Spieler der U17 Bundesliga allein im ersten Quartal zur Welt (das Geburtsjahr ist hierbei nicht berücksichtigt). In der U19 sind es immerhin noch 40,3%.

  1. Ursachen

Belege für den RAE gibt es – vor allem in Deutschland – zu Genüge. Um jedoch Gegenmaßnahmen herausarbeiten zu können, müssen die Ursachen für die Entstehung des RAE identifiziert werden. Als Hauptgrund vermuteten bereits BARNSLEY/THOMPSON/BARNSLEY (1985), dass ältere Spieler in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung weiter sind und daher bevorzugt für leistungsstarke Mannschaften selektiert werden. Bereits wenige Monate können in der Adoleszenz entscheidende Unterschiede in der Muskelbeschaffenheit und der neuronalen Entwicklung bedeuten und schließlich auch in der Spiel- und Lebenserfahrung.

Vergleicht man einen Spieler, der am 01.01. geboren wurde, mit einem Spieler, der am 31.12. desselben Jahres auf die Welt kam, liegen 364 Tage zwischen beiden. Im Alter von zehn Jahren entspricht dieser Unterschied einem Zehntel an Lebenserfahrung. Dieser altersbedingte Entwicklungsunterschied führt natürlich dazu, dass relativ ältere Spieler zu einer bestimmten Zeit ein höheres Leistungsniveau abrufen können. Sie sind schneller, ausdauernder und kräftiger und können alleine dadurch Spiele in einer Art und Weise prägen, zu der relativ Jüngere (noch) nicht in der Lage sind. Auch die technisch-taktischen Fähigkeiten dürften durch den Entwicklungsvorsprung zu einem gewissen Grad fortgeschritten sein, was die spielerische Leistung zusätzlich verbessert.

In mehrere Studien konnte eine Korrelation zwischen dem RAE und anthropometrischen Besonderheiten festgestellt werden: Unabhängig vom Geburtsdatum weisen selektierte junge Sportler ein ähnliches sportmotorisches Leistungsniveau auf. Dies deutet darauf hin, dass relativ jüngere Sportler nur dann eine Chance haben, selektiert zu werden, wenn sie bereits ein höheres sportmotorisches Leistungsniveau aufweisen, während relative ältere Sportler eine zusätzlich höhere Wahrscheinlichkeit haben, selektiert zu werden, wenn sie größer und schwerer sind. Somit haben die anthropometrischen Charakteristika einen wesentlichen Einfluss auf die Talentselektion im Nachwuchsleistungssport (MÜLLER et al. 2015b m.w.N.). Diese körperbetonte Komponente wird im Rahmen der Nachwuchsausbildung durch verschiedene Faktoren verstärkt.

Ein erster Einflussfaktor ist die Spielfeldgröße bei den F- bis C-Junioren. Hier sind die Feldgrößen im Verhältnis zu den körperlichen Voraussetzungen der Kinder und Jugendlichen teilweise so enorm, dass kleinere Spieler erhebliche Nachteile haben, überhaupt an den Ball zu kommen. Enge Spielsituationen, in denen technisches Geschick und eine gute Entscheidungsfindung unter Druck wichtig sind, können durch weiträumige Verlagerungen umgangen werden, wobei die größeren und schnelleren Spieler Vorteile in der Ballbehauptung haben.

Ein weiterer Faktor sind die auf Intensität und Laufbereitschaft aufbauenden Pressingkonzepte, die die DFB-Ausbildung beherrschen. In diesen intensitätsfokussierten Spielmodellen wirken ältere Spieler vermeintlich besser, weil selbst schlechte Entscheidungen noch durch die körperliche Überlegenheit zu einer erfolgreichen Umsetzung erzwungen werden können. Wenn der Erfolg, sich in Situationen durchzusetzen, nur davon abhängt, wie sich ein Spieler körperbetont „durchtanken“ kann, verliert die Qualität von Entscheidungen an Bedeutung. Taktische Mängel können auf diese Weise kaschiert werden, wodurch simple Lösungen forciert werden.

Indem Nachwuchstrainer offensichtlich dazu neigen, Spieler anhand von vordergründig körperlichen Merkmalen als (momentanes) Talent zu bewerten, wird deutlich, dass hierin dem Erfolg eine größere Bedeutung beigemessen wird als der Entwicklung von Spielern. Je früher dann nach Leistung selektiert wird, desto schneller versprechen sich die Trainer davon einen Vorteil. Wenn aber nur die momentane Leistungsfähigkeit in Wettkämpfen beurteilt wird, ignoriert man die Entwicklungsfähigkeit des Nachwuchssportlers. Dabei muss es das Ziel der Talentselektion sein, zu bewerten, zu welchen Leistungen der betreffende Spieler in Zukunft fähig sein kann oder wird. Durch eine frühe Selektion wird den Spielern ein Leistungsprinzip vermittelt, das keinen Platz für Spaß und Spielerentwicklung bietet. Dabei gehört beides zusammen (BECK 2008).

  1. Folgen

Die Auswirkungen durch den RAE können auf lange Sicht fatal sein. Wenn ältere Spieler lediglich wegen ihrer körperlichen Überlegenheit häufiger als „besser“ eingestuft werden, ist die Gefahr groß, dass kleinere aber womöglich talentiertere Athleten übersehen oder ignoriert werden. Die Folgen davon sind erst Jahre später zu spüren. So wird regelmäßig der Mangel an kreativen und dribbelstarken Spielern in den Auswahlmannschaften bedauert. Die übermäßige Fokussierung auf die Umschaltmomente beim DFB und in den meisten Nachwuchsleistungszentren (NLZ) fördert diesen Umstand zusätzlich. Denn wo kreative Spieler nicht gesucht, eingesetzt oder gefördert werden, weil sie für den angestrebten Spielstil nicht relevant sind, wird es auch keine geben.

3.1 Matthäus-Effekt

Die als „besser“ eingestuften Spieler werden intensiver gefördert und häufiger Nationalspieler (siehe oben). Sie erhalten mehr Spielzeit und können somit weitere Erfahrungen sammeln, was ihren Entwicklungsvorsprung noch weiter vorantreibt, während ihre jüngeren Kollegen quasi auf der Strecke bleiben. Diese bekommen zunehmend weniger Einsätze und keine spezielle Förderung, wodurch ihre Leistungen stagnieren oder gar zurückgehen. Schließlich verlieren sie den Anschluss.

Abbildung: Matthäus-Effekt

Matthäus-Effekt (ROMANN/FUCHSLOCHER, 2010).

Dieser Effekt wurde nicht etwa nach dem Ehrenspielführer des DFB benannt sondern nach Kapitel 13, Vers 12 des Matthäusevangeliums (Gleichnis von den anvertrauten Talenten): „Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“. Michael Romann von der Eidgenössischen Hochschule für Sport Magglingen geht davon aus, dass durch den Matthäus-Effekt bis zu 15-20% an Talenten aus dem letzten Quartal verloren gehen, während bei Spielern aus dem ersten Quartal etwa 25% gefördert werden, die keine Perspektive haben.

Ein Beispiel aus der Praxis: Guardiola selbst sprach z.B. davon, dass er bei keiner anderen Jugendakademie als Barcelonas unter Cruijffs Einfluss zu jener Zeit Profi geworden wäre. Er vermutet selbst, dass er vermutlich in der dritten oder vierten Liga agiert hätte. Wieso es doch gereicht hat, zeigt dieser Einblick in Cruijffs Philosophie und den damit einhergehenden Fokus auf Taktik-Technik:

Cruijffboy

3.2 Verletzungen

Eine weitere Gefahr, die durch den RAE entsteht, ist das Übertraining der relativ jüngeren und somit regelmäßig körperlich schwächeren Spieler, weil sie (noch) nicht den Anforderungen standhalten können, die ältere Spieler absolvieren. In den NLZ ist es nicht ungewöhnlich, dass bis zu fünf oder sechs Mal pro Woche trainiert wird. Wer bei einem solchen Belastungsumfang mit und gegen körperlich überlegene Athleten spielt, wird ungleich höher belastet als es bei gleichentwickelten Spielern der Fall wäre. Wird hier nicht adäquat periodisiert, indem etwa mehr Erholungspausen gemacht werden, wird die Gefahr für Verletzungen gesteigert.

Diese Belastungsprobleme zeigen sich auch in der Übergangsphase vom Nachwuchs- in den Männerbereich. Dort sind die etablierten Spieler wegen des residualen Trainingseffekts bereits an die höheren Belastungen gewöhnt. Stoßen nun aber junge Spieler hinzu, müssen sie nach und nach an ebendieses Leistungslevel herangeführt werden. Andernfalls droht eine Überbelastung, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Verletzungen führt. Insofern verwundert es nicht, dass so viele Nachwuchsspieler ihren Traum vom Profifußball bereits in ihren Teenagerjahren verletzungsbedingt aufgeben müssen.

In der von Raymond Verheijen aufgebauten Jugendakademie Feyenoord Rotterdams wurde darum z.B. bei bestimmten Spielern – wie Jordi Clasie – von einer konstanten Teilnahme am Training abgesehen; „besseres“ anstatt „mehr“ Training, weswegen Clasie a) mehr Energie für das Wachstum hatte, b) weniger verletzungsanfällig war und c) bei den älteren Jahrgängen mittrainierte, da er spielerisch weiterentwickelt war, obgleich er körperlich unterentwickelt war.

Der jüngst leider von uns gegangene Johan Cruijff sprach sogar davon, dass man sich bewusst nach körperlich unterlegenen Spielern für die Akademie umschauen müsste. Diese würden – entsprechend den heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen des constraints-led approach! – aufgrund ihrer körperlichen Probleme sich stärker auf die Entwicklung der technisch-taktischen Fähigkeiten konzentrieren. Aus ihrer Schwäche würde dann eine Stärke: Die verbesserte Spielintelligenz und Technik.

  1. Gegenstrategien

Durch den RAE fallen viele Talente durchs Raster oder müssen in Verbindung mit einer schlechten Periodisierung verletzungsbedingt mit dem Leistungssport aufhören. Andererseits werden relativ ältere Spieler wegen vorübergehender Leistungsvorsprünge gefördert, obwohl sie langfristig keine Perspektive haben (FUCHSLOCHER et al. 2011). Insofern ist es unbedingt notwendig, die Sichtung und Entwicklung von Talenten effizienter und nachhaltiger zu gestalten. Etwaige Strategien gegen den RAE müssen neben strukturellen Aspekten auch auf inhaltliche abstellen. Einerseits muss ein größerer Fokus auf technisch-taktische Aspekte gelegt werden; andererseits gilt es, die Selektion so lange wie möglich zu umgehen und so die Bedeutung von Wettkampfresultaten gegenüber der Art und Weise zu verringern.

Die Einführung kleinerer Selektionsgruppen (halbjährig, quartalsweise) und die Berücksichtigung des biologischen Alters sollen altersbedingte Entwicklungsvorsprünge und -rückstände möglichst neutralisieren, sodass auch hier die technisch-taktischen Fähigkeiten dominieren. Um eine optimale Entwicklung zu gewährleisten, müssen die Wettkampfregeln altersgerecht ausgestaltet sein, was sich primär in der Anzahl der Spieler pro Mannschaft und die Spielfeldgröße niederschlagen muss.

Im Folgenden werden einige Modelle vorgestellt, die zur Verhinderung des RAE geschaffen wurden. Ihre wesentlichen Inhalte werden beleuchtet und mögliche Umsetzungen im Rahmen der DFB-Konzeptionen untersucht.

4.1 Schweizer Modelle

In der Schweiz wurden eigene Selektionsinstrumente entwickelt, mit deren Hilfe das Potenzial von Nachwuchsathleten besser eingeschätzt werden soll. Der Fokus wird dabei nicht auf die erzielten Wettkampfresultate gelegt, sondern auf die Entwicklungsfähigkeit der Sportler. Um ein möglichst valides Instrument zur Prognose der Leistungs- und Talententwicklung entwerfen zu können, führten die Dachorganisation der Schweizer Sportverbände (Swiss Olympic) und wissenschaftliche Mitarbeiter des Bundesamtes für Sport Experteninterviews mit Trainern und Nachwuchsverantwortlichen sowie umfassende Literaturrecherchen zum Thema „Talentidentifikation, -selektion und -entwicklung“ durch.

Dabei wurden Artikel der letzten 20 Jahre aus internationalen Journals und Fachbüchern gesichtet. Auf dieser Grundlage wurde das sportartenübergreifende Instrument PISTE (Prognostische Integrative Systematische Trainer-Einschätzung) herausgearbeitet, mit dessen Hilfe das Entwicklungspotenzial der Nachwuchsspieler ermittelt werden soll. Es orientiert sich an den sogenannten „big five“-Kriterien zur Leistungsbeurteilung:

  1. eigentliche Wettkampfleistung im späten Nachwuchsalter
  2. sportartenspezifische Leistungstests
  3. beobachtete Leistungsentwicklung über einen längeren Zeitraum
  4. Leistungsmotivation
  5. physische und psychische Belastbarkeit des Kindes.

 

Abbildung: „PISTE“

* sehr schlecht,, ** schlecht, *** befriedigend, **** gut, ***** sehr gut

Auffällig ist die Unwirksamkeit von generellen sportmotorischen Tests gegenüber der guten Prognosevalidität sportartenspezifischer Tests. Mithilfe sportmotorischer Tests soll der Ist-Zustand von Sportlern hinsichtlich ihrer konditionellen Leistungsfähigkeit (Kraft, Schnelligkeit, Ausdauerfähigkeit, Gelenkigkeit, Koordination) ermittelt werden. Dass solche Tests (u.a. Tapping, Drop Jump, Tempodribbling, Laufbandstufentest) für die Talentbewertung in der Adoleszenz kaum verlässlich sein können, sollte angesichts der dauernd fortschreitenden körperlichen Veränderungen offensichtlich sein. Nicht zuletzt sind sie gänzlich unspezifisch und isoliert. Sie können zwar Aufschluss über grundsätzliche motorische Fertigkeiten liefern, aber nicht, ob der betreffende Spieler diese auch in der jeweiligen Sportart effektiv einzubringen vermag. Insofern sind derartige Tests (sogar Tempodribblings) für die Bewertung der Spielfähigkeit völlig irrelevant (SCHWESIG et al. 2016). Daher sollen entsprechende Tests nicht zu Selektionszwecken genutzt werden. Sogar die Nutzung als Trainingskontrolle ist zu hinterfragen.

Um die sportartenspezifische Leistung objektiv einschätzen zu können, müssen entsprechende Tests einen inhaltlich relevanten Bezug zu den spezifischen Anforderungen der jeweiligen Sportart haben. Die Einbeziehung von Trainereinschätzungen als Beurteilungsmethode ist dabei zwar naheliegend, aber vor allem in komplexen Spiel- und Mannschaftssportarten wie dem Fußball nicht ohne Schwierigkeiten umzusetzen. In solchen Sportarten herrschen infolge von Azyklik, Komplexität und Systemdynamik vielseitige Anforderungen hinsichtlich Technik, Taktik und Kondition. Dies erschwert es, die Leistungen valide zu bewerten. Zumal hier eine Vielzahl von Spielern individuell und in Wechselseitigkeit miteinander bewertet werden muss, was für einen oder zwei Trainer allein schwer zu realisieren ist. Es müssen daher adäquate Tools entwickelt werden, die eine möglichst umfangreiche und objektive Einschätzung gewährleisten (siehe 4.1.4).

Die im frühen Nachwuchsalter erzielten Resultate sind ebenfalls kein verlässlicher Indikator für eine Prognose über die Talententwicklung. Denn durch die unzähligen Einflussfaktoren auf die psychosoziale und körperliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist es kaum möglich, vorherzusehen, wie sich junge Talente in Zukunft entfalten werden (FUCHSLOCHER et al. 2011). Erst mit zunehmendem Alter und einer langfristigen Beobachtung wird die Prognose genauer. Talenteselektionen, die noch vor dem 14. Lebensjahr ansetzen, sind daher grundsätzlich abzulehnen.

Mithilfe dieser Kriterien soll durch ein Punktbewertungsverfahren eine Selektionsrangliste von den Trainern erstellt werden. Dabei sollen sie auch Faktoren wie die innere Motivation, das familiäre Umfeld und psychische Belastbarkeit der Spieler bewerten. Dennoch sind auch sie kein bedenkenloses Hilfsmittel zur Talentprognose und -entwicklung. Eine präzise und vor allem  individualisierte Vorhersage kann es nicht geben, sondern allenfalls eine gewisse Wahrscheinlichkeit.

Aufbauend auf PISTE entwickelte der Schweizer Fußballverband speziell für die Altersklassen U11 bis U14 das Förder- und Sichtungsinstrument FOOTECO (Football Technique Coordination). Nach Aussage des Verbandes zielt FOOTECO „auf die Entwicklung des Potenzials der Spieler ab und hat zum Ziel, die jungen Spieler nicht zu früh zu selektionieren“. Es basiert auf den folgenden Prinzipien:

– Respekt und Fairplay erziehen

– Respekt gegenüber dem Umfeld des Spielers

– Die Art und Weise gegenüber dem Resultat priorisieren

– Wert auf die Spielfreude legen

– Spielflächen limitieren

– Die Anzahl an Ballberührungen favorisieren

– Intensität und Erfolg erhöhen

– Anzahl der Spieler der Mannschaften limitieren

– Jedem Spieler Spielzeit garantieren

– großgewachsene Spieler nicht bevorzugen

– kleingewachsene Spieler nicht benachteiligen

4.1.1 späte Selektion

FOOTECO wurde für die Altersstufen U11 bis U14 entworfen. In diesem Alter sollen die Leistungen der Spieler kontinuierlich beobachtet werden und letztlich so eine möglichst optimale Grundlage für die Leistungsselektion ab der U15 liefern.

 

Abbildung „FOOTECO“

Förderstufen des Schweizer Fußballverbands (SFV).

Die Selektion ab dem 14. oder 15. Lebensjahr entspricht auch dem Entwicklungsmodell von CÔTÉ/BAKER/ABERNETHY (2007) und wird vor dem Hintergrund, dass Wettbewerbsresultate aus der frühen Nachwuchszeit kein valides Kriterium für Entwicklungsprognosen darstellen, zusätzlich gestützt.

 

Abbildung „Côté /Baker/Abernethy“

Entwicklungsmodell sportlicher Betätigung (Côté/Baker/Abernethy 2007)

Der DFB hingegen fängt mit der Sichtung von Talenten bereits im U9- bis U11-Bereich an. Vereinstrainer können drei Spieler aus ihrer Mannschaft für eine besondere Förderung vor Ort anmelden, woraufhin die Kinder gesichtet werden. Da bereits bei dieser Anmeldung nachweislich Spieler aus der ersten Jahreshälfte bevorzugt angemeldet wurden, wird den Trainern mittlerweile vorgegeben, dass mindestens einer dieser Spieler in der zweiten Jahreshälfte geboren sein muss.

4.1.2 biologisches Alter und Periodisierung

Der RAE ist weitestgehend Ausdruck einer Bevorteilung von körperlich weiter entwickelten Spielern. Von dieser Bevorzugung profitieren jedoch nicht nur relativ ältere Spieler, sondern auch Spieler, deren körperliche Beschaffenheit gemessen an ihrem relativen Alter fortgeschritten ist (Vgl.: 2.). Bestimmend für diese anthropometrischen Eigenheiten eines Sportlers ist das biologische Alter. Mit dem biologischen Alter (BA) ist der Zustand des Körpers gemeint, der normalerweise einem bestimmten Alter ungefähr entspricht. Demgegenüber ist mit dem chronologischen Alter (CA) die geläufige zeitliche Altersangabe gemeint, die sich nach dem Geburtsdatum errechnet. Der körperliche Entwicklungsstand wird aus der Differenz des biologischen und chronologischen Alters ersichtlich.

Die präziseste Messmethode zur Feststellung des biologischen Alters ist das Röntgen der Handwurzelknochen (Greulich-Pyle-Methode).

Abbildung: Handwurzel

Bestimmung des biologischen Alters durch Röntgen der Handwurzelknochen (MÜLLER et al. 2015a)

Da dieses Verfahren jedoch aufwendig und teuer ist und zu einer Strahlenbelastung führt, wird die Mirwald-Methode bevorzugt (MIRWALD et al. 2002). Dabei wird das Geburtsdatum mitsamt den Maßen von Körpergewicht (in kg), Körpergröße und Sitzgröße (jeweils in cm) verwendet und mithilfe einer mathematischen Formel zu einer einmaligen Schätzung berechnet. Die Mirwald-Methode weist gewisse Schwankungen in der Genauigkeit auf. Daher werden nur drei grobe Entwicklungsphasen kategorisiert:

– früh entwickelt/akzeleriert (BA – CA > +1 Jahre);

– normal entwickelt (BA – CA = -0.5 bis +0.5 Jahre);

– spät entwickelt/retadiert (BA – CA < -1 Jahre).

Das biologische Alter kann während der Pubertät bis zu 5 Jahre vom chronologischen Alter abweichen. Problematisch dabei ist jedoch, dass die Daten nur über Kaukasier erhoben wurden. Wie die Validität bei anderen Ethnien ist, ist unklar. Vor dem Hintergrund, dass die Zahl der Kinder mit Migrationshintergrund zunimmt, ist der praktische Nutzen dieser Methode zumindest fraglich.

Unter Berücksichtigung des Entwicklungsstandes können Spieler präziser in Mannschaften integriert werden, wenn es kleinere Altersklassen (jährlich, halbjährlich, quartalsweise) gibt. In einem Verein mit vielen Mannschaften, die nach Altersklassen eingeteilt sind, kann dem biologischen Alter besser entsprochen werden, wenn ältere Spieler in der körperlichen Entwicklung noch zurückhängen oder jüngere Spieler umgekehrt ihren Altersgenossen bereits spielerisch und/oder körperlich voraus sind.

Diese Spieler können dann in die für sie passende Mannschaft integriert werden, um ihre technisch-taktische Entwicklung in einem dafür konditionell passenden Rahmen voranzutreiben. Talentierte kleinere Spieler, die physische Nachteile haben, spielen dann im jüngeren Jahrgang. Talentiertere kleinere Spieler, die trotzdem besser sind als ihre Selektionsgenossen, trainieren bei den Älteren. Da die konditionellen Anforderungen in diesem Fall zu hoch für den körperlichen Entwicklungsstand des betreffenden Spielers sind, trainiert dieser im Sinne einer adäquaten Belastungssteuerung weniger.

Die Einführung kleinerer Altersklassen ist vor allem im Kindesalter und der frühen Adoleszenz notwendig. Strukturelle Schwierigkeiten, die sich insbesondere aus den stetig sinkenden Geburtszahlen ergeben, können durch die kleineren Spielformen (siehe: 4.1.3) kompensiert werden. Da etwa Funino im 3-gegen-3 gespielt wird, ist es möglich, Mannschaften nach Quartalen zu bilden und Kinder mit ähnlichem biologischem Alter zusammen spielen zu lassen.

Die Berücksichtigung des biologischen Alters kann sogar so weit gehen, dass ein Spieler in einer Altersklasse spielt, für die er kalendarisch schon zu alt ist. Eine solche Möglichkeit besteht im schweizerischen Eishockey. Dort sind jeweils maximal zwei „Lateborn/Spätentwickler“ des jüngeren Jahrgangs der höheren Altersstufe in den Piccolo-, Moskito-, Mini-, Novizen-Stufen spielberechtigt, sofern die folgenden Kriterien erfüllt sind:

Spielberechtigungsstufentabelle

Spielberechtigungsstufentabelle

Laut Verband sind „Lateborns“ Spieler, „welche innerhalb des Jahrganges durch die Jahrgangsstruktur benachteiligt sind“. Als „Lateborns“ kommen also nur Spieler des jüngeren Jahrgangs in Frage, die in der zweiten Jahreshälfte geboren wurden. „Spätentwickler“ sind „grundsätzlich in der Entwicklung gegenüber dem Durchschnitt der gleichen Alterskategorie im Rückstand.“ Weitere Einschränkungen für die Berechtigung, in einer tieferen Altersklasse zu spielen, sind etwa, dass der „Lateborn/Spätentwickler“ nicht in einer tieferen Leistungsklasse spielen darf, als in derjenigen, in welcher er bereits im vorherigen Jahr qualifiziert war. Im Bereich der Novizen-Elite wird das Knochenalter bestimmt. Dieses muss mindestens 1 Jahr unter dem chronologischen Alter liegen. Es bedarf jeweils einer ärztlichen Bestätigung.

Das Konzept, „Lateborn/Spätentwickler“ in einer jüngeren Altersklasse spielen zu lassen, ist äußerst sinnvoll. Den (deutlich) unterentwickelten Spielern wird die Möglichkeit geboten, ihre technisch-taktischen Fähig- und Fertigkeiten in einem konditionell passenden Rahmen zu entwickeln, ohne dass dieser Entwicklungsprozess von körperlich dominierenden Mit- und Gegenspielern beeinträchtigt wird. Würde man in diesem Fall nicht entgegensteuern sondern die strikten Stichtagsgrenzen sowie Altersklasseneinteilungen einhalten (müssen), würde man einer Vielzahl von Spätentwicklern jede Chance auf eine adäquate Förderung verbauen.

4.1.3 Verkleinerung von Spielflächen und Spielerzahl pro Mannschaft

In den Jahren 2005/06 und 2011/12 führte der DFB Reformen im D-Jugendbereich (U12/13) durch, nach denen die Spielfeldmaße, Torgrößen und Spieleranzahl pro Mannschaft verringert wurden. Fortan sollte im 9-gegen-9 auf 70x50m gespielt werden.

DFB-Reform

Die Intention hinter den Reformen war, dass Jugendliche im Alter von 12 und 13 Jahren körperlich noch nicht in der Lage sind, um auf Großfeld zu spielen. Die Wege wären zu weit, wodurch es seltener zu Ballaktionen (Vgl.: RAMPINI et al. 2007 m.w.N.) und häufiger zu langen Flugbällen kommt. In der Folge verlieren technisch-taktische Aspekte gegenüber den konditionellen an Bedeutung; zumal auch hier körperlich überlegenen Spieler deutliche Vorteile haben. Des Weiteren war der direkte Übergang vom 7-gegen-7 auf dem Kleinfeld (68x50m) zum 11-gegen-11 auf dem Großfeld schlichtweg zu extrem. Es gab keine altersgerechte Anpassungsphase an das Großfeld. Zusätzlich erhoffte man sich von der Reform eine leichter zu überblickende und kontrollierende Raumaufteilung für die Spieler.

Auch bei den G- bis E-Junioren wurden Anpassungen vorgenommen. In der Jugendordnung des DFB heißt es in § 8a:

„1. Bei den G- bis D-Junioren/Juniorinnen wird auf einem verkleinerten Spielfeld gespielt. Die Mannschaften der G-Junioren/Juniorinnen bestehen aus bis zu sechs, die Mannschaften der F-Junioren/Juniorinnen und E-Junioren/Juniorinnen aus bis zu sieben Spielern/Spielerinnen, die Mannschaften der D-Junioren/Juniorinnen aus bis zu neun Spielern/Spielerinnen. Die Größe der Tore beträgt bis zu 5 x 2 m.

  1. Bei den C-Junioren und älter sind sowohl Spiele auf verkleinertem Spielfeld und mit verkleinerten Toren als auch auf Normalspielfeld möglich. Die Mannschaftsstärke liegt bei mindestens sieben und maximal elf Spielern.“

Durch die vagen Vorgaben des DFB hinsichtlich der Spielfeldgröße, gibt es zwischen den einzelnen Landesverbänden Abweichungen, was die Umsetzung betrifft. In Berlin werden etwa folgende Angaben gemacht:

„Bei den Spielen der F- und G-Junioren im Juniorenbereich gelten folgende Spielfeldmaße:

Länge: 40m, Breite: 29-39m, Strafraum: 9m, Torraum: 3m, Strafstoßmarke: 9m

Bei den Spielen der E-Junioren im Juniorenbereich gelten folgende Spielfeldmaße:

Länge: 45-55m, Breite: 29-39m, Strafraum: 9m, Torraum: 3m, Strafstoßmarke: 9m

Bei den Spielen der D-Junioren im Juniorenbereich gelten folgende Spielfeldmaße:

Länge: 45-70m, Breite: 44-55m, Strafraum: 11m, Torraum: 3m, Strafstoßmarke: 9m“

Von den C- bis A-Junioren wird im 11-gegen-11 gespielt, in der D-Jugend 8-gegen-8 und in der F- bis G-Jugend 7-gegen-7.

In Niedersachsen gelten folgende Regeln: In der G-Jugend spielen bis zu 6 Spieler auf ca. 35 x 32m Spielfläche, in der F-Jugend bis zu 7 Spieler auf ca. 40 x 35m Spielfläche und in der E-Jugend bis zu 7 Spieler auf ca. 55 x 35m Spielfläche. In der D-Jugend wird entweder im 9-gegen-9 auf 70 x 50m gespielt, oder im 7-gegen-7 auf 65 x 50m. Ab der C-Jugend wird im 11-gegen-11 auf Großfeld gespielt. Bei den G- und F- Junioren werden keine Meisterschaften durchgeführt.

Im Prinzip wurden die D-Junioren durch die Reform wieder zurück aufs Kleinfeld geschickt, wobei sie sogar einen zusätzlichen Feldspieler bekamen. Ein seichterer Übergang zum Großfeld ist damit zwar gegeben, geht aber nicht weit genug. Denn auch für die C-Junioren sollten Spielfläche und Spieleranzahl verbindlich begrenzt werden. In den G- bis E-Jugenden sollten die jeweiligen Begrenzungen sogar noch kleiner sein, wobei sich die entsprechenden Maße im Optimalfall nicht nur per Jahrgangsstufe ergeben sondern per Geburtsjahr.

Für die G- und F-Junioren bietet Horst Weins Funino einen vielversprechenden Ansatz. Dabei wird im 3-gegen-3 auf etwa 32 x 25 Metern und vier Toren gespielt (ohne Torhüter). Im Sinne der „Fair-Play-Liga“ gibt es keinen Schiedsrichter und die Trainer müssen sich ebenso wie die Eltern mit Anfeuerungen und Coaching zurückhalten. Funino garantiert mehr Ballkontakte, Pässe, Schüsse und Zweikämpfe. Nach Toren geht es ohne Anstoß sofort weiter. Aufgrund der geringen Spielerzahl muss jeder Spieler permanent im Angriff und in der Verteidigung eingebunden sein, da ansonsten ein für die Mitspieler nicht zu kompensierender Nachteil entsteht, wenn ein Spieler nicht mitmacht. Quantität wird dabei zu Qualität. Durch die zwei Tore wird verhindert, dass sich das Spiel im Zentrum ballt und alle dem Ball hinterherrennen. Ist ein Tor zugestellt, besteht die Möglichkeit, auf die andere Seite zu verlagern. So wird der Blick für den Raum geschärft, die Prinzipien des ballorientierten Verschiebens und des Überzahlspiels implizit vermittelt.

Laut Arrigo Sacchi, der Funino in Italien einführte, verhilft das Spiel dem Straßenfußball zu einer Renaissance. Hilfreich dabei ist es, die Qualität der Bälle (Größe, Gewicht, Härtegrad, Prelleigenschaften) und des Spielbelags (Asphalt, Halle, Naturrasen, Kunstrasen), die Größe der Tore und des Spielfeldes sowie die Spieleranzahl im Sinne des impliziten und differenziellen Lernens zu variieren. Mithilfe weiterer Sonderregeln kommt Funino auf über 40 bekannte Varianten.

Für die darauffolgenden Altersstufen ist es ratsam, die Spielerzahl pro Mannschaft und die Feldmaße sukzessive zu erhöhen. So wird im ersten Geburtsjahrgang der E-Jugend 5-gegen-5 (ca. 40x25m) und im zweiten im 6-gegen-6 (45x30m) gespielt. In der D-Jugend wird erst im 7-gegen-7 (ca. 60x45m) und im zweiten Jahr 8-gegen-8 (ca. 65×50) gespielt. In der C-Jugend wird komplett 9-gegen-9 (75x50m) und ab der B-Jugend schließlich im 11-gegen-11 auf Großfeld gespielt.

Abbildung Horst Wein

Wein 2012, S. 25.

Die Kinder und Jugendlichen werden nicht nur stufenweise an das Zielspiel herangeführt, sondern zugleich regelbedingt taktisch und strategisch mit variablen Herausforderungen zunehmender Komplexität konfrontiert.

4.1.4 Trainingsmethodische Ansätze und Analysetools

Es muss das Ziel sein, Kindern und Jugendlichen eine altersgerechte und -angemessene Ausbildung zukommen zu lassen, um sie bestmöglich zu entwickeln. Dafür müssen die verantwortlichen Trainer eine entsprechende Schulung und Sensibilisierung über Themen wie Entwicklungspsychologie, körperliche Entwicklung in der Pubertät und Ursachen für den RAE erfahren. Außerdem ist es wichtig, dass Trainingsmethoden vermittelt werden, die zum einen altersgerecht sind und zum anderen valide Entwicklungsmöglichkeiten liefern.

Solange aber Inhaltsbausteine wie „Techniktraining (Detailkenntnisse, richtiges Demonstrieren und Korrigieren usw.)“ (DFB Elite-Jugendtrainerausbildung) vermittelt werden, kann man nicht erwarten, dass das auch erreicht wird. Denn die isolierte Betrachtung und explizite Korrektur von Techniken, wie es noch immer von fast allen Verbänden gelehrt wird, ist überholt und führt nachweislich auch nicht zum erhofften Erfolg (zusammenfassend: HENSELING/MARIC 2015, S. 25ff. m.w.N.). So trägt die Einführung von Trainerlizenzen wie die Elite-Jugendtrainer (UEFA-B Lizenz) bisher auch keine Früchte, da noch immer nach klassischen Methoden trainiert und sich dabei primär am Erwachsenensport orientiert wird (PARTINGTON/CUSHION 2013).

Insofern wäre es auch eine wichtige Maßnahme, die Trainerstellen mit fachlich kompetenten Altersspezialisten zu besetzen, welche die jeweiligen Altersgruppen kennen und mit den Eigenheiten dieser und trainingsmethodologisch, psychologisch, aber auch technisch-taktisch umgehen können.

Um die Fähigkeiten der Spieler nicht nur anhand der im Wettkampf gezeigten Leistungen einzuschätzen, muss desweiteren im Training die passende Umgebung geschaffen werden, um die Spieler fußballspezifisch analysieren zu können. Das setzt zwingend Spielformen voraus. Spielformen fördern erwiesenermaßen die technisch-taktischen Fähigkeiten effizienter und erlauben zugleich eine bessere Sichtung und Analyse als isolierte Übungen. Denn in solchen fehlt der Aspekt der Entscheidungsfindung. Außerdem besteht kein Spielkontext, was es unmöglich macht, die tatsächliche Qualität der Ausführung zu bewerten.

In Rahmen eines spielnahen Trainings müssen schließlich Kriterien für eine objektive Leistungs- und Entwicklungsanalyse geschaffen werden. Dazu werden in bestimmten Spielformen unter standardisierten Bedingungen positionsspezifische und positionsunspezifische Fußballaktionen gezählt (Anzahl der Aktionen pro Minute) und bewertet (Qualität der Entscheidungen, Qualität der Ausführung). Spieler, die gute Entscheidungen treffen und diese gut ausführen, aber bei letzterem abfallen, können angesehen werden, ob sie müde werden oder körperlich schwächer sind oder einfach nicht wissen, wann und wie sie aktiv werden müssen. Ersteres deutet auf eine mangelnde Physisentwicklung hin.

Im Falle der zweiten Variante ist Training gefragt (siehe unten). Trifft ein Spieler gute Entscheidungen, führt diese aber schlecht aus, liegt das entweder an einem Entwicklungsmangel in dem Teilbereich oder an mangelnder Physis. Trifft ein Spieler schlechte Entscheidungen, führt sie aber gut aus, ist das eine Frage der Spielintelligenz und kann somit im Training forciert werden. Alternativ kann das auch ein Indiz für mangelnde Vermittlungskompetenz des Trainers sein. Schlechte Entscheidungen gepaart mit einer schlechten Ausführung deuten auf eine insgesamt mangelhafte Qualität des Spielers hin. Schafft er dennoch viele Aktionen, darf das nicht zu einer positiven Bewertung infolge seiner körperlichen Überlegenheit führen. Im Hinblick auf physischen Probleme und Mängel muss beobachtet werden, ob der betreffende Spieler noch nicht das notwendige Niveau hat oder ob er müde ist.

Damit die Entscheidungsfindung und die Ausführung objektiv bewertet werden können, werden wiederkehrende suboptimale Lösungen auf die Referenzpunkte Orientierung, Position, Moment, Richtung und Geschwindigkeit hin analysiert. Als Beispiel wählen wir die Positionierung des Sechsers im Spielaufbau eines 4-1-4-1/4-3-3 gegen ein 4-4-2. Im Spielmodell ist vorgesehen, dass sich der Sechser situativ zurückfallen lässt, um eine Überzahl in der hintersten Linie zu schaffen, wenn die Innenverteidiger von der gegnerischen Doppelspitze unter Druck gesetzt werden. Als Folgeaktionen lassen sich die Achter zurückfallen, und die Flügelspieler rücken ein. Doch dazu kann es gar nicht erst kommen, wenn schon die auslösende Aktion – das Abkippen des Sechsers – scheitert.

Orientierung: Der Sechser kippt zwar korrekt ab, doch bei jedem Anspiel gerät er unter Druck. In der Analyse wird deutlich, dass er sich falsch zu den Mitspielern, Gegnern sowie dem Ball orientiert und ein mangelhaftes Umblickverhalten zeigt. Dadurch fehlt es ihm am nötigen Sichtfeld, sodass er schlechte Verbindungen zu seinen Mitspielern erzeugt und etwaige Gegenspieler in der Nähe übersieht. Zudem wird es dem Gegner durch seine schlechte Körperstellung im Feld leicht gemacht, gegen ihn zu pressen. Durch eine offenere Stellung hätte er eine bessere Übersicht und somit mehr Optionen.

Probleme in der Orientierung; diese können sich nicht nur auf Körperstellung, sondern noch viel mehr auf Wahrnehmung / Umblickverhalten beziehen.

Probleme in der Orientierung; diese können sich nicht nur auf Körperstellung, sondern noch viel mehr auf Wahrnehmung / Umblickverhalten beziehen.

Position: Kippt der Sechser schlichtweg nicht ab, stimmt die Position nicht. Es muss geklärt werden, ob dies an einem mangelnden Verständnis der Aufgabe oder mangelhafter Auffassung der Situation liegt.

Position

Probleme bei der Position

Moment: Der Sechser bewegt sich zwar nach hinten, tut dies jedoch im falschen Moment. Oftmals fällt er zu früh zurück, während der Innenverteidiger am Ball noch zum Flügel blickt.

Probleme beim Timing.

Probleme beim Timing.

Richtung: Der Sechser verliert immer wieder den Ball am eigenen Strafraum, weil er zu nah am rechten Innenverteidiger abkippt. Dadurch sind die Abstände zu gering, wodurch der Gegner im Pressing leicht Zugriff herstellen kann.

Probleme in der Richtung.

Probleme in der Richtung.

 

Geschwindigkeit: Der Sechser bewegt sich zwar in Richtung der richtigen Zone und weiß um die Effekte des Abkippens, doch er bewegt sich dabei zu langsam.

Probleme in der Dynamik.

Probleme in der Dynamik.

Diese Beispiele veranschaulichen, wie der Analyseprozess abläuft und welche Einblicke er in die Aktionen eines Spielers geben kann. Auf Grundlage der Beobachtung können Sichtfelder, die Orientierung bei der Ballannahme, positionsspezifische Eigenheiten und viele weitere Komponenten im Verantwortungsbereich eines Spielers in Wechselwirkung mit den eigenen und gegnerischen Spielern bewertet werden. Vor allem das Geben von Strukturen und Verbindungen kann somit recht zuverlässig evaluiert werden. Unter Umständen notwendige Verbesserungsprozesse werden dann zeitnah im Training unternommen.

Die obigen Beispiele zeigen außerdem, welch vielfältige Ursachen Beispielsweise ein Ballverlust haben kann. Häufig liegt die Ursache nicht in einer schlechten Ballbeherrschung (die dann womöglich in isolierten Übungsformen verbessert werden soll), sondern in schlechten Entscheidungen, mangelhaften Verbindungen oder auch an Defiziten im Blickverhalten. Das Übersehen eigener und gegnerischer Spieler kann direkt zu Ballverlusten führen oder dazu, dass gute Optionen nicht wahrgenommen werden. Vor allem der Aspekt der Orientierung stellt auf das Blickfeld ab.

Weist ein Spieler wiederholt Mängel in der Orientierung und/oder dem Umblickverhalten auf, reicht es häufig nicht, ihn darauf anzusprechen und das entsprechende Verhalten verbal einzufordern. Denn ob der Spieler dadurch in die Lage versetzt wird, die passende Situation und die etwaig  notwendigen Verhaltensweisen im Spiel zu erkennen und auszuführen, ist äußerst fraglich. Stattdessen muss der betreffende Spieler schon im Training immer wieder in Situationen gebracht werden, in denen ein erfolgreicher Ablauf zwingend von einem passenden Orientierungs- und Umblickverhalten abhängt. Somit wird er auf das adäquate Verhalten geprimt. Er erkennt, wann es notwendig ist und wie er sich entsprechend verhalten muss.

Eine passende Übung, um das zu vermitteln, kann wie folgt konzipiert sein: Es wird in einem Rondo 5-gegen-3 gespielt. Die fünf Spieler sind in Ballbesitz und sollen ihn durch eine ständige Zirkulation sichern. Vier Spieler stehen entlang der Außenlinien; der fünfte Spieler – unser Patient – agiert im Zentrum, wo auch die drei Verteidiger sind.

Eine Übung zur Ballzirkulation und zum Freilaufverhalten, ebenso wie zum Pressing und zur Kontrolle von Passwegen. Abbildung 137 aus unserem Buch "Fußball durch Fußball".

Eine Übung zur Ballzirkulation und zum Freilaufverhalten, ebenso wie zum Pressing und zur Kontrolle von Passwegen. Abbildung 137 aus unserem Buch „Fußball durch Fußball“.

Der zentrale Spieler muss den Ball direkt passen, darf aber nicht zu demjenigen Spieler passen, von dem er zuvor den Ball erhielt. Um dies erfolgreich umsetzen zu können, ist es für ihn unerlässlich, sich jederzeit über die jeweilige Position seiner Mit- und Gegenspieler zu vergewissern. Dafür muss er sich ständig umsehen. Erst auf Grundlage dieser Wahrnehmung, kann er sich passend positionieren und orientieren, um den Ball sofort zu einem Dritten weiterzuleiten. Dabei kann der Trainer begleitend coachen.

Während schlechte Entscheidungen und Verbindungen mithilfe des obigen Analysetools identifiziert werden können, muss für die Prüfung des Blickfeldes ein weiteres Instrument gefunden werden, wenn die Orientierung keine Mängel aufweist. Dafür ist ein simpler Test geeignet, der vom U10/11-Coach des VfL Wolfsburg, Tim Stegmann, genutzt wird: Der Mittelkreis wird als eine Uhr angesehen, in deren Mitte der zu testende Spieler steht. Auf Zwölf Uhr steht der Trainer; auf Sechs Uhr stehen zwei weitere Spieler. Der Spieler in der Mitte blickt starr zum Trainer; seine Augen sollen sich nicht bewegen. Nun gehen die beiden Spieler auf Sechs Uhr jeweils links und rechts entlang des Mittelkreises langsam Richtung Trainer. Wenn der Spieler in der Mitte einen der beiden Spieler in seinem Augenwinkel sieht, zeigt er das an und der betreffende Spieler bleibt stehen.

Test, Tim Stegmann, Wolfsburgs U11.

Test, Tim Stegmann, Wolfsburgs U10/U11.

Die Bedeutung von Blickfeld und Umblickverhalten wird bei Fußballern häufig unterschätzt. Dabei bildet die visuelle Wahrnehmung die erste Phase allen taktischen Handelns. Es ist daher wichtig, Kenntnisse über das Blickfeld der Spieler zu haben und sie permanent zum Umblicken und Orientieren anzuregen. Studien zeigen, dass ein großes Blickfeld mit einer großen Sportspielerfahrung korreliert (JENDRUSCH 2009 m.w.N.; GRALLA 2007, S.52ff. m.w.N.). Mithilfe des obigen Tests erhält der Trainer Informationen darüber, wie es um das periphere Sehen seiner Spieler bestellt ist. Wird nun ein spielnahes Training forciert, kann mittels einer regelmäßigen Anwendung dieses Tests kontrolliert und nachvollzogen werden, ob und wie sich das Blickfeld des betreffenden Spielers erweitert.

So konzentrieren sich die Trainer in La Masia – trotz nach unseres Kenntnisstands keines objektiven Testverfahrens – besonders darauf, dass die Spieler das richtige Blickverhalten haben. Die Wahrnehmung wird als Basis für das Handeln gesehen, da es sämtliche basale Fußballaktionen definiert. Diese werden in der katalanischen Fußballakademie ebenfalls besonders beobachtet und geschult; ob Freilaufverhalten, Entscheidungsfindung im Passspiel oder Körperhaltung.

4.1.5 RAE und Taktik

Es wurde bereits angemerkt, dass eine pressing- und umschaltintensive Ausrichtung vom RAE profitieren könnte und ihn umgekehrt wiederum bestärkt. Es stellt sich also die Frage, ob man dem RAE entgegenwirken kann, wenn man einen Spielstil wählt, der stärker auf dem eigenen Ballbesitzspiel und dem Erzeugen von aufbau- und zugleich zugriffsorientierten Strukturen basiert. Wo also die Bedeutung von Verbindungen und dem Erkennen von potenziellen Freiräumen größer ist, als die Intensität im Anlauf- und Zweikampfverhalten. Denn gerade unter einem bestehenden RAE kann die Besetzung von Räumen in einer Art und Weise erfolgen, die nicht zwingend auf einer guten Antizipation und Raumaufteilung beruhen muss sondern primär auf schnellen Spielern, die in der Lage sind, viel Raum durch ein hohes Tempo zu besetzen. Dadurch könnten vor allem taktische Defizite kompensiert werden. In pressingintensiven Spielstilen geht es primär darum, den gegnerischen Spielaufbau zu Fehlern zu zwingen, um nach etwaigen Balleroberungen die gegnerische Unordnung für eigene Angriffe auszunutzen. Eine kreative Komponente ist hierbei nicht unbedingt notwendig.

Im Rahmen von FOOTECO verfolgt der Schweizer Fußballverband zwar eine offensive Grundausrichtung, allerdings werden keine strategisch-taktischen Vorgaben zur Umsetzung vorgeschlagen. Auch unter einem hohen Pressingfokus verstehen viele Trainer und Verantwortliche eine offensive Spielweise, weshalb die Vorgabe „offensive Spielstile“ unpräzise ist. Besser wäre es, von „konstruktiven Spielstilen“ zu sprechen. Wieder La Masia: Hier wurden eigene, kindgerechte Termini für Fußballaktionen eingeführt, welche eine besondere implizite Bedeutung beinhalten.

In Deutschland wäre ein Umdenken ebenfalls wichtig. Anstatt Pressing und Gegenpressing als beste Spielmacher zu sehen, sollte der eigene Aufbau über gute Verbindungen dazu führen, nach etwaigen Ballverlusten sofort Zugriff zu erzeugen. Das Spiel zu machen, ist dabei die beste Voraussetzung für Gegenpressing. So hat man zwei anstelle nur eines Spielmachers und würde weniger über die Intensität kommen, als vielmehr über Spielverständnis und -intelligenz.

4.2 weitere Vorschläge und Maßnahmen

Ein radikaler Ansatz fordert die Abschaffung von Nationalmannschaftsturnieren im Nachwuchsbereich, um die Bedeutung des Gewinnen-müssens für die Leistungsselektion zu neutralisieren. Zudem würden dann die Nationalmannschaften obsolet, sodass es keine zusätzliche Förderung gibt, was die Entwicklungsunterschiede weiter vorantreibt. Dieser Ansatz würde im Endeffekt aber dazu führen, dass jegliche zusätzliche Förderung ausbleibt, wodurch letztlich die Nachwuchsarbeit insgesamt an Niveau verlieren würde.

Dennoch stellt der Aspekt des Gewinnenmüssens die Verantwortlichen vor große Herausforderungen, weil hier der „Fehler“ im Ligasystem (Meisterschaft, Auf- und Abstieg) sowie der Erwartungshaltung von Trainern, Eltern und der Öffentlichkeit liegt. Spieler werden vor allem seitens der Trainer zum Gewinnen motiviert und von ihnen auch entsprechend aufgestellt. Wem der Trainer nicht zutraut, wertvoll für den Spielausgang zu sein, wird wohl kaum spielen. Dabei herrscht ein emotionales Coaching, in dem die Bedeutung der Zielerreichung dominiert, während die Art und Weise ebendieser Zielerreichung keine Rolle spielt. Anstatt eine Siegermentalität durch emotionales Coaching einzufordern, sollte aufgabenorientiert gecoacht werden. Der Trainer zeigt seinen Spielern, wie sie durch das Lösen von Situation zur Zielerreichung gelangen. Die Motivation ergibt sich dabei aus der Selbstwirksamkeitserwartung, welche wiederum aus einem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten erwächst.

In einigen Landesverbänden (bspw. Niedersachsen) werden bei den G- und F-Junioren keine Meisterschaften ausgespielt. Zudem hat der DFB 2013 die sogenannte „Fair-play-Liga“ eingeführt. Hier werden die üblichen Spielregeln um folgende drei Grundsätze erweitert:

  1. Eltern und Zuschauer müssen mindestens 15 Meter weg vom Spielfeld stehen.
  2. Die Trainer beider Mannschaften stehen direkt nebeneinander und treten sozusagen als ein Trainerteam auf.
  3. Es wird ohne Schiedsrichter gespielt. Über die Sanktionierung bei Regelverstößen entscheiden die Spieler selbst.

Auf diese Weise sollen Kinder Selbständigkeit und gegenseitige Rücksichtnahme lernen. Der Spaß soll im Vordergrund stehen und nicht der unbedingte Erfolg.

Von einigen Experten wird empfohlen, dass Im Leistungsbereich anstelle von Siegprämien Boni für Nachwuchstrainer gezahlt werden sollten, wenn es einer ihrer Spieler in den Profibereich schafft. Den Spielern soll es ums Gewinnen gehen; den Trainern um die Entwicklung. Dass die Spieler Letzteres nicht wissen müssen, ermöglicht beides.

Auch die TSG Hoffenheim sucht seit einigen Jahren nach Mitteln gegen den RAE. So werden Spieler erst ab dem 12. Lebensjahr selektiert. Bis dahin sollen sie in ihren Heimatvereinen verbleiben. Darüber hinaus zählen Titel und Erfolge erst ab der U17. „Vorher darf es allenfalls darum gehen, den Abstieg zu verhindern.“, so der Leiter des Hoffenheimer Kinderfußballs Dominik Drobisch gegenüber DIE ZEIT ONLINE. Hoffenheim hat mittlerweile Funino eingeführt und lässt die Wirksamkeit wissenschaftlich evaluieren.

Der Vorschlag, das Stichtagsdatum jährlich um drei Monate nach hinten zu verschieben, damit die Spieler mal zu den relativ Älteren und mal zu den relativ Jüngeren zählen, ist interessant. An der Selektionspraxis und der Bevorzugung relativ älterer Spieler dürfte sich jedoch dadurch allein nichts ändern.

  1. Fazit

Mit Bekanntwerden des RAE in den 1980er Jahren waren auch die Ursachen dafür weitestgehend klar. Doch trotz des seit vielen Jahren bekannten Phänomens hat sich zumindest in Deutschland keine Besserung in der Talentselektion eingestellt. Erste Reformen führten nach der desolaten EURO 2000 dazu, dass der DFB eine stark vernetzte Infrastruktur von Stützpunkten, Eliteschulen des Sports/Fußballs und NLZ schuf. Dadurch werden kaum noch Talente übersehen. Dass diese Maßnahmen sinnvoll waren, belegen die positiven Ergebnisse bei den Junioren-Europameisterschaften 2008/2009 sowie der Weltmeistertitel von 2014. Später wurden die Feldmaße im G- bis D-Jugendbereich verkleinert, um dem körperlichen Entwicklungsstand der Kinder und Jugendlichen besser zu entsprechen.

Spezielle Maßnahmen gegen den RAE wurden jedoch bis 2015 nicht getroffen. Und seitdem wurde lediglich eine Quote für Spätgeborene in der Sichtung von Talenten eingeführt. Vergleicht man diese Maßnahme mit den seit 2008 umfangreichen Programmen der Schweizer Sportverbände und den zahlreichen Erkenntnissen aus den Wissenschaften, ist für den DFB noch viel zu tun.

Es fallen zu viele Spieler wieder aus dem engen Fördernetz heraus, weil es noch immer Defizite in den Inhalten gibt. Die Hauptprobleme sind die nach wie vor dominierenden klassischen Trainingsmethodiken und der Mangel an objektiven Analysetools für die Bewertung der technisch-taktischen Fähigkeiten der Spieler. Zudem ist das Potenzial von strategischen und taktischen Mitteln im Bereich des Ballbesitzspiels noch längst nicht ausgeschöpft. Tatsächlich stagniert der deutsche Fußball seit Jahren in seinem Pressingfokus. Wie für einen Teufelskreis typisch ist der RAE zugleich Ursache und Folge all dieser Mängel.

Im Laufe der letzten Jahre wurden vor allem in der Schweiz und von Raymond Verheijen innerhalb der Akademie Feyenoord Rotterdams viele Lösungsmöglichkeiten diskutiert und getestet. Diese gilt es nun auch in Deutschland zu implementieren und evaluieren. Die wesentlichen Strategien zur Vorbeugung des RAE sehen folgende Punkte vor:

– späte Selektion (ab U14/15 = C-Junioren)

– kleinere Altersgruppen (mindestens halbjährig, bestenfalls quartalsweise)

– altersgerechte Spielregeln (Spielfeldmaße, Torgröße, Mannschaftsstärke)

– altersgerechtes Training

– konstruktive Spielstile

– Einführung technisch-taktisch fokussierter Analysetools

– Berücksichtigung des biologischen Alters

– alters- und kontextgerechte Belastungssteuerung

– Varianz zwischen den Kadern und teilweise auch Leihsysteme

Wie diese Punkte im Detail angegangen werden, ist teilweise noch sehr oberflächlich und bedarf weiterer Forschung. Insbesondere Instrumente zur objektiven Bewertung der technisch-taktischen Leistungsfähigkeit sind bisher kaum untersucht worden (SCHWESIG et al. 2016). Zumindest PISTE und FOOTECO bieten einige vielversprechende Ansätze, die es weiter zu verfolgen gilt.

Die Implementierung valider Analysetools zur Prognose und Förderung von Talenten stellt hohe Anforderungen an die Expertise der beteiligten Nachwuchstrainer. Solche Instrumente stecken noch in den Kinderschuhen und können schwerlich ausgereift sein. Denn Studien zur Wirksamkeit dieser Instrumente sind selten und allenfalls oberflächlich. Daher ist es wichtig, Trainer nach den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaften auszubilden. Sie müssen einerseits verstehen, welche Methoden unter welchen Voraussetzungen zum Erfolg führen und andererseits für die körperlichen Veränderungen in der Adoleszenz sensibilisiert werden.

Dennoch ist es schwer nachzuweisen, welchen Einfluss solche Instrumente auf die Talentselektion und -entwicklung haben. Denn eine Garantie, dass relativ Jüngere noch aufholen werden, ist nicht gegeben. Und selbst wenn es gelingt, die Geburtenverteilung der Talente anzugleichen, heißt das noch nicht, dass auch tatsächlich die talentiertesten Spieler gefunden werden. Obwohl der RAE ein Beleg für eine ineffiziente Nachwuchsförderung ist, kann allein die statistische Neutralisation des RAE aber kein Qualitätsmerkmal für die Nachwuchsförderung sein. Hierin zeigt sich vor allem die Schwäche etwaiger Quoten für Spätgeborene. Das wichtigste Mittel gegen den Matthäus-Effekt ist und bleibt die optimale Ausbildung der technisch-taktischen Fähigkeiten.

 

Literatur

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Interview mit Nikos Overheul

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Das Thema Statistikanalyse im Fußball wird immer größer, wichtiger und relevanter. Sogar viele Medien haben sich bereits damit auseinandergesetzt; manche positiv, manche negativ. Bisher galten der FC Brentford und der FC Midtjylland als Vorreiter dieser Bewegung. Das erstreckt sich nicht nur auf die reine Datenanalyse. Auch viele andere Bereiche wurden und werden modernisiert und mit Innovationen versehen. Darunter: Standards.

RM, selbst ein Jahr lang dort aktiv, hat sich mit einem seiner früheren Arbeitskollegen zusammengesetzt und ein Interview gemacht.

Hallo Nikos. Könntest du dich für unsere Leser vorstellen?

Nikos Overheul

Nikos Overheul. Experte für Standards und Spielerscouting.

Ich bin Nikos Overheul und habe bei Brentford und dem FC Midtjylland als Teil ihres Analysteams gearbeitet. Meine Verantwortlichkeitsbereiche waren die Verpflichtung neuer Spieler – also das Spielerscouting – und Standardsituationen. Bei Letzterem ging es vorrangig um Forschung und Analyse, teilweise durch Daten, primär aber durch Stunden und Stunden von Videoanalyse. Ich habe mir diese Saison mehr Standards angesehen, als irgendeine Person machen sollte! Dazu habe ich natürlich mit den Trainern Gianni Vio (Brentford) und Brian Priske (Midtjylland) zusammengearbeitet, welche für die Standards zuständig sind.

Desweiteren bin ich Redakteur bei Catenaccio: Das niederländische Spielverlagerung.

Das klingt überaus interessant. Auf Spielverlagerung fokussieren wir uns meist stärker auf das Spiel außerhalb der Unterbrechungen. Bisher gab es nur wenige Analysen zu Standards (sh. hier zu Einwürfen und hier zu den Defensivstandards des BVB 13/14). Was hast du bei deiner Recherche zu Standardsituationen herausgefunden?

Persönlich glaube ich, dass Standardsituationen im Fußball unterschätzt sind. In diesem Aspekt starke Mannschaften sind meistens Abstiegskandidaten, welche Standards nutzen, um noch den Klassenerhalt zu nutzen. Viele sehen Standards als einen „billigen Trick“ zum Sieg. Viele reden über Standards, als wären sie weniger wert als Tore aus dem Spiel heraus. Das kommt vermutlich wegen der Verbindung zu schwächeren Mannschaften.

Denkst du dies liegt daran, dass diese tabellarisch schwächeren Teams besonders kreativ in puncto Standards sein müssen, um überhaupt eine Chance zu haben?

Klar. Wenn man sich nicht auf Talent verlassen kann, müssen die Tore von woanders kommen!

Gibt es besondere Beispiele für solche Trainer oder Teams?

Am meisten mit Standards verbunden sind in England die Trainer Tony Pulis und Sam Allardyce. In der Serie A war Hellas Verona abgeschlagener Letzter in der Tabelle diese Saison, aber erzielten mehr Tore nach Standards als alle anderen Mannschaften. In der Bundesliga ist Darmstadt das klar beste Team nach Standardsituationen. Ohne diese würden sie mit relativ hoher Sicherheit absteigen. Normalerweise gilt es also wie erwähnt als eine Waffe der Außenseiter, der Kleinen, die auf diesem Wege mangelnde Fähigkeiten kompensieren.

Spitzenmannschaften machen das also nicht oder kaum?

In den letzten Jahren haben einige sehr gute Mannschaften begonnen Standards hochwertig zu nutzen und holten sogar Titel damit. Eigentlich sind Standards für dominante Mannschaften sogar mehr wert als für schwache Mannschaften. Training erhöht die Wahrscheinlichkeit für ein Tor nach einem Standard. Und je mehr Standards man erhält – es gibt eine hohe Korrelation mit dem Ballbesitz –, desto größer ist der Vorteil.

Atlético Madrid ist das vielleicht beste Beispiel dafür. Ecken und Freistöße waren ein großer Teil ihres Angriffssystems in 2013/14. Passenderweise erzielten sie das Ausgleichstor zum Titelgewinn in dieser Saison nach einer Ecke durch Diego Godin!

Godin trifft gegen Barcelona. Eine Woche später erzielt er auch ein Tor im CL-Finale.

Godin trifft gegen Barcelona. Eine Woche später erzielt er auch ein Tor im CL-Finale. Hier wird für ihn geblockt, er kommt aus dem Rückraum mit einem Lauf in Richtung Ball zum Kopfball.

In Analystenkreisen ist der Titelgewinn Manchester Uniteds unter Sir Alex Ferguson ein großes Mysterium. Sie gewannen die Liga, obwohl die zugrundeliegenden statistischen Werte schwach waren und die Mannschaft suboptimal. Teil ihres Titelgewinns ist durch ihre enorm starken Ecken zu erklären. So erzielte Patrice Evra vier Tore in der Liga in dieser Saison, alle nach Ecken. In den anderen siebeneinhalb Jahren bei United erzielte er drei Tore in der Liga. Das ist enorm; vier Tore mehr als man normalerweise von einem Spieler erwarten  kann.

Wobei ich das auf einer deutschen Webseite eigentlich nicht erwähnen müsste. Die deutsche Nationalmannschaft hatte bei der Weltmeisterschaft laut Löw einen großen Fokus auf den ruhenden Ball. Sie haben in 5 der 7 Spiele ein Tor nach einem Standard erzielt.  Die Standards spielten auch eine große Rolle bei FC Midtjyllands erstem Titelsieg in der Vereinsgeschichte. In dieser Saison kamen in der EL-Gruppenphase vier der sechs Tore ebenfalls nach einem ruhenden Ball. Kleine Anekdote: Nach unserem Hinspiel gegen Manchester United „stahl“ Louis van Gaal einen unsere Freistöße für das FA-Cup-Spiel gegen Shrewsbury.

Was benötigt man denn für einen guten Standard?

Das Wichtigste ist das Training. Ich kenne mindestens ein CL-team, welches im Schnitt keine fünf Minuten pro Woche für Standards aufwendet. Mit einer so geringen Anzahl an Trainingseinheiten kann man nicht gut sein, das sollte klar sein.

Dass der Cheftrainer und die Spieler dies akzeptieren, ist ebenso entscheidend. Die Mannschaft muss daran glauben, dass Standards und das dazugehörige Training wichtig sind. Das kann man auf viele unterschiedliche Arten machen. Ein Beispiel: Vor dem ersten Standardtraining in dieser Saison sagte ein bekannter Trainer, dass er bei zwei gleich guten Spielern jenen vorziehen würde, der besser bei Standardsituationen ist.

Auf einer theoretischen Ebene muss natürlich jeder gute Standard die Qualitäten der Spieler und das Deckungssystem des Gegners miteinbeziehen. Das Ziel sollte es sein, ein Problem für den Gegner zu kreieren. Man entwickelt grundsätzliche Strategien je nach verfügbaren Spielern und passt die Ausführung an den jeweiligen Gegner an.

Atléticos Spiel mit den Sichtfeldern. Einige Spieler laufen Richtung Ball, werden von Gegnern verfolgt. Es öffnet Räume am zweiten Pfosten. Ein Spieler setzt sich im Rücken seines Gegenspielers ab. Er erhält eine Weiterleitung und trifft.

Atléticos Spiel mit den Sichtfeldern. Einige Spieler laufen Richtung Ball, werden von Gegnern verfolgt. Es öffnet Räume am zweiten Pfosten. Ein Spieler setzt sich im Rücken seines Gegenspielers ab. Er erhält eine Weiterleitung und trifft.

Es gibt hier natürlich keine eierlegende Wollmilchsau. So war Empoli letztes  Jahr enorm erfolgreich mit Screens, also Blocks, um Räume zu kreieren. Damit opfert man in gewisser Weise Angriffsspieler, um eine Chance für einen bestimmten Spieler zu kreieren. Darum benötigt diese Strategie natürlich eine sehr präzise Hereingabe! Das funktioniert nur bei einem Spieler wie Mirko Valdifiori. Ansonsten würde ich dies nur wenigen Mannschaften empfehlen.

Es hilft natürlich auch, wenn man starke Kopfballspieler und einen guten Ausführenden hat, aber dennoch ist das Training enorm wichtig. Wenn ein Team enorm gute Standards treten kann, muss man diesen Effekt maximieren. Hakan Calhanoglu ist ein gutes Beispiel für einzigartiges Talent, welches von Leverkusen nicht optimal bei ruhenden Bällen genutzt wird.

Welche Alternativen gäbe es den außer dem Stellen von Blocks? Gibt es hier noch besondere Konzepte und Ideen, mit denen man Vorteile schaffen kann? Z.B. das Überladen bestimmter Zonen gegen Raumdeckungen?

Ja, es gibt viele unterschiedliche Konzepte diesbezüglich. Das Überladen von bestimmten Zonen ist eines davon. Atlético Madrid nutzt dies z.B. mit großem Erfolg.

Atlético überlädt tornahe Zonen.

Atlético überlädt tornahe Zonen.

Bist du der Einzige deines Faches? Oder hast du andere getroffen, die das machen?

Gianni Vio bei Brentford (ehemals Fiorentina und Milan u.a.) ist ein Spezialist für Standards, von ihm habe ich viel gelernt. Außerdem weiß ich, dass Montpellier einen Performance Analyst hat, der ausschließlich an Standards arbeitet. Ansonsten habe ich noch niemanden mit dieser expliziten Berufsbeschreibung getroffen.

Wie kommst du auf neue Ideen bzw. wie genau baust du neue Spielzüge für Standards?

Ich stehle sie! Wenn ich etwas Interessantes sehe, speichere ich sie sofort für künftige Nutzung. So hatte AZ Alkmaar letzte Saison eine sehr gute Eckenvariante, die sie seither nicht mehr nutzten. Diese ist nun in meinem Repertoire. Es gibt überall tolle Varianten zu finden. Ich habe gar eine von der nordkoreanischen Nationalmannschaft! Insgesamt muss man aber herausfinden, welche Mannschaften gut sind – das Bedienen von diesen Mannschaften ist dann fast immer eine gute Idee.

Atlético stellt auch oft eine Anspielstation für Kurzpässe ab. Geht ein Gegenspieler aggressiv mit, ist ein Gegenspieler weniger im Strafraum. Geht keiner mit, kann man zu einem 2-gegen-1, einer aufgelegten, tornäheren Flanke oder einem Durchbruch über die Seite ansetzen.

Atlético stellt auch oft eine Anspielstation für Kurzpässe ab. Geht ein Gegenspieler aggressiv mit, ist ein Gegenspieler weniger im Strafraum. Geht keiner mit, kann man zu einem 2-gegen-1, einer aufgelegten, tornäheren Flanke oder einem Durchbruch über die Seite ansetzen.

Welche Arten von Standards habt ihr analysiert und gebastelt? Nur Offensivfreistöße und –ecken oder auch Abstöße, Einwürfe? Auch gegen den Ball?

Abstöße nicht, diese gehören zu dem Trainer, der das Aufbauspiel abdeckt. Ansonsten in allem, wo man sich einen leichten Vorteil holen kann.

Wie wichtig ist die Gegneranalyse bei Standards und wie genau seid ihr da vorgegangen?

Oh, enorm wichtig. Jede Lösung, auf die man kommt, ist nur eine Lösung für ein einzelnes Spiel. Es geht immer um das Nutzen der Schwächen des Gegners. Was sind die Qualitäten des Teams, gegen welches man antritt? Ihr Deckungssystem? Wie reagieren sie auf bestimmte Bewegungen? Hier wird teilweise die statistische Analyse bedient, aber meistens basiert es auf Videoanalysen.

Eine Konsequenz von geringem Zustellen der Kurzpassoption: Atlético spielt flach heraus, dringt in den Halbraum ein, spielt flach in den Strafraum, Griezmann trifft.

Eine Konsequenz von geringem Zustellen der Kurzpassoption: Atlético spielt flach heraus, dringt in den Halbraum ein, spielt flach in den Strafraum, Griezmann trifft.

Neben deiner Arbeit bei Standardsituationen hast du dich auch in der analytischen Abteilung im Spielerscouting beschäftigt. Wie kommuniziert man Statistiken, Datenanalysen zum Trainerstab und anderen?

Gar nicht! Wenn man mit Trainern über Daten redet, hat man vorher vermutlich etwas falsch gemacht. Man muss die Ideen in eine für alle verständliche Sprache übersetzen: Fußball. Man muss mit dem Trainerstab in einer Art und Weise kommunizieren, mit der sie sich verbunden fühlen. Wieso sollte der Trainer ein neues Vokabular erlernen, um zu hören, was du zu sagen hast?

Ansonsten reden Analysten auch kaum mit Spielern, außer bei alltäglichen Begebenheiten von Performance Analysts. Das ist aber eine ganz andere Arbeit. Taktische Ideen der Analyseabteilung müssen in Aktionen auf dem Spielfeld übersetzt werden. Am besten funktioniert dies ohnehin über Trainingsübungen – eine Form von Kommunikation.

Was ist wichtig beim Scouting und der Spielerauswahl und wie kann man dies spezifisch mit Daten kombinieren?

Es ist enorm wichtig ein klares Spielmodell zu haben und Spieler zu holen, welche bei der Ausführung dieses Spielstils helfen. Das ist natürlich ein konstanter Prozess. Jeder eingekaufte Spieler verändert die Dynamik der Mannschaft. Grundsätzlich sollte die Strategie identisch bleiben, die Taktik aber angepasst werden. Doch auch psychologische Faktoren darf man nicht unterschätzen.

Analysen können in vielen Wegen helfen. Es ist einfacher und günstiger viele Ligen auf einmal zu beobachten z.B. Man erhält verlässliche Informationen aus aller Welt. Man kann Spieler von Kolumbien bis Australien, von Japan bis Norwegen abdecken. Das ist mit einem Scouting ohne Daten kaum finanziell machbar, sogar für viele Mannschaften in der deutschen Bundesliga nicht.

Sofort erkennen zu können, ob ein Spieler schlecht ist, scheint nicht allzu nützlich zu sein, doch in der Praxis ist es das! Wir hatten Tage, wo wir 40 bis 50 Namen erhalten haben. Mit den Daten konnten wir schnell ansehen, was die Spieler geleistet hatten, und die schlechten Spieler filtern. Dadurch konnten wir jeden Spieler genauer mit Videoanalysen ansehen, wodurch wir den einen guten Spieler unter diesen 50, wenn es ihn gab, finden konnten.

Kurzpasskonsequenz

Alternativ kann man auch eine andere Flanke auflegen, wenn kein Gegner kommt. Der Ball dreht sich nun anders in die Mitte und kommt mit einem anderen Winkel.

Wie wird sich deiner Meinung nach die statistische Analyse im Fußball in den nächsten Jahren entwickeln? Welche Sachen werden verstärkt in den Vordergrund treten? Welche neuen Entwicklungen wird es geben? In welchen Bereichen könnte man dies noch nutzen, exkl. des Spielerscoutings?

Es ist klar, dass die Analysen von Medien und Vereinen immer mehr eingebunden werden. Die vielen negativen Artikel über die Nutzung von Daten im Fußball ist ein klares Zeichen, dass es immer mehr Teil der Fußballlandschaft wird.

Außerdem gibt es zurzeit einen Fokus auf schussbasierte Metriken in öffentlichen Analysen. Diese tiefhängende Frucht wurde wohl schon von fast allen aufgelesen.

Ein großer Sprung bei den Analysen sollte kommen, wenn Trackingdaten verfügbar werden. Dasselbe geschah im Basketball mit den Analysen durch SportVU. Insbesondere die defensive Seite des Spiels sollte dann viel klarer werden. Desweiteren können Analysen genutzt werden, um herauszufinden, wie die eigene Mannschaft in den für den Verein relevanten Bereichen agiert. Ich weiß, dass Maurizio Sarri dies bei Napoli in dieser Art nutzt, ebenso wie wir bei Brentford und Midtjylland.

Aktivität und individuell adäquates Verhalten sind sehr wichtig. Hier wird geschickt ein Screen gesetzt, bei welchem die beiden Spieler gut interagieren. Sie drängen den Gegenspieler mit gutem Timing in den Block, ein Spieler kann dadurch frei werden. Auch das Timing mit dem Ausführenden der Ecke ist auf hohem Niveau.

Aktivität und individuell adäquates Verhalten sind sehr wichtig. Hier wird geschickt ein Screen gesetzt, bei welchem die beiden Spieler gut interagieren. Sie drängen den Gegenspieler mit gutem Timing in den Block, ein Spieler kann dadurch frei werden. Auch das Timing mit dem Ausführenden der Ecke ist auf hohem Niveau.

Wen siehst du als wichtigsten Statistikanalysten im Fußball derzeit? Welche Vereine sind federführend, welche Personen relevant?

Arsenal hat bekanntlich StatDNA vor ein paar Jahren geholt. Die Leute, die dort arbeiten, sind sehr, sehr gut. StatDNA sind mitverantwortlich für Arsenals sehr gute Spielverpflichtungen und auch die Verantwortlichen, wieso Arsene Wenger in Pressekonferenzen über Expected Goals redet. Ich habe mit Ted Knutson und Marek Kwiatkowski gearbeitet, die ebenfalls auf sehr hohem Niveau sind. Ted hat z.B. sehr viele gute Ideen in vielen Bereichen des Fußballs, was sehr wertvoll ist. Die besten Analysten beschränken sich nicht auf die Statistik-/Datenanalyse, sondern haben ein sehr breites Wissensspektrum über den gesamten Sport.

Ansonsten weiß ich ehrlich gesagt wenig, was aber eher an meiner Ignoranz liegt, nicht am Mangel an guten Leuten.

AS Rom bewegt sich übrigens in puncto Spielerscouting und –verpflichtung verstärkt zu statistischen Analysen. Es gibt einige Mannschaften, die dies tun. Mehr und mehr Mannschaften aus der englischen Premier League holen sich zurzeit „technische Scouts“. Was dieser Job für Tätigkeitsfelder beinhaltet und wie viel Einfluss sie haben, ist allerdings unklar.

Einige französische Mannschaften scheinen ebenfalls Statistikanalysen im Scouting zu nutzen, was mir aufgrund ihrer Transfers auffiel. Allerdings kann man sich hier natürlich nicht 100%ig sicher sein.

Inwieweit wurde die Blogger-Szene (also StatsBomb, welche ja von Ted Knutson persönlich stammt, aber auch andere Blogs)  beobachtet, um zusätzlich zu den professionellen Angeboten neue Möglichkeiten zu sondieren oder neue Konzepte zu finden?

Ja, das ist natürlich ein großer, wichtiger Punkt. Das Gute ist: Solche Blogs sind wie ein Portfolio. Man kann sofort sehen, wie diese Leute agieren und denken. Darunter gibt es einige, deren Arbeit ich sehr respektiere. Dustin Ward (@SaturdaysOnCouch) und Thom Lawrence (@deepXG) produzieren regelmäßig sehr interessante Werke.

Wir bedanken uns bei Nikos für das interessante Interview. Dieses wurde auf Englisch geführt. Falls ein Verein Nikos kontaktieren möchte, so geht dies über die Mail nikos@catenaccio.nl.


SV Training #1: Mit unterschiedlichen Feldformen um die Ecke denken

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Dass viele unserer Autoren als Trainer tätig sind, dürfte niemanden mehr weiter überraschen. Spätestens seit „Fußball durch Fußball“ herausgegeben wurde, sind auch die grundsätzlichen Prinzipien einer zeitgemäßen Trainingsweise nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse ausführlich dargelegt. Nun ist es an der Zeit, dieses ganzheitliche Konzept weiter mit Inhalten aus der Praxis zu füttern – davon lebt es letztlich und darauf ist seine Weiterentwicklung auch ausgerichtet.

Zu diesem Zwecke werden an dieser Stelle, in ähnlich loser Form wie beim SV Mailbag, nun häufiger einmal unterschiedliche Artikel erscheinen. Einerseits wird es allgemeiner gefasste Themenblöcke geben, die Gestaltungsmöglichkeiten auf eher strukturelle Art und Weise thematisieren. Andererseits gehören auch Beiträge über einzelne, ganz konkrete Trainingsformen zum Repertoire. Alles zur Anregung eines aktiven Mitdenkens in vergleichsweise prägnanter Form.

Die Inhalte verknüpfen technische, taktische und konditionelle Inhalte innerhalb eines Trainingskonzeptes, bei dem das Treffen von Entscheidungen unter variablem Raum-, Zeit- und Gegnerdruck im Vordergrund steht. Das Ziel ist es, eine optimale Lernumgebung für die Spieler und den Trainer selbst zu schaffen. Bei der Durchführung wiederum bleibt es elementar, den Spielern Zeit zu lassen, damit sie selbst Lösungen finden können. Fehler und teils stockender Spielfluss gehören, gerade bei neuen Eindrücken, zu diesem (selbstorganisiert und nichtlinear verlaufenden) Lernprozess, in den der Trainer unterstützend eingreift. Zu grundlegenden Konzeptionen dahinter finden sich vielerlei interessante Beiträge im englischsprachigen Blog von Mark O’Sullivan.

An dieser Stelle geht es des Weiteren keineswegs darum, Ideen im Sinne einer bloßen Copy-And-Paste-Nutzung freizugeben, sondern vielmehr, wie Pep Guardiola es sinngemäß nennt, um die Anregung „intelligenten Stehlens“ –  was als eine Art der Inspiration zu verstehen ist.
Dass man dabei teilweise exakt dieselben Spielformen durchführt, die man irgendwo anders aufgeschnappt hat, ist unvermeidlich. Auch ich schaue gerne in die hervorragende Sammlung von Jens Schuster, Assistent bei der U17 Hoffenheims, auf das spanischsprachige Angebot von „The Rondo“ oder die Videos von Enric Soriano.

Dies alles muss jedoch den eigenen Konzeptionen, strategisch-taktischen Überlegungen sowie schlichtweg dem entsprechenden Spielniveau angepasst werden und ist nicht zuletzt von der Frage abhängig, was man selbst sicher coachen und vermitteln kann.

Die Feldgröße beispielsweise ist eine Komponente, die sich von Team zu Team, alleine aufgrund unterschiedlicher Altersstufen, erheblich unterscheiden kann, weshalb eine allgemeine Festlegung kaum sinnvoll ist, eigene Erfahrungen hingegen unerlässlich bleiben. Ähnlich verhält es sich mit der jeweiligen Zeitdauer, die man für einzelne Formen veranschlagt, welche wiederum von der Periodisierung abhängig ist. Nicht zuletzt lassen sich unzählige Punkteregelungen und Variationsmöglichkeiten erfinden, die bestimmte Verhaltensweisen provozieren oder schlichtweg eine Reaktion auf abweichende Zahlenverhältnisse darstellen.

Im Sinne der differenziellen Lernmethode nach Schöllhorn gilt es, die Spieler immer wieder mit neuen Herausforderungen zu konfrontieren und die zur Weiterentwicklung zwingend notwendigen Schwankungen zu erzeugen. Eine Möglichkeit dabei: Mit unterschiedlichen Feldformen experimentieren. Hierbei gilt der Fokus vor allem Positionsspielen und Spielformen, die allgemeine Spielkonzepte implizit vermitteln sollen, weniger um konkrete Spielausschnitte und das Nachstellen von Situationen.

Nicht nur metaphorisch gesprochen, verläuft unser Denken allzu oft recht linear oder rechteckig. Dabei besteht die Welt des Fußballs doch aus Dreiecken! Dementsprechend bietet sich diese Form auch bei der Feldgestaltung an. Die Passwinkel unterscheiden sich automatisch, wie auch bei den im weiteren Verlauf thematisierten Feldern, von denen in einem Rechteck. Vor allem Diagonalität wird dabei provoziert, auch in Bezug auf die Orientierung selbst.

dreifarben-dreieckSpielform 1: Dreifarbenspiel im Dreieck. Weiß und Blau agieren gemeinsam, während Rot verteidigt. Auf der langen Seite wird ruhig zirkuliert, ehe der Ball über den Mittelspieler oder mithilfe entsprechender Positionswechsel auf eine der diagonalen Seiten gebracht wird. Verlagert sich das Geschehen an den Schnittpunkt dieser, so ist schnelle Unterstützung sowie das Öffnen von Passwegen gefragt, während das Defensivteam aggressiv zugreift. Gelingt ihm eine Balleroberung, verteidigt fortan das Team, welches den Ballverlust verursacht hat. Die vorherigen Verteidiger positionieren sich so schnell wie möglich auf den Außenseiten. – auch wenn die Mannschaft im Zentrum den Ball zuvor verloren hat. In diesem Fall rückt das zuvor außerhalb positionierte Team nach innen. So ergibt sich eine ständig wechselnde, hochkomplexe Spielsituation, die einem fortwährend Aufmerksamkeit abnötigt.

Die jeweiligen Seiten lassen sich stets auf unterschiedliche Art und Weise zueinander anordnen, sodass sich der Fokus entweder auf eine eher vertikale oder horizontale Zirkulation legen lässt.
Eine Besonderheit bilden dabei in jedem Fall die spitz zulaufenden Ecken, welche einerseits eine Herausforderung im konstruktiven Ballbesitzspiel darstellen und andererseits für gezielte Pressingmomente und leitende Elemente genutzt werden können.

dreieck-mit-minitorenSpielform 2: Minitor-Dreieck. Im Beispiel ergibt sich ein Zahlenverhältnis von 6 gegen 4. Blau spielt auf Ballbesitz und erhält für eine bestimmte Anzahl von Pässen einen Punkt. Rot versucht wiederum, den Ball zu erobern und innerhalb einer festgelegten Zeitspanne in eines der drei Tore zu treffen, was ebenfalls mit einem Punkt belohnt wird.
Eine komplexere Form würde die Nutzung von zwei äußeren Neutralen im 4 gegen 4 plus 2 darstellen, bei der das ballerobernde Team stets die Wahl zwischen Ballsicherung und schneller Torerzielung hat.

Da diese Situationen sich teilweise schon zu extrem gestalten, lassen sich einerseits, wie gezeigt, die Ecken durch die Nutzung von Minitoren abstumpfen, andererseits wird die geometrische Form recht schnell zum symmetrischen Sechs- oder Achteck erweitert. Diese Möglichkeit nutzte beispielsweise Thomas Tuchel während des diesjährigen Trainingslagers in Bad Ragaz bei einer etwas größeren Spielform, siehe Video.

Auch Positionsspiele lassen sich auf solchen Spielfeldern vielfältig gestalten, vor allem durch die Nutzung von neutralen Spielern auf den Außenseiten. Diese lassen sich auf verschiedene Art und Weise den jeweiligen Teams zuordnen.

sechseck-mit-verschiedenen-neutralenSpielform 3: End-To-End im Sechseck mit Neutralen. 4 Blaue spielen im Feld gegen 4 Rote. Jedem Team stehen bei Ballbesitz zum einen die neutralen Weißen, zum anderen ihre gleichfarbigen Teamkameraden außerhalb des Feldes zur Verfügung. Die äußeren Spieler haben jeweils einen Ballkontakt und dürfen sich den Ball untereinander nicht zuspielen. Ziel für Rot und Blau ist es sich von einem ihrer Mitspieler außerhalb des Feldes zu demjenigen auf der anderen Seite durchzukombinieren.

sechseck-mit-wandspielernSpielform 4: Sechseck mit Wandspielern an Minitoren. Blau und Rot haben jeweils vier Spieler im Feld und zwei Spieler an den Seiten neben ihrem Tor. Ein Wandspieler steht am gegnerischen Tor und kann sich dahinter frei bewegen. Alle äußeren Spieler dürfen den Ball maximal einmal berühren. Über ruhiges Spiel aus einer Aufbaudreierkette heraus gilt es einen entscheidenden Pass in die Tiefe anzubringen, für den sich der Wandspieler in der Lücke anbietet. Die äußeren Spieler achten bei ihrer Positionierung vor allem auf die Höhe der Nebenmänner und passen sich dieser entsprechend an, sodass sie nicht auf einer Linie mit ihnen stehen. Im weiteren Verlauf fortlaufenden Wechsel der Positionen erlauben.

Ein weiteres Mittel, um beispielsweise dynamische Positionsbesetzung, passend zur jeweils verfügbaren Schnittstelle hervorzuheben, ist es weniger Spieler auf Außen einzusetzen als es Seiten gibt. Diese dürfen sich stattdessen frei bewegen und müssen eine optimale Positionierung finden. Das gleichzeitige Erhöhen der Eckenzahl von geometrischen Formen lässt sich letztlich über das unten dargestellte Zehneck bis zum Kreis als n-Eck fortführen, sodass die Optionen dabei noch deutlich gesteigert werden bis es keine Seiten im ursprünglichen Sinne mehr gibt.

zehneckSpielform 5: Zehneck. 6 Blaue gegen 6 Rote, ein neutraler Spieler. Bei Ballbesitz müssen 3 Spieler der jeweiligen Mannschaft außerhalb des Feldes sein, dürfen ihre Position jedoch, je nach Pressing des Gegners und Staffelung der Mitspieler fließend wechseln, mit Spielern innerhalb des Feldes tauschen und frei angespielt werden. Einerseits stellt dies vielfältige Anforderungen an die Kommunikation beider Teams, andererseits werden Rochaden aktiv eingefordert sowie ein passwegorientiertes Pressing gefördert.

cuhd6njxyau-d8w-png-largeAuch asymmetrische Varianten, wie diese von MR konzipierte, sind in einer weiteren Stufe denkbar. Sie schulen vor allem die Orientierung der Spieler im Raum. Ein Thema, über das in diesem Rahmen noch ausführlich zu berichten sein wird.

SV Training #2: Mehr als zwei Stangen und Netz

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Ein weiterer Ausflug in die Welt geometrischer Möglichkeiten für die tägliche Arbeit im Training. Ganz ohne einschleifendes Wiederholen von Schüssen und mit erstaunlich wenig Aluminium.

SV Training ist unsere Praxis-Rubrik. Die Inhalte verknüpfen technische, taktische und konditionelle Komponenten innerhalb eines ganzheitlichen Trainingskonzeptes, bei dem das Treffen von Entscheidungen unter variablem Raum-, Zeit- und Gegnerdruck im Vordergrund steht. Aus den grundsätzlichen Ideen soll jeder Trainer schließlich selbst für ihn passende Spielformen kreieren.

Nachdem ich zu Beginn der Serie bereits etwas ausführlicher über diverse Feldformen reflektiert habe, geht es in dieser Folge nun darum Dreiecke und Rauten aufs Spielfeld zu bringen – als (Pass-)Tore. Wie das genau aussehen kann lässt, sich in diesem Videoausschnitt mit Diego Simeone recht gut erkennen.

„El Cholo“ verwendet Stangen, um beim Rondo ein Zielfenster für Zuspiele durch das Zentrum zu erzeugen. Andersherum formuliert: Er provoziert die Verteidiger dazu, Pässe durch die Mitte zu verhindern. Dadurch, dass der Abstand innerhalb des Dreieckstores sehr eng ist, funktioniert dies idealerweise durch eine aggressive Form der Verteidigung und Deckungsschattennutzung.

Diese Art des Pressings kann wiederum bei wenig akkurater Ausführung durch schnelle Zirkulation über nebeneinanderstehende Spieler überwunden werden, ehe sich entweder doch ein Passweg öffnet oder eine große Anzahl an Pässen erreicht wird.

Je nachdem, wie man als Spieler zu den Stangen steht, ergeben sich unterschiedliche Passmöglichkeiten in Bezug auf das Dreieckstor. Gerade wenn sie so nah beieinander aufgestellt sind wie im Beispiel von Atlético, kann nicht jeder Spieler den Ball hindurch passen, weil einigen eben der Weg durch die Stangen selbst versperrt ist. Diejenigen, die es könnten, müssen sich wiederum akkurat positionieren und freigespielt werden. Die Verteidiger können dies ihrerseits erkennen und das Spiel zu potentiell weniger gefährlichen Akteuren lenken.

Einen Faktor bei der Nutzung dreieckiger Tore stellt also schlichtweg deren Fläche dar. Gleichzeitig lässt sich im Rahmen von Positionsspielen die bloße Anzahl steigern und man kann damit einhergehend zusätzliche Vorgaben machen, welche oder wie viele Tore bespielt werden sollen. Auch der Zweck wird hier dahingehend variiert, dass es nicht mehr um den einen linienüberwindenden Pass, sondern um kleinräumiger angelegte Kombinationen sowie anschließende Wechselpässe geht.

Wenn man gerade keine Stangen zur Hand hat oder schlichtweg deren räumlichen Faktor reduzieren will, lassen sich natürlich genauso gut herkömmliche Hütchen verwenden. Zudem kann festgelegt werden, ob und eventuell wie lange der Raum innerhalb des Dreiecks besetzt werden darf.

dreieckstorschach

Dreieckstore-Vierfelderspiel von Nils Poker (Klick aufs Bild für eine ausführliche Beschreibung).

Besonders interessant werden die Dreieckstore schließlich in weiträumigen Spielformen, bei denen sie für kurze wie lange Pässe erreichbar sind und einzelne von ihnen als Kontrast beispielsweise für Dribblings freigegeben werden können. In letzter Konsequenz lassen sich somit unmittelbar spielnahe Vorgaben machen. Beispielsweise lassen sich zur Fokussierung ganz bestimmter Aspekte auch eine klare Ballbesitzmannschaft und ein verteidigendes Team festlegen, dem nach Ballgewinn ein Zeitlimit für erfolgreiches Kontern gesetzt wird.

Hierbei stellt sich die Frage: Wie positioniert man die Dreieckstore auf dem Feld? Nachfolgend einige Beispiele:

kleine-dreiecke-raute– 11 gegen 11; 4-3-3 gegen 5-3-2; Grundlinie bis etwa 7 Meter hinter die Mittellinie; kleine Dreieckstore rautenförmig zueinander angeordnet; vor Torerfolg muss eines im Zentrum und eines im Halbraum bespielt werden.
– Defensive bei Team Blau: Lenken nach außen bei tieferer Position der Achter; Lenken nach innen und Isolieren des Sechser, wenn die Achter höher stehen; „Trennen“ der Innenverteidiger; Aufrücken der Wingbacks auf der ballnahen Seite (keine Mannorientierung); gezielte Reaktion darauf, welche Tore noch bespielt werden müssen.
– Offensive bei Team Rot: Halbraum- und Zentrumsfokus; Schaffen von Optionen für Spiel weg vom Flügel; Anlocken und Wechselpässe; Schnittstellenpässe und Einlaufen hinter die Abwehr; zusätzlich individuellere Aspekte wie Absetzen des Sechsers in den ballfernen Halbraum bei Ballbesitz eines Innenverteidigers.

grosse-dreiecke-aussen– 9 gegen 9; 2-4-2-Aufbau gegen 2-3-3-Pressing, Grundlinie bis zum hinteren Ende des Mittelkreises, volle Breite; große Dreieckstore (etwa 15 Meter Seitenlänge) zwischen Halbraum und Seitenlinie; Bespielen eines der Tore durch direkten Pass, bevor ein Torabschluss verfolgen darf.
– Defensive: Lenken des gegnerischen Aufbaus nach innen; schnelles Verschieben bei Zuspiel zum Flügel; sofortiger Zugriff im Zentrum; Deckungsschattennutzung, Referenzpunkte v.a. Dreieckstore und äußere Spieler des Gegners.
– Offensive: Tiefes Anbieten der Innenverteidiger neben dem aktiv eingebundenen Torwart; Herauslocken für Vorstöße am Flügel; Nutzen schneller Ablagen aus dem Zentrum heraus; dynamische Läufe, um durch Dreieckstore anspielbar zu sein (v.a. Stürmer); Zurückdrängen der Innenverteidiger, um Zwischenlinienraum zu öffnen.
– Variation 1: Es darf innerhalb der Dreieckstore kombiniert werden. Diese gelten dann als bespielt, wenn der Ball durch eine Seite hinein- und durch eine andere Seite wieder hinausgelangt, ohne dass der Gegner am Ball gewesen ist. Die verteidigende Mannschaft erhält einen Zusatzpunkt, wenn sie den Ball im Dreieckstor erobert und einen erfolgreichen Pass über eine der Außenseiten desselben anbringt.
– Variation 2: Den beiden Toren werden Farben zugeordnet. Der Trainer sagt willkürlich eine der Farben an und kann jederzeit ein neues Kommando hereinrufen. Für Durchspielen des angesagten Dreieckstores gibt es einen Extrapunkt. Wird im Anschluss ein Tor erzielt, ohne dass der Gegner den Ball zwischendurch erobert, zählt dieses zusätzlich doppelt. So wird das Lenken auf eine Seite forciert, wobei der ständige Wechsel eine zusätzliche Umschaltkomponente ins Spiel bringt.

Durch entsprechende Anordnung der Dreieckstore in Kombination mit anderen Elementen kann der Trainer schließlich unter Gegnerdruck klarere Abläufe und Muster ins Spiel bringen, ohne die Entscheidungsfindung grundlegend einzuschränken. Dadurch wird einerseits ein insgesamt höheres Bewusstsein bei den Spielern erzeugt, wenn sie bereits auf einem relativ hohen Niveau agieren und über entsprechendes Priming verfügen. Andererseits ist innerhalb des dann abgesteckten Rahmen vielerlei explizites Coaching möglich, wobei dies neben Konturierung eigener Spielerrollen beispielsweise ganz konkret der Gegneranpassung dienen kann. Hier geht es schon ordentlich ins Detail, weshalb ein ausführliches Beispiel folgt:

asymmetrische-dreieckstore– 7 gegen 6; asymmetrischer Aufbau (aus 4-3-3 abgeleitet) gegen 4-2/2-2-2-Pressing; ca. halbes Feld; 3 Minitore auf der Mittellinie für rotes Angriffsteam; 2 frontal und 2 seitlich stehende Minitore für Konter des Verteidigungsteams; Dreieckstore (5-7 Meter Seitenlänge) und rechteckige Zone (ca. 10*15 Meter) wie dargestellt; nachdem der Ball im Aus war, startet das Spiel stets mit Aufbau von Rot.
– Bevor Rot ein Tor erzielen darf, müssen während eines Spielzugs entweder beide blauen oder beide roten Dreieckstore bespielt worden sein, ohne dass der Gegner zwischendurch den Ball erobert.
– Der orange unterlegte Innenverteidiger darf durch einen „Laserpass“ zusätzlich direkt einen Treffer erzielen, ohne dass die Dreieckstore bespielt wurden.
– Die schwarz markierte Zone repräsentiert den Sechserraum. Dieser muss ständig besetzt sein –  wobei es dabei egal ist, durch wen dies geschieht.
– Blau darf frei auf eines der vier zur Verfügung stehenden Minitore kontern. Dauert der Konter zu lange, unterbricht der Trainer und es geht wieder bei Rot los.

Zur Erklärung der Spielform werden beide Teams voneinander separiert, wobei der Coachingfokus auf Team Rot liegt. Blau bekommt allgemeine Informationen in Hinblick auf ihre Formation und das Pressing. Eine Möglichkeit wäre es gar, Team Blau überhaupt nicht mitzuteilen, wie Rot Tore erzielen kann, sondern lediglich das Ziel des Ballgewinns und eines anschließenden schnellen Konters zu formulieren.
Der Zweck der Spielform liegt in der Etablierung eines flexiblen Aufbauspiels bei Rot, das zunächst gegnerunabhängig erfolgen soll und sich vor allem nach den Charakteristiken der eigenen Spieler richtet.

Der rechte Außenverteidiger positioniert sich rechts neben den beiden Innenverteidigern. Er ist ein eher tief spielmachender Typ, der sowohl andribbeln als auch gezielte Diagonalpässe in den Halbraum anbringen kann. Im Idealfall spielt der nach innen gerückte, solide aufbauende Innenverteidiger, bereits ganz zu Beginn durch Dreieckstor 1 zu ihm. Er dribbelt entweder an, wenn sich ein entsprechender Raum in Richtung von Dreieckstor 2 bietet oder versucht bei höherem Gegnerdruck einen Pass auf den nach vorne geschobenen rechten Achter anzubringen.

Sind dem rechten Außenverteidiger alle Optionen verstellt, löst er entweder über den Sechserraum oder spielt den Ball zurück zum Innenverteidiger.
Dieser leitet schnell zu seinem linken Partner weiter, welcher über ein hervorragendes Passspiel verfügt und den Zwischenlinienraum konstant erreichen kann. Er sucht bei sich auftuender Lücke direkt den Pass aufs Minitor. Ist der Weg zu, kann er wiederum diagonal über den Sechserraum lösen. Alternativ bietet sich der höher postierte linke Außenverteidiger in der Nähe des Dreieckstors 3 an. Wird er attackiert, lässt er auf den Innenverteidiger zurückprallen. Kann er aufdrehen, dribbelt er durch das Dreieckstor. Er kann sich genauso zuvor schon etwas höher anbieten und den Ball direkt nach einem Pass durch das Dreieckstor erhalten.

Der linke Außenverteidiger ist ein im Vergleich zum Spieler auf der Gegenseite stärkerer dynamischer Dribbler, der gerne mit dem Ball nach innen zieht. Hierfür zieht der linke Achter zum Beispiel entgegengesetzt nach außen. Anschließend kann der Weg durch Dreieckstor 4, etwa zum ballfernen Achter oder direkt in Richtung Tor, gesucht werden. Sollte dieser unzugänglich sein, wird das Spiel abermals neu aufgebaut.

Im Laufe der Spielzeit werden stets leicht veränderte Situationen entstehen. Dadurch, dass es keine Reihenfolge für das Bespielen der Tore gibt und durch ihre bloßen Winkel sind in Relation zum Pressing vielerlei andere Varianten möglich. Zudem können Achter und Sechser sich in der Besetzung der zentralen Zone abwechseln oder ein Innenverteidiger füllt diese situativ auf. Das Coaching wird zwar gewisse Lösungen anbieten, doch die Spieler können weiterhin eigene Alternativen dazu entdecken.

SV Training #3: Eine Prise Nagelsmann

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Wer einen besonderen Spielstil erfolgreich umsetzt, verfügt in der Regel auch über eine durchdachte Trainingsmethodik. Vor allem, wenn dies so schnell geschieht, wie im Falle des Hoffenheimer Trainers.

SV Training ist unsere Praxis-Rubrik. Die Inhalte verknüpfen technische, taktische und konditionelle Komponenten innerhalb eines ganzheitlichen Trainingskonzeptes, bei dem das Treffen von Entscheidungen unter variablem Raum-, Zeit- und Gegnerdruck im Vordergrund steht. Aus den grundsätzlichen Ideen soll jeder Trainer schließlich selbst für ihn passende Spielformen kreieren.

Vor dem Heimspiel gegen Hertha BSC im vergangenen April hatte ich die Gelegenheit, mir eine öffentliche Trainingseinheit von Julian Nagelsmann anzuschauen. Es dauerte in einer Saisonphase, in der viele Spieler bereits unter den vorangegangenen Belastungen zumindest ein bisschen litten, kaum mehr als 60 Minuten. Zum Aufwärmen gab es im Wechsel für je eine Gruppe eine eher simple Passform sowie ein vom Aufbau nicht schwer zu erfassendes Rondo, bei dem ein Spieler der jeweils ballbesitzenden Mannschaft sich im Zentrum bewegte.

Im Anschluss ging es direkt zum interessanten Teil – einer weiträumigen Spielform mit mehreren Stangentoren etwa auf Höhe Mittellinie – über. Ich werde im weiteren einen grundsätzlich ähnlichen Aufbau und die grundlegende Idee dahinter besprechen sowie die ein oder andere Variante diskutieren.

Die Grundform.

Die Grundform.

In der Ursprungsform baut ein Team im Bereich bis zu den Stangentoren in beliebig festgelegter Formation gegen das hohe Mittelfeld- oder Angriffspressing des Gegners auf. Die Formation kann dabei entweder dem nächsten Gegner nachempfunden sein („Sparringsteam“) oder auch das eigene Pressing repräsentieren. Im ersten Fall geht es um eine spezifische Gegneranpassung, während im letzteren offensive und defensive Grundprinzipien innerhalb des eigenen Teams im Vordergrund stehen. Hierbei lassen sich die genutzten Grundformationen selbstverständlich variieren.

Im konkreten Beispiel baut Team Rot in einer 3-4-Staffelung samt Torhüter gegen sechs im 4-2 formierte Spieler von Team Weiß auf. Ziel für Team Rot ist es, durch eines der Stangentore auf die andere Seite zu gelangen – entweder nur per Pass oder wahlweise auch per Dribbling. Geschieht dies, so dürfen (und sollten) alle Spieler beider Teams so schnell wie möglich nachrücken. Rot darf auf der gegenüberliegenden Seite ein Tor erzielen. Für das Durchspielen eines Stangentores erhält das Team einen Punkt, ebenso für einen erfolgreichen Torabschluss.

Gewinnen die Spieler von Team Weiß den Ball bereits beim Aufbauspiel von Rot, so dürfen sie direkt ein Tor erzielen, wofür sie ihrerseits einen Punkt erhalten. Bei entsprechendem Ballgewinn dürfen die im anderen Feld befindlichen Spieler beider Teams in die entsprechende Hälfte einrücken. Wurde Weiß wiederum in die eigene Hälfte zurückgedrängt, dienen ihnen die Stangentore zum Kontern – Pass oder Dribbling durch eines von ihnen bringen einen Punkt und sorgen dafür, dass das Spiel von neuem beim Torhüter von Rot beginnt („Start-Stop-Spielform“).

Um den Umschaltfokus der Spielform zu erhöhen, kann man das Geschehen an dieser Stelle einfach weiterlaufen lassen. Es ergeben sich vielerlei Ballbesitzwechsel. Die Punkteregelungen vereinfachen sich praktisch und gestalten sich für beide Teams gleich: Durchspielen durch ein Stangentor (nur vorwärts!) = 1 Punkt, Erzielen eines Treffers ins jeweilige Großtor = 1 Punkt. Diese offene Gestaltung bietet sich im Rahmen des allgemeineren Trainings an, während erstere dem Übergangsspiel gegen eine konkrete Gegnersimulation eher entgegenkommt.

Feldform und Größe lassen sich dabei gleichzeitig variabel gestalten. Anders als im Bildbeispiel ließe sich beispielsweise auch das gesamte Feld nutzen und die Stangentore direkt auf der Mittellinie platzieren. Diese kann man zur Provokation unterschiedlicher Pass- oder Dribbelwinkel auch schräg aufbauen oder zu Dreieckstoren erweitern.

Gleichzeitig kann man die Spielform für jüngere Spieler natürlich auch auf das Kleinfeld transferieren, wobei sich hier die freie „Endlos“-Variante anbietet und die Anzahl der Spieler den jeweiligen Wettkampfbedingungen angepasst wird.

Außerdem ist es, vor allem zu Beginn, möglich, bestimmte Vorgaben für das Defensivteam einzubauen. Etwa, dass die Innenverteidiger oder die gesamte Viererkette nicht vor der Mittellinie verteidigen dürfen und erst bei erfolgtem Zuspiel vorrücken. So ergibt sich ein Zwischenlinienraum für die roten Spieler. In diesen kann man beispielsweise auch einen der Wingbacks bei Ballbesitz in der eigenen Hälfte gehen lassen. Der jeweilige Spieler kann vom Flügel ballfern einrücken und sich ebenfalls durch eines der Stangentore anspielbar machen.

Aufbau über eingerückten Wingback

Aufbau über eingerückten Wingback

Allgemeine Coachingpunkte (explizit/implizit) sind in jedem Fall:

  • ruhige Ballzirkulation gegen aggressives Anlaufen
  • Einbindung des Torhüters ins Aufbauspiel
  • Laserpässe
  • Andribbeln und gegenseitige Absicherung
  • Bewegung abseits des Balles, um Anspieloptionen zu schaffen (Zurückfallen des Stürmers, Pendeln der „Zehner“)
  • Auf Bewegungen der Mitspieler achten und Passwege öffnen (vor allem Sechser)
  • Je nach Spielphase: Schnelles Nachrücken
  • Rhythmuswechsel und Reaktion darauf – trotz Druck keine Hektik im letzten Drittel
  • Deckungsschattennutzung gegen den Ball, Versperren zentraler Passoptionen
  • multidirektionales Verhalten im Pressing – vor allem Rückwärtspressing im Fokus

SV-Mailbag #4: Rückrunde, Rückrunde, Hey, Hey

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Endlich wieder Bundesliga. Wir werfen aber nicht nur einen Blick drauf wie man RBL taktisch beikommen könnte, sondern blicken auch nach England, auf Kinderfußball, auf Götze, Vestergaard, auf das 3-4-2-1 und den Busquets-Typus.

Im Mailbag beantworten wir Leserfragen. Wer selber welche hat, sendet diese mit Betreff „Mailbag“ an MR[at]spielverlagerung.de oder twittert sie mit dem Hashtag #SVMailbag.

Fangen wir direkt mit der perfekten Rückrunden-Frage an:

„Taktische Mittel gegen Raba Leipzig wenn man keinen Thiago hat?“

Und es ist eine sehr schwierige. Ich denke, Schalke hat angedeutet, dass eine Dreierkette mit Flügelläufern für das 4-2-2-2-Pressing tendentiell schwerer zu kontrollieren ist. Dennoch bleibt es wichtig, dass man an irgendeiner Stelle in den Pressingblock reinkommt und dann auch wieder raus. Wenn man nur versucht, außen rum zu spielen, wird man irgendwann zerdrückt. Weigl war ja vergangene Saison ein Killer für dieses System gegen Leverkusen. Solche Nadelspieler, die das können, haben ja tatsächlich nicht wenige Bundesligisten. (Name-dropping-time: Meyer, Bentaleb, Kampl, Dahoud, Raffael, Kramer, Malli, Didavi, Rupp, Latza, Grifo, Fabian, Gnabry, Koo, Moravek, Bittencourt, Holtby, Darida) Die muss man dann aber im richtigen Moment einbinden und braucht auch Spieler, die den Ball dann zuverlässig in enge Räume passen können – die sind aber auch nicht mehr selten.

Ansonsten könnte man sich schlichtweg auf eine Gegenpressing-Schlacht einlassen und viele lange Bälle spiele, sich auch darauf fokussieren, Leipzig den Ball zu überlassen, was ja letztlich auch ein wichtiger Teil von Bayerns Sieg war. Ein 4-3-3-0 (oder auch ein 3-3-4/3-5-2) könnte ich mir gut vorstellen, um den überladenen Bereich vor der Abwehr mit drei Sechsern zu versperren und dann schnell über drei, vier Angreifer gegen die Innenverteidiger zu kontern.

Ansonsten könnte Raumstrukturdiagonalisierung ein entscheidendes Tool sein, die kann ich aber in dem Rahmen hier nicht erklären. Ha, ich blödes Teaser-Arschloch.

„Ist die Premier League diese Saison auf einem guten Weg langsam mal im modernen Fußball anzukommen?“

Sieht ganz so aus. Das kündigt sich ja schon seit geraumer Zeit an mit Pocchetino und Co., aber nun scheint es endgültig so weit zu sein. Auch wenn sich die Beobachter dagegen wehren und so tun, als ob der althergebrachte Quatsch tatsächlich schon immer voll gut gewesen wäre, sobald ein Klopp oder Guardiola mal ein Spiel durch zweite Bälle verliert. Mal sehen, was für Trainer und Spieler in den kommenden Jahren so geholt werden. Wie Swansea demonstriert kann man solche Entwicklungen ja auch schnell wieder einreißen und noch gibt es keine breite Basis von Trainern, die zuverlässig und erfahren in der Vermittlung von gutem Fußball sind. Außerdem neigen die Geldschleudern in den mittleren bis unteren Tabellenregionen ja stark dazu, ihre Mittel sehr merkwürdig einzusetzen und völlig unbalancierte, wirre Kader zu basteln.

„Wie bewertest du Mario Götzes Hinrunde und wie könnte er in der Rückrunde (noch) besser eingebunden werden?“

War okay. Ich finde, ihm ist nicht viel vorzuwerfen, er hat sich defensiv sehr gut entwickelt und hat mit Ball stabil abgeliefert. Allerdings konnte er seine Fähigkeiten mit Ball noch nicht besonders oft und effektiv einbringen, weil er selten in Tornähe und in engen Szenen eingebunden wurde. Das Mittelfeldzentrum wurde von Dortmund teilweise sehr vertikal überspielt, was ihm nicht entgegenkommt, und es gab wenig Überladungen und Positionswechsel für Kombinationen. Zudem spielte er ja häufig einfach auf tiefen Positionen.

Das System aus den letzten beiden Spielen war da schon eine massive Verbesserung mit der Überladung halbrechts und Dembele als freiem Spieler, der oft auch den Kontakt zu Götze suchte. Ich denke, die Synergie zwischen Götze und Pulisic – und eben auch Dembele – muss ein zentraler Bestandteil im Dortmunder Spiel werden. Götze und Pulisic ergänzen sich hervorragend mit ihrer schnellen, erfolgsstabilen Lösungsfindung in engen Szenen in Strafraumnähe. Dafür muss Götze aber natürlich etwas näher an den Strafraum.

„Wäre Zelalem, Dahoud, Kovacic, etc. das fehlende Puzzleteil zum Titel für BVB?“

So ein strategischer, passspielernder Achter wäre schon Gold Wert. Zum einen ist es die perfekte Ergänzung zu Weigl, zum anderen löst man damit eben Götze, Kagawa und Castro für höhere Positionen und kann die durchschlagskräftigen Leute vorne häufiger einbinden. Besser als Bayern wird man damit nicht automatisch, aber man hätte dann wohl das Zeug zu einer Weltklasse-Mannschaft.

„Wieso wird 3-4-2-1 immer mehr als Formation gewählt?“

Weil 3-4-2-1 beste Leben! Tatsächlich im Grunde meine Lieblingsformation, hab das auch schon Mal bisschen begründet. Einfach eine sehr schöne Grundstruktur, die den Raum mit sehr vielen Verbindungen abdeckt und dennoch freie Bewegungen ermöglicht, die leicht balanciert werden können. Daher wird das System ja auch ganz unterschiedlich gespielt, mal mehr als 3-2-4-1 wie beim BVB, mal mehr 3-4-3 wie bei Chelsea.

„Wird die Dreierkette (bzw verschiedene taktische Formationen die diese enthalten) demnächst die Viererkette als häufigste Defensivformation ablösen?“

Kann ich mir gut vorstellen. Dreierkettensysteme erleichtern zum einen ein kontrolliertes, gut abgesichertes Ballbesitzspiel, was ja immer mehr angestrebt wird. Umgekehrt erleichtern sie aber auch das Verteidigen gegen ebensolche Systeme, sodass sich das vermutlich gegenseitig hochschaukeln wird.

Ich bin aber schon mal im Voraus der Meinung, dass das nur eine Zwischenstufe ist und sich in der Folge – gerade bei den Topteams – auch wieder vermehrt Viererketten finden, um einen zusätzlichen Pressingspieler in die erste Linie oder das Mittelfeldzentrum zu bekommen und/oder den Aufbau in einer Zweierkette zu gestalten. Denn die Dreierkette ist im Aufbau wohl die „komplettere“ und sauberere Variante, aber dafür benötigt man eben einen zusätzlichen Spieler in tiefen Zonen. Eine Viererkette mit hohen Außenverteidigern lässt ja quasi ein 2-4-3-1 oder auch mal ein 2-1-4-3, 2-4-2-2 oder ähnliches entstehen, womit man eben immer noch einen zusätzlichen Spieler in den Offensivräumen hat. (Ohnehin müsste man wohl eigentlich häufiger vom Aufbau aus einer Zweierkette reden bzw. „einer Zweierkette, die gegen den Ball zur Viererkette wird“, allerdings schieben die Außenverteidiger in einer Viererkette halt oft weniger konsequent vor, da die Absicherung für die Innenverteidiger deutlich schwieriger ist.)

„Wer sollte ab nächster Saison Xabi Alonso ersetzen?“

Kimmich.

„Wenn Barca mal Busquets-Ersatz/Nachfolger braucht, wen könnte man holen? Oder hilft nur Systemumstellung?“

Kimmich.

Ernsthaft: Ich denke, ein Sechser mit der Komplettheit und der taktischen Dominanz von Busquets ist für eine Spitzenmannschaft kaum verzichtbar. Die Einbindung kann aber ein bisschen variieren und damit auch das genaue Fähigkeitsprofil an; man schaue sich beispielsweise Baier oder eben Kimmich an, Kroos bei der Nationalmannschaft, Lahm oder Schweinsteiger 2014. Das wird immer bisschen unterschiedlich gespielt, aber hat die gleiche Grundaufgabe oder besser vielleicht den gleichen Grundeffekt: Stabilisierung der Mannschaft in allen Phasen durch Ballverteilung, durch Strukturierung, Verbindung und zentrale Absicherung in den Staffelungen, durch die Kontrolle des Sechserraums im Pressing, durch schnelle Orientierung und korrekte Entscheidungen in Umschaltsituationen.

Dieser Busquets-Typus ist übrigens gar nicht mal so selten. Solche Jungs gibt’s im Nachwuchsfußball massenweise, aber meist sind die eher langsam, unauffällig und werden nicht besonders gefördert.

Bezüglich eines Nachfolgers sollte Barca wohl mal abwarten, was in den nächsten fünf Jahren so nach oben kommt. Mindestens so lange wird Busquets ja vermutlich noch auf Topniveau spielen können.

„Ist Jannik Vestergaard ein vollkommen überschätzter Spieler, der seine Ablösesumme vor allem für einen Verein wie Gladbach nicht wert ist?“

Darf ich einfach „Nein“ sagen? Vestergaard ist einer dieser Fälle, bei denen ich mich regelmäßig wundere, was die Leute ständig an ihm auszusetzen haben. Kann technisch zuweilen spektakuläre Dinge, ist körperlich herausragend und im Abwehrverhalten und strategisch zwar nicht top, aber wenn ich ihn sehe eigentlich immer gut. Sein Goalimpact sieht auch gut aus, zumal er bisher nicht bei sehr starken Mannschaften spielte:

Jannik_Vestergaard_combined

Sollten auch Kleinkinder durch Spiele die Technik lernen oder erst die „richtige“ Technik isoliert lernen und dann im Spiel anwenden? [Das wirklich interessante Buch „Fußball durch Fußball“ lässt da für mich leider ein bisschen was offen. Grade im Bezug zu Dribbling & Finten: Sollte man bspw Übersteiger speziell zeigen und erst ohne Gegner üben und dann erst im 1gg1 trainieren/anwenden lassen? Oder Kinder nur so in Spiele mit vielen 1gg1 bringen, ohne Finten vorher speziell zu zeigen/üben?]

Kinder lernen unheimlich schnell und komplex. Gerade das motorische Lernen von Kindern lässt sich nicht mit dem von Erwachsenen vergleichen und als Erwachsener schätzt man das vermutlich deshalb gerne mal falsch ein. Kinder müssen vor allem die Grundlagen lernen in puncto Rhythmisierungsfähigkeit, Koordination, etc. Das passiert unter Spielbedingungen ganz hervorragend. Deshalb sind ja die „Straßenfußballer“ auch immer die mit der besseren Technik und der besseren Koordination.

Im Fußball von „richtiger Technik“ zu reden ist ohnehin fragwürdig. Anders als beispielsweise im Turnen gibt es ja keine Bewertung davon. Technik ist die Umsetzung einer Entscheidung. Schaut man sich beispielsweise Dembele an, so sind fast alle seine Aktionen sehr unsauber. Das Timing und die Wahl der Aktionen sind aber so gut, dass das schlichtweg keine Rolle spielt; es hilft ihm sogar eher, weil er damit unberechenbarer wird und weniger Kontrolle zu haben scheint als er tatsächlich hat, was die Gegner zu falschen Abwehraktionen provoziert.

In „Fußball durch Fußball“ werden ja auch die wissenschaftlichen Grundlagen dieser Sichtweise erklärt. Selbst in weniger kreativen Bereichen wie der Leichtathletik ist ja nachgewiesen, dass das differentielle Lernen mehr bringt als das mechanische Einschleifen. Das „Beibringen“ von Technik ist für den Trainer immer angenehm, weil er selber die Kontrolle über den Lernprozess hat und die Lernfortschritte gut überprüfen kann. Das ignoriert aber die Individualität jedes Spielers und schränkt den Lernprozess eben auf genau den Inhalt ein, den man gerade vermittelt. Eine Spielform trainiert einen Spieler so komplex, dass man schwer nachprüfen kann, was er am Ende davon lernt. Er kann aber äußerst viele Sachen lernen und wird das vor allem im jungen Alter auch tun.

Insofern denke ich, dass Kinder schlichtweg in vielen engen Spielformen trainieren sollten, die schnelle, präzise Lösungen erfordern, und darin immer wieder dazu ermutigt werden sollten, neue Dinge zu probieren und die Angst vor dem Ball und dem Gegner zu verlieren.

Taktische Periodisierung | Praxisbeispiel Marco Henselings

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Der ganzheitliche Ansatz der „tactical periodization“.


Die Viertelfinalisten der UEFA Champions League Saison 2005/06 stellten insgesamt 51 Südamerikaner, was etwa einem Viertel aller Spieler der besten acht Teams entsprach. Von diesen 51 Südamerikanern stammten 27 aus Brasilien und 15 aus Argentinien. Insbesondere auf den hinteren Positionen, sowie im Zentrum wurden diese Spieler bevorzugt eingesetzt.[1] Denn südamerikanische Spieler sind regelmäßig überdurchschnittlich ballsicher und waren in Europa lange Zeit für die kreativen Elemente im Aufbauspiel verantwortlich. Diese Spielertypen auf den hinteren und zentralen Positionen sind nötig, um die technisch und taktisch anspruchsvollen Offensivkonzepte der Teams umzusetzen.

Während die Südamerikaner mit finalen Pässen und per Dribbling für die Angriffsaktionen verantwortlich zeichneten, galt es für die Europäer, sich in Zweikämpfen zu behaupten und für Balleroberungen zu sorgen. Die physischen und defensivtaktischen Aspekte waren hierbei dominant. Diese unterschiedlichen Arten, das Fußballspiel zu betreiben, haben ihren Ursprung nicht zuletzt in den ebenso unterschiedlichen wirtschaftlichen und sozialen Umständen von Europa und Südamerika und den sich daraus ergebenden Ausbildungsmöglichkeiten: In Südamerika wird auf Straßen, Hinterhöfen und am Strand teils barfuß und ohne übergeordnetes Konzept gespielt; wohingegen in Europa auf gepflegten Rasenplätzen und ebenen Hallenböden stets mit Schuhen und strikter Organisation trainiert wird.[2]

Durch das spätestens seit 2008 fortschreitende Bewusstsein über ein kontrolliertes Aufbauspiel setzte sich auch in Europa die Erkenntnis durch, Jugendspieler vermehrt technisch und taktisch derart auszubilden, dass sie sich situativ und kreativ in hohem Tempo und unter großem Druck behaupten können, um auf diese Weise das Spiel zu diktieren. Indem in Räumen und mit Bällen von unterschiedlichen Maßen und Qualitäten trainiert wird, werden an die Spieler ähnliche Anforderungen gestellt, wie sie auf den Straßen- und Sandplätzen in Südamerika herrschen.[3] Auch die Art des Coachens und Instruierens veränderte sich und erlaubte es den Spielern fortan, eigenständig und kreativ Lösungen für Situationen zu finden, die weniger einer strikten Organisation unterliegen – oder überhaupt unterliegen können – sondern eine solche vielmehr mit beeinflussen und unterstützen.

In Spanien wird seit einigen Jahrzehnten der Fokus auf wesentliche Elemente des kollektiven Pressings und des Kurzpassspiels gelegt, wobei es insbesondere die hinteren Spieler sind, von denen die ersten Impulse für einen konstruktiven Spielaufbau ausgehen. In Deutschland hat dahingehend spätestens nach der EM 2000 ein Umdenken stattgefunden. Fortan wurde auch hier zunehmend auf technische und taktische Aspekte geachtet, die nicht über „Kampf und Willen“ verbessert werden konnten, sondern innovativer Trainingsmodelle bedurften.

So waren es in der Spielzeit von 2011/12 schließlich nur noch 42 (27 aus Brasilien, 11 aus Argentinien) und 2012/13 lediglich noch 35 Akteure, die aus Südamerika kamen (16 aus Brasilien, 9 aus Argentinien). Die in diesem Zeitraum dominierenden Mannschaften des FC Bayern München, Real Madrid und Barcelona wurden/werden dabei im zentralen Mittelfeld von Europäern geprägt; um genau zu sein: von Spaniern (Xabi Alonso, Busquets, Martinez, Iniesta, Xavi) und Deutschen (Schweinsteiger, Khedira, Özil, Kroos, Müller).

I. Grundüberlegungen

Vorreiter für die neuen Methoden in der Trainingsarbeit waren – wie so häufig in der Geschichte des Fußballs – die Niederländer und die Iberer. Beeinflusst von Louis van Gaal und gestützt von den wissenschaftlichen Erkenntnissen des portugiesischen Sportprofessors Vitor Frade, nutzt Jose Mourinho die Methode der taktischen Periodisierung. Diese basiert auf dem von van Gaal gepredigten ganzheitlichen Ansatz, nach welchem die einzelnen Aspekte von Technik (Definition von Technik siehe: differenzieller Lehrmethode), Taktik (Definition von Strategie und Taktik siehe: Exkurs) und Kondition nicht getrennt voneinander trainiert werden, sondern simultan.[4] Unter Kondition werden physische Gesichtspunkte (Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit, Beweglichkeit und Koordination) sowie psychische Aspekte (Motivation und Mentalität) verstanden.[5]

Jede einzelne Spielsituation, die im Laufe einer Partie entstehen kann, erfordert eine Entscheidung (taktischer Aspekt), eine daran anschließende motorische Fertigkeit (technischer Aspekt), welche eine entsprechende Bewegung verlangt (physischer Aspekt), die wiederum durch eine bewusst gewollte Emotion gesteuert wird (psychischer Aspekt).[6] Aus dieser logischen Verknüpfung von Technik, Taktik und Kondition lässt sich schließen, dass kein Aspekt einzeln und losgelöst trainiert wird oder überhaupt trainiert werden kann. Alle drei sind untrennbar miteinander verbunden, was in der Trainingspraxis adäquat berücksichtigt werden muss.

Vorab gilt es, eine Strategie festzulegen, aus welcher sich die einzelnen Anforderungen für Technik, Taktik und Kondition ergeben. Van Gaal und Mourinho erfassen dafür zunächst vier Spielmomente: den gegnerischen Ballbesitz (Defensive), den eigenen (Offensive) und die Übergangsphasen bzw. Umschaltmomente von Defensive auf Offensive und umgekehrt.[7]

Die vier Spielphasen

Die vier Spielphasen

Jeder Moment kann auf unterschiedliche Art und Weise umgesetzt oder gelöst werden; je nach strategischer Vorgabe. Es können zum Beispiel die grundsätzliche Höhe und Intensität des Pressings, sowie Orientierung hinsichtlich Ball, Raum und Gegner bei der Deckung während des gegnerischen Ballbesitzes variiert werden. In der Offensive wird regelmäßig entweder ein Positions- oder ein Vertikalspiel genutzt. Beim Umschalten von Offensive auf Defensive wird entweder direkt ins Gegenpressing gegangen oder sich sofort nach hinten orientiert. All diese Möglichkeiten, die einzelnen Spielmomente zu lösen oder umzusetzen, erfordern jeweils eigene technische, taktische und konditionelle Elemente.

So wird sich etwa im Umschaltspiel schneller bewegt; Pässe und Laufwege sind überwiegend vertikal ausgerichtet, was neben besonderen technischen Anforderungen auch konditionelle Folgen hat, weil intensiver Gelaufen wird. Im Positionsspiel hingegen sind die Bewegungen regelmäßig langsamer, der Ball wird in alle Richtungen rotiert, wodurch das Spielfeld insgesamt besser wahrgenommen und überblickt werden kann, während die technische Umsetzung des Passspiels grundsätzlich einfacher ist als beim Konter oder Vertikalspiel. Die Folge ist zwar ein vorerst weniger druckvolles, dafür aber kontrollierteres Spiel als das beim schnellen Umschalten der Fall ist.

II. Vermittlung der Lerninhalte

Da das Lehren und Lernen von Technik, Taktik und Kondition zeitgleich erfolgen soll, muss zwangsläufig spielnah trainiert werden. Der Ball ist dabei (fast) ständig im Einsatz. Um einen gewissen Spielstil bzw. eine Strategie zu vermitteln (z.B. schnelles Umschaltspiel; Abwehrpressing), werden im Training für den jeweiligen Stil typische Situationen extrahiert und inhaltlich verschärft, die von sich aus die erforderlichen technischen, taktischen und konditionellen Verhaltensweisen provozieren.

Die Lösung einzelner Spielsituationen kann sehr unterschiedlich ausfallen; je nach Strategie: Hat etwa ein zentraler Mittelfeldspieler (ZM) den Ball und blickt in Richtung des aus seiner Sicht anzugreifenden Tores, kann er von der Abwehr des Gegners entweder frontal unter Druck gesetzt werden, sodass ein Ballgewinn forciert wird; oder der vor ihm stehende Abwehrblock schiebt sich (ohne Druck zu erzeugen) enger zusammen und verengt das Zentrum derart, dass der ZM den Ball nach außen spielen muss, wo der Ball leichter unter Druck gesetzt werden kann. Jede dieser beiden Handlungsmöglichkeiten der Abwehr erfordert eigene Verhaltensweisen aller Spieler, die gemeinsam, einheitlich, geradlinig und konsequent umgesetzt werden müssen, um letztlich erfolgreich zu sein. Um dieses zwingend einheitliche (taktische) Verhalten des Kollektivs zu gewährleisten, gibt die Strategie den Rahmen vor.

In der Trainingspraxis kann und soll demnach weniger mit expliziten Erklärungen – etwa an der Taktiktafel – gearbeitet werden, als vielmehr in spielnaher Situationsorientierung. Denn an der Taktiktafel kann zum einen die enorme Anzahl an möglichen Situationslösungen nur schwer vermittelt werden; zum anderen können auch die psychischen Aspekte, sich emotional auf eine Spielsituation einzustellen, kaum an der Taktiktafel gelehrt und erarbeitet werden.

Damit all diese Aspekte tatsächlich umgesetzt werden können, gibt es unter anderem die Möglichkeit, die taktische Periodisierung mit der differenziellen Lehrmethode und dem impliziten Lernen zu verbinden.

1. Differenzielle Lernmethode

Jede Sportart zeichnet sich durch bestimmte Bewegungen bzw. Bewegungsabläufe zur Vornahme disziplinspezifischer Handlungen aus, um Situationen aufzulösen. Diese Bewegungen sollen durch Technik- und Koordinationstraining verbessert werden, sodass der Sportler die nötigen Handlungen technisch korrekt ausführt. Je besser die Technik des Athleten ist, desto größer wird der Erfolg, auch im Hinblick auf die Umsetzung der Taktik, sein.[8]

Unter der Technik versteht man ausgebildete motorische Fähig- oder Fertigkeiten, die zur richtigen Ausübung einer Handlung unter bestimmten Bedingungen notwendig sind.[9] Mit der Technik in der Defensive sind Handlungen wie das Tackling, Abwehrfinten oder das Laufen und Abdrängen in Bezug auf den gegnerischen Ballführer gemeint. In der Offensive werden der Pass, das Dribbling, sowie die allgemeine Ballkontrolle unter dem Begriff der Technik verstanden.

Grundsätzlich ist eine gute Koordination und Beweglichkeit ausschlaggebend für die Technik. In Verbindung mit (taktischen) Erfahrungswerten werden so ökonomische Lauf- und Krafteinsätze bei Angriffs- und Abwehrhandlungen gewährleistet. Damit ist es von unschätzbarem Wert, das Techniktraining in spielnahen Übungsformen vorzunehmen, um so neben der Verbesserung der Technik auch die Erfahrungswerte zu erhöhen.

a) theoretische Vorüberlegungen

Zur Verbesserung der Technik gibt es zwei vorherrschende Lehrmethoden, die unter-schiedlichen Ansätzen folgen. Der differenzielle Lernansatz bildet das Gegenmodell zu der konservativen Trainingsmethode des motorischen Wiederholens; das sogenannte „Einschleifen“. Während es beim ständigen motorischen Wiederholen darum geht, ein bestimmtes technisches Bewegungsideal ohne Fehler anzutrainieren, kommt es beim differenziellen Lernansatz insbesondere zu einer Neubewertung ebenjener Bewegungsfehler (Schwankungen). Diese Fehler, die nach traditionellen Trainingsmethoden zu vermeiden sind, werden beim differenziellen Lernansatz bewusst in den Trainingsprozess integriert.

Der differenzielle Lernansatz folgt dabei zwei Grundideen: Bewegungen unterliegen ständigen Schwankungen und können nicht (exakt) wiederholt werden. Darüber hinaus sind Bewegungen individuell bzw. personenspezifisch, was bedeutet, dass sich niemand auf die gleiche Weise bewegt wie ein anderer Mensch.

Bei traditionellen Lernmethoden hingegen wird eine schrittweise Annäherung an ein vorgegebenes Ziel durch entsprechend hohe Wiederholungszahlen mit ständigem Soll-Ist-Vergleich angestrebt. Dabei soll die Abweichung vom Ideal nach und nach verringert werden, bis die Zieltechnik erreicht ist. Diese angestrebte Zieltechnik muss jedoch im Fußball in Bezug auf die ständig wechselnden Anforderungen von Raum-, Gegner- und Zeitdruck, sowie äußerer Umstände (Bsp.: Wetter, Platzverhältnisse) angepasst werden und lässt ferner die individuelle Motorik außer Acht, sodass die Anwendung der reinen Zieltechnik nur selten oder nie stattfindet.

Zwar werden gute Bewegungsleistungen zweifellos mit sämtlichen Lern- und Trainingsansätzen erzielt. Entscheidende Unterschiede ergeben sich aber in Bezug auf die Dauer, bis das Ziel erreicht wird – die so genannte Lernrate (Lernfortschritt pro Zeit) – und die Dauer, über die das Gelernte behalten wird. Ausschließliches Wiederholen enthält dabei immerhin ein Mindestmaß an Verbesserungen, dafür jedoch auch auf die Dauer nur eine relativ geringe Lernrate und nur einen stark begrenzten Zeitraum, in dem das Gelernte weiterhin im Gedächtnis bleibt. Sowohl die Verbesserungen als auch die Lernraten nehmen laut bisherigen Studien beim differenziellen Lernen zu.[10]

Durch das ständige Konfrontieren mit unterschiedlichen Aufgaben (Differenzen) soll die Fähigkeit, sich an neue Situationen im Bereich des Lösungsraums schneller adäquat zu reagieren, erlernt werden. Bei der differenziellen Lernmethode handelt es sich demnach um einen Ansatz, der die Adaptionsfähigkeit auf sämtlichen Ebenen von Technik, aber auch Taktik und Kondition in ganzheitlicher Form ausbildet und fördert.

Der Zielbereich der jeweiligen Technik wird bei der differenziellen Lernmethode also nicht mehr als eng und stabil betrachtet, sondern als weiter Lösungsraum, innerhalb dessen sich die optimale Lösung in jeder Situation ändert und niemals wiederholt. Durch den differenziellen Lernansatz wird auch der Randbereich des Lösungsraums abgetastet, was dazu führt, dass mehrere Aspekte von technisch-taktischen Bereichen automatisch (mit)geübt werden. Somit wird nicht die theoretisch optimale und konkrete Lösung (Idealtechnik) geübt und „gegen Lösungen anderer Bewegungsgegenstände stabil gemacht“, sondern ein möglicher Lösungsraum umkreist, der es dann erlaubt, die auf jeden Fall neue und situativ optimale Lösung auszuführen.[11]

Ferner muss man davon ausgehen, dass eine reine Befolgung der klassischen Lehr- und Lernmodelle weniger zu Neuerungen in den technischen Aspekten des jeweiligen Sports führen (Bsp.: Die Technik des Flops löst die „Schere“ beim Hochspringen ab), weil man eben kaum oder gar nicht vom Schema abweicht. Da immer ein allgemeingültiger Soll-Zustand angestrebt wird, findet vom strikten Weg dorthin keine Abweichung statt, sodass auch keine neuen – und möglicherweise besseren – Lösungsansätze gesucht werden. Innovative Neuerungen sind in der Bewegungslehre jedoch häufig dann erfolgt, wenn die Athleten sich eben nicht an die klassischen Lernmodelle gehalten haben.

b) praktische Anwendung

In Torschussübungen können dem Schützen unterschiedliche Vorgaben gemacht werden, die bewusste Fehler/Schwankungen in den Bewegungsabläufen bedeuten sollen. Dabei werden sechs Kategorien zur Erzeugung von Schwankungen erfasst:

1. Anlauf: Sidesteps, Anfersen, Kniehebelauf, Hopserlauf, Zick-Zack, Schlusssprung (mit Koordinations-/Konditionsformen verbinden)

2. Situation: Ball ruht, Ball rollt (von vorne entgegen, von der Seite herein), Ball wird gedribbelt, Gegnerdruck (Gegner läuft von der Seite ein, greift frontal an), Ball springt

3. Standbein: vor oder hinter dem Ball, Fußspitze zeigt nach innen oder außen, auf Ballen oder Ferse stehen

4. Oberkörper: Armhaltung (nach oben, unten, vorne, hinten, zur Seite gestreckt; kreisend; Kombination), Kopfhaltung (zur Seite geneigt), Oberkörperlage (bei hohen Schüssen Oberkörper nach vorne beugen & umgekehrt)

5. Schussbein: Ausholbewegung nach hinten außen, gestrecktes Kniegelenk, nach Schuss sofort abstoppen, nur zur Hälfte ausholen

6. Zusatz: ein Auge schließen, Blinzeln, Trefferzone am Tor vorgeben

Keine Vorgabe soll wiederholt werden, sondern kommt nur einmal vor.

Schwankungen können darüber hinaus auch und vor allem in Spielformen erzeugt werden. In solchen herrscht stets Gegnerdruck, der dafür sorgt, dass die theoretische Idealtechnik praktisch nicht umgesetzt werden kann. Es werden also spielnahe Schwankungen erzeugt, die zu einer entsprechend spielnahen und -relevanten Technik führen. Zu diesen gemäß dem differenziellen Lernansatz die Technik beeinflussenden Faktoren gesellt sich eine automatische, zum Teil unbewusste Auseinandersetzung mit den taktischen Gegebenheiten und Erfordernissen des Spiels, wodurch eine simultane Förderung von Technik und Taktik stattfindet. Die zuvor erwähnten Erfahrungswerte werden auf diese Weise mittrainiert.

2. implizites Lernen

Einst sprach Konfuzius: „Erkläre es mir und ich werde es vergessen. Zeige es mir und ich werde mich (vielleicht) erinnern. Lass es mich selber tun und ich werde es verstehen.“ Diesem Leitgedanken folgt das implizite Lernen.

Unter implizitem Lernen wird die unbewusste oder spielerische Aneignung von Fertigkeiten und Wissen beim Ausüben einer Tätigkeit verstanden. Das Lernen findet dabei in Situationen statt, in denen Strukturen einer komplexen Reizumgebung verarbeitet und aufgefasst werden, ohne dass dies vom Lernenden notwendigerweise bewusst wahrgenommen oder beabsichtigt wird. Das daraus resultierende Wissen ist schwer zu verbalisieren.[12]

Dem impliziten Lernen steht das explizite Lernen gegenüber. Dieses erfolgt durch bewusste Aufnahme von Informationen; regelmäßig verbal.

Um Spielern eine Spielidee, eine bestimmte Strategie oder taktische Elemente zu vermitteln, reicht es nicht, sie theoretisch und explizit zu instruieren. Die Praxis ist zu komplex, als dass jede Situation einzeln erfasst und verbal (z.B. an der Taktiktafel) ausgewertet werden könnte. Zudem obliegt die jeweilige Lösung von einzelnen Spielsituationen auch stets den technischen Fertigkeiten der Spieler, sodass dieser Aspekt zeitgleich mit der taktischen Komponente trainiert werden muss. Die Spieler sollen dazu im Training einer großen Anzahl an Spielsituationen ausgesetzt werden, um entsprechende Probleme und Herausforderungen praxisnah zu lösen. Dabei obliegt es dem Trainer, die Umstände und Parameter der einzelnen Übungs- und Spielformen derart zu beeinflussen, dass die gewünschte Strategie und die situative Umsetzung der Taktiken und der dafür notwendigen Techniken von den Spielern verinnerlicht werden. Dies sollte im Optimalfall überwiegend praktisch durch implizites Lernen der Spieler stattfinden, wobei nur punktuell gecoacht, also explizit korrigiert wird.

a) allgemeine Variationen

Gibt man etwa den kontrahierenden Trainingsmannschaften in einer Spielform vor, sie sollen 10 Sekunden nach Ballgewinn zum Torabschluss kommen, wird damit das schnelle Spiel in die Spitze, sowie das schnelle Umschalten beider Teams forciert. Das konternde Team wird dadurch in Situationen „gezwungen“, in denen es vorwiegend vertikale Pässe spielen muss. Solche haben ein schlechteres Blickfeld des Ballempfängers und eine schwierigere Passverarbeitung zur Folge, weshalb er vorab sein Umfeld wahrnehmen muss. Erforderlich ist zudem ein hohes Tempo, sodass auch die konditionellen Komponenten des schnellen Umschaltspiels trainiert werden. Ein höheres Tempo führt ferner zu einer schwierigeren Ballbehandlung, was gemäß dem differenziellen Lernansatz Schwankungen zur Folge hat, die sich direkt auf die Technik auswirken. Auf diese Weise werden die für Kontersituationen typischen technischen, taktischen und konditionellen Anforderungen geschult.

Die Begrenzung der Anzahl individueller Ballkontakte in den Spielformen soll das Passspiel forcieren, weil die Spieler ohne Ball zwingend dazu angehalten sind, Lösungen schneller anzubieten, während der Spieler in Ballbesitz in die Lage versetzt wird, Lösungen schneller zu finden. Die Änderung der Anzahl an individuellen Ballkontakten beeinflusst demnach das allgemeine Passspiel hinsichtlich Taktik (Anbieten zum Ball, Wahrnehmen von Passoptionen) und Technik (Ausführung des Passes).

Die veränderbare Begrenzung der Spielfeldgröße beeinflusst die Spielintensität. So kann etwa der Ball in kleinen bzw. engen Feldern schneller unter Druck gesetzt werden. Das hat starke Auswirkungen auf die Kondition im Hinblick auf die Beweglichkeit und Koordination. Auch das Zweikampfverhalten erfährt hier eine besondere Wichtigkeit. All das hat natürlich eine Schulung der allgemeinen Technik zur Folge, weil die jeweiligen Anforderungen in engen Räumen höher als gewöhnlich sind. In größeren Räumen spielt eine kluge Raumbewertung und -aufteilung eine große Rolle, um einerseits in Ballnähe den Raum zu verengen; gleichzeitig darf andernorts kein nutzbarer Freiraum für den Gegner entstehen.

Neben der Größe kann auch die Qualität des Spielfeldes (Halle, Natur- oder Kunstrasen, Sand, Asche), und/oder die Größe und Qualität der Bälle verändert werden. Bälle der Größe 4 oder Futsalbälle sind kleiner und weisen jeweils ein anderes Gewicht und Sprungverhalten auf als gewöhnliche Fußbälle der Größe 5, sodass die Spieler sich bei der Ballführung umstellen müssen. Unterschiedliche Qualität von Bällen und Spielfeldern wirkt sich direkt auf die allgemeine Technik aus.

Kombiniert man mehrere Vorgaben miteinander, entsteht ein hochkomplexes und kompliziertes Spielreglement, welches auch die Konzentration der Akteure fordert und fördert und so vor allem Auswirkungen auf die psychischen Aspekte der Kondition hat.

b) spezielle Variationen

Um entsprechend der vorgegebenen Strategie die passenden Umstände zu schaffen, muss der Trainer ein hohes Maß an taktischem Verständnis aufweisen, um die gewünschten und notwendigen Zielsetzungen umsetzen zu können. Will man ein schnelles Spiel in die Spitze erreichen, wäre es demnach falsch, wenn alle Spieler der ballbesitzenden Mannschaft vor Torabschluss den Ball berühren sollen. Bevorzugt man hingegen einen kontrollierten Spielaufbau mit vielen Pässen, empfiehlt sich eine solche Vorgabe.

Aufbau der Periodisierung der Taktik

Aufbau der Periodisierung der Taktik

Den angestrebten Spielstil bzw. die angestrebte Strategie zu vermitteln, stellt sich ergo als überaus komplexes Unterfangen dar, weil zahllose Elemente berücksichtigt werden müssen, die man an der Taktiktafel unmöglich abhandeln kann, sodass die Spieler sie verinnerlichen. Darum werden die einzelnen Spielelemente extrahiert, welche wiederum in kleinere Partikel aufgeteilt werden. Diese Elemente und Partikel werden in der praktischen Trainingsarbeit geschult.

Gibt man für den Moment des Umschaltens von Offensive auf Defensive die Maßgabe vor, sich nicht nach hinten zu orientieren, sondern gleich ins Gegenpressing zu gehen, werden zunächst die logischen Verhaltensweisen und Ziele zur Umsetzung desselben erfasst. Diese sind das kompakte Organisieren zwischen dem Ball und dem eigenen Tor, sowie das Zwingen des gegnerischen Ballführers, das Spielgerät nach hinten passen zu müssen. Dazu haben sich sämtliche Spieler gedanklich darauf einzustimmen, an der Verteidigung und der Ballrückeroberung teilzunehmen. Um sich kompakt hinter dem Ball zu organisieren, muss sich entsprechend im ballnahen Raum orientiert und kommuniziert werden, damit keine freien Räume für den Gegner offen sind.[13]

Der Zweck dieser Aufteilung der Strategie und ihrer zielführenden Zwischenschritte ist es, die komplexen Situationen für die Spieler gedanklich zu vereinfachen. Somit kann auf die einzelnen Elemente im Training gesondert und detailliert eingegangen werden. Dabei erfahren die jeweiligen Aspekte je nach gewollter Strategie unterschiedliche Gewichtungen (Wird ein ausgeprägtes Passspiel bevorzugt, werden Dribblings vernachlässigt). Im Ergebnis werden die einzelnen Puzzleteile wieder zusammengeführt und ergeben den ursprünglich angestrebten Spielstil.

aa) Vertikalspiel

Das schnelle Umschaltspiel von Defensive auf Offensive erfordert beispielsweise vertikale Pässe und ein hohes Lauftempo, sowohl mit als auch ohne Ball am Fuß. Die 10-Sekunden-Regel sorgt für die Vermittlung dieser beiden taktischen Zwischenziele, weil schnell Richtung gegnerisches Tor gespielt werden muss, um innerhalb des engen Zeitfensters zum Abschluss zu kommen. Strebt man also ein schnelles Umschalten an, muss der Fokus auf ein geradliniges Angriffsspiel gelegt werden. Rückpässe zur Ballsicherung sind dafür hinderlich, weil sie dem Gegner die Gelegenheit geben, sich wieder neu zu ordnen, um so mögliche Freiräume zuzustellen. Diese Art der Sicherung nach Ballgewinn sollte demnach im Training vernachlässigt werden, wenn man Konter vermitteln will.

bb) Ballbesitzspiel

Die Strategie, den eigenen Ballbesitz mittels eines ausgiebigen Kurzpassspiels zu sichern und den Ball kontrolliert vorzutragen, erfordert die taktischen Zwischenziele der Bildung von Dreiecken, sowie kurze individuelle Ballbesitzzeiten. Dadurch wird der Ball schnell und flüssig in den eigenen Reihen rotiert, wodurch es dem Gegner erschwert wird, diesen zu erobern. Als Schritte zu diesen Zwischenzielen sind Geduld und innere Ruhe sowie die (schnelle) Wahrnehmung über die Position der eigenen Mitspieler wesentliche Faktoren.

Für die Umsetzung dieser taktischen Inhalte ist es grundsätzlich ratsam, Spielformen ohne Tore zu wählen. Denn so gibt es keine feste Richtung, in die der Ball vorgetragen werden muss. Das schnelle Spiel in die Spitze weicht der ausgiebigen Ballrotation, wodurch etwa die 10-Sekunden-Regel wegfällt. Stattdessen muss primär der Ball gesichert werden, wobei sämtliche Richtungen zu nutzen sind. Weil ein Kurzpassspiel technisch anspruchsvoll ist, empfehlen sich enge Spielfelder, um hohe Schwankungen durch ständigen Gegnerdruck zu erzeugen.

Um nach all diesen Aspekten zu trainieren, empfiehlt sich grundsätzlich das sogenannte „el Rondo“. Bei dieser Form stehen (mindestens) drei Spieler in Ballbesitz in einem Dreieck und passen sich den Ball zu, während ein defensiver Spieler in der Mitte versucht, den Ball zu erobern. Hat er das geschafft, wechselt er zum offensiven Team und derjenige, der den Ball verloren hat, geht in die Mitte und muss nun selbst den Ball erobern. Diese Spielform geht auch im 4-gegen-1, 4-gegen-2, 5-gegen-2 und so weiter:

Mögliche Rondo-Varianten

Mögliche Rondo-Varianten

Dabei kann auch ein zusätzlicher Spieler der offensiven Mannschaft in die Mitte gestellt werden, um zwischen den Verteidigern eine zusätzliche Anspielmöglichkeit zu schaffen:

Variante mit zusätzlichem Spieler in der Mitte

Variante mit zusätzlichem Spieler in der Mitte

Das „el Rondo“ ist ein reines Positionsspiel, in dem es darauf ankommt, in einem stark abgegrenzten Raum den Ball gegen einen zahlenmäßig unterlegenen Gegner durch kurze schnelle Pässe in unterschiedliche Richtungen zu sichern. Es vermittelt also das Prinzip der eigenen Überzahl in Ballnähe, um so den Ball zirkulieren lassen und ihn vor dem Gegner behaupten zu können. Das Bilden von Kurzpassdreiecken ist für eine erfolgreiche Umsetzung dieses Positionsspiels unerlässlich.

Während das el Rondo in vielen unterklassigen Vereinen nur eine Alternativübung ist, um die Intensität des Trainings zu mildern, stellt es für den FC Barcelona und den Trainer Pep Guardiola eine Art Leitmotiv dar, um die Grundprinzipien des Kurzpassspiels zu üben. Dabei nutzen Barca und Guardiola zahlreiche Variationen des el Rondo, um immer wieder neue Schwankungen zu erzeugen.

Eine der möglichen Variationen ist das Spiel in sechs Zonen (in einem 30m x 20m-Feld). Es spielen zwei Teams zu circa je 6-8 Spielern gegeneinander.

Sechs-Zonen-Spiel

Sechs-Zonen-Spiel

Das Ziel ist, möglichst viele Zonen zu bespielen. Werden z.B. vier Zonen bespielt, erhält das jeweilige Team einen Punkt. Wurde ein Punkt erzielt, geht das Spiel ohne Unterbrechung weiter.

Dass eine Zone „bespielt“ ist, bedeutet, dass sich zwei Spieler derselben Mannschaft in einer Zone den Ball mindestens einmal zugepasst haben. Ein Pass von einer Zone in die Nächste zählt hingegen nicht als „bespielt“! Es dürfen höchstens drei Spieler der ballführenden Mannschaft zeitgleich in der Ballzone stehen. Von der defensiven Mannschaft dürfen höchstens zwei Spieler in der Ballzone agieren. Stehen mehr als drei Spieler der offensiven oder mehr als zwei Spieler der defensiven Mannschaft in der jeweiligen Ballzone, erhält die jeweils andere Mannschaft einen Punkt.

Die Ballzone stellt einen geschlossenen Raum dar, in welchem höchstens 5 Spieler (3 offensive + 2 defensive) zugleich stehen dürfen. Dies müssen sich die Spieler bewusst machen, um nicht in Hektik zu verfallen. Denn der ballnahe Raum wird regelmäßig sehr eng wirken. Dabei ist aber nicht der Raum entscheidend, sondern lediglich die Zone, in der der Ball ist. Eine ruhige Spielweise ist daher unabdingbar. Die Spieler müssen sich gegenseitig coachen und genau beobachten, wo die Mitspieler stehen, um nicht zu viele Spieler in der Ballzone zu haben. Trotzdem muss darauf geachtet werden, dass stets genügend Spieler in Ballnähe sind, damit die ballnahen Zonen jederzeit optimal besetzt werden können. So hat die jeweils offensive Mannschaft stets die Möglichkeit, schnell eine eigene Überzahl in der Ballzone herzustellen.

Mit dieser Übungsform kann das Kurzpassspiel stark forciert werden. Es wird auf sehr engem Raum agiert, in welchem permanent großer Gegnerdruck herrscht, was gemäß der diff. LM Schwankungen erzeugt und so zu Fortschritten hinsichtlich der Technik führt. Der enge Raum führt nach dem impliziten Lernen dazu, dass die Spieler schnellstmöglich Passoptionen für den Ballführer anbieten müssen, während dieser die eigenen Mitspieler in Hilfestellung schnell wahrnehmen muss. Weil nur eine begrenzte Anzahl von Spielern derselben Mannschaft zugleich in der jeweiligen Ballzone sein darf, erfährt die Position der eigenen Mitspieler eine besondere Aufmerksamkeit. Dies sind allesamt Grundvoraussetzungen, um Dreiecke optimal zu bilden.

3. Zusammenfassung

Das vom Trainer gesteuerte Entdecken des Fußballspiels in situationsorientierten Spielformen ist nach momentanen Erkenntnissen die bestmögliche Lehrweise. Mit ihr stimuliert und führt der Trainer die Spieler durch offene und geschlossene Fragen zur Lösung eines bestimmten Problems. Er gibt ihnen konkludent zu verstehen, dass der Fußball im Kopf beginnen muss, bevor die Aktion auf dem Spielfeld mit dem Fuß beendet wird. Damit wird der Spieler zum Hauptdarsteller des Lern- und Lehrprozesses, während früher der Coach als Lehrautorität im Mittelpunkt des Trainings stand. Um spezifische Fragen stellen zu können, die die Spieler beantworten müssen, sollten Trainer von jeder vereinfachten Spielform die Lern- und Lehrziele für die einzelnen Spielmomente kennen und diese systematisch abarbeiten.

Die taktische Periodisierung gibt dafür den methodischen Rahmen vor: Die komplexen Strategien und Taktiken werden systematisch in die einzelnen Elemente aufgeteilt und entsprechend in spielnahen Übungsformen detailliert trainiert. Denn insbesondere in Spielformen können die Anforderungen und Rahmenbedingungen derart variiert werden, dass vielfältige Schwankungen provoziert werden, wodurch eine große Lernrate, sowie ein großes Lernpotenzial für Technik, Taktik und Kondition entstehen. Taktische Zielsetzungen erfordern eigene technische Voraussetzungen, die durch Provokation spezieller Schwankungen trainiert werden können.

Durch die differenzielle Lehrmethode in Verbindung mit dem impliziten Lernen werden neben den Vorteilen im Hinblick auf die Verbesserung der technisch-taktischen Fähigkeiten auch strukturelle, motivationale und inhaltliche Vorzüge erreicht:

1.)    Abwechslungsreicheres Üben und Trainieren

2.)    Ökonomisierung des Lern- und Übungsprozesses

3.)    Erhöhung der Übungs- und Trainingsqualität

4.)    Ergänzungsmöglichkeiten zu traditionellen Trainingsansätzen

5.)    ggf. bieten sich zunächst Kombinationsformen von traditionellen und system-dynamischen Ansätzen an

Jede Variation der Parameter oder Umstände in den Trainingsspielformen hat zur Folge, dass sich die Spieler auch (teilweise unbewusst) gedanklich mit dem Spiel auseinandersetzen müssen, weil sie neue und spezifische Lösungen finden müssen. Technik und Taktik stehen dabei stets in einem nicht zu trennenden Zusammenhang. Dieser Lernprozess wird überwiegend ohne explizite, also intellektuell-theoretische Vorgaben vollzogen.

In heutigen Lehrmethoden ist der Spieler also nicht mehr bloß Ausführender der Anweisungen seines Trainers. Dieser regt seine Spieler stattdessen dauernd zum Denken an, damit sie lernen, selbst richtige Entscheidungen zu treffen. Auf diese Weise wird der Spieler unabhängiger von den Hinweisen seines Trainers. Klassische Lehrmethoden haben regelmäßig einen schnellen gedächtnisbedingten Abfall der Leistung auf das ursprüngliche Ausgangsniveau zur Folge. Anstatt also Instruktionen zu geben, die schnell vergessen werden, erlaubt der Trainer den Spielern, eigene Erfahrungen zu sammeln, die dadurch stärker im Langzeitgedächtnis gespeichert werden.

III. Periodisierung

Die Trainingsarbeit richtet sich nicht nur nach den für die Strategie erforderlichen technisch-taktischen Inhalten, sondern auch nach der Leistungsfähigkeit im Hinblick auf die konditionellen Aspekte von Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit. Im Verlauf einer Saison und innerhalb einer Trainingswoche sind die körperlichen Voraussetzungen der Spieler niemals gleich, sondern schwanken stetig. Durch Periodisierung der Trainingsinhalte und -intensität soll den Spielern ausreichend Gelegenheit gegeben werden, sich zu erholen, um im Wettkampf höchstmögliche Leistung erbringen zu können.

1. wöchentliche Periodisierung der Kondition

Ausgehend von einem Spiel und 3-4 Trainingseinheiten pro Woche werden drei Trainingseinheiten dazu genutzt, die konditionellen Elemente (intensiv) zu fördern. Mindestens zwei Tage werden der (zum Teil aktiven) Erholung gewidmet. Diese Erholung erfolgt jeweils direkt vor und nach dem Spiel. Ist also das wöchentliche Wettkampfspiel an einem Samstag, findet am Sonntag grundsätzlich kein Training statt. Am Tag vor dem Spiel (hier: Freitag) sollte – sofern überhaupt trainiert wird – die Intensität allenfalls niedrig gehalten werden.

Für die Tage Dienstag, Mittwoch und Donnerstag hat das zur Folge, dass intensiv trainiert wird, wobei die drei physischen Aspekten der Kondition besondere Aufmerksamkeit erfahren. So wird etwa am Dientag die Kraft in den Fokus gestellt, Mittwoch die Ausdauer und am Donnerstag schließlich die Schnelligkeit. Während die technisch-taktischen Inhalte je nach Notwendigkeit und Fähigkeit der Mannschaft variieren, bleibt die Fokussierung der einzelnen konditionellen Elemente zumindest in der Wettkampfphase der Saison stets gleich.

2. saisonale Periodisierung der Kondition

Nicht nur innerhalb einer Trainingswoche wird periodisiert, sondern auch im gesamten Saisonverlauf. In der Vorbereitungsphase werden die konditionellen Grundlagen wieder aufgebaut, die in der Sommer- oder Winterpause verloren gegangen sind. Anschließend findet eine Übergangsphase statt, in der die Intensität zunehmend erhöht wird, um die Kondition auf das nötige Niveau für den Wettkampf zu bringen. Während der Wettkampfphase wird die Trainingsintensität möglichst gleichbleibend beibehalten. Denn durch das stark spielnah ausgerichtete Training und die zu berücksichtigen Erholungsphasen vor und nach dem Spiel, wird der Körper in einen einheitlichen Rhythmus gebracht, sodass kein großer Leistungsabfall droht.

3. Periodisierung der taktischen Inhalte

Auch die für die angestrebte Strategie notwendigen Taktiken und dazugehörigen Techniken werden periodisch geübt und gefestigt. Grundsätzlich sollte dem Verhalten im Moment des gegnerischen Ballbesitzes in der Saisonvorbereitung die erste Aufmerksamkeit gewidmet werden. Eine defensive Stabilität bildet das Grundgerüst eines kontrollierten Spiels, auf dem sich alle weiteren technischen und taktischen Zielsetzungen aufbauen lassen.

Ferner sollten in der Saisonvorbereitung die Grundlagen des gewollten Spielstils vermittelt werden, damit die Spieler die Ideen und Vorstellungen des Trainers kennenlernen und verstehen. Hier ist vor allem die jeweils psychische Komponente entscheidend, damit die Spieler instinktiv die gewollte Strategie anwenden. Ist dies gelungen, lassen sich die detaillierten taktischen Fortführungen auf dem Weg zur Gesamtstrategie leichter umsetzen.

In der Wettkampfphase richten sich die einzelnen zu erweiternden Aspekte von Technik und Taktik nach den Anforderungen bestimmter Gegner und nach den Erfordernissen der eigenen Mannschaft. Diese offenbaren sich in der Leistung des Teams in den jeweiligen Spielen. Damit findet in der Wettkampfphase – im Gegensatz zur Periodisierung der Kondition – eine Änderung der einzelnen taktischen Inhalte in Abhängigkeit der im Wettkampf gezeigten und erforderlichen Leistungen statt.

4. Zusammenfassung

Das Ziel der Periodisierung ist zum einen, in den Vorbereitungsphasen von Sommer und Winter ein wettkampfgeeignetes Niveau hinsichtlich Technik, Taktik und Kondition zu erlangen, um den gewünschten Spielstil zu erreichen. Das zweite Ziel der Periodisierung ist die Beibehaltung des wettkampfgeeigneten Niveaus. Während sich die technisch-taktischen Inhalte im Training nach den Fähigkeiten der Mannschaft richten, bleiben die konditionellen Inhalte und Intensitäten zumindest in der Wettkampfphase gleich, um die körperliche Verfassung der Spieler kontinuierlich beizubehalten.

IV. Fazit

Die taktische Periodisierung gibt zunächst vor, wie die technisch-taktischen Inhalte des Fußballs nach dem ganzheitlichen Prinzip derart vermittelt werden können, dass daraus die angestrebte Spielstrategie erwächst. Zum anderen werden die einzelnen Inhalte je nach Gewichtung und Relevanz im saisonalen Trainingsverlauf periodisiert, damit die Spieler ein wettkampfgerechtes Level erreichen und es schließlich auch beibehalten können.

Der Spielstil bzw. die Strategie gibt die technisch-taktischen Inhalte vor, wobei in der Saisonvorbereitung zunächst die Defensive im Fokus steht. Von einer gesicherten Abwehr lassen sich die übrigen Zwischenschritte der einzelnen Spielmomente angehen, die auf dem Weg zur Erreichung der Gesamtstrategie notwendig sind. Jeder relevante Zwischenschritt muss dafür extrahiert und spezifisch geübt werden, wobei ferner hohe Schwankungen erzeugt werden, um neben den taktischen Aspekten auch die technischen Anforderungen zu trainieren.

Jedes einzelne Element wird in seine (gedanklichen) Einzelteile zerlegt und zielgerichtet angegangen. Dem Zufall wird mit aller Kraft entgegengewirkt, wobei die Fähigkeiten der Spieler und der Mannschaft stets der Richtwert für die Trainingsarbeit sind. Aus all dem folgt, dass keine Mittel genutzt werden, die die Spieler (noch) nicht meistern können (Bsp.: Kontermannschaft soll fortan auf Ballbesitz spielen) oder ihnen schaden würden (Bsp.: Straftraining nach verlorenem Spiel).

Exkurs: Strategie & Taktik im Hinblick auf Planung und Umsetzung

In Diskussionen um Taktik und Strategie kommt es immer wieder zu Missverständnissen, deren Ursache vor allem im unterschiedlichen Verständnis dieser beiden Begriffe liegen. Daher ist es unabdingbar, dass beide Termini korrekt und – zumindest im Kern – einheitlich verstanden werden.

Bei der Taktik handelt es sich um alle organisierten Maßnahmen, die darauf ausgerichtet sind, die Spielziele situationsorientiert zu erreichen. Die Situationsorientierung bezieht sich auf die durch den Gegner beeinflussten Umstände von Raum- und Zeitdruck während des Spiels.

Die Strategie ist die grundsätzliche langfristige Verhaltensweise, die ohne Berücksichtigung des Gegnerverhaltens vorgegeben wird. Anstelle von Strategie können auch die Begriffe (Spiel-)Stil, Ausrichtung oder Plan verwendet werden.

Der polnische Schachgroßmeister Savielly Tartakower (1887-1956) formulierte den Unterschied folgendermaßen: „Der Taktiker muss wissen, was er zu tun hat, wenn es etwas zu tun gibt; der Stratege muss wissen, was er zu tun hat, wenn es nichts zu tun gibt.

So wäre etwa das Ziel, bei eigenem Ballbesitz möglichst schnell zum Abschluss zu kommen, die Strategie. Die Mittel zur Umsetzung dieser Strategie (z.B. vertikale Pässe) stellen die Taktik dar.

Kein Plan überlebt die erste Feindberührung.“ Dieses Zitat vom preußischen Generalfeldmarschall und Chef des Generalstabes, Helmuth Karl Bernhard von Moltke, verdeutlicht, in wie fern Strategie und Taktik zusammenhängen. Den – um im Militärjargon zu verbleiben – Unterführern (als solche sind die Spieler unbedingt anzusehen) wird weitgehende Handlungsfreiheit in der Durchführung des Kampfauftrages gewährt. Sie haben vor Ort den direkten Überblick über die gegenwärtige Situation und sind demnach besser imstande, adäquat zu reagieren, als es der (voraus)planende Oberführer (Trainer) von Außen vermag.

Denn damit ein Plan überhaupt gelingen kann, muss sich entsprechend den technischen Möglichkeiten auf die jeweilige Situation, die maßgeblich vom Gegner/Feind beeinflusst wird, eingestellt werden. Im Plan können nämlich unmöglich alle in Frage kommenden Kon-stellationen vorab berücksichtigt werden, weshalb es das beste Mittel ist, die Spieler derart auszubilden, dass sie zum selbständigen Finden von Lösungen in der Lage sind. Dafür müssen sie verstehen – nicht verbalisieren – können, mit welchen technisch-taktischen Mitteln der Plan umzusetzen ist.

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 Literaturverzeichnis

 Lehrbücher:

Bisanz, Gero / Gerisch, Gunnar; Fußball – Kondition, Technik, Taktik und Coaching; 1. neubearbeitete Auflage; Aachen: Meyer & Meyer Verlag; 2008

Doucet, Claude; Fußball – Taktik perfektionieren: 250 Spiele und Übungen; 1. Auflage; Leer: onLi Verlag – bfp Versand; 2006

Hollmann, Wildor / Hettinger, Theodor; Sportmedizin – Grundlagen für Arbeit, Training und Präventivmedizin; 4. Auflage; Stuttgart: Schattauer Verlag; 2000

Kiesel, Andrea / Koch, Iring; Lernen – Grundlagen der Lernpsychologie; 1. Auflage; Wiesbaden: Springer VS; 2012

van Gaal, Louis / Heukels, Robert; Louis van Gaal – Vision; 1. Auflage; Dresden: Visiesport GmbH; 2010

Aufsätze:

Delgado-Bordonau, Juan Luis / Mendez-Villanueva, Alberto; Tactical Periodization: Mourinho’s best-kept secret?; Soccer Journal; May/June 2012, S. 28-34

Pircher, Manuel; Der systemdynamische Ansatz – Differentielles Lernen im Fußball; 2007

Schöllhorn, Wolfgang; Differenzielles Lehren und Lernen von Bewegung – Durch veränderte Annahmen zu neuen Konsequenzen; Schriften der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft; Band 144, 2005; S. 125-135

[1] UEFA Champions League, Technischer Bericht – 2005/06, S. 61.

[2] Vgl.: Pircher, Der systemdynamische Ansatz, S. 3.

[3] Pircher, Der systemdynamische Ansatz, S. 3 f.

[4] van Gaal/Heukels, Louis van Gaal – Biographie & Vision, S. 32 f.

[5] Hollmann/Hettinger, Sportmedizin, S. 117.

[6] Delgado-Bordonau/Mendez-Villanueva Soccer Journal 2012, 28.

[7] van Gaal/Heukels, Louis van Gaal – Biographie & Vision, S. 34 f.

[8] Bisanz/Gerisch, Fußball, S. 317; Doucet, Fußball-Taktik perfektionieren, S. 219.

[9] Hohmann/Lames/Letzfelder, Einführung in die Trainingswissenschaft.

[10] Schöllhorn dvs 2005, 125, 130 ff.

[11] Schöllhorn dvs 2005, 125, 129.

[12] Kiesel/Koch, Lernen, S. 84.

[13] Delgado-Bordonau/Mendez-Villanueva Soccer Journal 2012, 28, 31.

 

Marco ist bei Spox.com  unter dem Usernamen „vangaalsnase“ aktiv, wo er  in seinem Profil viele hochinteressante Artikel zu Taktik- und Trainingstheorie gepostet hat, denen wir uns erst noch widmen werden. Spielverlagerung dankt für diesen tollen Gastbeitrag!

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