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Bericht zur Studie “Working Memory Capacity as Controlled Attention in Tactical Decision Making”

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Vor kurzem stieß ich auf eine interessante Studie. Die sportpsychologische Untersuchung „Working Memory Capacity as Controlled Attention in Tactical Decision Making“ (übersetzt: Das Arbeitsgedächtnis als kontrollierte Aufmerksamkeit in taktischer Entscheidungsfindung) untersucht dabei, wie Sportler dank des Arbeitsgedächtnis den Einfluss intrinsischer und extrinsischer Ablenkungen ausschalten können. Die Autoren Furley und Memmert nehmen dabei Bezug auf die Leistung des Arbeitsgedächtnisses bei der Beibehaltung wichtiger, aktionsrelevanter Informationen bei gleichzeitiger kognitiver Belastung.

Die Autoren untersuchen deswegen das Arbeitsgedächtnis als ursächlich für richtige oder falsche spieltaktische Entscheidungen im Sport mit zwei Experimenten. Die Fragestellungen lauteten dabei für Experiment 1, ob

(i)                 Athleten mit einem leistungsstärkeren Arbeitsgedächtnis besser beim Ignorieren von Ablenkungen bei gleichzeitigem Fokus auf ihre sportliche Aufgabenstellung sind.

(ii)               Athleten mit einem leistungsstärkeren Arbeitsgedächtnis effizienter beim Lösen von reaktiven Aufgaben durch taktische Entscheidungsfindung statt einer immanenten situationsunpassenden Entscheidung sind.

(iii)             Athleten, die sich im Alltag selbst als leicht ablenkbar beschreiben, weniger gute spieltaktische Entscheidungen treffen und ein schwächeres Arbeitsgedächtnis aufweisen.
Beim zweiten Experiment wurden zwei Hypothesen formuliert, die behaupteten, dass

(i)                 Athleten mit starkem Arbeitsgedächtnis weniger wahrscheinlich „blind“ den taktischen Vorgaben eines virtuellen Trainers folgen würden, wenn sie suboptimal wären, sondern sich situativ anpassen würden.

(ii)               keine Unterschiede festgestellt würden, wenn keine Anpassung nötig wäre.

 

Methode

Im ersten Experiment wurden Basketballspieler mit durch einen Test gemessenem leistungsstarkem oder leistungsschwachem Arbeitsgedächtnis per Kopfhörer unter Beschallung von irrelevanten Wörtern mit festgelegter Erwähnung ihres Namens bei einer sporttaktischen Entscheidungsfindung in einem abgegrenzten Zeitintervall getestet. Jene, mit starkem Arbeitsgedächtnis, sollten ihren Namen bei der Erwähnung seltener bemerken und die Aufgabe dabei besser erfüllen. Als letzter Punkt sollte noch eine Verbindung zwischen der selbsterklärten Ablenkung im alltäglichen Leben der Athleten und einem niedrigen Wert beim Arbeitsgedächtnis gefunden werden.

36 männliche und 33 weibliche Athleten wurden getestet, aus statistischen Gründen wurden die oberen und unteren 20% als jene mit einer hohen respektive niedrigen Spanne bei der Leistung ihres Arbeitsgedächtnisses gewählt. 28 davon (16 männliche und 12 weibliche) wurden zum zweiten Teil des Experiments eingeladen. Die Athleten stammten aus unterschiedlichen Ligen, von Amateur bis Halbprofi in Deutschland. Weder Alter, Geschlecht noch Qualifikation sollten signifikante Unterschiede in der statistischen Auswertung aufzeigen.

Im ersten Teil des ersten Experiments wurden auf dem Computer unterschiedliche Formen mit unterschiedlichen Farben gezeigt. Sie sollten nur eine Figur bei passender Farbe zählen und später in richtiger Reihenfolge die gesamte Reihe wiedergeben. Dadurch wurde die Leistung des Arbeitsgedächtnisses gemessen. Daraufhin wurde mit einem „Cognitive Failure Questionnaire“ die Ablenkungshäufigkeit und –intensität im Privatleben gemessen.

Zuletzt wurde die komplexe taktische Entscheidungsfindung gemessen. Mit einem Fernsehstandbild wurden Bilder aus Basketballspielen gezeigt, bei welchem die Athleten die in ihren Augen bestmögliche Entscheidung wählen sollten. Diese Standbilder wurden zuvor von zwei Besitzern der zweithöchsten Trainerlizenz im Basketball eigenständig bewertet und nur jene Bilder wurden gewählt, wo beide die gleiche Meinung teilten.

Die Teilnehmer konnten aus 116 Szenen eine von drei Entscheidungen (dribbeln, passen, schießen) wählen und jeder Stimulus wurde für 1000ms gezeigt mit einem 750ms Fadenkreuz davor. Für 56 Versuche (98 Sekunden) wurden sie von zwei monotonen Frauenstimmen abgelenkt, die Vornamen wurden jeweils von der gleichen Frauenstimme vorgetragen.

Beim zweiten Experiment wählte man Eishockeyspieler, welche sich wegen eingeübter taktischer offensiver Spielzüge besser für die Testung eignen. 55 männliche Eishockeyspieler, von erster bis dritter Liga, wurden getestet und durchliefen den gleichen Vortest zur Leistung des Arbeitsgedächtnisses wie die Basketballspieler im ersten Experiment. Das Ergebnis entsprach statistisch dem wie in Experiment 1 und die „high“- bzw. „lower-span“ Athleten wurden in einem oberen und unteren Viertel klassifiziert.

Auch hier wurden Standbilder gewählt und nach gleichen Kriterien wie in Experiment 1 ausgewählt, wenn auch mit 26 Standbildern weniger. Es gab allerdings zwei unterschiedliche Varianten dieses Testes: entweder eine normale Spielsituation mit taktischer Entscheidung oder eine neue Situation nach einem time-out. Jeder Athlet hatte 60 solcher Szenarien, präsentiert für 1000ms und 3000ms zur Entscheidungswahl.

Bei der time-out-Situation kam hinzu, dass durch einen virtuellen Coach Informationen gegeben wurden, welche die taktische Komplexität der Situation erhöhten, da sie entscheiden mussten, ob der Ratschlag bzw. die gegebene Information situativ passend waren. 30 solcher Szenarien wurden präsentiert.

Ergebnisse

Bei Experiment 1 wurde eine signifikante Korrelation zwischen dem Entdecken ihres Namens und niedrigen Erfolgswerten bei Probanden mit leistungsschwächerem Arbeitsgedächtnis gefunden. Diese haben 15mal so oft ihren Namen gehört, als die Gruppe mit dem besseren Arbeitsgedächtnis. Gleichzeitig schnitten letztere deutlich besser bei ihren taktischen Entscheidungen ab. Dank der Fragebögen konnte auch die dritte Hypothese zum ersten Experiment korrekt bestätigt werden: jene, die im Alltag leichter abzulenken waren, schnitten schlechter ab und hatten eine schwächeres Arbeitsgedächtnis. Auch beim zweiten Experiment trafen sämtliche Hypothesen zu. Die Athleten mit besserem Arbeitsgedächtnis befolgten halb so oft „blind“ einen Ratschlag und passten sich öfter adäquat an die Situation an (70:50%).

Diskussion

Jene Athleten mit besserem Arbeitsgedächtnis schnitten besser ab und konnten ihre Aufmerksamkeit in komplexen Situationen kontrollieren, wodurch sie in taktischen Spielsituationen öfter die richtige Wahl treffen konnten. Dennoch kann nicht pauschalisiert werden, dass Akteure mit niedrigerer Arbeitsgedächtnisleistung in anderen Sportarten oder durchgehend schwächere Ergebnisse bringen, weil die Messung unter Laborbedingen statt in einer Feldstudie geschah. Darum wird eine künftige Forschung in diesem Bereich empfohlen, um eine mögliche Nutzbarmachung für Manager, Trainer oder ähnliches zu generieren.

Diese könnten erst bei einer signifikanten Bestätigung dieser Theorien unter Wettkampf- und Feldbedingungen Tests zur Leistung des Arbeitsgedächtnisses zur Spielerwahl nutzen. Allerdings muss auch erforscht werden, ob eine Verbesserung des Arbeitsgedächtnisses direkte Auswirkungen auf die Leistung in der jeweiligen Sportart erzeugt. Dabei wird erwähnt, dass solche Versuche zuvor als erfolglos bewiesen wurden.

Spielverlagerung führt aus

Es resultieren außerdem zwei weitere große Fragen: wie kann man die aktuellen Erkenntnisse nutzen und wieso äußert sich eine Verbesserung des Arbeitsgedächtnisses bislang nicht signifikant in der Leistung in der jeweiligen Sportart?

Die erste Frage lässt sich relativ einfach beantworten: Messungen an Neuzugängen oder bei Jugendspielern können Aufschluss darüber geben, ob er sich bei spieltaktischen Vorgaben intelligent verhalten wird, wie er die Vorgaben umsetzt und ob er sich strikt (oder gar dämlich) daran hält. Somit könnte durch die Messungen rein theoretisch eine Mannschaft zusammengestellt werden, wo man weiß, welche Spieler wie komplexe Aufgaben erfüllen können oder nicht. Allerdings sollte es auch in dieser Richtung zusätzliche Forschungen geben, um zu eruieren, ob dies auch der Fall ist. Vereinzelt könnten Spieler außerdem ihr Arbeitsgedächtnis verbessern, ohne die Leistungen auf dem Platz, wie es ja am Ende des Artikels angemerkt wird.

Hier sollten die künftigen Forschungen in folgende Richtung gehen: was ist jene Störvariable, welche diese Wechselwirkung zwischen der Verbesserung des Arbeitsgedächtnisses und seiner Kapazität sowie der Erhöhung der Leistung im spieltaktischen Bereich stört? Eventuell liegt es in der Nutzung der Physis, den komplexeren Anforderungen

Wird diese Frage beantwortet, könnte die Nutzung eines spezifischen Trainings des Arbeitsgedächtnis zur Verbesserung der spieltaktischen Entscheidungsfindung genutzt werden; beispielsweise in Form von Videospielen mit vom Trainer vorgegebenen Szenarien, in welcher die Lösung der Situation den mannschaftsphilosophischen Umständen entspricht.

Die Studie findet man hier:

Furley, P.A., & Memmert, D. (2012). Working memory capacity as controlled attention
in tactical decision making. Journal of Sport & Exercise Psychology, 34, 322-344.


Techniken und Superslow-Methode zur Knie-Rehabilitation

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Die meisten unserer Leser werden schon die eine oder andere größere Verletzung beim Fußballspielen erlitten haben. Weil Fußball ein Wettkampf- und Rotationssport ist, reicht eine konservative Behandlung nur selten aus, wenn Bänder oder Sehnen reißen. Darum gibt es operative Eingriffe, bei denen die Erholung respektive die Rückkehr auf den Platz enorm lange dauern.

Ich kann ein Lied davon singen – aktuell erhole ich mich von einer Kreuzband-OP. Mit ein paar sehr simplen Kniffen habe ich es geschafft, schon relativ schnell wieder eine Belastungsfähigkeit herzustellen, weshalb ich meine Vorgehensweise mit euch teilen möchte. Zuvor möchte ich aber auf die grundlegenden Aspekte einer Operation, mit Fokus auf dem Kreuzband, eingehen.

Abbau und Neuaufbau

Bei Kreuzbandrissen leidet beispielsweise der Oberschenkelmuskel enorm darunter, wegen der Operation und dem Absaugen vom entstehenden Bluterguss kann das Bein oftmals einen bis eineinhalb Tage lang gar nicht bewegt werden. Dadurch wird der Oberschenkelmuskel kaum gefordert und kann auch nicht belastet werden. Die Schläuche im Knie verhindern jegliche Bewegung. Diese Zeit sorgt bereits für einen extremen Muskelabbau (Atrophie).

Wegen der Schwellung ist auch die Funktionsfähigkeit eingeschränkt, wegen der Operation sind außerdem andere Muskelgruppen beeinträchtigt. Heutzutage werden die meisten Kreuzbandoperationen mit einer Kreuzbandplastik gemacht, wo das „neue“ Kreuzband aus einer Muskelfaser/-sehne (die Semitendinosussehne) gestellt wird.

Dies führt zu Schmerzen bei Belastung im hinteren Teil des Oberschenkels, wo sich der Großteil der Muskelsehne befand, und direkt unter dem Knie, wo der vordere Teil der Muskelsehne an das Schienbein andockte. Manchmal wird deswegen ein Teil der Patella genommen, um eine frühere Belastung herzustellen; allerdings gilt diese als langfristig weniger effektiv und sicher.

Zumeist gibt es bei beiden Operationsarten eine mehrtägige Phase, in welcher man das Bein kaum bewegen und belasten kann. Diese postoperative Inaktivitätsphase sorgt für eine weitere Muskelatrophie. Im Buch „Rehabilitation“ von Christoph Schönle  (Auflage von 2004) steht beispielsweise auf Seite 95 folgendes:

„Eine Minderbeanspruchung oder eine postoperative Teilbelastung eines Beines ruft eine Muskelatrophie hervor. (…) Der Muskelschwund kann noch über Jahre nachweisbar bleiben: Noch 1-2 Jahre nach Kreuzbandoperationen oder nach Implantation einer Knieendoprothese wurden Kraftdefizite des M. quadriceps festgestellt, während sich die Kraft der ischiokuralen Muskulatur regenerierte.“

Auf der gleichen Seite geht es interessant weiter:

„Die völlige Ruhigstellung eines Gelenkes (Gips, Schiene oder auch nur Lagerung im Bett etc.) hat eine Reduktion der Eiweißsynthese des Muskels und einen beschleunigten Abbau des Muskeleiweißes zur Folge. (…)Nach 6-wöchiger Immobilisation ist die elektrische Aktivität des M. quadriceps um 79% vermindert.

Vor allem in der ersten Woche einer Immobilisation tritt ein her Verlust der Muskelkraft auf. Schon am ersten Tag der Immobilisation ist ein Verlust der mitochondrialen Kapazität zu verzeichnen. Die Hälfte des zu erwartenden Verlustes der Muskelmasse erfolgt zwischen dem 2. und 9. Tag: Hier wird ein messbarer Kraftverlust von 1-6% pro Tag angenommen.“

Weiters wird in diesem Buch noch ausgeführt, dass die oxidativen Typ-1-Fasern betroffen sind, weil diese einen höheren Eiweißumsatz und mehr oxidative Enzyme benötigen, wodurch sie abhängiger von einer adäquaten Sauerstoffversorgung sind. Der Muskel wird also nicht nur schwächer, sondern auch langsamer.

Es stellen sich also drei große Fragen:

  • Wieso wird natürliches Gewebe genommen, wenn es dadurch Nebenwirkungen in der Muskulatur und mehr Schmerz gibt?
  • Wie kann man das bekämpfen?
  • Und gibt es andere Möglichkeiten, um diese Aspekte zu verkürzen?

Die erste Frage ist einfach zu beantworten.

Natürliches Gewebe heilt schneller und besser. Ist es das eigene Gewebe, erkennt der Körper das und schafft Verbindungen. Dies wird auch als Vaskularisation bezeichnet. Dadurch kommt das neue Kreuzband von der Funktion perfekt an das alte ran und ist fast gleich stark. Vornehmlich ist es, wie oben geschildert, die Muskulatur, welche langfristig darunter leidet. Die OP entfernt normalerweise auch mithergehende Meniskus- und Knorpelschäden. Genaueres zur OP  findet sich unter diesem Link.

Widmen wir uns Frage 2. Die Bekämpfung der Muskelatrophie ist relativ einfach. Der Muskel sollte möglichst früh wieder aktiviert und kontrahiert werden. Gleichzeitig sollte verstärkt Protein zu sich genommen werden, während man Omega-6-Fettsäuren meiden sollte; allerdings ist Fett nicht gleich Fett. Omega-3-Fettsäuren gelten zur Bekämpfung von Entzündungen als empfehlenswert.

Bei der Quantität der Ernährung muss beachtet werden, dass der Energieverbrauch wegen mangelnder Bewegung natürlich geringer ist. Dennoch wäre es falsch, aus Eitelkeitsgründen die Nahrungsaufnahme (drastisch) zu reduzieren. Vielmehr sollte die Ernährung verstärkt auf Proteine umgestellt werden, um eine Proteinzufuhr zum Muskel aufrechtzuerhalten, aber gleichzeitig die Kalorienmenge leicht zu senken.

Auch in der Reha sollte dies berücksichtigt werden, ebenso wie viele Vitamine und Mineralstoffe.

Bei Frage 3 kommen wir nun näher zur ursprünglichen Intention dieses Artikels. Ideal ist eine mögliche frühe und schmerzorientierte Belastung der Muskulatur (böse Zungen behaupten, Deutschland spielte früher einen schmerzorientierten Fußball). Damit wird versucht, dem Verlust von Muskulatur wegen Immobilität entgegenzuwirken. Sobald man auf Krücken gehen darf, sollte man dies auch machen und das Bein dabei leicht belasten, während die Krücken stabilisieren. Empfehlenswert ist auch eine Physiotherapie vor der Operation – zuerst lässt man sich die Schwellung punktieren (Blut und ggf. Gelenksflüssigkeit aussaugen) oder natürlich vergehen, danach macht man eine kurze, intensive Physiotherapie und geht dann mit mehr Muskulatur zur Operation.

Kevin Tipton, Professor an der School of Sport and Exercise Science der University of Birmingham, rät von einer künstlichen Hemmung von postoperativen natürlichen Entzündungen durch Schmerzmittel ab, um den Heilungsprozess nicht zu hemmen. Eine logische Konsequenz bei einem relativ frühen Verzicht auf Schmerzmittel ist ebenfalls, dass man die Schmerzgrenzen und ausführbaren Bewegungen alsbald kennenlernt, was zu einer effektiveren Physiotherapie führen kann.

Kommen wir aber nun zu dem entscheidenden Aspekt dieses Artikels – der Rehabilitation.

Worauf kommt es an und wie intensiviert man die Reha?

Zuerst: Alle Sachen sind individuell unterschiedlich und es sollte in jedem Fall der Rat des Physiotherapeuten und der Ärzte befolgt werden. Alles in allem sieht das Vorgehen aber zumeist relativ ähnlich aus.

Zu Beginn tastet man sich langsam an die Herstellung der einfachen Funktionen an. Das Knie wird, zumeist in der Vertikale stabil („Kniescheibe schaut immer nach vorne“), bewegt. Fuß nach vorne geht relativ bald relativ gut, einzig die Schwellung stört hier. Fuß nach hinten ziehen ist etwas schwerer, aber abgesehen von Problemen am Schienbeinkopf und hinten am Oberschenkel sollte es funktionieren.

Später beginnt man mit Übungen. Diese Übungen beschäftigen sich meist mit einfachen Stabilisierungen, einer Aktivierung der Muskulatur im Oberschenkel und ums Knie herum sowie gleichzeitiger Verbesserung der intramuskulären Koordination. Leichte und hohe Kniebeugen werden genutzt, Wadenheben ebenfalls, dazu Gleichgewichtsübungen auf dafür geschaffenen Platten.

Ist man über die Anfangsphase hinweg (normalerweise 3-5 Wochen), bleiben die Übungen gleich – werden eigentlich nur schwerer, länger und intensiver. Allerdings wird auch hier nach wie vor der eingeschränkten Bewegung Tribut gezollt.

Darum habe ich mir eine bestimmte Trainingsmethode überlegt.

Anleihe aus dem Bodybuilding

In der Physiotherapie geht es zu Beginn nicht um Hypertrophie (Muskelaufbau), sondern eine Rückkehr der ursprünglichen Muskulatur durch leichte Aktivierung mit einfachen Übungen und viel Stabilisationstraining. Wie erwähnt leiden die Übungen hier unter der mangelnden Beweglichkeit des Knies. Doch dies kann umgangen werden.

Im Bodybuilding gibt es unterschiedliche Übungen zur Intensivierung einzelner Trainingsübungen. „Erzwungene Wiederholungen“ sind beispielsweise unmöglich. Das Knie würde überfordert werden, die Ausführung wäre unpräzise – was an sich kein Problem wäre, aber beim noch frisch operierten Knie zu einem Riss des noch nicht perfekt in den Körper integrierten neuen Bandes führen könnte.

Stattdessen gibt es eine andere Alternative. Im Hochintensitätstraining, dem HIT, gibt es zwei große Richtungen: Heavy Duty (selbsterklärend) und Superslow. Letzteres ist insbesondere bei solchen Funktionsbeschränkungen hilfreich.

Das Prinzip ist dabei denkbar einfach. Bei der Superslow-Methode wird eine Übung enorm langsam ausgeführt, wodurch sie sehr intensiv wird. Ein Satz dauert hierbei circa 1-2 Minuten und eine Wiederholung folgt (beispielsweise) einem 8-4-8-Takt; acht Sekunden in der konzentrischen Phase, vier Sekunden am Endpunkt halten, acht Sekunden wiederum in der exzentrischen Phase.

Selbst Ausführungen in einem 4-2-4-Takt und etwas mehr Wiederholungen sorgen für Erfolge. Dies ist für Rekonvaleszente enorm praktisch, um den Druck zu verringern.

Man sucht sich eine einfache Übung, beispielsweise eine leichte Kniebeuge, und führt sie langsam aus. Durch die Langsamkeit kann sich der Patient auf die richtige Ausführung konzentrieren und sein Knie stabilisieren. Gleichzeitig kann er den Muskel intensiver fördern. Diese erhöhte Intensität belastet den Muskel stärker und führt zu – eventuell der einzig möglichen – Belastung in einem Ausmaß, die eine Hypertrophie erzeugt.

Dabei sollte man die grundlegenden Prinzipien des HIT beachten. Der Muskel sollte mit 1-2 Sätzen belastet werden. Eine Sache kann man aber ignorieren – nach der totalen Erschöpfung des Muskels sollte man ausnahmsweise keine zusätzliche, forcierte Serie machen, um das Knie zu schonen. Das Superslow-Prinzip könnte aber in der Physiotherapie bei dafür zugeschnittenen Übungen (einbeinige Kniebeugen mit stabilisierender Unterstützung) wohl zu enorm guten Wirkungen führen.

Wegen der Beanspruchung empfehle ich persönlich aber anfänglich eine „Slow“-Methode statt einer „Superslow“-Methode. Die Dauer und Intensität kann mit mehr Übung gesteigert werden. Alternativ kann man sie mit isometrischen Übungen ergänzen.

Im Selbsttest (ja, ich habe mir nur für euch das Kreuzband operieren lassen)  scheint es wie in der Einleitung erwähnt sehr gut zu klappen. Nach weniger als drei Wochen nach der OP (Kreuzbandplastik und Meniskus) bin ich im Stande die Superslow-Methode statt der verkürzten Slow-Methode anzuwenden, kann ohne Probleme schwere Einkäufe über einen Zeitraum von einer Viertelstunde schleppen oder ohne Stütze Stiegen steigen und bin dabei absolut schmerzfrei.

Persönlich nutze ich beispielsweise eine sehr einfache Übung: Eine einbeinige Kniebeuge, wobei ich den Oberkörper leicht nach vorne lehne und mich mit meinen Händen in Schulterhöhe an stabilen Gegenständen (Wand z.B.) anhalte. Ich mache diese und andere Übungen (Wadenheben z.B.) abends, um tagsüber mit einem fitten Muskel private Dinge erledigen zu können; abends wird er dann ermüdet und im Schlaf sofort erholt. Eine Trainingsintensität von 5-15 Minuten pro Tag sowie viel einfache Bewegung (Spazieren, etc.) scheinen aktuell ideal zu sein.

Alle Angaben aber ohne Gewähr und Umsetzung auf eigene Verantwortung.

Periodisierungstechniken: Einstiegsartikel

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In den letzten Wochen, Monaten und fast schon Jahren haben wir viele Anfragen erhalten, ob wir uns der Trainingstheorie stärker widmen würden. Persönlich würde ich mich natürlich über eine Fokussierung unserer Seite darauf freuen, doch die Recherche gestaltet sich hier oft schwierig, der zeitliche Aufwand ist enorm und viele Ideen aus anderen Sportarten sind im Fußball unerprobt und/oder umstritten.

Auch einzelne Trainingsübungen jeglicher Art würden nach sportwissenschaftlichen und empirischen Maßstäben darum nie ein ausreichendes Maß an Objektivität erreichen, würde ich diese hier veröffentlichen. Gleichzeitig ist bei einzelnen Übungen oftmals eher der Geschmack gefragt, obgleich natürlich einige Grundprinzipien unumstößlich sind oder sein sollten.

Sie können diesen zumindest annähern oder auf trainingswissenschaftlichen Erkenntnissen basieren, aber leider fehlt uns dann dennoch  das Wissen, wie genau es im Leistungssport gehandhabt wird. Dazu möchte ich aber kurz anführen: Es wird auch Trainingsübungen und theoretische Artikel in Zukunft geben.

In dieser Serie möchte ich mich einem gröberen und übergeordneterem Konzept widmen: Der Periodisierung. Die Periodisierung bezeichnet dabei das Verbinden eines Zeitablaufs mit gewissen Zielen, Entwicklungswünschen und Trainingsinhalten, um den Erfolg und Fortschritt zu optimieren. Dabei gibt es einige Ideen aus der Leichtathletik, welche ich aufgreifen möchte. Diese Ideen sind aber nur bedingt auf den Fußball anwendbar; im Fußball gibt es nur wenige klare Konzepte dazu.

Aber, Obacht, es gibt sogar ein rein für den Fußball entwickeltes, nämlich die taktische Periodisierung, zu der wir sogar einen wunderbaren Gastbeitrag mit einer praktischen Idee haben werden.

Diese Serie soll also zuerst die Grundkonzepte der Leichtathletik ausführen, die wenigen Umsetzungen anderer Periodisierungsarten im Fußball – meist aber eher auf Spielerentwicklung im Jugendalter bezogen – näher erläutern und danach in einer Abschlussdiskussion alle diese Artikel vereinen und kurz diskutieren. In diesem Beitrag am Ende möchte ich noch kurz mögliche Anstöße für eine Weiterentwicklung geben, obgleich hier natürlich obige Kritikpunkte zu solchen Artikeln umso mehr zutreffen.

Der Rahmenplan sieht wie folgt aus:

  • Morgen beginnen wir mit der klassischen und blockartigen Periodisierung, welche beide als fundamental für die Leichtathletik gelten, aber nur lose schon im Fußball Anklang gefunden haben. Sie sind eher theoretischer Natur.
  • Übermorgen widmen wir uns einer neuartigen Periodisierung der Zerstückelung eines Wettbewerbs und gehen dann mit einem Artikel zur Coerver-Methode zu den Entwicklungsstufen über.
  • Daraufhin widmen wir uns am Folgetag der Theorie zur taktischen Periodisierung sowie einem Beitrag zur praktischen Umsetzung derselben.
  • Am vierten Tag diskutieren wir noch die Inhaltskonzeption des DFB in seiner Gesamtheit und schließen mit der Abschlussdiskussion ab.

Inhaltsverzeichnis:

  1. Klassische Periodisierung
  2. Blockperiodisierung
  3. Wellenförmige Periodisierung
  4. Coerver-Methode
  5. Taktische Periodisierung
  6. Taktische Periodisierung ~ Ein Praxisbeispiel Marco Henselings
  7. Diskussion der DFB-Inhaltskonzeption
  8. Abschlussdiskussion

Periodisierungstechniken: Die klassische Periodisierung

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In diesem Artikel wird die klassische Periodisierung oder auch gemixte Periodisierung eines Trainings beschrieben.

Bei der Trainingsperiodisierung wird das Training in unterschiedliche Zyklen oder Bereiche geteilt, welche nacheinander abgearbeitet werden. Eine Periodisierungsart stellt dabei die klassische Periodisierung dar, welche in vielen Sportarten nach wie vor führend ist.

Die klassische Periodisierung gibt es bereits seit den 40er-Jahren, wobei sich das gängige Konzept in den 60er-Jahren in der Leichtathletik entwickelte. Verantwortlich dafür waren, wie sollte es anders sein, die Sowjets. Tudor Bompa gilt als der geistige Vater dieser Trainingsmethode, die bis heute noch genutzt wird. Neben systematischer Talentauslese, Doping und Disziplin gilt auch diese Trainingsmethodik als Mitgrund für die Dominanz der Sowjets.

Doch auch im Fußball wurde periodisiert; Valeriy Lobanovskiy erarbeitete fußballspezifische Periodisierungen für sein Trainingskonzept, um für europäische Aufgaben immer frisch und fit zu sein. Seine Erfolge und seine Ansätze gelten bis heute als Meilenstein des modernen Fußballs. Auch Rinus Michels oder Arsene Wenger sind Verfechter einer Periodisierung im Fußball.

Wie geht man im Allgemeinen vor?

Die Umsetzung ist, wenn man nicht besonders in Detail geht, sehr einfach. Unabhängig vom Fußball,  wird zuerst ein meist jährlicher Plan entworfen; bei Olympia-Teilnehmern existiert sogar ein vierjähriger Plan, ein sogenanntes Quadriennal. In diesem Trainingsplaner werden dann die wichtigsten Ziele, Turniere und Ruhephasen organisiert.

Diese Einteilung erzeugt letztlich drei, manchmal auch vier Zyklen.

Die erste ist die sogenannte Vorbereitungsperiode. In dieser Phase geht es um den grundlegenden physiologischen und mentalen Wiederaufbau. Der Körper soll wieder in Richtung Höchstleistungen geführt werden, im Grunde könnte man es als Vorbereiten des Körpers auf das spätere intensive Training bezeichnen. Diese Periode dauert meistens ein bis zwei Monate; je nachdem, wie intensiv danach belastet wird und wie stark der Körper in der vorhergehenden Pause verfiel.

Meistens wird dies mit einem großen Trainingsvolumen und wenig Intensität gemacht. Die Trainingstechnik wird wieder eintrainiert, der Körper aktiviert und der Sportler mental auf die kommende Trainingszeit vorbereitet.

Der darauffolgende Zyklus ist die erste Übergangsperiode. Hier wird der Sportler in Richtung Höchstleistungen angetrieben. Das Training wird intensiviert und die Anforderungen erhöht. Einige sehen diese Periode bereits als Bestandteil der Wettkampfperiode, wobei ich diese eher auseinanderhalten würde.

Als Wettkampfperiode würde ich jene unmittelbare Zeit vor dem Wettkampf bezeichnet, wo noch einmal verstärkt auf grundlegende Aspekte eingegangen wird, der Körper die potenziell erreichbare Leistungsspitze erreicht und der Sportler auch mental und taktisch auf die anstehende Herausforderung eingestimmt wird. Die Wettkampfperiode ist also eine Spezifizierung auf die unmittelbaren Umstände des Wettkamps, welche nicht unbedingt weit im Voraus geplant werden kann (Leistungseinbußen in bestimmten Bereichen durch bspw. Verletzung), Adaption an einen bestimmten Gegner oder sonstige Umstände, wie Höhenbedingungen oder das Wetter).

Der letzte Zyklus ist dann die zweite Übergangsperiode. Diese findet nach dem Wettkampf statt. Der Körper erholt sich von den hohen Anforderungen des Spitzensports, es gibt eine aktive Regeneration und der Sportler erholt sich auch mental von den fordernden Erlebnissen der letzten Wochen. Persönlich würde ich in dieser Zeit ein sehr einfaches Training mit vielen unterschiedlichen Aspekten empfehlen. Dadurch würde man dem Abschwächen der körperlichen Leistung in der Ruhephase entgegenwirken, gleichzeitig aber eventuell vernachlässigte Aspekte zumindest in puncto Technik und Taktik leicht trainieren können und dadurch eine bessere Basis für die kommende Übergangsperiode schaffen.

Beispiel für eine klassische Periodisierung nach Matveyev

Beispiel für eine klassische Periodisierung nach Matveyev

Allerdings ist es dann doch nicht so einfach, wie es hier gemacht wird.

Von Zyklen in Zyklen

Innerhalb dieser Perioden gibt es bestimmte Zyklen. Wann intensivere ich denn was genau? Welche Aspekte muss ich überhaupt trainieren? Und wie gehe ich dabei vor?

Um diese Aspekte zu gewährleisten, gibt es drei Zyklen. Der erste und kleinste Zyklus heißt Mikrozyklus. Das ist letztlich die Planung einzelner Trainingseinheiten und dem Ablauf dieser in den Trainingswochen. In jedem Mikrozyklus wird festgelegt, wie das Training genau aufgebaut wird und welche kurzfristigen Ziele man in diesen Einheiten und Wochen erhalten will.

Der nächstgrößere Zyklus wird als Mesozyklus bezeichnet. In dieser wird auf ein Zwischenziel hingearbeitet. Mehrere Mikrozyklen werden zu einer Trainingseinheitengruppe verbunden, welche den Mesozyklus bilden, sie stehen für die Trainingswochen als solche. Hier geht es auch um die Harmonien innerhalb der unterschiedlichen Trainingseinheiten, die im Normalfall einem Ziel zuarbeiten.

Der Abschluss eines Mesozyklus bedingt meist die Erfüllung eines Ziels. Wenn man also von Boxern oder Leichtathleten hört, man läge mit der Vorbereitung „voll in der Zeit“, bedeutet dies, dass die Trainingsziele der bisherigen Mesozyklen allesamt  rechtzeitig erfüllt werden konnten.

Die Mesozyklen werden letztlich zum Makrozyklus zusammengefasst. Dieser umfasst das endgültige Ziel; einen Wettkampf oder Turnier, auf welches hingearbeitet wurde. Der Makrozyklus entspricht dabei nicht unbedingt dem gesamten Periodisierungszyklus von oben. So ist beispielsweise eine doppelte Periodisierung möglich, welche ein Kalenderjahr oder eine Saison in zwei Periodisierungen unterteilt.

Dadurch erhält der Körper mehr Ruhe, der Athlet ist geistig und dadurch auch im Training frischer, während die Verfallphasen geringer gehalten werden. Der russische Wissenschaftler Matveyev sagte für Sprinter dabei eine 1,55%ige Leistungssteigerung im Vergleich zu nicht-periodisierend trainierenden Athleten vorher [1]; relativ zu einer einzigen Periodisierung waren es nur 0,96%. Bei Hochspringern waren es zum Beispiel sogar mehr (5,05% und 2,4% respektive).

Allerdings gibt es noch weitere Differenzierungsmöglichkeiten bei der klassischen Periodisierung.

Linear, non-linear/konjugiert und gewellt

In der genauen Art der Periodisierung, also dem Aufbau innerhalb der jeweiligen Perioden, gibt es wiederum drei Unterschiede.

Die lineare Trainingsweise geht dabei auf den bereits erwähnten Matveyev zurück. Hier werden einzelne Bereiche gesondert trainiert, bis das Trainingsziel in diesem Bereich erreicht ist. Der Bereich als solcher kann aber sowohl sehr eng als auch sehr weit definiert werden. Dennoch gab und gibt es Kritik an dieser Trainingsart. Indem mit gleichen oder zumindest sehr ähnlichen Übungen und innerhalb klar abgesteckter Rahmen trainiert wird, können einzelne Aspekte des Trainings vernachlässigt werden. Gleichzeitig kann der jeweilige Trainingsaspekt zu stark vereinfacht werden, was zu geistiger wie körperlicher Unterforderung führt.

Der Athlet gewöhnt sich an die jeweiligen Abläufe, sein Körper ebenfalls und die Effektivität sowie Motivation nehmen ab.

Darum entwickelte Verkhoshansky die nonlineare bzw. konjugative Methode. Hier werden zwei, oftmals nur indirekt miteinander verbundene Bereiche des Trainings direkt miteinander verbunden. Beispielsweise wird Schnellkrafttraining mit Muskelaufbau verbunden oder Ausdauer mit Schnelligkeitsausdauer; dadurch soll der Körper stärker gefördert werden und Automatismen sollen sich nicht zu sehr einschleifen.

Linear ist diese Umsetzung des Trainings nicht, weil die Übungen naturgemäß etwas variiert werden, um die jeweiligen unterschiedlichen Aspekte möglichste effektiv zu trainieren. Sowohl Intensität als auch Dauer werden immer wieder verändert, manchmal auch die Übung als solche. Auch in der Mai-Ausgabe aus dem Jahr 2002 vom „The Journal of Strength and Conditioning Research” wurden die Effekte geschildert; bis zu 50% waren die damit trainierenden Athleten in puncto Kraft der Kontrollgruppe überlegen.

Wieso ist das so? Nun, der Körper reagiert auf die unterschiedlichen Reize mit veränderter Ausschüttung der Hormone und ähnlichem. Vorteilhaft ist somit auch der veränderte physiologische wie psychologische Reiz, der das Training effektiver macht. Dieses Prinzip wurde bei der Entwicklung der Blockperiodisierung ebenfalls genutzt, Verkhoshansky gilt mit Issulin als Pionier dieser Periodisierungsvariante.

Der ehemalige Gewichtheber-Trainer JV Askem nutzte beispielsweise ebenfalls eine solche Periodisierung, die er sogar noch etwas variierte. Er wählte die konjugative Methode und entwickelte dazu lineare Abläufe, um ein Übertraining bzw. eine körperliche Überlastung zu verhindern, indem er dem Training eine größere Planbarkeit gab. Gleichzeitig verband er trotzdem mehrere Aspekte miteinander, wodurch sich seine Sportler besser entwickelten.

Die gewellte Methode ist eine Mischung der beiden großen Methoden und wird teilweise auch als effektiver bezeichnet.

Das Training als solches wird in seiner Umsetzung zusätzlich noch erweitert. Bei der gewellten Methode werden unterschiedliche Aspekte miteinander im Training verbunden und gleichzeitig innerhalb des Trainings variiert; Dauer, Belastung, genaue Umsetzung oder Intensität sind veränderlich. Selbst wenn man die lineare Trainingsausrichtung als Fundament nimmt, ist es möglich dadurch interessante Wechselwirkungen zu erzeugen.

Der Körper und auch der Geist werden also immer wieder neu gefordert. Sie müssen unterschiedliche Aspekte miteinander verbinden, gleichzeitig erhält der Körper nicht nur durchgehend einen Reiz, sondern immer wieder einen neuen. In der Theorie wird damit der Superkompensationseffekt verstärkt und das Training wird effektiver.

Als letzte Alternative sei noch das unidirectional loading, am besten vielleicht als „einseitige Belastung“ übersetzt, genannt. Hierbei wird einfach progressiv und ohne langfristigen Plan trainiert; dies wird insbesondere bei Einsteigern im Bodybuildung aus vorwiegend psychologischen Gründen empfohlen. Im Leistungssport spielt diese Methode aber kaum eine Rolle, weil sie zu unproduktiv und wenig zielgerichtet ist.

Fazit: Wie kann man diese Prinzipien und die klassische Periodisierung im Fußball nutzen?

Im Fußball könnte die klassische Periodisierung zum Beispiel im Übergang von Sommerpause bis zum Wettkampf genutzt werden; und wird es auch. Einerseits kann das körperliche Nachlassen über den Sommer mit Hausaufgaben, wie es unter anderem in Nationalmannschaften gemacht wird, etwas kompensiert werden. Andererseits kann in der Vorbereitung gezielt so trainiert werden, dass die konditionelle Grundlage über die gesamte Saison (oder in Deutschland bis zur Winterpause) gegeben ist.

Die Spieler bleiben also idealerweise über das gesamte Jahr fit und erreichen womöglich auch im Frühjahr ihr Hoch. Ein solches Periodisierungskonzept wurde beispielsweise von Lobanovskiy praktiziert und auch Jürgen Klinsmann beim FC Bayern München wollte so etwas einführen. Ein konditioneller Aufbau ist während der Saison kaum möglich.

Allerdings müssen hierbei auch die neuesten trainingsmethodischen Erkenntnisse bedacht werden. Aktuell wird sehr viel über Spielformen und Komplexübungen trainiert, welche dabei auch die Physis trainieren, ohne den Spieler zu sehr zu erschöpfen. Eine klassische Periodisierung sollte also dosiert genutzt werden; interessanterweise ist sie mit einer anderen Periodisierungsart, der wir uns noch widmen werden, vereinbar.

Die klassische Periodisierung könnte aber weiterhin genutzt werden. Arsene Wenger bei Arsenal und auch Sir Alex Ferguson tun dies nämlich ebenso wie Jupp Heynckes in der Bundesliga. Sie periodisieren die Einsatzzeiten ihrer Spieler und nutzen dabei die Rotation. Die Spieler bleiben fitter und werden weniger belastet.

Jupp Heynckes äußerte sich dabei vor einigen Wochen noch, dass im Trainingslager die Grundlagen gesetzt wurden und sich die Stammelf danach einspielen müsste. Erst nach dieser Einspielphase könne wieder stärker rotiert werden, was dann auch so umgesetzt wurde. Dies klingt nach einer klassischen Periodisierung der Einsatzzeiten und nur teilweise des Trainings, welche aber wohl ideal zum Fußball passt.

Die Wettkampfperiode nimmt hierbei nämlich nicht nur den größten Teil ein, sondern gut und gerne drei Viertel der gesamten Zeit in den Vereinen. Man kann sich davor nicht verschließen und glauben, man könne mit einigen wenigen Wochen eine monatelange physische Basis setzen. Stattdessen kann die Einsatz- und Regenerationszeit von Schlüsselspielern periodisiert werden und im Training die Wettkampfperiode mit der ersten Übergangsperiode gemischt werden – einer von mehreren Gründen, wieso ich persönlich die Periodisierung eher in vier statt in drei Teile unterscheide.

Praktisch heißt es: Die Spieler werden in Basisaspekten durchgehend geschult, während man sich immer wieder in bestimmten Phasen auf die jeweiligen Gegner anpasst. An bestimmten Tagen in englischen Wochen und an wiederum anderen in normalen Wochen hat man also eine festgelegte Anzahl an Regeneration, gegnerspezifischer Anpassung und weitergeführtem Grundlagentraining. Dies kann aber kurzfristig verändert werden, wenn gewisse Resultate oder Leistungsziele nicht erreicht werden.

Literaturverzeichnis:

[1]: Leonid Matveyev (1977): Fundamentals of Sports Training.

Periodisierungstechniken: Die Blockperiodisierung

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In diesem Artikel wird die Blockperiodisierung als Alternative zur klassischen Periodisierung behandelt.

Matveyev formulierte 1964[1] basierend auf Grundideen aus den 40er-Jahren seine klassische bzw. gemixte Periodisierung. Er stellte dabei Schaubilder nach dem Superkompensationsprinzip mit einfacher, zweifacher und dreifacher Periodisierung da. Der Athlet braucht seine Pausen, wird dann zurück an seine übliche Leistung herangeführt und tritt dann wieder in die Wettkampfphase ein.

Der Erfolg der klassischen Periodisierung sorgte aber auch für Kritik. Im gleichen Jahrzehnt wurden ebenfalls in der Sowjetunion wegen Matveyevs Forschungen die Grundprinzipien für eine alternative Periodisierung gelegt. Führend dabei waren der uns bereits aus dem vorherigen Artikel bekannte Yuri Verkhoshansky, der erfolgreiche Sportler Anatoliy Bondarchuk und der womöglich populärste und aktuellste Vertreter, Vladimir Issurin.

Was spricht gegen die klassische Periodisierung?

Stageman formulierte 1981 folgenden Leitsatz: „Gemischtes Training erzeugt gemischte Resultate.“

Weil in der klassischen Periodisierung die unterschiedlichen Trainingsaspekte zumeist parallel und nur teilweise seriell angelegt sind, verzerrt sich angeblich der Effekt. In der klassischen Periodisierung wird ja der Körper auf Wettkampfniveau zurückgeführt und dann mit unterschiedlichen Übungen, welche nur in grobe Kategorien geteilt sind, trainiert. Dadurch kommt man auf das nötige Wettkampfniveau und kann nach den Wettkämpfen den Körper wieder regenerieren.

Hier findet sich aber der zweite Kritikpunkt. Vladimir B. Issurin führt an, dass die Stundenzahl an vorbereitendem Training im Laufe der Jahre immer stärker heruntergeht, aber die Wettbewerbe immer schwieriger und gleichzeitig häufiger werden. Außerdem entsteht für den Körper durch die vielen unterschiedlichen Belastungen ein enormer Stress durch gegensätzliche physiologische Reaktionen.

Anstatt also einen synergetischen Effekt zwischen Aufbau und Entlastung herzustellen, wird das Gegenteil versucht. Man will den Körper vor Übertraining schützen, kann ihm aber durch die Vereinfachung der Trainingskomplexität im physischen Sinne) mehr zumuten. Im Gegensatz zur klassischen Periodisierung kann der Athlet also durchaus an mehreren Wettbewerben teilnehmen und ist öfter in seiner „Peaking“-Phase.

Weil die Befürworter der Blockperiodisierung davon ausgehen, dass der Körper eben nicht mehrere Aspekte ordentlich verknüpfen und trainieren kann, wird das Trainingsschema verändert.

Unterschiede der Blockperiodisierung zur gemixten Methode

„The so called “classic periodization” presupposes the division of the annual cycle into relatively long periods of complex, mixed training where the athletes develop many abilities simultaneously. In this case, augmentation of training stimulation is obtained mostly with the increase of the workloads magnitude. As a result, the training volumes of world class athletes reached an enormous level in the 1980′s.

The block periodization system presupposes the administration of highly concentrated workloads directed to a minimal number of abilities, or targets within relatively short training cycles, in training blocks. Thus, each block is focused on the proper combination of athletic abilities, which are developing mostly consecutively but not concurrently. The benefits of block periodization are associated with more selective and highly concentrated training stimulation such as possibilities to design multi-peak preparations, reasonable reductions of total training volume, and possibilities to avoid negative interactions between restrictedly or non-compatible training workloads.” – Issurin [2]

Das Blocktraining ist also letztlich nichts anders als ein hochspezialisierter Trainingszyklus. Die Trainingsaspekte werden stärker unterteilt und in drei große Zyklen unterteilt.

Die drei Phasen lauten hierbei „Grundlage“, „Anpassung“ und Tapering. In der ersten Phase lautet das Ziel Akkumulation. Bei der Akkumulation werden die motorischen und körperlichen Grundfähigkeiten trainiert und eine stabile Basis gesetzt. Bei Sprintern könnte zum Beispiel an der Maximalkraft gearbeitet werden, bevor man in die zweite Phase übergeht.

In der Anpassungsphase lautet das Trainingsziel Transmutation. Die gesetzten Fundamente werden nun an die Sportart angepasst. Bei einem Sprinter könnte in dieser Phase die Höchstgeschwindigkeit gezielt trainiert und die Technik beim Antritt angepasst werden. Immerhin ist jetzt die Grundlage gesetzt und in dieser, zumeist kürzeren Phase, werden die erworbenen physischen Fähigkeiten technisch verfeinert. Wie der Begriff „Transmutation“ werden letztlich die angehäuften Trainingsergebnisse in die eigene Sportart und ihre Anforderungen adaptiert.

In der letzten Phase geht es um die „Realization“. Diese bezeichnet das Erholen unmittelbar vor dem Wettkampf und die letzten taktischen wie technischen Vorbereitungen des Athleten. Dadurch sorgt man für ein Peaking innerhalb des Peakings; der Körper und der Athlet werden in ihrer Hochphase noch einmal extra auf den Wettkampf fokussiert.

„The block periodization concept assumes the subdivision of athletic abilities into “basic” and “specific” ones. The basic abilities usually contain general endurance, muscle strength, and basic coordination for certain sports. The basic abilities are the targets in proper mesocycle blocks termed “accumulation.” The specific abilities relate to any kind of sport-specific endurance, sport-specific strength (including explosive strength), and event-specific skills. They are concentrated in another mesocycle block termed “transmutation.” The third type of mesocycle blocks are focused on full recuperation, maximal speed, and event-specific tactics (including all technical demands). They are coined “realization.” – Issulin [2]

Wissenschaftlicher Hintergrund

Der biologische Hintergrund bei der Blockperiodisierung wird zumeist auf ziemlich einfache Aspekte zurückgeführt. Weil kein paralleles, sondern ein serielles und aufeinanderfolgendes Training unterschiedlicher Aspekte vollführt wird, kann die Intensität enorm hoch gepusht werden.

Als weiterer wichtiger Aspekt gibt es einen wichtigen biologischen Faktor, welcher der gesamten Blockperiodisierungsidee zu Grunde liegt. So haben Studien festgestellt, dass auch nach einem Monat sich der Körper noch auf einem fast identischem Leistungsstand befindet, wenn er zuvor ordentlich trainiert wurde.

Vladimir Issurin nimmt dabei Studien von Pivarnik (1986), Coyle (1985), Allen (1989) und Wibom (1992) in seine Forschungen auf. Dort wurde festgestellt, dass die körperliche Kraft nach zwei Wochen (Mujika & Padilla, 2000) nur einen sehr geringen Rückschritt verzeichnet und die Ausdauer nach vier Wochen erst um 4-5% abnimmt. Bei schlechter trainierten Personen liegt dieser Rückschritt bei 5-8%.

Diese Nachhaltigkeit wird genutzt. Indem extrem fokussiert die Basis trainiert wird, sind diese nachhaltenden Effekte noch größer. Der Körper behält fast alle körperlichen und motorischen Veränderungen aus der ersten Phase bei, desweiteren wird er ohnehin in der zweiten Phase gefordert, wenn auch auf eine andere Art und Weise.

In der ersten Phase wird außerdem die homöostatische Regulation und das Superkompensationsprinzip genutzt, um die körperlichen Grundlagen möglichst stark zu verändern. Das intensive und konzentrierte Training sollen die von Claude Bernard und Walter Cannon formulierte homöostatische Regulation auf ein möglichst hohes Grundniveau erhöhen.

Der Körper kann sich desweiteren dank seines erhöhten Grundniveaus besser an den folgenden Stress anpassen und die Sekretion von Stresshormonen wird im Transmutations-Mesozyklusblock genutzt. Issurin führt auch aus, dass bei gemischtem Training in der klassischen Periodisierung die Faktoren der Stresshormonausschüttung und homöostatischen Regulation gegeneinander wirken, wodurch der erhöhte Metabolismus des Körpers die Fortschritte der homöostatischen Regulation verhindert („Übertraining“).

„The prominent coaches and researchers noticed that traditional mixed training produced conflicting training responses and excessive fatigue. At that time, I was working with the USSR canoe-kayak national team, which executed a huge volume of training workloads.” Vladimir Issurin

Faustregeln und Erfolge

Die von Issurin angeführten Faustregeln sind folgende:

-          Hohe Konzentration der Trainings

-          Minimale Nummer von zu trainierenden Aspekten innerhalb der Blocks

-          Aufeinanderfolgendes Entwickeln der Fähigkeiten

-          Zusammenstellung und Nutzen spezialisierter Mesozyklus-Blöcke

Welche Erfolge man damit feiern kann, ist noch unklar. Allerdings sind viele erfolgreiche Sportler, vorrangig aus dem Osten, aber auch aus dem Westen, davon überzeugt. Einer der großen Verfechter, Anatoliy Bondarchuk, schrieb 1986 und 1988 zwei Abhandlungen dazu, die später zu einem lesenswerten Buch wurden. 1988 und 1992 gewann er dann passend dazu ein paar Medaillen bei Olympia.

Der Schwimmer Gennadi Touretski schaffte ähnliches, wie auch weitere osteuropäische Athleten. Interessant ist der von Jesus G. Pallares geschilderte Fall von Carlos Perez und Saul Craviotto. Diese beiden Kanufahrer mussten sich erst für Olympia qualifizieren und dafür mussten zuerst einmal zur EM kommen; bis Januar 2008 hatten sie noch keinen K-2-Wettbewerb bestritten. Im Mai wurden sie Zweiter bei der EM in Mailand und im August wurden sie Olympiasieger. Trainer Pallares meinte, die Blockperiodisierung brachte den Erfolg, welcher insbesondere auf zwei so nah aneinander liegende „Peaks“ zurückzuführen war.

Ob diese Periodisierungsart der klassischen Periodisierung wirklich klar überlegen ist, bleibt aber zu bezweifeln. In einer Studie von Fröhlich, Müller, Schmidtbleicher und Emrich [4] wurde bei einer Meta-Analyse festgestellt, dass die einzelnen Modelle (das konjugative Modell und das Blockperiodisierungsmodell) unterschiedliche Stärken in bestimmten Adaptionen haben, aber keines dem anderen überlegen ist.

Bild aus Blockperiodization Breakthrough in Training von Issurin nach Mattiev

Ein Bild aus “Blockperiodization: Breakthrough in Training” von Issurin, welches Matveyevs Aufbau lose übernimmt und ein Beispiel zeigt.

Nutzung im Fußball

Dieses Modell der Blockperiodisierung könnte im Fußball beispielsweise in der Vermittlung von Trainingsinhalten ebenso wie im Trainingslager stattfinden. Beim ersten Zielpunkt, der Akkumulation, wird ihnen die nötige Physis eingetrichtert. Wer laufen kann, der kann zumindest irgendetwas scheint hierbei der vorherrschende Gedanke zu sein.

Die nun vorhandene und auf höchstem Niveau vorhandene Laufstärke wird dafür eingesetzt, um sich in der nächsten Phase, der Transmutation, komplett auf spielerische und taktische Aspekte zu konzentrieren. In der Realisation würde dann die Endanpassung an die Saison und den Gegner sowie Erholung vor Beginn der Saison geschehen.

Allerdings ist auch eine andere Aufteilung möglich. Beispielsweise könnten Spieler nach Gruppen segmentiert werden, die aus den Fitnesswerten erhoben wird. Manche Spieler trainieren dann in einem Block eine physische (oder auch spielerische) Schwäche, eine andere Gruppe trainiert etwas anderes und es gibt eine zusätzliche gemeinsame Trainingseinheit zum Training von mannschafts- und gruppentaktischen Aspekten.

Passend dazu hat Javier Mallo in seiner Studie[3] sogar die Auswirkung auf ein spanisches Profiteam untersucht, die Blockperiodisierung wurde auch auf den Trainingsinhalt innerhalb der Saison und die Mesozyklen angewandt.

Der serbische FK Rad unter ihrem Trainingsexperten Milan Jovanovic hingegen hat rein die physischen Aspekte im Kollektiv vor der Saison aufgeteilt, die taktischen und technischen wurden im Verbund ebenfalls kollektiv zu den physischen Aspekten trainiert, wie folgendes Bild aus Jovanovics „Physical Preparation for Soccer“ zeigt.

Milan Jovanovics Konzept beim FC Rad

Milan Jovanovics Konzept beim FC Rad

Das Blocktraining müsste nach eigenem Selbstverständnis eigentlich gut zu Fußball passen. Issurin führte zum Beispiel aus, dass die klassische Periodisierung sich auf zu viele Ziele konzentriert. Dadurch kann sie schwächeren Athleten wie beispielsweise Anfängern genug Reize geben, um sie in einer breiten Anzahl an Fähigkeiten schnell zu verbessern, ist aber für Hochleistungsathleten suboptimal.

Issurin führte auch aus, dass es Diskrepanzen zwischen der klassischen Periodisierung und der Praxis gäbe. Als Beispiele nennt er die Unmöglichkeit für mehrere „Peaks“, langfristige Nachteile, mangelnde Reizintensität und negative Interaktionen bei der Belastung des Körpers in unterschiedlichen physischen Aspekten, wie er im „Journal of sports medicine and physical fitness“ aus dem Jahre 2008, Volume 48, Ausgabe 1, Seite 65-75 erklärt.

Allerdings hat man im Fußball eine Art „durchgehenden Peak“ und eine Vielzahl komplexer Eigenschaften, weswegen die Blockperiodisierung maximal in der Anfangsphase im Trainingslager praktikabel wäre. Aber auch hier ist sie mit der modernen Art zu trainieren, nämlich einer möglichst realitätsnahen Abbildung des Spielgeschehens in Spielformen und Einzelsituationen, unvereinbar. Einzig ein Vorgehen, wo über die Saison hinweg bestimmte Trainingsziele immer wieder in blockartigen Mesozyklen angeordnet werden, wäre wohl mit Erfolg möglich, wie auch die Studie Mallos zeigt.

Literaturverzeichnis:

[1]: Матвеев, Л. П. (1964). Проблема периодизации спортивной тренировки [Problem of periodization of sport practice]. Moscow, RU: Физкультура и спорт

[2]: Issurin, VB. (2010). New horizons for the methodology and physiology of training periodization. Sports Med 40 (3): 189-206.

[3]: Mallo, J. (2011). Effect of block periodization on performance in competition in a soccer team during four consecutive seasons: A case study. International Journal of Performance Analysis in Sport, 11(3), pp. 476-485.

[4]: Fröhlich, M., Müller, T., Schmitbleicher, D., & Emrich, E. (2009). Outcome-Effekte verschiedener Periodisierungsmodelle im Krafttraining. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin (10). 2009

Weiterführende Literatur:

Issurin, VB. (2008). Block Periodization: Breakthrough in Sport Training.

Seiler, S. (2010). What is best practice for training intensity and duration distribution
in endurance athletes?. Int J Sports Physiol Perform 5(3): 276-291

Periodisierungstechniken: Die Wellenperiodisierung

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Im Krafttraining gibt es einen aktuell sehr populären Trend in der Periodisierung: Die Wellenperiodisierung. Vorsicht vor einem false-friend: Auf englisch heißt es „Undulating model“, die „wave periodiziation“ bezeichnet nämlich eine Variante der klassischen Periodisierung. Diese Art der Periodisierung ist verwandt mit der Multi-Stufen-Periodisierung (von Peter Coe im Lang- und Mittelstreckenlauf in den frühen 70ern entwickelt) und beides wird auch oft als innereinheitliche Periodisierung“ bezeichnet.

Bei der wellenförmigen Periodisierung wird innerhalb von sehr kurzen Abständen, oft von einem Tag auf den anderen, das Training variiert. Es verändert sich dabei bei den Übungen, bei der Intensität, dem Volumen und dem jeweiligen Trainingsziel (bspw. Wechsel von Maximalkraft auf Schnellkraft). Das klingt erst einmal unlogisch, hat aber einige interessante Aspekte.

Entstehung der wellenförmigen Periodisierung

Erstmals erwähnt wurde die wellenförmige Periodisierung von Poliquin im Jahre 1988. Sein Werk „Five ways to increase the effectiveness of your strength training program” im National Strength & Conditioning Association Journal, 10(3), Seite 30-33, erwähnte dabei die Vorteile eines möglichen andauernden Wechsels der Belastung in ihren Aspekten.

Diese Vorteile sind rein logisch schon klar ersichtlich. Durch eine Variation der Übungen, der Intensität und Trainingsziele kann der Körper nicht nur öfter, sondern auch variabler gefordert werden. Dies erzeugt eine größere Schockreaktion und trainiert den Körper, da dieser sich nicht so simpel anpassen kann. Da oftmals auch unterschiedliche Systeme angesprochen und gereizt werden, kann bei Berücksichtigung der jeweiligen Wechselwirkungen durchaus auch etwas öfter trainiert werden. Man merkt einen (versuchten) Paradigmenwechsel: Die Blockperiodisierung geht davon aus, dass man durch die Fokussierung, das Erlernen der Technik und die schnelle Erhöhung des Niveaus besser trainieren kann, die Wellenperiodisierung geht eher von einer biologischen Seite daran heran und kommt zu einem anderen Schluss.

So argumentierten Baker et al. 1994 in ihrem Werk “Periodization: the effect on strength of manipulating volume and intensity” im Journal of Strength and Conditioning Research, 8(4), Seite 235-242 mit einer Prävention neuraler Erschöpfung. Eine lineare Periodisierung betrachtet Ermüdung spezifisch für einen Trainingsinhalt und baut deshalb von einem Trainingsreiz auf den anderen auf; dies kann zu geringerem Trainingseffekt führen.

Eine Variation zwischen hochintensivem Training und Training mit großem Volumen sowie Veränderung der jeweiligen Trainingsziele kann diesem vorbeugen und bei stärkerer Beanspruchung unterschiedlicher Systeme zu mittelfristig und langfristig größeren Trainingseffekten in der Gesamtheit der Fähigkeiten führen. Eine größere Belastung des neuromuskulären Systems gilt als die Ursache für körperliche Verbesserungen, bei der wellenförmigen Periodisierung wird diese am größten.

Eine Studie von Rhea et al. aus dem Jahre 2002 namens „ A Comparison of Linear vs. Undulating Periodized Porgrams with Equated Volume and Intensity for Strength“ im „Journal of Strength and Conditioning“, Seite 250-55, bewies positive Befunde für eine größere Steigerung bei der wellenförmigen Periodisierung.

Die Gruppe mit dem täglich variierenden Programm verbesserte sich z.B. beim Bankdrücken um beachtliche 28,78% Prozent, während die linear trainierende Gruppe sich um nur 14,37% verbesserte. Der erhöhte Stress und die Variabilität der Übung sorgen nach dieser Studie für erhöhte Effekte, anstatt wie bei einer monatlichen Veränderung und zuvor linear aufsteigendem Training.

Theoretisch könnte allerdings bei linearen Verfahren etwas mehr Einfachheit für Anfänger ausgemacht werden. Wird längerfristig ohne größere Veränderungen trainiert, dann entsteht natürlich mehr Routine bei der Ausführung. Technische Fehler dürften dadurch seltener werden, was die Effektivität der Ausführung und damit der Wirkung erhöht.

Beim Krafttraining hat sich die wellenförmige Periodisierung auf höchstem Niveau aber durchgesetzt. Powerlifter Ed Coan oder der vierfache Mr. Olympia Jay Cutler oder auch Mr. Olympia Phil Heath trainieren damit, sie verändern ihre Trainingsweise nahezu von einer Übung zur anderen.

Der Vorteil erscheint logisch: Sie befinden sich bereits auf so einem hohen Niveau, dass eine Blockperiodisierung nur für kleine Fortschritte sorgt, diese aber während der anderen Blocks schneller abnehmen, als bei „normal“ trainierten Athleten. Eine klassische Periodisierung zur Wettkampfphase hätte ein ähnliches Problem. Es dürfte fraglich sein, trotz muskulärer Erinnerungseffekte, zur jeweiligen Peak-Zeit auf das wirklich optimale Niveau zu kommen, obgleich diese Art der Periodisierung weitestgehend genutzt wird; sie ist auch mit der wellenförmigen Periodisierung vereinbar, wie ich später noch ausführen möchte.

Mit der wellenförmigen Periodisierung können Kraftathleten das Training variieren und unterschiedliche Aspekte jeweils verschieden fordern. Fleck et al. 2001 verglichen dafür wellenförmige Periodisierung mit Blocktraining. Jene Athleten im Kraftbereich, die eine wellenförmige Periodisierung nutzten, hatten signifikant höhere Werte. Beim Blocktraining wurde auf diesem Niveau nach 3-6 Monaten ein Deckeneffekt erreicht.

Eine wellenförmige Periodisierung im Rugby, genommen von dieser Seite. Fokus liegt auch hier auf Kraft.

Eine wellenförmige Periodisierung im Rugby, genommen von dieser Seite. Fokus liegt auch hier auf Kraft.

Wie genau lässt sich das jedoch abseits des Kraftsports nutzen?

Nutzung im Fußball

Das Ziel der wellenförmigen Periodisierung ist im Grunde ähnlich wie bei der Multi-Stufen-Periodisierung eine multidisziplinäre Schulung des Körpers. Coe trainierte dafür gleich mehrere Aspekte auf einmal, beim Krafttraining wird ähnliches durch schnelle Abfolge von variablen Trainingszielen im Tages- und Wochenrhythmus erzielt. Insbesondere beim Laufsport liegen die Vorteile auf der Hand: Wechsel zwischen den jeweiligen Trainingsgruppen und körperlichen Systemen gehen einfacher vonstatten, da keines zeitweise unterentwickelt ist. Überbelastung und Verletzungen verringern sich.

Interessant: Die wellenförmige Periodisierung ist theoretisch in eine klassische Periodisierung einzubetten. Der Trainingsinhalt in Mesozyklen wird dabei variiert, die Intensität und das Volumen fluktuieren ebenfalls in einem bestimmten Rahmen auf und ab, dieser Rahmen wird aber nach einem Prinzip der klassischen Periodisierung nach oben oder nach unten geschoben. Das bedeutet, dass über einen Jahres- bzw. Saisonverlauf mit der Intensität und dem Volumen gespielt wird. Metaphorisch gesprochen: Die Wellen schlagen manchmal weiter nach oben aus.

Normalerweise könnte dies im Fußball praktiziert werden. Eine rein wellenförmige Periodisierung dürfte in Sportarten wie dem Radsport oder der Leichtathletik eher seltener verwendet werden, da man zu einem bestimmten Zeitpunkt topfit sein soll und bei einer wellenförmigen Periodisierung eventuell daran vorbei trainieren, noch nicht in Topform sein oder in einen unpassenden Biozyklus kommen könnte. Beim vorher schon erwähnten Bodybuilding hingegen lässt sich der Körper durch die Eigenheit dieser Sportart nahezu ganzjährlich mit ähnlicher Intensität trainieren und es gibt lediglich eine Art „Tapering“-Phase unmittelbar vor Wettkampfbeginn.

Beim Fußball wäre es aber möglich, da hier die Periodisierung ohnehin stark durch den Spielplan und die Natur der Sportart vorgegeben ist; eigentlich jeder Verein muss in der Liga ohnehin so viele Punkte wie möglich schaffen, die Pause ist für alle gleich, eine besondere kurze Wettkampfphase gibt es nicht. Eine Wellenperiodisierung über die Saison mit einzelnen physischen Blockaspekten zuvor wäre hierbei eine Variante.

Wer mehr zum Thema erfahren möchte: Hierzulande gilt Professor Dietmar Schmidtbleicher als ein prominenter Vertreter der wellenförmigen Periodisierung in der Trainingswissenschaft.

Literaturverzeichnis:

Baker, D., Wilson, G., & Carlyon, R. (1994). Periodization: the effect on strength of manipulating volume and intensity. Journal of Strength and Conditioning Research, 8(4), 235-242.

Rhea M., Ball, S., Phillips, W., & Burkett, L. (2002). A Comparison of Linear VS Undulating Periodized Programs with Equated Volume and Intensity for Strength. Journal of Strength and Conditioning, 16(2), 250–255.

Poliquin, C. (1988). Five ways to increase the effectiveness of your strength training program. National Strength & Conditioning Association Journal, 10(3), 30-33.

Periodisierungstechniken: Die Coerver-Methode

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Bei der pyramidalen Periodisierung wollen wir uns den dafür bekanntesten Vertreter vornehmen: Die Coerver-Methode.

Was ist die Coerver-Methode?

Für viele ist die Coerver-Methode ein abstrakter Begriff; jeder hört davon, aber was genau praktiziert wird oder wie sie entstanden ist, dürfte weitestgehend unbekannt sein. Die Coerver-Methode ist einerseits als Komponente andererseits auch als Gegenstück zur Zeister-Vision zu sehen, welche in den Niederlanden das Training seit der Zeit Rinus Michels dominierte. Bei der Zeister-Vision geht es um die Spielerentwicklung durch Spielformen und implizites Lernen mit einer sehr freien Ausübung und ohne größere Anleitung.

Die Coerver-Methode hat durchaus auch diese impliziten Aspekte und Spielformen in sich, baut diese aber hierarchisch auf. Wiel Coerver entwickelte in den späten 70ern und frühen 80ern diese Methode, in der die Basisfähigkeiten des Fußballs unterteilt und als Fundament komplexerer und abstrakterer Fähigkeiten ausgebildet werden. Alfred Galustian und Charlie Cook lernten Wiel Coerver 1983 in Philadelphia kennen. Sie griffen dessen Trainingsmethoden auf und entwickelten ab 1984 daraus mit der Coerver-Methode eine Techniktrainingsmethode zur Förderung von Jugendspielern.

Theoretisch wäre es möglich, die Zeister-Vision als Fokussierung des Straßenfußballs zu sehen, während die Coerver-Methode die dafür benötigten Fähigkeiten extrahiert und einen Zielfokus darin einbaut. Bis heute gilt die Coerver-Methode als eine der wichtigsten Trainingsmethoden in der Jugendausbildung. Sie bildet Spieler hervorragend individuell aus, trainiert Technik, Koordination, Pressingresistenz und Umsetzung dieser Fähigkeiten sehr präzise. Zwar werden ihr Schwächen beziehungsweise weniger ausgeprägte Stärken im Hochleistungssport unterstellt, sie wird jedoch von einigen Trainern – insbesondere aus den Niederlanden – auch im Hochleistungssport als sinnvolle Ergänzung verwendet. Viele Übungen und Trainingskonzepte werden dabei in Zusammenarbeit mit europäischen Topklubs entwickelt.

Ähnlich der Coerver-Methode entwickelte beispielsweise Johan Cruyff bei Ajax in den 80ern ein eigenes Modell. Diese dort entwickelte Skill-Box wird bis heute verwendet und wurde mit der Coerver-Methode integriert. Diese Skill-Box beinhaltet Technik, Taktik, Fitness und Mentalität als Teilaspekte,wobei der maßgeblicheFokus auf Technik liegt. Die Übungen selbst sind dabei bei Ajax in ein repetitives Techniktraining, einen bestimmten Block zur Ergänzung und eine Spielform mit einem bestimmten mannschaftlichen Trainingsschwerpunkt untergliedert.

Bei Ajax wird im Jugendbereich dann auch blockartig (sh. Blockperiodisierung) jeweils ein Block für drei Wochen als Makrozyklus fokussiert, woraufhin im fünften Block (nach Technik, Taktik, Fitness und Mentalität als je einem Block) eine Mischung mit Individualtraining in kategorisierten Gruppen praktiziert wird, um bestimmte Stärken in einer „master class“ noch effektiver zu trainieren.

Solche Mischungen gelten auch als Mitgrund der erfolgreichen niederländischen Jugendarbeit, welche sich in den Vereinen breitflächig auf die Coerver-Methode (inklusive eigener Methoden zur Erweiterung) zur Ausbildung ihrer Spieler verlässt. Auch der FC Bayern bildete seine Jugendtrainer über 15 Jahre lang  mit halbjährlichen Seminaren in der Coerver-Methode weiter bzw. aus und ein bekannter Vertreter im Hochleistungssport war lange Zeit im Profibereich tätig: René Meulensteen, der langjährige Co-Trainer von Sir Alex Ferguson und aktuelle Trainer von Fulham, welcher auch einige seiner Trainingsübungen auf seiner Internetseite präsentiert.

Wie sieht die Coerver-Methode aus?

Wie angedeutet konzentriert sich die Coerver-Methode vorrangig auf die Spielerausbildung und hat Grundaspekte des Fußballspiels hierarchisch unterteilt. Dafür gibt es bei der Coerver-Methode eine Pyramide mit sechs Stufen, welche in 1997 eingeführt wurde und von Galustian etabliert wurde. Sie zeigt die Hierarchie der Fähigkeiten. Diese werden übrigens nicht immer in dieser Reihenfolge und isoliert trainiert, sondern an die jeweiligen Bedürfnisse der Mannschaft angepasst und/oder miteinander verbunden.

Bild der Coerver-Pyramide von deren Homepage

Bild der Coerver-Pyramide von deren Homepage

Auf der untersten Stufe steht die Ballbeherrschung. Diese gilt logischerweise als die Basis für alle darauffolgenden spielerischen Handlungen im Fußball. Gelehrt werden motorische Aspekte bei der Ballführung, die richtige Technik dabei, die koordinativen Fähigkeiten und die Präzision der Ballführung. Trainiert werden auch solche Dinge wie Jonglieren oder zahlreiche andere Übungen.

Primär geht es um die Ballbeherrschung. Der Spieler soll sich mit dem Ball selbst verbessern, dazu gibt es über 100 verschiedene Übungen, abhängig vom Alters- und Leistungsniveau. Vorrangig werden diese Übungen im Aufwärmteil genutzt, wenn die jeweiligen Stufen der Pyramide nicht isoliert trainiert werden.

Es geht hauptsächlich um das Kennenlernen des Balles und jene Fähigkeiten, welche einen Umgang mit dem Ball überhaupt erst ermöglichen.

Die zweite Stufe ist die Ballannahme und das Passspiel. Hier sollen die zuvor erworbenen technischen Fähigkeiten auf die Interaktion mit einem Mitspieler und die dazugehörigen Eigenschaften ausgeweitet werden. Mit welcher Fußseite werden Pässe gespielt, wie und wo muss man den Ball treffen oder wie soll dieser sich bewegen? Dies sind die zentralen Fragestellungen des zweiten Lehrplans. Zuvor wurde die Basis gesetzt, überhaupt mit dem Ball umgehen zu können, jetzt gibt es einen ersten Schritt zum richtigen Umgang. Von „wie habe ich den Ball grundsätzlich bei mir?“ geht es über zu „wie stoppe ich mir den Ball auf Basis der Rahmenbedingungen und wie löse ich die Situation?“.

Im dritten Teil geht es um das 1-gegen-1 in unterschiedlichsten Formen. Ein großer Fokus liegt auf Zweikämpfen, offensiv und defensiv, dazu individualtaktische Fähigkeiten wie zum Beispiel Finten und die präzise Anwendung dieser. Die dritte Phase wird mitunter als die prägendste der gesamten Pyramide gesehen. Sie hat zwar kein explizites Alleinstellungsmerkmal, aber wird sehr detailliert in Theorie und Praxis ausgearbeitet. Zusätzlich ist sie wohl jener Teil, welches für den Laien am Auffälligsten ist.

Der Einfluss des Coaches ist hier ebenfalls besonders groß. Jeder Coach erhält bei der Coerver-Ausbildung eine Schulung darüber, wie genau welche Finten umgesetzt werden. Wie sieht die Körperhaltung aus, wie wird angelaufen, welche Teilsegmente hat diese Bewegung, wo können Variationen entstehen und wann wendet man sie an? Diese Fragen und noch einige mehr werden beantwortet. Später wird dies in statischen Situationen mit Hütchen, in Trockenübungen, in repetitiven dynamisch-koordinativen Übungen sowie in Spielformen trainiert.

Geht es nicht gerade um die Skill-Akquise bei jungen Spielern, wird im Hochleistungssport oder generell auf höherem Niveau vermehrt wettkampfnah und mit Abbildungen von realen Spielsituationen trainiert. Das 1-gegen-1 gilt dabei als jene Fähigkeit, die benötigte Raum und Zeit zum Passen, Schießen und Laufen zu kreieren.

Schnelligkeit ist die vierte Stufe. Dies ist nicht ausschließlich die Schnelligkeit im klassischen Sinne, sondern auch jene bei gleichbleibender Präzision der genannten spielerischen Fähigkeiten. Sie umfasst auch Aspekte wie mentale Dynamik und Handlungsschnelligkeit. Oftmals werden hier Schnelligkeitsspiele mit Ball oder Parcours mit dynamischen Zweikampfsituationen verbunden. Wichtig ist das Training der Schnellkraft, der schnellen Auffassung und einer präzisen Anwendung der vorher gelernten Fähigkeiten in dynamischen Situationen.

In der fünften Stufe, dem „Abschluss“, werden die bisher errungenen Eigenschaften auf das Tor und den Abschluss fokussiert. Die Spieler lernen mit den Techniken aus dem 1-gegen-1 sich in Zweikämpfen durchzusetzen und daraufhin zum Abschluss zu kommen sowie diesen erfolgreich zu gastalten. Dabei sollen die Spieler teilweise auch in kleinen Gruppen mit Kombinationen und eben der erwähnten Nutzung des 1-gegen-1 zum Abschluss zu kommen. Dies wird speziell deswegen praktiziert, weil sich vor dem Tor durch den Zugriff auf das ultimative Ziel des Spiels taktische Begebenheiten, wie zum Beispiel die Ausrichtung der Bewegungen oder auch die Art der Raumdeckung verändern.

Bei Bedarf wird beim Abschluss auch auf die genaue Art des Schießens geachtet und eine Einhaltung der zuvor erstellten Normen und Bewegungen beim Fokus auf diese aus strategisch-taktischer Hinsicht etwas spezielle Situation.

Auf dieser Gesamtheit basiert dann das gruppentaktische Spiel. Hier gibt es nicht nur 1-gegen-1-Situationen oder Mini-Spielformen, sondern die Spieler lernen im Verbund Aufgaben zu lösen, Kämpfe um den Ball mit mehr als zwei Leuten zu gewinnen. Dies umfasst komplexere taktische Komponenten sowie natürlich das Kombinationsspiel in kleinen Gruppen und Spielformen. Hier wird die passende Umsetzung der offensiven und defensiven Zweikämpfe sowie der technischen Fähigkeiten gefördert.

Nach Ansicht der Coerver-Methode ist ein Fußballspiel nichts anderes als die Aneinanderreihung von 1-gegen-1, 2-gegen1, 1-gegen-2, 2-gegen-2, 3-gegen-2 und ähnlichen Situationen, bei der jeweils nur eine kleine Gruppe von Spielern an einer Aktion beteiligt ist und sich die Spielsituation nach einem Ortswechsel ändert (Rafael Wieczorek, 2014), wonach sich auch die Konzeption der Spielformen ausrichtet.

Interessant ist, dass bei der Coerver-Methode das explizite Lernen einen großen Teil einnimmt. Der Spieler erhält dafür vorgeplante Bewegungsabläufe, die er in sein natürliches Bewegungsrepertoire aufnehmen kann. Die Bewegungen werden oftmals angeleitet und gelehrt, ein diplomierter Coerver-Lehrer erlernt beispielweise die genauen Bewegungsmuster bei einzelnen Bewegungen und Finten, damit er sie dann so weitergeben kann.

Insgesamt gibt es in diesem Programm 47 verschiedene Ausspielbewegungen. Dem Spieler werden diese vermittelt, um ihm Möglichkeiten im Wettkampf aufzuzeigen. Die Wahl bleibt letztlich dem Spieler selbst überlassen und soll situativ richtig angewandt werden.

Der ideale Coerver-Fußballer sollte darum auch im Stande sein, dass er Bewegungen abrupt abruft, dass er ein großes Repertoire an Bewegungen besitzt und diese variabel miteinander verbinden kann. Die Kritik an der Coerver-Methode richtete sich aber auch weitestgehend an der Umsetzung dieses Idealbilds. Vielen mangelt es nach dieser Kritik in der Ausbildung dieser Bewegungsmuster an den nötigen situationsbedingten Begebenheiten und einem Gegneraspekt, wodurch – so die Kritik – diese Fähigkeiten nicht immer korrekt im Bezug auf die Situation und den Druck umgesetzt werden können.

Dabei muss gesagt werden, dass die Coerver-Methode in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten immer wieder gewisse Veränderungen durchlebt hat. Nicht nur die Bewegungen, Finten und die Trainingsmethodik werden überarbeitet, sondern es gibt auch eine Veränderung. Spielformen wie das 3-gegen-3 werden deutlich früher und intensiver eingearbeitet, zusätzlich gibt es einige „Geheimnisse“ in der Vermittlung von Trainingsaspekten und Bewegungsmustern. Teilweise wird dann explizit erklärt, wann genau diese Fähigkeit anwendbar ist, die Finten werden in Einzelschritte zergliedert und es gibt ein „Positive Pushing“, welches sich an die spielpsychologische Komponente richtet (generell viel Lob für das Selbstbewusstsein, rein konstruktive Kritik, Ansporn durch Lob).

Beim modernen Coerver Coaching geht es verstärkt um das „Erlernen und effektive Einsetzen technischer Fähigkeiten“. Nicht nur das 1-gegen-1 gilt als eine solche technische Fähigkeit, sondern verstärkt auch das Passspiel, die Ballannahme oder die Koordination der Ballführung. In den Spielformen wird den Spielern darum auch die Möglichkeit zur freien Entscheidung zwischen diesen Aktionen gegeben.

Beim 1-gegen-1 wird auch gesondert auf gruppentaktische Aspekte geachtet: Wo steht der Gegenspieler? Wie bewege ich mich gerade? In welcher strategischen Position bin ich? Viele Vereine nutzen die Coerver-Methode heutzutage darum nicht zur Vermittlung von Finten und Bewegungsmustern, sondern zur Erlernung der gezielten Umsetzung dieser im Wettkampf.

Das Fortschreiten innerhalb dieser Pyramide läuft zumeist gleich ab. In der jeweiligen Stufe wird die Basis erlernt und perfektioniert. Daraufhin werden die Anforderungen und die Komplexität gesteigert, wieder perfektioniert und man steigt zur nächsten Stufe auf. Nach oben gibt es kaum Interaktionen, damit Fehler nicht mitgenommen werden.

Nach unten wiederum gibt es durch die hierarchische Aufteilung wiederum viele Interaktionen, was dafür sorgt, dass die jeweiligen fundamentalen Fähigkeiten weiter gefestigt werden und nicht im Laufe der Zeit abnehmen. Dies ermöglicht ein sehr großes Repertoire an potenziell präzise und schnell abrufbaren Bewegungsmustern. Allerdings gibt es dennoch ein paar kritische Betrachtungen an der Trainingsmethodik.

Einordnung der Coerver-Methode

Neben dem Aspekt der praktischen Umsetzung in Drucksituationen oder der korrekten Entscheidungsfindung gibt es auch andere Kritikpunkte an der Coerver-Methode. Eine oft erwähnte Kritik bezieht sich dabei vorrangig auf die enorme Repetition von einzelnen Bewegungen. Wie effektiv können diese sein? Und inwiefern geben sie den Kindern Fähigkeiten auf Kosten von möglicher Langeweile? Außerdem wird kritisiert, dass der Teamaspekt vernachlässigt wird und die Trainer enorme Fähigkeiten in der Bewegungskorrektur, in verbaler Kompetenz sowie bei ihrer dynamischen Auffassungsgabe besitzen müssen. Auch die Komplexität einzelner Trainingsübungen ist oft Gegenstand von Kritik.

Allerdings ist auch nach der Coerver-Methode Fußball ein Teamsport. Es wird jedoch im Sinne des Teamgedankens auch in erster Linie auf die individuelle Verbesserung gedacht. Frei nach Vincente del Bosque „Sofern Spieler technisch nicht perfekt ausgebildet, ist das System und die Taktik egal. Auf dem höchsten Level wird man voraussichtlich immer verlieren“ wird darum auf die Einzelspieler geachtet. Nach Rafael Wieczorek, Coerver Coaching Director für Deutschland und Österreich, macht die Stärke eines Teams die Summe der individuellen Fähigkeiten nach einem ganzheitlichen Ansatz (technisch, physisch, psychisch, etc.) aus.

Persönlich würde ich auch eher davon ausgehen, dass die Kritik an diesen Aspekten und insbesondere an der Komplexität des Trainings eher eine Kritik an der Umsetzbarkeit und Umsetzung ist. Bei einem kompetenten Trainer bzgl. Vermittlung, Zerlegung der Übung und Fähigkeiten zur schnellen konstruktiven Korrektur sollten keinerlei Probleme bestehen. Komplexe Passübungen können zu Beginn zum Beispiel in Einzelübungen aufgeteilt werden.

Ich würde eher die große Kommerzialisierung kritisieren und möchte noch anführen, dass nahezu jeder Nachwuchstrainer, der eine sehr junge Mannschaft übernimmt und diese plant langfristig zu begleiten, naturgemäß eine pyramidale Hierarchisierung seiner Trainingsmethode aufbaut (fundamentale Koordination für Technik und zum Laufen selbst – Technik und Physis – Kollektivspiel und Übergang ins Wettkampfalter z.B.). Gleichzeitig obliegt es natürlich jedem Trainer selbst, ob und wie viel Geld er in seine Weiterbildung aufwendet und diese ist leider in fast allen Trainingsmethoden, nicht nur beim Coerver-Coaching, gegeben.

 

Der große Vorteil liegt in dem geplanten Konzept der Coerver-Methode, der Vielfalt an Bewegungsmustern und der Analyse von zahlreichen Fußballspielern, um ihre Effektivität zu ergründen und die dazugehörigen Bewegungen präzise vermitteln zu können. Zum Beispiel werden die Trainer in Bewegungen und Finten von großen Spielern so ausgebildet, dass sie diese vorzeigen und erklären können. Ob sie aber wirklich in-depth-Analysen von Messi wie bei uns zum Lesen verteilen, ist nicht überliefert.

Möglich wäre es auch noch stärkere und mehr Interaktionen zwischen den jeweiligen Pyramiden aufzubauen. Auch Arsene Wenger passte die Coerver-Methode bei Arsenal an seine eigenen Maßstäbe und eine größere Spielphilosophie an. Auch, wie in diesem lesenswerten Alternativartikel zur Coervermethode  erklärt, gibt es womöglich einen zu großen Fokus auf den Zweikampf in der inhaltlichen Vermittlung und Ausbildung.

Dazu sagt aber Rafael Wieczorek, dass das Coerver-Coaching eine Techniktrainingsmethode und keine 1-gegen-1-Methode ist. Es gibt beispielsweise Schulungen zu Themen wie „Passspiel in Spanien“ oder „Fast Break wie Deutschland“ als Schwerpunkte und Seminare zu Gruppentaktik.

Die Brazilian Soccer Schools schlagen übrigens in eine ähnliche Kerbe wie die Coerver-Methode. 

Periodisierungstechniken: Die taktische Periodisierung

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Periodisierungsarten gibt es in allen Varianten und Formen, wie die letzten Artikel gezeigt haben. In diesem Artikel wollen wir das Grundprinzip der „taktischen Periodisierung“ unter die Lupe nehmen. Bei der taktischen Periodisierung handelt es sich um eine fußballspezifische Periodisierung des Trainingsinhalts.

Die Ursprünge

Das Konzept der taktischen Periodisierung lässt sich ursprünglich weit zurückverfolgen. Bereits Ernst Happel hatte unterschiedliche Konzepte im Trainingsspiel, bei denen jeweils unterschiedliche Trainingssituationen und der Übergang dazwischen trainiert werden sollten. Auch Bill Shankly konzentrierte sich bei seinen Übungen auf Spielformen, welche spielerische und taktische Situationen replizierten.

Louis van Gaal entwickelte ebenfalls eine eigene Trainingslehre, in der das Training und die Spielerentwicklung in vier Themenkomplexe aufgeteilt werden. Diese bestehen aus Pass- und Ballspielformen, Positionsspielformen, Systemübungen und Mannschaftsspielen. Volker Finke hatte ebenfalls ein penibel ausgearbeitetes Trainingskonzept, welches auf dem entdeckenden und impliziten Lernen basierte, die Taktik stark in den Vordergrund rückte und vorrangig auf Spielformen basierte. In diesem Interview während seiner Zeit bei den Urawa Reds lässt er ansatzweise etwas durchblicken.

Als bekanntester Vertreter eines solchen Konzepts gilt allerdings José Mourinho. Der Begriff der „taktischen Periodiosierung“ wird meistens mit ihm verbunden. Dieses Konzept dient als das am meisten durchgeplante von allen. Ursprünglich basiert die „periodização tática“ allerdings auf jemand anderem. Der Sportwissenschaftler Vitor Frade hatte dieses Konzept in den späten 90ern entwickelt, vor José Mourinho hatte schon Guus Hiddink diese Methodik angewandt.

Heute arbeiten viele danach. André Villas-Boas, Brendon Rodgers und einige niederländische, sehr viele portugiesische oder auch skandinavische Trainer nutzen sie. Doch was genau ist die periodização tática?

Das Konzept dahinter

Bei der taktischen Periodisierung liegt – wie der Name es schon sagt – die Taktik im Vordergrund. Die Taktik wird dabei als das wichtigste Element des Fußballs verstanden und nach diesem Grundgedanken wurde das Konzept entwickelt.

Dabei teilt die taktische Periodisierung das Spiel in seine vier Phasen auf und baut danach die Trainingsübungen. Diese vier Phasen kennen wir bereits als die vier Phasen nach Van Gaal.

Grafik zu den vier Spielphasen nach Louis van Gaal

 

Nach dem Grundprinzip der taktischen Periodisierung geht es im Fußball um das Verhalten in Ballbesitz, bei gegnerischem Ballbesitz, im offensiven und im defensiven Umschaltmoment. Jede Trainingsübung soll dabei so aufgebaut werden, dass sie mindestens einen dieser Aspekte beinhaltet, um eine möglichst spielnahe Abbildung des Trainings zu gewährleisten.

Allerdings werden nicht nur nach diesen vier Phasen Trainingsübungen entwickelt, sondern auch nach vier weiteren Schlüsselelementen. Diese liegen auf der Hand: Sie sind die Physis, die Technik, die Psychologie und eben die Taktik. Die Wichtigkeit der Aspekte liegt dabei in umgekehrter Reihenfolge; die Taktik liegt auf Platz 1, die Physis auf Platz 4. Im Idealfall werden jedoch bei allen Trainingsübungen alle vier Aspekte miteinander verbunden und trainiert, wobei die taktische Spielsituation das Grundgerüst bildet.

Ziel dieser Methodik ist es auch, dass ein rein auf Ballarbeit basierendes Training ermöglicht wird. Trainingsübungen sollen immer mit Ball und in einem taktischen Kontext stattfinden. Dabei sollen ganz nach einem ganzheitlichen Ansatz die Trainingsübungen auch so konzipiert werden, dass es keine „Leerphasen“ gibt, sondern durch die Vermischung der vier Schlüsselelemente (Physis, Technik, Psychologie, Taktik) alle Aspekte trainiert werden und die nötige Kondition über das Training mit dem Ball erarbeitet wird.

Wie schon erwähnt werden dafür zumeist Spielformen genutzt, bei denen Regeln, Intensität, Raumdimension und ähnliches variiert werden. Wichtig ist aber auch die Festlegung, welche taktischen Prinzipien verfolgt werden; immerhin gibt es ja potenziell unendlich viele.

Die genaue Organisation des Trainingskonstrukts

Um ein effektives Training zu ermöglichen ist es wichtig ein „Spielmodell“ zu erstellen. Dabei werden eben nach der Gliederung in den vier Phasen die jeweils erwünschten taktischen Bewegungen und Ziele hierarchisch im Sinne einer größeren Spielphilosophie untergliedert. Eine solche Hierarchie kann z.B. so aussehen:

-          Maxime: Hohes aggressives Pressing mit Raumdeckung

-          Subprinzip: Gegner bei diesem Pressing auf die Seite lenken und isolieren

-          Subsubprinzip: Beim Isolieren verschieben die Sechser in den Halbraum, der Flügelstürmer manndeckt nicht, sondern sprintet aus einer tieferen Position nach vorne und sorgt für Dynamik

oder so

-          Maxime: Spiel mit raumdeckender Viererkette

-          Subprinzip: Antizipatives Herausrücken eines Spielers ins defensive Mittelfeld wird erwünscht (eines von potenziell vielen Subprinzipien)

-          Subsubprinzip: Bei diesem Herausrücken sollen im Sinne der Zentrumskontrolle die umgebenden Spieler positionsorientiert in das entstehende Loch rücken und wenn nötig dafür sogar die Flügelräume öffnen

Basierend darauf wird eine Trainingsübung gebastelt, welche den Spielern implizit dieses Ziel beibringen soll und die vier Komponenten erhält. Diese Organisation der taktischen Bewegungen in hierarchischer Ordnung nach Spielphasen wird dann auch weiter segmentiert.

Beispiel für eine takt. Periodisierung von Trainingsinhalten. (Bild vom Blog “Valeriy Formenkov”)

Es gibt Übungen, welche sich auf die Individualtaktik, die Gruppentaktik, die Wechselwirkungen mit dem Gegner oder die Mannschaftstaktik konzentrieren, aber allesamt beinhalten sie eine der vier Spielphasen und die vier Schlüsselelemente. Die Trainingsmethodik verfolgt dabei weitere Prinzipien, um neben dem entdeckenden und implizitem Lernen, expliziten Korrekturen durch „Freezing“, also das Anhalten der Spielsituation, und anderen sportwissenschaftlichen Methoden eine Leistungssteigerung zu garantieren.

In der Trainingsmethodik der taktischen Periodisierung gibt es dabei mehrere Prinzipien, welche für diese Garantie sorgen sollen.

Die methodologischen Prinzipien

Eines davon ist das Prinzip der Spezifizität. Bei diesem Prinzip geht es darum, dass die jeweilige Trainingsübung die Sportart, die Situationen in dieser Sportart und die Trainingsziele abbilden soll. Darum sind beispielweise sehr abstrakte oder sehr simple Übungen verpönt, da dies durch sie nicht erreicht wird. Das Training soll bestenfalls eine Simulation von taktischen Spielsituationen sein. Dafür werden dann auch die Ziele, eine hohe Konzentration, eine adäquate Belastung und Coachingkompetenzen benötigt.

Wichtigstes Ziel ist die Operationalisierung des Spielmodells. Das Prinzip der Operationalisierung der taktischen Prinzipien ist somit wechselwirkend mit dem Prinzip der Spezifität verbunden.  Das nächste Prinzip, jenes der hierarchischen Gliederung der taktischen Systeme und Subsysteme, ist ein weiterer Schritt zur Operationalisierung der Taktik und dient dem Verständnis der jeweiligen Umsetzungsmöglichkeiten. Damit ist die schon erläuterte Unterteilung in „Maximen“, „Prinzipien“ und „Subprinzipien“ gemeint. Diese Art der hierarchischen Gliederung soll die Organisation der taktischen Prinzipien stabilisieren.

Das Prinzip der horizontalen Variation der Spezifizität ist im Grunde eine Periodisierung der Trainingsintensität und –übungen innerhalb der taktischen Periodisierung. Meistens gibt es hier einen bestimmten Mesozyklus, der aus Aufbautagen umgeben von Erholungstagen, um die Spiele am Wochenende, besteht. Diese Aufbautage innerhalb der Mitte bei nicht-englischen Wochen werden dann ebenfalls in Teilziele segmentiert. Theoretisch entspricht dies einer wellenförmigen Periodisierung mit Erholungstagen vor den Wettkämpfen.

Das Prinzip der Leistungsstabilisation hängt mit diesem Prinzip zusammen. Die Leistungen sollen durch einen trainingsmethodisch intelligenten und konsistenten Plan stabil bleiben und nicht innerhalb der Saison variieren, sondern konstant auf einem festen Niveau bleiben. Auch diese Idee entspricht in der Theorie einer wellenförmigen Periodisierung.

Beim Prinzip der konditionierten Übung geht es um eine weitere Konsequenz und Maxime der situationsnahen Abbildung des Spiels. Die Bewegung, die im Spiel vollführt werden soll, soll möglichst häufig im Training auftauchen. Dabei soll sie auch öfter auftauchen als Bewegungen, die seltener gemacht werden. Dies soll gewährleisten, dass man im Spiel danach handelt. Die Idee dahinter ist, dass die Spieler sich an dies gewöhnen und in ihren natürlichen Bewegungsablauf einbauen.

Welche Bewegungen trainiert werden, entstehen somit im Spiel und sind dann auch präziser ausgeführt. Taktisch bedeutet dies, dass viele Defensivübungen zu verstärktem Fokus auf die Defensive und zu besonders stabilen Abläufen in der Defensive führen. Physiologisch gibt es eine ähnliche Konsequenz. Wird immer das langsame Verschieben trainiert und nicht das intensive Pressing mit Sprintintervallen, dann wird im Spiel auch öfters langsam ohne Forechecking verschoben.

Das Prinzip der komplexen Progression bezieht sich auf das Voranschreiten innerhalb der Periodisierung des Spielmodells und einer Gliederung der Themenkomplexe. Dabei wird der geplante Fortschritt segmentiert. Wie trainiere ich über die Saison, wo will ich hin? Wie mache ich das im Wochenzyklus? Wie setze ich das im Training genau um?

Ein wichtiger Aspekt dieses Prinzips ist das Training der Defensive als fixem Ausgangspunkt, woraufhin die Umschaltmomente kommen. Die Logik dahinter: Steht die Null, kann man immer ein Tor machen. Gleichzeitig gilt die Offensive als etwas schwieriger und abstrakter zu trainieren, während die Defensive ohnehin das Fundament darstellt.

Das letzte Prinzip, nämlich jenes der taktischen Ermüdung und Konzentration, ist eine Variation der Intensität und des Volumens in den Trainingseinheiten. Auch hier werden nach dem Prinzip der Leistungsstabilität die Intensität und das Volumen nach einem vorher festgelegten Plan variiert. Der Grundgedanke ist, dass die Spieler körperlich und geistig überfordert werden, wenn immer mit hoher Intensität trainiert wird. Darum gibt es einzelne Trainingseinheiten mit einer geringeren Belastung taktischer Natur und andere mit einer größeren Belastung, um eine ideale Anpassung an die Belastungsmöglichkeiten der Spieler zu erreichen. Fehler gibt es auch, die wir in folgender Grafik aufgelistet sehen:

Methodologische Fehler bei der Nutzung der takt. Periodisierung.

Methodologische Fehler bei der Nutzung der takt. Periodisierung.

Was bedeutet die taktische Periodisierung?

Das Ziel und der Nutzen einer taktischen Periodisierung ist die Konzeptualisierung der Umsetzung einer Spielidee. Dabei wird durch eine Mischung aus taktisch-strategischen und trainings-/sportwissenschaftlichen Erkenntnissen ein klares Konzept geschaffen, welches zu möglichst hoher Effektivität führen soll. Mit diesem Konzept sollen die Grundprinzipien vermittelt werden.

Praktisch gesehen bedeutet dies: Der Spieler lernt die Antworten auf jene Fragen, die er auf dem Spielfeld beantworten muss. Wie reagiere ich in welcher Situation? Was mache ich? Was machen die anderen?

Ein Trainer, der diese trainingsmethodische Philosophie verfolgt, muss dabei unterschiedliche Eigenschaften mitbringen. Zuerst muss er die theoretischen Aspekte der taktischen Periodisierung beherrschen und die methodologischen Prinzipien verstehen. Auch eine angemessene Trainingsplanung der Morpho- beziehungsweise Mesozyklen, also der Periodisierung innerhalb einer Trainingswoche, muss vorhanden sein.

Ein originaler Morphozyklus nach Mourinho

Ein originaler Morphozyklus nach Mourinho

Kommt der Trainer mit diesem Wissen zu einem Verein, dann wird eine Ist-Analyse durchgeführt. Wo steht der Verein? Welche Spieler hat er? Wie sieht es mit den taktischen Grundlagen aus? Mourinho sprach zum Beispiel davon, dass die aktuellen Chelsea-Spieler nicht zu seinem geplanten Spielmodell passten, da sie zuvor einen zu hohen und unpassenden Defensivfokus hatten. Diese Strukturen müssen darum aufgebrochen und nach den eigenen Maximen neu erstellt werden.

In diesem Bild sehen wir auch, wieso Mourinho dies sagte; die Möglichkeiten und Charakteristiken sind ein Teil des umgesetzten Modells. (Bild vom Blog “Valeriy Formenkov”)

Nach dieser Bestandsaufnahme wird ein Spielmodell erstellt, welches einerseits die Philosophie von Trainer und Verein, andererseits auch die Möglichkeiten der Mannschaft und den kontextuellen Umständen (taktische und strategische Kultur in der Liga) widerspiegeln soll.

Danach werden die Morphozyklen praktisch vorbereitet, u.a. mit einer Analyse des Spielplans und mit unterschiedlichen Schwerpunkten der jeweiligen Spielphasen. Daraufhin kann mit der Umsetzung der Spielidee im Sinne der taktischen Periodisierung begonnen werden.

Ein Beispiel für eine Trainingsübung kann beispielweise so aussehen: Aufwärmen mit Arbeit am Ball, Training der Athletik im Verbund mit positionellen Bewegungen und einer Spielform, daraufhin ein Spielform mit Fokus auf die Spielphase „Ballbesitz“, einer Spielform zum Training des Umschaltmoments, Schussübungen im Verbund mit einer der Spielphasen und eine Cool-Down-Phase, normalerweise ebenfalls mit Ball.

Wie man sehen kann ist bei einer solchen Trainingsmethodik mehr Nähe zur praktischen Situation gegeben. Die Fitnessaspekte werden nicht isoliert betrachtet und werden im Verbund mit Taktik und Technik trainiert. Die Vorteile eines Trainings im Verbund mit dem Ball haben wir bereits in der ersten Ausgabe unseres Ballnah-Magazins unter dem Thema Fußballtraining mit Ballfokus diskutiert.

Ganz neu sind die Grundprinzipien aber nicht. Auch in den Niederlanden ist es ansatzweise vorhanden. Das Training nach den vier Phasen ist auch dort Bestandteil der Vermittlung, hat aber eine andere Konzeptualisierung.

Letztlich ist die taktische Periodisierung in ihrer Art und Weise wohl einzigartig. Sie verbinden den ganzheitlichen Ansatz nach Louis van Gaal mit einem variablen Spielmodell, welches die vier Aspekte der Psychologie, Technik, Taktik und Physis in einer untrennbaren Einheit verbinden.

Allerdings stimmen nicht alle dieser Methodik völlig zu. Jürgen Klopp, seines Zeichens erfolgreicher Trainer und diplomierter Sportwissenschaftler, äußerte sich einst wie folgt:

„Ein reines Training mit Ball ist ein Mythos. Nichts trainiert Laufstärke besser als Laufen, Laufen, Laufen.“

Auf dem Blog von Valeriy Formenkov gibt es noch viele weitere lesenswerte Artikel, lesenswert sind unter anderem auch folgende Zitate von José Mourinho, der sich in gewisser Weise für eine Art wellenförmige Periodisierung ausspricht (Zitat 5). Interessante Literatur findet man  dort ebenfalls mit Quellen, geistiger Urvater sind  die (leider vorrangig portugiesischen) Werke von Rui Faria, wie zum Beispiel:

Frade, V. (2003). Entrevista in F. Martins, (2003). A “Periodização Táctica“ segundo Vítor Frade: Mais do que um conceito, uma forma de estar e de reflectir o futebol. Porto: F. Martins. Dissertação de Licenciatura apresentada à Faculdade de Desporto da Universidade do Porto.

Für alle, die kein Portugiesisch können, gibt es die Ausgabe des Soccer Journal von May/Juni 2012. Die taktische Periodisierung wird dort auf Seite 28-34 behandelt, wo es dann auch ein schönes Literaturverzeichnis gibt.


Taktische Periodisierung | Praxisbeispiel Marco Henselings

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Der ganzheitliche Ansatz der „tactical periodization“


Die Viertelfinalisten der UEFA Champions League Saison 2005/06 stellten insgesamt 51 Südamerikaner, was etwa einem Viertel aller Spieler der besten acht Teams entsprach. Von diesen 51 Südamerikanern stammten 27 aus Brasilien und 15 aus Argentinien. Insbesondere auf den hinteren Positionen, sowie im Zentrum wurden diese Spieler bevorzugt eingesetzt.[1] Denn südamerikanische Spieler sind regelmäßig überdurchschnittlich ballsicher und waren in Europa lange Zeit für die kreativen Elemente im Aufbauspiel verantwortlich. Diese Spielertypen auf den hinteren und zentralen Positionen sind nötig, um die technisch und taktisch anspruchsvollen Offensivkonzepte der Teams umzusetzen.

Während die Südamerikaner mit finalen Pässen und per Dribbling für die Angriffsaktionen verantwortlich zeichneten, galt es für die Europäer, sich in Zweikämpfen zu behaupten und für Balleroberungen zu sorgen. Die physischen und defensivtaktischen Aspekte waren hierbei dominant. Diese unterschiedlichen Arten, das Fußballspiel zu betreiben, haben ihren Ursprung nicht zuletzt in den ebenso unterschiedlichen wirtschaftlichen und sozialen Umständen von Europa und Südamerika und den sich daraus ergebenden Ausbildungsmöglichkeiten: In Südamerika wird auf Straßen, Hinterhöfen und am Strand teils barfuß und ohne übergeordnetes Konzept gespielt; wohingegen in Europa auf gepflegten Rasenplätzen und ebenen Hallenböden stets mit Schuhen und strikter Organisation trainiert wird.[2]

Durch das spätestens seit 2008 fortschreitende Bewusstsein über ein kontrolliertes Aufbauspiel setzte sich auch in Europa die Erkenntnis durch, Jugendspieler vermehrt technisch und taktisch derart auszubilden, dass sie sich situativ und kreativ in hohem Tempo und unter großem Druck behaupten können, um auf diese Weise das Spiel zu diktieren. Indem in Räumen und mit Bällen von unterschiedlichen Maßen und Qualitäten trainiert wird, werden an die Spieler ähnliche Anforderungen gestellt, wie sie auf den Straßen- und Sandplätzen in Südamerika herrschen.[3] Auch die Art des Coachens und Instruierens veränderte sich und erlaubte es den Spielern fortan, eigenständig und kreativ Lösungen für Situationen zu finden, die weniger einer strikten Organisation unterliegen – oder überhaupt unterliegen können – sondern eine solche vielmehr mit beeinflussen und unterstützen.

In Spanien wird seit einigen Jahrzehnten der Fokus auf wesentliche Elemente des kollektiven Pressings und des Kurzpassspiels gelegt, wobei es insbesondere die hinteren Spieler sind, von denen die ersten Impulse für einen konstruktiven Spielaufbau ausgehen. In Deutschland hat dahingehend spätestens nach der EM 2000 ein Umdenken stattgefunden. Fortan wurde auch hier zunehmend auf technische und taktische Aspekte geachtet, die nicht über „Kampf und Willen“ verbessert werden konnten, sondern innovativer Trainingsmodelle bedurften.

So waren es in der Spielzeit von 2011/12 schließlich nur noch 42 (27 aus Brasilien, 11 aus Argentinien) und 2012/13 lediglich noch 35 Akteure, die aus Südamerika kamen (16 aus Brasilien, 9 aus Argentinien). Die in diesem Zeitraum dominierenden Mannschaften des FC Bayern München, Real Madrid und Barcelona wurden/werden dabei im zentralen Mittelfeld von Europäern geprägt; um genau zu sein: von Spaniern (Xabi Alonso, Busquets, Martinez, Iniesta, Xavi) und Deutschen (Schweinsteiger, Khedira, Özil, Kroos, Müller).

I. Grundüberlegungen

Vorreiter für die neuen Methoden in der Trainingsarbeit waren – wie so häufig in der Geschichte des Fußballs – die Niederländer und die Iberer. Beeinflusst von Louis van Gaal und gestützt von den wissenschaftlichen Erkenntnissen des portugiesischen Sportprofessors Vitor Frade, nutzt Jose Mourinho die Methode der taktischen Periodisierung. Diese basiert auf dem von van Gaal gepredigten ganzheitlichen Ansatz, nach welchem die einzelnen Aspekte von Technik (Definition von Technik siehe: differenzieller Lehrmethode), Taktik (Definition von Strategie und Taktik siehe: Exkurs) und Kondition nicht getrennt voneinander trainiert werden, sondern simultan.[4] Unter Kondition werden physische Gesichtspunkte (Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit, Beweglichkeit und Koordination) sowie psychische Aspekte (Motivation und Mentalität) verstanden.[5]

Jede einzelne Spielsituation, die im Laufe einer Partie entstehen kann, erfordert eine Entscheidung (taktischer Aspekt), eine daran anschließende motorische Fertigkeit (technischer Aspekt), welche eine entsprechende Bewegung verlangt (physischer Aspekt), die wiederum durch eine bewusst gewollte Emotion gesteuert wird (psychischer Aspekt).[6] Aus dieser logischen Verknüpfung von Technik, Taktik und Kondition lässt sich schließen, dass kein Aspekt einzeln und losgelöst trainiert wird oder überhaupt trainiert werden kann. Alle drei sind untrennbar miteinander verbunden, was in der Trainingspraxis adäquat berücksichtigt werden muss.

Vorab gilt es, eine Strategie festzulegen, aus welcher sich die einzelnen Anforderungen für Technik, Taktik und Kondition ergeben. Van Gaal und Mourinho erfassen dafür zunächst vier Spielmomente: den gegnerischen Ballbesitz (Defensive), den eigenen (Offensive) und die Übergangsphasen bzw. Umschaltmomente von Defensive auf Offensive und umgekehrt.[7]

Die vier Spielphasen

Die vier Spielphasen

Jeder Moment kann auf unterschiedliche Art und Weise umgesetzt oder gelöst werden; je nach strategischer Vorgabe. Es können zum Beispiel die grundsätzliche Höhe und Intensität des Pressings, sowie Orientierung hinsichtlich Ball, Raum und Gegner bei der Deckung während des gegnerischen Ballbesitzes variiert werden. In der Offensive wird regelmäßig entweder ein Positions- oder ein Vertikalspiel genutzt. Beim Umschalten von Offensive auf Defensive wird entweder direkt ins Gegenpressing gegangen oder sich sofort nach hinten orientiert. All diese Möglichkeiten, die einzelnen Spielmomente zu lösen oder umzusetzen, erfordern jeweils eigene technische, taktische und konditionelle Elemente.

So wird sich etwa im Umschaltspiel schneller bewegt; Pässe und Laufwege sind überwiegend vertikal ausgerichtet, was neben besonderen technischen Anforderungen auch konditionelle Folgen hat, weil intensiver Gelaufen wird. Im Positionsspiel hingegen sind die Bewegungen regelmäßig langsamer, der Ball wird in alle Richtungen rotiert, wodurch das Spielfeld insgesamt besser wahrgenommen und überblickt werden kann, während die technische Umsetzung des Passspiels grundsätzlich einfacher ist als beim Konter oder Vertikalspiel. Die Folge ist zwar ein vorerst weniger druckvolles, dafür aber kontrollierteres Spiel als das beim schnellen Umschalten der Fall ist.

II. Vermittlung der Lerninhalte

Da das Lehren und Lernen von Technik, Taktik und Kondition zeitgleich erfolgen soll, muss zwangsläufig spielnah trainiert werden. Der Ball ist dabei (fast) ständig im Einsatz. Um einen gewissen Spielstil bzw. eine Strategie zu vermitteln (z.B. schnelles Umschaltspiel; Abwehrpressing), werden im Training für den jeweiligen Stil typische Situationen extrahiert und inhaltlich verschärft, die von sich aus die erforderlichen technischen, taktischen und konditionellen Verhaltensweisen provozieren.

Die Lösung einzelner Spielsituationen kann sehr unterschiedlich ausfallen; je nach Strategie: Hat etwa ein zentraler Mittelfeldspieler (ZM) den Ball und blickt in Richtung des aus seiner Sicht anzugreifenden Tores, kann er von der Abwehr des Gegners entweder frontal unter Druck gesetzt werden, sodass ein Ballgewinn forciert wird; oder der vor ihm stehende Abwehrblock schiebt sich (ohne Druck zu erzeugen) enger zusammen und verengt das Zentrum derart, dass der ZM den Ball nach außen spielen muss, wo der Ball leichter unter Druck gesetzt werden kann. Jede dieser beiden Handlungsmöglichkeiten der Abwehr erfordert eigene Verhaltensweisen aller Spieler, die gemeinsam, einheitlich, geradlinig und konsequent umgesetzt werden müssen, um letztlich erfolgreich zu sein. Um dieses zwingend einheitliche (taktische) Verhalten des Kollektivs zu gewährleisten, gibt die Strategie den Rahmen vor.

In der Trainingspraxis kann und soll demnach weniger mit expliziten Erklärungen – etwa an der Taktiktafel – gearbeitet werden, als vielmehr in spielnaher Situationsorientierung. Denn an der Taktiktafel kann zum einen die enorme Anzahl an möglichen Situationslösungen nur schwer vermittelt werden; zum anderen können auch die psychischen Aspekte, sich emotional auf eine Spielsituation einzustellen, kaum an der Taktiktafel gelehrt und erarbeitet werden.

Damit all diese Aspekte tatsächlich umgesetzt werden können, gibt es unter anderem die Möglichkeit, die taktische Periodisierung mit der differenziellen Lehrmethode und dem impliziten Lernen zu verbinden.

1. Differenzielle Lernmethode

Jede Sportart zeichnet sich durch bestimmte Bewegungen bzw. Bewegungsabläufe zur Vornahme disziplinspezifischer Handlungen aus, um Situationen aufzulösen. Diese Bewegungen sollen durch Technik- und Koordinationstraining verbessert werden, sodass der Sportler die nötigen Handlungen technisch korrekt ausführt. Je besser die Technik des Athleten ist, desto größer wird der Erfolg, auch im Hinblick auf die Umsetzung der Taktik, sein.[8]

Unter der Technik versteht man ausgebildete motorische Fähig- oder Fertigkeiten, die zur richtigen Ausübung einer Handlung unter bestimmten Bedingungen notwendig sind.[9] Mit der Technik in der Defensive sind Handlungen wie das Tackling, Abwehrfinten oder das Laufen und Abdrängen in Bezug auf den gegnerischen Ballführer gemeint. In der Offensive werden der Pass, das Dribbling, sowie die allgemeine Ballkontrolle unter dem Begriff der Technik verstanden.

Grundsätzlich ist eine gute Koordination und Beweglichkeit ausschlaggebend für die Technik. In Verbindung mit (taktischen) Erfahrungswerten werden so ökonomische Lauf- und Krafteinsätze bei Angriffs- und Abwehrhandlungen gewährleistet. Damit ist es von unschätzbarem Wert, das Techniktraining in spielnahen Übungsformen vorzunehmen, um so neben der Verbesserung der Technik auch die Erfahrungswerte zu erhöhen.

a) theoretische Vorüberlegungen

Zur Verbesserung der Technik gibt es zwei vorherrschende Lehrmethoden, die unter-schiedlichen Ansätzen folgen. Der differenzielle Lernansatz bildet das Gegenmodell zu der konservativen Trainingsmethode des motorischen Wiederholens; das sogenannte „Einschleifen“. Während es beim ständigen motorischen Wiederholen darum geht, ein bestimmtes technisches Bewegungsideal ohne Fehler anzutrainieren, kommt es beim differenziellen Lernansatz insbesondere zu einer Neubewertung ebenjener Bewegungsfehler (Schwankungen). Diese Fehler, die nach traditionellen Trainingsmethoden zu vermeiden sind, werden beim differenziellen Lernansatz bewusst in den Trainingsprozess integriert.

Der differenzielle Lernansatz folgt dabei zwei Grundideen: Bewegungen unterliegen ständigen Schwankungen und können nicht (exakt) wiederholt werden. Darüber hinaus sind Bewegungen individuell bzw. personenspezifisch, was bedeutet, dass sich niemand auf die gleiche Weise bewegt wie ein anderer Mensch.

Bei traditionellen Lernmethoden hingegen wird eine schrittweise Annäherung an ein vorgegebenes Ziel durch entsprechend hohe Wiederholungszahlen mit ständigem Soll-Ist-Vergleich angestrebt. Dabei soll die Abweichung vom Ideal nach und nach verringert werden, bis die Zieltechnik erreicht ist. Diese angestrebte Zieltechnik muss jedoch im Fußball in Bezug auf die ständig wechselnden Anforderungen von Raum-, Gegner- und Zeitdruck, sowie äußerer Umstände (Bsp.: Wetter, Platzverhältnisse) angepasst werden und lässt ferner die individuelle Motorik außer Acht, sodass die Anwendung der reinen Zieltechnik nur selten oder nie stattfindet.

Zwar werden gute Bewegungsleistungen zweifellos mit sämtlichen Lern- und Trainingsansätzen erzielt. Entscheidende Unterschiede ergeben sich aber in Bezug auf die Dauer, bis das Ziel erreicht wird – die so genannte Lernrate (Lernfortschritt pro Zeit) – und die Dauer, über die das Gelernte behalten wird. Ausschließliches Wiederholen enthält dabei immerhin ein Mindestmaß an Verbesserungen, dafür jedoch auch auf die Dauer nur eine relativ geringe Lernrate und nur einen stark begrenzten Zeitraum, in dem das Gelernte weiterhin im Gedächtnis bleibt. Sowohl die Verbesserungen als auch die Lernraten nehmen laut bisherigen Studien beim differenziellen Lernen zu.[10]

Durch das ständige Konfrontieren mit unterschiedlichen Aufgaben (Differenzen) soll die Fähigkeit, sich an neue Situationen im Bereich des Lösungsraums schneller adäquat zu reagieren, erlernt werden. Bei der differenziellen Lernmethode handelt es sich demnach um einen Ansatz, der die Adaptionsfähigkeit auf sämtlichen Ebenen von Technik, aber auch Taktik und Kondition in ganzheitlicher Form ausbildet und fördert.

Der Zielbereich der jeweiligen Technik wird bei der differenziellen Lernmethode also nicht mehr als eng und stabil betrachtet, sondern als weiter Lösungsraum, innerhalb dessen sich die optimale Lösung in jeder Situation ändert und niemals wiederholt. Durch den differenziellen Lernansatz wird auch der Randbereich des Lösungsraums abgetastet, was dazu führt, dass mehrere Aspekte von technisch-taktischen Bereichen automatisch (mit)geübt werden. Somit wird nicht die theoretisch optimale und konkrete Lösung (Idealtechnik) geübt und „gegen Lösungen anderer Bewegungsgegenstände stabil gemacht“, sondern ein möglicher Lösungsraum umkreist, der es dann erlaubt, die auf jeden Fall neue und situativ optimale Lösung auszuführen.[11]

Ferner muss man davon ausgehen, dass eine reine Befolgung der klassischen Lehr- und Lernmodelle weniger zu Neuerungen in den technischen Aspekten des jeweiligen Sports führen (Bsp.: Die Technik des Flops löst die „Schere“ beim Hochspringen ab), weil man eben kaum oder gar nicht vom Schema abweicht. Da immer ein allgemeingültiger Soll-Zustand angestrebt wird, findet vom strikten Weg dorthin keine Abweichung statt, sodass auch keine neuen – und möglicherweise besseren – Lösungsansätze gesucht werden. Innovative Neuerungen sind in der Bewegungslehre jedoch häufig dann erfolgt, wenn die Athleten sich eben nicht an die klassischen Lernmodelle gehalten haben.

b) praktische Anwendung

In Torschussübungen können dem Schützen unterschiedliche Vorgaben gemacht werden, die bewusste Fehler/Schwankungen in den Bewegungsabläufen bedeuten sollen. Dabei werden sechs Kategorien zur Erzeugung von Schwankungen erfasst:

1. Anlauf: Sidesteps, Anfersen, Kniehebelauf, Hopserlauf, Zick-Zack, Schlusssprung (mit Koordinations-/Konditionsformen verbinden)

2. Situation: Ball ruht, Ball rollt (von vorne entgegen, von der Seite herein), Ball wird gedribbelt, Gegnerdruck (Gegner läuft von der Seite ein, greift frontal an), Ball springt

3. Standbein: vor oder hinter dem Ball, Fußspitze zeigt nach innen oder außen, auf Ballen oder Ferse stehen

4. Oberkörper: Armhaltung (nach oben, unten, vorne, hinten, zur Seite gestreckt; kreisend; Kombination), Kopfhaltung (zur Seite geneigt), Oberkörperlage (bei hohen Schüssen Oberkörper nach vorne beugen & umgekehrt)

5. Schussbein: Ausholbewegung nach hinten außen, gestrecktes Kniegelenk, nach Schuss sofort abstoppen, nur zur Hälfte ausholen

6. Zusatz: ein Auge schließen, Blinzeln, Trefferzone am Tor vorgeben

Keine Vorgabe soll wiederholt werden, sondern kommt nur einmal vor.

Schwankungen können darüber hinaus auch und vor allem in Spielformen erzeugt werden. In solchen herrscht stets Gegnerdruck, der dafür sorgt, dass die theoretische Idealtechnik praktisch nicht umgesetzt werden kann. Es werden also spielnahe Schwankungen erzeugt, die zu einer entsprechend spielnahen und -relevanten Technik führen. Zu diesen gemäß dem differenziellen Lernansatz die Technik beeinflussenden Faktoren gesellt sich eine automatische, zum Teil unbewusste Auseinandersetzung mit den taktischen Gegebenheiten und Erfordernissen des Spiels, wodurch eine simultane Förderung von Technik und Taktik stattfindet. Die zuvor erwähnten Erfahrungswerte werden auf diese Weise mittrainiert.

2. implizites Lernen

Einst sprach Konfuzius: „Erkläre es mir und ich werde es vergessen. Zeige es mir und ich werde mich (vielleicht) erinnern. Lass es mich selber tun und ich werde es verstehen.“ Diesem Leitgedanken folgt das implizite Lernen.

Unter implizitem Lernen wird die unbewusste oder spielerische Aneignung von Fertigkeiten und Wissen beim Ausüben einer Tätigkeit verstanden. Das Lernen findet dabei in Situationen statt, in denen Strukturen einer komplexen Reizumgebung verarbeitet und aufgefasst werden, ohne dass dies vom Lernenden notwendigerweise bewusst wahrgenommen oder beabsichtigt wird. Das daraus resultierende Wissen ist schwer zu verbalisieren.[12]

Dem impliziten Lernen steht das explizite Lernen gegenüber. Dieses erfolgt durch bewusste Aufnahme von Informationen; regelmäßig verbal.

Um Spielern eine Spielidee, eine bestimmte Strategie oder taktische Elemente zu vermitteln, reicht es nicht, sie theoretisch und explizit zu instruieren. Die Praxis ist zu komplex, als dass jede Situation einzeln erfasst und verbal (z.B. an der Taktiktafel) ausgewertet werden könnte. Zudem obliegt die jeweilige Lösung von einzelnen Spielsituationen auch stets den technischen Fertigkeiten der Spieler, sodass dieser Aspekt zeitgleich mit der taktischen Komponente trainiert werden muss. Die Spieler sollen dazu im Training einer großen Anzahl an Spielsituationen ausgesetzt werden, um entsprechende Probleme und Herausforderungen praxisnah zu lösen. Dabei obliegt es dem Trainer, die Umstände und Parameter der einzelnen Übungs- und Spielformen derart zu beeinflussen, dass die gewünschte Strategie und die situative Umsetzung der Taktiken und der dafür notwendigen Techniken von den Spielern verinnerlicht werden. Dies sollte im Optimalfall überwiegend praktisch durch implizites Lernen der Spieler stattfinden, wobei nur punktuell gecoacht, also explizit korrigiert wird.

a) allgemeine Variationen

Gibt man etwa den kontrahierenden Trainingsmannschaften in einer Spielform vor, sie sollen 10 Sekunden nach Ballgewinn zum Torabschluss kommen, wird damit das schnelle Spiel in die Spitze, sowie das schnelle Umschalten beider Teams forciert. Das konternde Team wird dadurch in Situationen „gezwungen“, in denen es vorwiegend vertikale Pässe spielen muss. Solche haben ein schlechteres Blickfeld des Ballempfängers und eine schwierigere Passverarbeitung zur Folge, weshalb er vorab sein Umfeld wahrnehmen muss. Erforderlich ist zudem ein hohes Tempo, sodass auch die konditionellen Komponenten des schnellen Umschaltspiels trainiert werden. Ein höheres Tempo führt ferner zu einer schwierigeren Ballbehandlung, was gemäß dem differenziellen Lernansatz Schwankungen zur Folge hat, die sich direkt auf die Technik auswirken. Auf diese Weise werden die für Kontersituationen typischen technischen, taktischen und konditionellen Anforderungen geschult.

Die Begrenzung der Anzahl individueller Ballkontakte in den Spielformen soll das Passspiel forcieren, weil die Spieler ohne Ball zwingend dazu angehalten sind, Lösungen schneller anzubieten, während der Spieler in Ballbesitz in die Lage versetzt wird, Lösungen schneller zu finden. Die Änderung der Anzahl an individuellen Ballkontakten beeinflusst demnach das allgemeine Passspiel hinsichtlich Taktik (Anbieten zum Ball, Wahrnehmen von Passoptionen) und Technik (Ausführung des Passes).

Die veränderbare Begrenzung der Spielfeldgröße beeinflusst die Spielintensität. So kann etwa der Ball in kleinen bzw. engen Feldern schneller unter Druck gesetzt werden. Das hat starke Auswirkungen auf die Kondition im Hinblick auf die Beweglichkeit und Koordination. Auch das Zweikampfverhalten erfährt hier eine besondere Wichtigkeit. All das hat natürlich eine Schulung der allgemeinen Technik zur Folge, weil die jeweiligen Anforderungen in engen Räumen höher als gewöhnlich sind. In größeren Räumen spielt eine kluge Raumbewertung und -aufteilung eine große Rolle, um einerseits in Ballnähe den Raum zu verengen; gleichzeitig darf andernorts kein nutzbarer Freiraum für den Gegner entstehen.

Neben der Größe kann auch die Qualität des Spielfeldes (Halle, Natur- oder Kunstrasen, Sand, Asche), und/oder die Größe und Qualität der Bälle verändert werden. Bälle der Größe 4 oder Futsalbälle sind kleiner und weisen jeweils ein anderes Gewicht und Sprungverhalten auf als gewöhnliche Fußbälle der Größe 5, sodass die Spieler sich bei der Ballführung umstellen müssen. Unterschiedliche Qualität von Bällen und Spielfeldern wirkt sich direkt auf die allgemeine Technik aus.

Kombiniert man mehrere Vorgaben miteinander, entsteht ein hochkomplexes und kompliziertes Spielreglement, welches auch die Konzentration der Akteure fordert und fördert und so vor allem Auswirkungen auf die psychischen Aspekte der Kondition hat.

b) spezielle Variationen

Um entsprechend der vorgegebenen Strategie die passenden Umstände zu schaffen, muss der Trainer ein hohes Maß an taktischem Verständnis aufweisen, um die gewünschten und notwendigen Zielsetzungen umsetzen zu können. Will man ein schnelles Spiel in die Spitze erreichen, wäre es demnach falsch, wenn alle Spieler der ballbesitzenden Mannschaft vor Torabschluss den Ball berühren sollen. Bevorzugt man hingegen einen kontrollierten Spielaufbau mit vielen Pässen, empfiehlt sich eine solche Vorgabe.

Aufbau der Periodisierung der Taktik

Aufbau der Periodisierung der Taktik

Den angestrebten Spielstil bzw. die angestrebte Strategie zu vermitteln, stellt sich ergo als überaus komplexes Unterfangen dar, weil zahllose Elemente berücksichtigt werden müssen, die man an der Taktiktafel unmöglich abhandeln kann, sodass die Spieler sie verinnerlichen. Darum werden die einzelnen Spielelemente extrahiert, welche wiederum in kleinere Partikel aufgeteilt werden. Diese Elemente und Partikel werden in der praktischen Trainingsarbeit geschult.

Gibt man für den Moment des Umschaltens von Offensive auf Defensive die Maßgabe vor, sich nicht nach hinten zu orientieren, sondern gleich ins Gegenpressing zu gehen, werden zunächst die logischen Verhaltensweisen und Ziele zur Umsetzung desselben erfasst. Diese sind das kompakte Organisieren zwischen dem Ball und dem eigenen Tor, sowie das Zwingen des gegnerischen Ballführers, das Spielgerät nach hinten passen zu müssen. Dazu haben sich sämtliche Spieler gedanklich darauf einzustimmen, an der Verteidigung und der Ballrückeroberung teilzunehmen. Um sich kompakt hinter dem Ball zu organisieren, muss sich entsprechend im ballnahen Raum orientiert und kommuniziert werden, damit keine freien Räume für den Gegner offen sind.[13]

Der Zweck dieser Aufteilung der Strategie und ihrer zielführenden Zwischenschritte ist es, die komplexen Situationen für die Spieler gedanklich zu vereinfachen. Somit kann auf die einzelnen Elemente im Training gesondert und detailliert eingegangen werden. Dabei erfahren die jeweiligen Aspekte je nach gewollter Strategie unterschiedliche Gewichtungen (Wird ein ausgeprägtes Passspiel bevorzugt, werden Dribblings vernachlässigt). Im Ergebnis werden die einzelnen Puzzleteile wieder zusammengeführt und ergeben den ursprünglich angestrebten Spielstil.

aa) Vertikalspiel

Das schnelle Umschaltspiel von Defensive auf Offensive erfordert beispielsweise vertikale Pässe und ein hohes Lauftempo, sowohl mit als auch ohne Ball am Fuß. Die 10-Sekunden-Regel sorgt für die Vermittlung dieser beiden taktischen Zwischenziele, weil schnell Richtung gegnerisches Tor gespielt werden muss, um innerhalb des engen Zeitfensters zum Abschluss zu kommen. Strebt man also ein schnelles Umschalten an, muss der Fokus auf ein geradliniges Angriffsspiel gelegt werden. Rückpässe zur Ballsicherung sind dafür hinderlich, weil sie dem Gegner die Gelegenheit geben, sich wieder neu zu ordnen, um so mögliche Freiräume zuzustellen. Diese Art der Sicherung nach Ballgewinn sollte demnach im Training vernachlässigt werden, wenn man Konter vermitteln will.

bb) Ballbesitzspiel

Die Strategie, den eigenen Ballbesitz mittels eines ausgiebigen Kurzpassspiels zu sichern und den Ball kontrolliert vorzutragen, erfordert die taktischen Zwischenziele der Bildung von Dreiecken, sowie kurze individuelle Ballbesitzzeiten. Dadurch wird der Ball schnell und flüssig in den eigenen Reihen rotiert, wodurch es dem Gegner erschwert wird, diesen zu erobern. Als Schritte zu diesen Zwischenzielen sind Geduld und innere Ruhe sowie die (schnelle) Wahrnehmung über die Position der eigenen Mitspieler wesentliche Faktoren.

Für die Umsetzung dieser taktischen Inhalte ist es grundsätzlich ratsam, Spielformen ohne Tore zu wählen. Denn so gibt es keine feste Richtung, in die der Ball vorgetragen werden muss. Das schnelle Spiel in die Spitze weicht der ausgiebigen Ballrotation, wodurch etwa die 10-Sekunden-Regel wegfällt. Stattdessen muss primär der Ball gesichert werden, wobei sämtliche Richtungen zu nutzen sind. Weil ein Kurzpassspiel technisch anspruchsvoll ist, empfehlen sich enge Spielfelder, um hohe Schwankungen durch ständigen Gegnerdruck zu erzeugen.

Um nach all diesen Aspekten zu trainieren, empfiehlt sich grundsätzlich das sogenannte „el Rondo“. Bei dieser Form stehen (mindestens) drei Spieler in Ballbesitz in einem Dreieck und passen sich den Ball zu, während ein defensiver Spieler in der Mitte versucht, den Ball zu erobern. Hat er das geschafft, wechselt er zum offensiven Team und derjenige, der den Ball verloren hat, geht in die Mitte und muss nun selbst den Ball erobern. Diese Spielform geht auch im 4-gegen-1, 4-gegen-2, 5-gegen-2 und so weiter:

Mögliche Rondo-Varianten

Mögliche Rondo-Varianten

Dabei kann auch ein zusätzlicher Spieler der offensiven Mannschaft in die Mitte gestellt werden, um zwischen den Verteidigern eine zusätzliche Anspielmöglichkeit zu schaffen:

Variante mit zusätzlichem Spieler in der Mitte

Variante mit zusätzlichem Spieler in der Mitte

Das „el Rondo“ ist ein reines Positionsspiel, in dem es darauf ankommt, in einem stark abgegrenzten Raum den Ball gegen einen zahlenmäßig unterlegenen Gegner durch kurze schnelle Pässe in unterschiedliche Richtungen zu sichern. Es vermittelt also das Prinzip der eigenen Überzahl in Ballnähe, um so den Ball zirkulieren lassen und ihn vor dem Gegner behaupten zu können. Das Bilden von Kurzpassdreiecken ist für eine erfolgreiche Umsetzung dieses Positionsspiels unerlässlich.

Während das el Rondo in vielen unterklassigen Vereinen nur eine Alternativübung ist, um die Intensität des Trainings zu mildern, stellt es für den FC Barcelona und den Trainer Pep Guardiola eine Art Leitmotiv dar, um die Grundprinzipien des Kurzpassspiels zu üben. Dabei nutzen Barca und Guardiola zahlreiche Variationen des el Rondo, um immer wieder neue Schwankungen zu erzeugen.

Eine der möglichen Variationen ist das Spiel in sechs Zonen (in einem 30m x 20m-Feld). Es spielen zwei Teams zu circa je 6-8 Spielern gegeneinander.

Sechs-Zonen-Spiel

Sechs-Zonen-Spiel

Das Ziel ist, möglichst viele Zonen zu bespielen. Werden z.B. vier Zonen bespielt, erhält das jeweilige Team einen Punkt. Wurde ein Punkt erzielt, geht das Spiel ohne Unterbrechung weiter.

Dass eine Zone „bespielt“ ist, bedeutet, dass sich zwei Spieler derselben Mannschaft in einer Zone den Ball mindestens einmal zugepasst haben. Ein Pass von einer Zone in die Nächste zählt hingegen nicht als „bespielt“! Es dürfen höchstens drei Spieler der ballführenden Mannschaft zeitgleich in der Ballzone stehen. Von der defensiven Mannschaft dürfen höchstens zwei Spieler in der Ballzone agieren. Stehen mehr als drei Spieler der offensiven oder mehr als zwei Spieler der defensiven Mannschaft in der jeweiligen Ballzone, erhält die jeweils andere Mannschaft einen Punkt.

Die Ballzone stellt einen geschlossenen Raum dar, in welchem höchstens 5 Spieler (3 offensive + 2 defensive) zugleich stehen dürfen. Dies müssen sich die Spieler bewusst machen, um nicht in Hektik zu verfallen. Denn der ballnahe Raum wird regelmäßig sehr eng wirken. Dabei ist aber nicht der Raum entscheidend, sondern lediglich die Zone, in der der Ball ist. Eine ruhige Spielweise ist daher unabdingbar. Die Spieler müssen sich gegenseitig coachen und genau beobachten, wo die Mitspieler stehen, um nicht zu viele Spieler in der Ballzone zu haben. Trotzdem muss darauf geachtet werden, dass stets genügend Spieler in Ballnähe sind, damit die ballnahen Zonen jederzeit optimal besetzt werden können. So hat die jeweils offensive Mannschaft stets die Möglichkeit, schnell eine eigene Überzahl in der Ballzone herzustellen.

Mit dieser Übungsform kann das Kurzpassspiel stark forciert werden. Es wird auf sehr engem Raum agiert, in welchem permanent großer Gegnerdruck herrscht, was gemäß der diff. LM Schwankungen erzeugt und so zu Fortschritten hinsichtlich der Technik führt. Der enge Raum führt nach dem impliziten Lernen dazu, dass die Spieler schnellstmöglich Passoptionen für den Ballführer anbieten müssen, während dieser die eigenen Mitspieler in Hilfestellung schnell wahrnehmen muss. Weil nur eine begrenzte Anzahl von Spielern derselben Mannschaft zugleich in der jeweiligen Ballzone sein darf, erfährt die Position der eigenen Mitspieler eine besondere Aufmerksamkeit. Dies sind allesamt Grundvoraussetzungen, um Dreiecke optimal zu bilden.

3. Zusammenfassung

Das vom Trainer gesteuerte Entdecken des Fußballspiels in situationsorientierten Spielformen ist nach momentanen Erkenntnissen die bestmögliche Lehrweise. Mit ihr stimuliert und führt der Trainer die Spieler durch offene und geschlossene Fragen zur Lösung eines bestimmten Problems. Er gibt ihnen konkludent zu verstehen, dass der Fußball im Kopf beginnen muss, bevor die Aktion auf dem Spielfeld mit dem Fuß beendet wird. Damit wird der Spieler zum Hauptdarsteller des Lern- und Lehrprozesses, während früher der Coach als Lehrautorität im Mittelpunkt des Trainings stand. Um spezifische Fragen stellen zu können, die die Spieler beantworten müssen, sollten Trainer von jeder vereinfachten Spielform die Lern- und Lehrziele für die einzelnen Spielmomente kennen und diese systematisch abarbeiten.

Die taktische Periodisierung gibt dafür den methodischen Rahmen vor: Die komplexen Strategien und Taktiken werden systematisch in die einzelnen Elemente aufgeteilt und entsprechend in spielnahen Übungsformen detailliert trainiert. Denn insbesondere in Spielformen können die Anforderungen und Rahmenbedingungen derart variiert werden, dass vielfältige Schwankungen provoziert werden, wodurch eine große Lernrate, sowie ein großes Lernpotenzial für Technik, Taktik und Kondition entstehen. Taktische Zielsetzungen erfordern eigene technische Voraussetzungen, die durch Provokation spezieller Schwankungen trainiert werden können.

Durch die differenzielle Lehrmethode in Verbindung mit dem impliziten Lernen werden neben den Vorteilen im Hinblick auf die Verbesserung der technisch-taktischen Fähigkeiten auch strukturelle, motivationale und inhaltliche Vorzüge erreicht:

1.)    Abwechslungsreicheres Üben und Trainieren

2.)    Ökonomisierung des Lern- und Übungsprozesses

3.)    Erhöhung der Übungs- und Trainingsqualität

4.)    Ergänzungsmöglichkeiten zu traditionellen Trainingsansätzen

5.)    ggf. bieten sich zunächst Kombinationsformen von traditionellen und system-dynamischen Ansätzen an

Jede Variation der Parameter oder Umstände in den Trainingsspielformen hat zur Folge, dass sich die Spieler auch (teilweise unbewusst) gedanklich mit dem Spiel auseinandersetzen müssen, weil sie neue und spezifische Lösungen finden müssen. Technik und Taktik stehen dabei stets in einem nicht zu trennenden Zusammenhang. Dieser Lernprozess wird überwiegend ohne explizite, also intellektuell-theoretische Vorgaben vollzogen.

In heutigen Lehrmethoden ist der Spieler also nicht mehr bloß Ausführender der Anweisungen seines Trainers. Dieser regt seine Spieler stattdessen dauernd zum Denken an, damit sie lernen, selbst richtige Entscheidungen zu treffen. Auf diese Weise wird der Spieler unabhängiger von den Hinweisen seines Trainers. Klassische Lehrmethoden haben regelmäßig einen schnellen gedächtnisbedingten Abfall der Leistung auf das ursprüngliche Ausgangsniveau zur Folge. Anstatt also Instruktionen zu geben, die schnell vergessen werden, erlaubt der Trainer den Spielern, eigene Erfahrungen zu sammeln, die dadurch stärker im Langzeitgedächtnis gespeichert werden.

III. Periodisierung

Die Trainingsarbeit richtet sich nicht nur nach den für die Strategie erforderlichen technisch-taktischen Inhalten, sondern auch nach der Leistungsfähigkeit im Hinblick auf die konditionellen Aspekte von Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit. Im Verlauf einer Saison und innerhalb einer Trainingswoche sind die körperlichen Voraussetzungen der Spieler niemals gleich, sondern schwanken stetig. Durch Periodisierung der Trainingsinhalte und -intensität soll den Spielern ausreichend Gelegenheit gegeben werden, sich zu erholen, um im Wettkampf höchstmögliche Leistung erbringen zu können.

1. wöchentliche Periodisierung der Kondition

Ausgehend von einem Spiel und 3-4 Trainingseinheiten pro Woche werden drei Trainingseinheiten dazu genutzt, die konditionellen Elemente (intensiv) zu fördern. Mindestens zwei Tage werden der (zum Teil aktiven) Erholung gewidmet. Diese Erholung erfolgt jeweils direkt vor und nach dem Spiel. Ist also das wöchentliche Wettkampfspiel an einem Samstag, findet am Sonntag grundsätzlich kein Training statt. Am Tag vor dem Spiel (hier: Freitag) sollte – sofern überhaupt trainiert wird – die Intensität allenfalls niedrig gehalten werden.

Für die Tage Dienstag, Mittwoch und Donnerstag hat das zur Folge, dass intensiv trainiert wird, wobei die drei physischen Aspekten der Kondition besondere Aufmerksamkeit erfahren. So wird etwa am Dientag die Kraft in den Fokus gestellt, Mittwoch die Ausdauer und am Donnerstag schließlich die Schnelligkeit. Während die technisch-taktischen Inhalte je nach Notwendigkeit und Fähigkeit der Mannschaft variieren, bleibt die Fokussierung der einzelnen konditionellen Elemente zumindest in der Wettkampfphase der Saison stets gleich.

2. saisonale Periodisierung der Kondition

Nicht nur innerhalb einer Trainingswoche wird periodisiert, sondern auch im gesamten Saisonverlauf. In der Vorbereitungsphase werden die konditionellen Grundlagen wieder aufgebaut, die in der Sommer- oder Winterpause verloren gegangen sind. Anschließend findet eine Übergangsphase statt, in der die Intensität zunehmend erhöht wird, um die Kondition auf das nötige Niveau für den Wettkampf zu bringen. Während der Wettkampfphase wird die Trainingsintensität möglichst gleichbleibend beibehalten. Denn durch das stark spielnah ausgerichtete Training und die zu berücksichtigen Erholungsphasen vor und nach dem Spiel, wird der Körper in einen einheitlichen Rhythmus gebracht, sodass kein großer Leistungsabfall droht.

3. Periodisierung der taktischen Inhalte

Auch die für die angestrebte Strategie notwendigen Taktiken und dazugehörigen Techniken werden periodisch geübt und gefestigt. Grundsätzlich sollte dem Verhalten im Moment des gegnerischen Ballbesitzes in der Saisonvorbereitung die erste Aufmerksamkeit gewidmet werden. Eine defensive Stabilität bildet das Grundgerüst eines kontrollierten Spiels, auf dem sich alle weiteren technischen und taktischen Zielsetzungen aufbauen lassen.

Ferner sollten in der Saisonvorbereitung die Grundlagen des gewollten Spielstils vermittelt werden, damit die Spieler die Ideen und Vorstellungen des Trainers kennenlernen und verstehen. Hier ist vor allem die jeweils psychische Komponente entscheidend, damit die Spieler instinktiv die gewollte Strategie anwenden. Ist dies gelungen, lassen sich die detaillierten taktischen Fortführungen auf dem Weg zur Gesamtstrategie leichter umsetzen.

In der Wettkampfphase richten sich die einzelnen zu erweiternden Aspekte von Technik und Taktik nach den Anforderungen bestimmter Gegner und nach den Erfordernissen der eigenen Mannschaft. Diese offenbaren sich in der Leistung des Teams in den jeweiligen Spielen. Damit findet in der Wettkampfphase – im Gegensatz zur Periodisierung der Kondition – eine Änderung der einzelnen taktischen Inhalte in Abhängigkeit der im Wettkampf gezeigten und erforderlichen Leistungen statt.

4. Zusammenfassung

Das Ziel der Periodisierung ist zum einen, in den Vorbereitungsphasen von Sommer und Winter ein wettkampfgeeignetes Niveau hinsichtlich Technik, Taktik und Kondition zu erlangen, um den gewünschten Spielstil zu erreichen. Das zweite Ziel der Periodisierung ist die Beibehaltung des wettkampfgeeigneten Niveaus. Während sich die technisch-taktischen Inhalte im Training nach den Fähigkeiten der Mannschaft richten, bleiben die konditionellen Inhalte und Intensitäten zumindest in der Wettkampfphase gleich, um die körperliche Verfassung der Spieler kontinuierlich beizubehalten.

IV. Fazit

Die taktische Periodisierung gibt zunächst vor, wie die technisch-taktischen Inhalte des Fußballs nach dem ganzheitlichen Prinzip derart vermittelt werden können, dass daraus die angestrebte Spielstrategie erwächst. Zum anderen werden die einzelnen Inhalte je nach Gewichtung und Relevanz im saisonalen Trainingsverlauf periodisiert, damit die Spieler ein wettkampfgerechtes Level erreichen und es schließlich auch beibehalten können.

Der Spielstil bzw. die Strategie gibt die technisch-taktischen Inhalte vor, wobei in der Saisonvorbereitung zunächst die Defensive im Fokus steht. Von einer gesicherten Abwehr lassen sich die übrigen Zwischenschritte der einzelnen Spielmomente angehen, die auf dem Weg zur Erreichung der Gesamtstrategie notwendig sind. Jeder relevante Zwischenschritt muss dafür extrahiert und spezifisch geübt werden, wobei ferner hohe Schwankungen erzeugt werden, um neben den taktischen Aspekten auch die technischen Anforderungen zu trainieren.

Jedes einzelne Element wird in seine (gedanklichen) Einzelteile zerlegt und zielgerichtet angegangen. Dem Zufall wird mit aller Kraft entgegengewirkt, wobei die Fähigkeiten der Spieler und der Mannschaft stets der Richtwert für die Trainingsarbeit sind. Aus all dem folgt, dass keine Mittel genutzt werden, die die Spieler (noch) nicht meistern können (Bsp.: Kontermannschaft soll fortan auf Ballbesitz spielen) oder ihnen schaden würden (Bsp.: Straftraining nach verlorenem Spiel).

Exkurs: Strategie & Taktik im Hinblick auf Planung und Umsetzung

In Diskussionen um Taktik und Strategie kommt es immer wieder zu Missverständnissen, deren Ursache vor allem im unterschiedlichen Verständnis dieser beiden Begriffe liegen. Daher ist es unabdingbar, dass beide Termini korrekt und – zumindest im Kern – einheitlich verstanden werden.

Bei der Taktik handelt es sich um alle organisierten Maßnahmen, die darauf ausgerichtet sind, die Spielziele situationsorientiert zu erreichen. Die Situationsorientierung bezieht sich auf die durch den Gegner beeinflussten Umstände von Raum- und Zeitdruck während des Spiels.

Die Strategie ist die grundsätzliche langfristige Verhaltensweise, die ohne Berücksichtigung des Gegnerverhaltens vorgegeben wird. Anstelle von Strategie können auch die Begriffe (Spiel-)Stil, Ausrichtung oder Plan verwendet werden.

Der polnische Schachgroßmeister Savielly Tartakower (1887-1956) formulierte den Unterschied folgendermaßen: „Der Taktiker muss wissen, was er zu tun hat, wenn es etwas zu tun gibt; der Stratege muss wissen, was er zu tun hat, wenn es nichts zu tun gibt.

So wäre etwa das Ziel, bei eigenem Ballbesitz möglichst schnell zum Abschluss zu kommen, die Strategie. Die Mittel zur Umsetzung dieser Strategie (z.B. vertikale Pässe) stellen die Taktik dar.

Kein Plan überlebt die erste Feindberührung.“ Dieses Zitat vom preußischen Generalfeldmarschall und Chef des Generalstabes, Helmuth Karl Bernhard von Moltke, verdeutlicht, in wie fern Strategie und Taktik zusammenhängen. Den – um im Militärjargon zu verbleiben – Unterführern (als solche sind die Spieler unbedingt anzusehen) wird weitgehende Handlungsfreiheit in der Durchführung des Kampfauftrages gewährt. Sie haben vor Ort den direkten Überblick über die gegenwärtige Situation und sind demnach besser imstande, adäquat zu reagieren, als es der (voraus)planende Oberführer (Trainer) von Außen vermag.

Denn damit ein Plan überhaupt gelingen kann, muss sich entsprechend den technischen Möglichkeiten auf die jeweilige Situation, die maßgeblich vom Gegner/Feind beeinflusst wird, eingestellt werden. Im Plan können nämlich unmöglich alle in Frage kommenden Kon-stellationen vorab berücksichtigt werden, weshalb es das beste Mittel ist, die Spieler derart auszubilden, dass sie zum selbständigen Finden von Lösungen in der Lage sind. Dafür müssen sie verstehen – nicht verbalisieren – können, mit welchen technisch-taktischen Mitteln der Plan umzusetzen ist.

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 Literaturverzeichnis

 Lehrbücher:

Bisanz, Gero / Gerisch, Gunnar; Fußball – Kondition, Technik, Taktik und Coaching; 1. neubearbeitete Auflage; Aachen: Meyer & Meyer Verlag; 2008

Doucet, Claude; Fußball – Taktik perfektionieren: 250 Spiele und Übungen; 1. Auflage; Leer: onLi Verlag – bfp Versand; 2006

Hollmann, Wildor / Hettinger, Theodor; Sportmedizin – Grundlagen für Arbeit, Training und Präventivmedizin; 4. Auflage; Stuttgart: Schattauer Verlag; 2000

Kiesel, Andrea / Koch, Iring; Lernen – Grundlagen der Lernpsychologie; 1. Auflage; Wiesbaden: Springer VS; 2012

van Gaal, Louis / Heukels, Robert; Louis van Gaal – Vision; 1. Auflage; Dresden: Visiesport GmbH; 2010

Aufsätze:

Delgado-Bordonau, Juan Luis / Mendez-Villanueva, Alberto; Tactical Periodization: Mourinho’s best-kept secret?; Soccer Journal; May/June 2012, S. 28-34

Pircher, Manuel; Der systemdynamische Ansatz – Differentielles Lernen im Fußball; 2007

Schöllhorn, Wolfgang; Differenzielles Lehren und Lernen von Bewegung – Durch veränderte Annahmen zu neuen Konsequenzen; Schriften der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft; Band 144, 2005; S. 125-135

[1] UEFA Champions League, Technischer Bericht – 2005/06, S. 61.

[2] Vgl.: Pircher, Der systemdynamische Ansatz, S. 3.

[3] Pircher, Der systemdynamische Ansatz, S. 3 f.

[4] van Gaal/Heukels, Louis van Gaal – Biographie & Vision, S. 32 f.

[5] Hollmann/Hettinger, Sportmedizin, S. 117.

[6] Delgado-Bordonau/Mendez-Villanueva Soccer Journal 2012, 28.

[7] van Gaal/Heukels, Louis van Gaal – Biographie & Vision, S. 34 f.

[8] Bisanz/Gerisch, Fußball, S. 317; Doucet, Fußball-Taktik perfektionieren, S. 219.

[9] Hohmann/Lames/Letzfelder, Einführung in die Trainingswissenschaft.

[10] Schöllhorn dvs 2005, 125, 130 ff.

[11] Schöllhorn dvs 2005, 125, 129.

[12] Kiesel/Koch, Lernen, S. 84.

[13] Delgado-Bordonau/Mendez-Villanueva Soccer Journal 2012, 28, 31.

 

Marco ist bei Spox.com  unter dem Usernamen “vangaalsnase” aktiv, wo er  in seinem Profil viele hochinteressante Artikel zu Taktik- und Trainingstheorie gepostet hat, denen wir uns erst noch widmen werden. Spielverlagerung dankt für diesen tollen Gastbeitrag!

Periodisierungstechniken: Diskussion der DFB-Inhaltskonzeption

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In diesem letzten Teil setzen wir uns mit den inhaltlichen Periodisierungen des DFB auseinander. Wir sehen uns dabei an, wie der DFB die Periodisierung des Mesozyklus (Trainingswoche), des Trainings im Saisonverlauf (Makrozyklus) und die Jugendausbildung über die Jahre hinweg empfiehlt. Dabei starten wir mit der Entstehung dieser Konzeption.

Der geistige Vater: Gero Bisanz

Um die Wichtigkeit und die Arbeit von Gero Bisanz bei der DFB-Konzeption zur Trainerausbildung und somit auch zur Jugendausbildung klar zu machen, zitieren wir nur Folgendes:

Gero Bisanz hat die Trainer-Ausbildung beim DFB mitgestaltet und geprägt. Von 1971 bis 2000 war der erste Trainer der deutschen Frauen-Nationalmannschaft als Chefausbilder tätig.

Bisanz war 1971 in die Fußstapfen von Hennes Weisweiler und Sepp Herberger getreten, sein Nachfolger wurde Erich Rutemöller nach ganzen 29 Jahren als Chefausbilder. Bis heute gilt dabei das aktuell in der 2. Auflage von 2010 vorliegende Buch von Bisanz und Gunnar Gerisch mit dem Titel „Fußball: Kondition, Technik, Taktik und Coaching“ als Standardlektüre des DFB. Dieser Schmöker mit über 560 Seiten beschäftigt sich mit mehr oder weniger allem, was dem Autor eingefallen ist – Taktik, Technik, Coaching, Trainingswissenschaft. Alles ist drin, wenn auch nicht optimal ausgeführt.

Bezüglich Periodisierung gibt es dazu in dieser Doktorarbeit von Pedro Gonzalez schöne Zitate auf Seite 174 zur Kritik an der Periodisierung des DFB und auch des Bisanz-Buchs. Er zitiert dabei Jonath & Kempel aus dem Jahr 1994, welche nicht von einer wirklichen Periodisierung sprechen, sondern über die Unmöglichkeit einer ordentlichen Periodisierung.

Auch Bisanz wird kritisiert. Er konzentriert sich zwar nicht ausschließlich, aber vorrangig auf die Mesozyklen. Gonzalez nutzt dabei folgendes Zitat:

„Für das Training während der beiden Hauptperioden (Vor- und Rückrunde der Punktspiele) gelten bestimmte Grundsätze: Am Anfang der Woche werden schwerpunktmäßig die anaerobe Ausdauer und die Verbesserung der Kraft geschult, am Ende der Woche die Schnelligkeit und die Gewandtheit. Das Training des Stehvermögens und der Schnelligkeit werden einmal pro Woche eingeplant; (…) Bei einer optimalen Abstimmung von Belastung und Erholung erreicht man neben dem Effekt der Stabilisierung der Technik auch den eines guten konditionellen Zustandes.“

Wir wollen jetzt die Methodik von Gero Bisanz genauer unter die Lupe nehmen. Dabei beginnen wir mit den dazugehörigen Trainingsprinzipien, die wir stichwortartig auflisten und kurz erklären möchten.

Bisanz‘ sechs große Trainingsprinzipien

Das Prinzip des konstanten Belastungsanstiegs (Progressive Loading):

Damit ist gemeint, dass die Trainingsbelastung dem Leistungsniveau der Spieler entsprechen muss und entsprechend deren erhöhtem Niveau dank der vorherigen Leistungsverbesserung ebenfalls größer werden muss. Eine Mehrbelastung soll dann den stärkeren Organismus aggressiver attackieren, damit er sich anpassen und somit verbessern muss. Bisanz empfiehlt eine stufenförmige Erhöhung anstatt einer konstanten Steigerung der Belastung. Eine genaue Empfehlung bezüglich der Dauer einer Stufe gibt es allerdings nicht.

Das Prinzip der Superkompensation:

Hier geht es um die Anpassung des Körpers an Belastung. Dieses Prinzip geht davon aus, dass das aktuelle Leistungsniveau durch Belastung gesenkt wird, sich aber nach der Erholung auf ein höheres Ausgangsniveau hebt. Diese Steigerung wird als Superkompensation bezeichnet. Der neue Belastungsreiz soll dann genau in dieses erhöhte Grundniveau kommen.

Das Prinzip der Ausgewogenheit von Belastung und Erholung:

Dieses Prinzip bezieht sich auf die Phasen des Superkompensationsprinzips. Es soll eine ordentliche Mischung zwischen Belastung und Erholung geben, damit der Körper nicht überfordert wird. Zur Erholung wird eine aktive Regeneration empfohlen, indem leichte Spielformen gemacht werden oder Dinge wie Radfahren, Spazieren oder ähnliches gemacht werden

Das Prinzip der optimalen Relation von Trainings- und Wettkampfbelastung und Trainingshäufigkeit:

Dieser Aspekt befasst sich mit den Wechselwirkungen zwischen Trainingshäufigkeit, -intensität und -dauer. Diese sollen sich in Einklang befinden, wobei die Trainingshäufigkeit als wichtigster Faktor gilt, während die Intensität und Dauer effektiver variiert werden können. Als Grundsatz gilt, dass Übungen mit hoher Intensität eher kürzer durchgeführt werden, während längere Übungen eher eine niedrige Intensität besitzen.

Das Prinzip der Individualität und Differenzierung:

Die Trainingsbelastung soll natürlich auch auf die Bedürfnisse einzelner Akteure abgestimmt werden. Werden jeweilige Symptome entdeckt, welche Bisanz auch aufzählt (u.a. auch psychologische Merkmale, die auf bestimmte Ermüdungserscheinungen hindeuten), dann soll die Trainingsbelastung verringert werden.

Das Prinzip des ganzjährigen Trainings und der Periodisierung:

Abgesehen von einer Pause im Sommer soll über das gesamte Jahr hinweg trainiert werden. Allerdings soll auf die Einhaltung der Pausen und Erholungsmöglichkeiten genau geachtet werden. Die Periodisierung bezieht sich dann auf den vorgegebenen Spielplan, womit wir schon zum nächsten Thema kommen, welches wir anhand eines Beispiels aus dem Buch kurz zusammenfassen werden.

Die empfohlene Periodisierung im Saisonverlauf im Erwachsenensport nach DFB-Konzeption

Die Vorbereitungsperiode:

In der Vorbereitung sollen die jeweiligen Fundamente bei Physis, Psyche, Taktik und Teambuildung gelegt werden. Generell sollen die Spieler einfach in allen Belangen weiterentwickelt werden, durch den frei planbaren Zeitablauf und mehr Verfügbarkeit von Zeit soll alles angegangen werden. Interessant ist, dass Bisanz hier bei Amateuren empfiehlt, die Arbeit in puncto Ausdauer mit Technik und Taktik zu verbinden, dies aber bei den Profis – entgegen der taktischen Periodisierung – als nicht notwendig erachtet. Ursache dafür scheint die zeitliche Komponente zu sein, welche bei den Profis ja kein Problem darstellen sollte. Diese Periode erstreckt sich auf 4-6 Wochen vor Saisonbeginn.

Ein Beispiel für eine Vorbereitungsperiode findet man hier.

Die Hinrunde (1. Hauptperiode):

Bisanz empfiehlt eine weitere Verbesserung der Fähigkeiten der Spieler. Das Training ist lediglich weniger intensiv und befasst sich mit den im Spiel festgestellten Problemaspekten.

Die Zwischenperiode:

Diese Phase liegt im Dezember und Januar, sie dient zur Regeneration und anschließenden Vorbereitung auf die Rückrunde. Auf konkrete Inhalte wird nicht wirklich eingegangen, einzig die wirtschaftlichen Begebenheiten, das Wetter und der Hallenfußball werden kurz erwähnt; so gibt es Freundschaftsspiele für Geld, oftmals keine Möglichkeiten zum ordentlichen Training draußen, Hallenturniere und ähnliches.

Die Rückrunde (2. Hauptperiode):

Im Endeffekt ist dies das gleiche wie bei der Hinrunde.

Die Übergangsperiode:

Die Spieler gehen in den wohlverdienten Urlaub. Spieler sollen sich auskurieren und dann in freier Arbeit oder durch Hausübungen sich selbst bis Trainingsbeginn einigermaßen fithalten.

Tabelle der Periodisierung aus Bisanz' Buch, Seite 61

Tabelle der Periodisierung aus Bisanz’ Buch, Seite 61

Zu diesen jeweiligen Perioden gibt es bei Bisanz natürlich auch einige Empfehlungen und Trainingsübungen. Doch wie wir schon im Verlauf der letzten Artikeln zu diesem Thema gesehen haben, lässt sich nicht nur eine Saison periodisieren, sondern auch die langfristige Spielerentwicklung. Wieder sehen wir uns die Konzeption des DFB dazu an.

Periodisierung der Jugendausbildung

Bisanz unterteilt die Jugendausbildung in eine zehnjährige Ausbildungsphase. Begonnen wird dabei bei den Bambinis (U7, G-Junioren) und geht dann bis zur U16-U18. Dabei wird das Training auf die Entwicklungsphasen der Kinder in drei Abschnitte unterteilt.

Abschnitt 1: Das Grundlagentraining

Der erste Abschnitt geht von den Bambini bis zur U10. Im Fokus liegt dabei Bewegungs- und Spielschulung, Motorik, Koordination, Entwicklung der Grundlagen und das Kennenlernen des Umgangs mit dem Ball. Insbesondere bei den Bambini geht es noch sehr stark um die Motorik, danach orientiert man sich schon stärker in Richtung individual- und sogar gruppentaktischen Handelns in der Endphase dieses Abschnitts.

Kernziele (sh. Seite 295):

• Spielfreude fördern (die Motivation zum Fußballspiel verstärken)

• Konditionelle, technische und spielgestaltende Grundlagen ausbilden

• Teamgeist, Partnerschaft und Wettkampffähigkeit anbahnen

• Persönlichkeitsentwicklung unterstützen

Abschnitt 2: Das Aufbautraining

Ab diesem Abschnitt geht es bis zum 14. Lebensjahr um die positionelle Ausbildung im 11 gegen 11, die technik-taktischen Fähigkeiten und deren Anwendung. Kernziele sind laut Bisanz (auf Seite 295):

• Verbesserung der physischen und psychischen Leistungsgrundlagen

• Ausformung des technischen Bewegungsrepertoires

• Erweiterung der taktischen Handlungsmöglichkeiten

Abschnitt 3: Das Leistungstraining

Ab 14 beginnt diese letzte Phase. In diesem Bereich geht es um die Perfektionierung des Fußballers, die Erweiterung seiner Möglichkeiten technischer und taktischer Natur sowie die Heranführung an den Erwachsenenfußball. Letzteres wird stärker im Zeitraum von 16 bis 18 Jahren praktiziert, besonders wenn eine Adaption an den Profibetrieb nötig wird.

Ebenfalls aus Bisanz Buch zu Fußball, Seite 294.

Ebenfalls aus Bisanz Buch zu Fußball, Seite 294.

Kernziele:

• Kopplung und Variation der konditionellen und technischen Leistungskomponenten unter Wettspielansprüchen

• Flexibles, situationsgerechtes und kreatives taktisches Spiel-Handeln nach dem Grundsatz der Effektivität

Diese drei Abschnitte basieren übrigens auf dem „Vier-Phasen-Modell“, welches wohl vom 3-Phasen-Modell des motorischen Lernens von Meindl und Schnabel abgeleitet wurde [1].

Bei diesem Modell der vier Phasen besteht die erste Phase aus der Fundamentalphase. Hier lernt man die Spielregeln und die Spielidee kennen, lernt Bewegungen und ihre Struktur. In der zweiten Phase, der Aufbau- und Formungsphase, werden diese Aspekte vertieft und detaillierter erfasst. Dazu kommen erste gruppen- und individualtaktische Aspekte. In der Festigungs- und Vervollkommnungsphase soll dies umgesetzt werden, es wird eine stärkere Leistungs- und Zielorientierung eingebracht, die bisher erlernten Fähigkeiten sollen gefestigt werden. In der Hochleistungs- und Perfektionsphase geht es um, tja, Hochleistung und Perfektion.

Bisanz formuliert dann auch die Lernziele, welche sich nach eigener Aussage auf die drei Bezugsebenen emotional-erlebnisorientiert, zweckrational-leistungsorientiert und sozial-interaktionsorientiert beziehen. Dazu gibt es dann auch viele Trainingsübungen, was wir in diesem Artikel aber nicht näher schildern möchten.

Stattdessen blicken wir kurz noch auf neuere Empfehlungen.

Der DFB in den letzten Jahren

Bisanz‘ Abschied fällt natürlich nicht mehr unter die neue Nachwuchskonzeption des DFB, welche ja schon Früchte getragen hat. Wir haben dazu schon eine der Änderungen diskutiert („U13-Reform: Sammer liegt goldrichtig“). Solche Änderungen gab es zuhauf, u.a. mit Veränderungen der Regeln, veränderten Vorgaben an die Trainer und natürlich auch Ermöglichung von mehr Spielformen im Vereinsleben und außerhalb. Der DFB hat nun auch eine detaillierte Periodisierung der Ausbildung.

DFB Ausbildungsstufen

DFB Ausbildungsstufen

Außerdem unterteilt der DFB das Spiel nun auch in seine Spielphasen, die lauten hier allerdings Angriff, Abwehr und Umschaltphasen.

Zusätzlich legt der DFB eine Entwicklung der Fähigkeiten in der Reihenfolge Individualtaktik, Gruppentaktik und Mannschaftstaktik nahe. Ansonsten gibt es nur wenige frei zugängliche Informationen, welche genauere Auskunft über die theoretischen Hintergründe geben.  Dazu sei aber auch gesagt, dass der DFB dies variabel sieht und den Vereinen bzw. den Trainern viele Freiheiten überlässt. Sie geben zum Beispiel in dieser PDF Eckpfeiler zur Saisonvorbereitung.

Ein Grundgerüst des Trainingsmodells gibt es hier:

DFB-Trainingsmodell

DFB-Trainingsmodell

Die präziseste und detailreichste zugängliche Präsentation des Nachwuchskonzepts findet sich hier und zeigt, dass der DFB sehr penibel auf einen breit gefächerten Ansatz achtet. Die jeweiligen Trainingsziele kann man dieser Grafik entnehmen:

Leistungsaufbauplan des DFB im Überblick

Leistungsaufbauplan des DFB im Überblick

Ob dieser jedoch innerhalb der Übungen zusammen trainiert wird, ist unklar. Klar hingegen ist jedoch, dass der DFB auch großen Wert auf Spielformen und viel Training mit Ball legt, wodurch es zumindest ansatzweise Überschneidungen zur taktischen Periodisierung und zum ganzheitlichen Ansatz nach Happel, Shankley und van Gaal geben sollte. Ein Konzept ist aber klar vorhanden, auch mit jeweiligen Gewichtungen des Inhalts und Leitlinien an die Trainer.

Ob diese jedoch innerhalb der Übungen zusammen trainiert werden ist unklar. Klar hingegen ist jedoch, dass der DFB auch großen Wert auf Spielformen und viel Training mit dem Ball legt, wodurch es zumindest ansatzweise Überschneidungen zur taktischen Periodisierung und zum ganzheitlichen Ansatz nach Ernst Happel, Bill Shankly und Louis van Gaal geben sollte. Ein Konzept ist aber klar vorhanden, auch mit jeweiligen Gewichtungen des Inhalts und Leitlinien an die Trainer.

Unser Leser TW hat mir hierzu auch einen schönen Link und weitere Informationen spendiert. So findet sich auf den Seiten der Nationalmannschaft unter dem Punkt „Trainieren wie wir“ durchaus Lesenswertes. Und im Buch von Reimöller & Voggenreiter „Erfolgreiches Angreifen“ gibt es 25 Seiten zum Taktiktraining (Seiten 50-75). Dort gibt es auch eine Schautafel zur Periodisierung der Offensivtaktischen Inhalte während der Jugendausbildung (S. 60,61). Diese basiert auf Brüggemanns „Fußballhandbuch Bd. 2: Kinder- und Jugendtraining“. Auf Seite 70 ist noch eine nette Grafik zum Taktiktraining in der Saisonphase, dieses Kreisdiagramm zeigt folgende Aspekte:

  • Spielanalyse des Trainers
  • Schwächen erkennen
  • Spielsituation reduzieren
  • Gewünschtes Verhalten, Alternativen, Entscheidungen in Übungen erlernen
  • Gewünschtes Verhalten, Alternativen, Entscheidungen stabilisieren
  • Trainiertes im Spiel anwenden

Bei der B-Lizenz besteht ein wichtiger Schwerpunkt darin, Fehler bzw. gewünschte Verhaltensweisen zu erkennen, Spielformen zu entwickeln und von der Komplexität im Training zu steigern.

Eine Ergänzung: Das Modell von Raymond Verheijen

Nach seiner Zeit bei den Bayern als Berater und Fitnesstrainer bei Teams wie Manchester United, Manchester City und dem FC Barcelona hat Verheijen auch Anklang beim DFB gefunden. Darum möchte ich kurz noch seine Periodisierungsweise erläutern, bei Interesse und falls ich ordentliche Recherche betreiben kann, werde ich mich eventuell näher mit Verheijen beschäftigen.

Der Niederländer spricht von einer „langsamen Periodisierung“ und einer stabilen Fitness durch lange Arbeitszeit an der Fitness. Verheijen spricht dabei auch davon, dass es vier Komponenten gibt: Technik, Taktik, Physis und Mentalität. Diese vier Komponenten sollen in Spielformen nach einem ganzheitlichen Ansatz trainiert werden. In gewisser Weise ist dies quasi die niederländische Version der taktischen Periodisierung, obgleich die Taktik nicht diesen alles überstrahlenden Stellenwert einnimmt.

Dafür hat Verheijen in puncto Physis noch etwas mehr Fokus. Er spricht davon, dass Spieler in Spielformen am besten trainieren, weil die Belastung wie beim Spiel ist und weil die Spieler in Spielformen sich mehr anstrengen und dadurch mehr ermüden. Außerdem sagt er, dass Fitness nicht in einigen Wochen trainiert wird, sondern über die gesamte Karriere hinweg stetig gesteigert werden soll. Eine gänzliche Überlastung des Körpers zu Saisonbeginn schade nur, stattdessen soll zu Beginn mit einer Heranführung begonnen werden, wobei das Niveau stetig gesteigert wird. Im Laufe der Saison wird dann die Intensität gesteigert und das Volumen gesenkt, danach wird es wieder umgekehrt und am Ende der Saison gibt es ein Ausklingen-lassen in den Urlaub.

Die Idee ist eben, dass Spieler gegen Saisonende „fitter“ sind, aber vermehrt Pausen brauchen.

Pro Woche gibt es insgesamt maximal eine Einheit reine Kondition; diese wird aber als „Fußballkondition“ bezeichnet und findet in einer Spielform mit Ball statt. Dies ist für Verheijen entscheidend, denn er unterscheidet vier konditionelle Fähigkeiten eines Fußballers: Maximale Explosivität, Erholung zwischen zwei Aktionen, Explosivitätsausdauer und Erholung zwischen zwei Aktionen zu Spielende.

Diese vier Aspekte werden durchgehend trainiert. Vielfach wird sein Konzept kritisch beäugt, aber er hatte u.a. mit Guus Hiddink und den sehr laufstarken Koreanern, Russen und Australiern große Erfolge. Und natürlich gibt es bei Verheijen auch Makro-, Meso-, Tages- und Mikrozyklen. Dazu gibt es dann positionsrelevante Trainingsarbeit (auch im physischen Sinne), die nach Analyse von zahlreichen Spielen, Aktionen, Zeitintervallen und Leistungsklassen zusammengestellt wurden. Training ohne Ball gibt es auch: Nach Spielen zur Regeneration.

Horst Allmann kritisierte Verheijens „langsame Periodisierung“ aber auch dahingehend, dass die These Fußballer seien zu Saisonende intensiver zu trainieren als zu Saisonbeginn nicht zweckdienlich sei. Allmann argumentiert – übrigens wie ich von ihm unabhängig – für eine wellenförmige anstatt einer klassischen Periodisierung.

Für alle Interessierten: Verheijen, der gerne über Trainer öffentlich lästert, kann übrigens auch auf seinem Profil bei Twitter gefolgt werden. Er hat auch eine eigene Internetseite für seine Firma.

Eine Zusammenfassung eines seiner Seminare gibt es hier.

Eine alternative Ergänzung: Das Modell von Horst Wein

Neben dem DFB bzw. Gero Bisanz gibt es noch einen weiteren Deutschen, der maßgeblich an der Konzeption eines breitflächigen Ausbildungsmodells ist. Sein Name ist Horst Wein und er arbeitet nicht für den deutschen, sondern für den spanischen Fußballbund.

Sein Entwicklungsmodell stellt er bei Youtube gleich selbst vor.

Ich habe noch zusätzlich kurz die Periodisierung in seinem Buch „Spielintelligenz im Fußball – kindgemäß trainieren“ zusammengefasst. Weins fünfstufiges Entwicklungsmodell basiert im Endeffekt auf einem ganzheitlichen Trainingsansatz mit sehr vielen Spielformen, welche entsprechend der Reihung von „Individualtaktik-Gruppentaktik-Mannschaftstaktik“ trainiert werden.

Zuerst werden in der Ballschule die individualtaktischen Fähigkeiten kurz trainiert, daraufhin wird mit zum Beispiel 3-gegen-3, 5-gegen-5, 8-gegen-8 die jeweilige Komplexität der Gruppentaktik erhöht, bis eine Simulation mannschaftstaktischer Aspekte erreicht wird. Innerhalb der jeweiligen Phase im fünfstufigen Entwicklungsmodell wird aber durch Variation der Regeln die Komplexität erhöht.

Periodisierung in der Jugend nach Horst Wein

Periodisierung in der Jugend nach Horst Wein

Dies entspricht in gewisser Weise dem Vorgehen des Coerver-Modells, wobei es hier deutlich stärker um implizites Lernen geht, wo der Spieler auch taktisch deutlich fokussierter und früher ausgebildet wird. Außerdem sollen die Spieler in ihrer Spielintelligenz ausgebildet werden; ein Aspekt, der beim Coerver-Training etwas zu kurz kommt.

Übrigens: Der DFB geht einen ähnlichen Weg wie Horst Wein seit den Reformen, aber Wein legt einen noch größeren Fokus auf Spielintelligenz und Spaß beim Spiel., Dafür periodisiert er in gewisser Weise nur die Regeln und Art der Spielformen.

Für alle Interessierten: Horst Weins Seminar kann man hier wohl kostengünstig bestellen. Ein kleines P.S.: Die Seite  des werten Herrn Hasenpflug Abwehrkette.de ist ebenfalls sehr interessant.

Fazit

Fazit

Das Konzept des DFB in der Jugendarbeit scheint sehr gut zu sein, es wirkt sehr gut strukturiert, lässt Freiheiten, aber konzentriert sich dennoch auf einen hohen Ballfokus, Spielformen und eine adäquate altersgerechte Entwicklung. In der Periodisierung über die Saison selbst findet man aber kaum etwas. Es scheint zwar, dass Raymond Verheijen hier einige Anstöße gegeben hat, u.a. mit einer Intensivierung der Mesozyklen in der Wochenmitte, hoher Intensität und schnellen Erholungsphasen, 6-Wochen-Zyklen und bestimmten Raumdimensionen zur Kontrolle durch einen Spieler (50m² pro Spieler), wirklich Nennenswertes findet man aber leider nicht frei zugänglich.

Es können lediglich die Zeitschrift Fußballtraining und die Bücher der DFB-Trainer als kostenpflichtige Informationsquellen genannt werden.

Bisanz argumentiert im Prinzip übrigens auch für eine eher klassische Periodisierung, wobei obiges loses Konzept leider nicht wirklich als ernstzunehmende Periodisierung im Saisonverlauf bezeichnet werden kann.

Maik Halemaier schrieb übrigens in dieser Zeitschrift „fussball training“ über eine Art Blockperiodisierung der Inhalte und teilte diese in drei Praxisblöcke ein. Dies ist ein weiteres Indiz, dass der DFB hier freie Hand für zahlreiche Meinungen lässt; das empfinde ich als durchaus positiv.

 

Literaturverzeichnis:

Meinel, K. & Schnabel,G. (1998). Bewegungslehre – Sportmotorik, Seiten 160-194. Berlin: Sportverlag.

Bisanz, G. & Gerrisch, G. (2010). Fußball: Kondition, Technik, Taktik und Coaching.

 

Bücher des DFB:

Peter, R. & Barez, A. (2012): Verteidigen mit System: Von der Spielanalyse zur Trainingsform. 

Reimöller, D. & Voggenreiter, T. (2006). Erfolgreiches Angreifen: Moderne Spielsysteme – vom Spielaufbau bis zum Torerfolg.

Periodisierungstechniken: Abschlussdiskussion

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In diesem letzten Artikel wollen wir eine sehr kurze Abschlussdiskussion machen und die Leser zu eigenen Anregungen einladen.

Strukturell unterschiedliche Arten von Periodisierung?

In den bisherigen Artikeln ist den Lesern sicherlich aufgefallen, dass es bei den jeweiligen Arten der Periodisierung nicht immer um das Gleiche geht. Auch die wichtigsten Aspekte innerhalb der Konzepte unterscheiden sich. So bezeichnen die Blockperiodisierung, die klassische Periodisierung und die wellenförmige Periodisierung im Normalfall eher die Art der Periodisierung über eine bestimmte Zeit hinweg.

Die Blockperiodisierung zielt dabei verstärkt auf die Mesozyklen und eine Konzentration der zu trainierenden Fähigkeiten in diesen ab, während die klassische Periodisierung eher eine Hochform für den Wettbewerb über eine empathische Beeinflussung des Biorhythmus und gezielte Verbesserung des Körpers erreichen möchte. Die wellenförmige Periodisierung hingegen versucht sich über die Art des Trainings positiv zu definieren, indem das körperliche Maximum im Training durchgehend erreicht werden soll, ohne zu übertrainieren.

Die Coerver-Methode als Variante eines pyramidalen Aufbaus und die DFB-Jugendkonzeption hingegen sind Beispiele für eine einfache inhaltliche Konzeption. Damit sind sie Leitschemen für einen zeitlich weitreichenden Zeitraum ohne „peaks“ für einen Wettbewerb. Bei ihnen geht es um eine möglichst intelligente konstante Weiterentwicklung des Athleten in den fußballspezifischen Eigenschaften. Eine körperliche Periodisierung über einen Jahresablauf gibt es somit kaum; eher altersgemäße Entwicklungsziele. Sie dienen somit eher als Entwicklungsmodelle in der Jugendausbildung. Die taktische Periodisierung geht hierbei einen Mittelweg zwischen den erstgenannten und den langfristigen Konzepten. Es geht um eine konstante Spielerentwicklung – allerdings auf deutlich höherem Niveau – und gleichzeitig eine Periodisierung im klassischen Sinne über eine Saison hinweg.

José Mourinho sagte dazu passenderweise Folgendes:

„Der wöchentliche Trainingsaufbau fokussiert sich nur auf das nächste Spiel. Es gibt keinen Plan in einer bestimmten Phase im Dezember oder im Mai topfit zu sein und keine Planung im Vorhinein. Es gibt auch keinen Plan gegen Topteams auf einem höheren Niveau zu sein.“

Diese Meinung entspricht natürlich dem Leitpfaden der taktischen Periodisierung. In der taktischen Periodisierung wird schlicht alles auf eine bestimmte Art und Weise im Wechsel innerhalb dieses Rahmens über die Saison hinweg trainiert.

Eine Periodisierung über die Saison ist somit nicht nötig; und Mourinho hat vermutlich ausreichend Titel gefeiert, um als positives Beispiel für eine potenzielle Erfolgsmöglichkeit dieser Periodisierungsweise zu dienen. Was genau bedeutet das also für den Fußball?

Mehr Kreativität, weniger Anleihen?

Beim Fußball könnte es fortan in puncto Periodisierung weniger Aspekte aus der Leichtathletik geben. Die Gründe dafür sind relativ klar. Einerseits gibt es im Fußball nicht ein, zwei oder drei große Wettbewerbe pro Jahr, sondern einen durchgehenden Wettbewerb mit vielen, flexibel verteilten Höhepunkten.

Andererseits sind Fußballer in ihrer Ausbildung nicht auf einen einzelnen Aspekt fokussiert, sondern auf mehrere Aspekte, bei denen sie ein sehr hohes, aber kein extremes Niveau (wie 100-Meter-Sprinter in ihrer Disziplin z.B.) haben müssen.

Dadurch sehen die Anforderungen ganz anders aus. Wichtig wäre deswegen eine Methodik zu finden, welche diese Unterschiede betont. Die so entstandene Methodik sollte dann erforscht und empirisch untersucht werden. Beispielsweise könnte man unterschiedliche Arten der taktischen Periodisierung schaffen und diese vergleichen oder die taktische Periodisierung mit einer Trainingsweise mit ähnlicher saisonaler Periodisierung, aber ohne ganzheitlichen Ansatz vergleichen.

Natürlich würde sich dies wissenschaftlich gesehen schwer gestalten. Der Trainingsfortschritt bei Akteuren ist nicht einfach zu messen, trotz Laktattests. Letzteres ist bei Ansätzen wie von Verheijen oder der taktischen Periodisierung ohnehin ein zu vernachlässigender Parameter. Auch Beurteiler sind natürlich immer subjektiv und tun sich bei Bewertungen im Fußballbereich schwer.

Statische Verfahren wie TSR und PDO können zwar Auskünfte über den kollektiven Erfolg geben, allerdings sind diese Sachen ebenfalls mit vielen Störvariablen versehen. Darunter fallen zum Beispiel die unterschiedlichen Mannschaftsstärken. Vergleiche mit der Vorsaison, Vergleiche von Trainerkarrieren mit klaren Methodiken und viele Langzeitstudien könnten aber zumindest auf Dauer und bei passender Zahl helfen.

Diese Forschungen würden dem Fußball immerhin langfristig in seiner Entwicklung helfen. Ähnliches könnte in der Jugendausbildung versucht werden. Eine Messung der Entwicklung von Fußballfähigkeiten bei Jugendspielern und den darauffolgenden Erfolgen auf Profiniveau in einer auf eine sehr große Population angelegten Langzeitstudie könnte Wunder wirken. Dabei könnte man die Erfolge der ausgebildeten Spieler unter einer speziellen Methodik messen. Die Niederlande im historischen Kontext oder die Spanier und der DFB aktuell sind Paradebeispiele dafür, auch wenn man die dort vorhandenen konzeptuellen Änderungen leider nicht klar erfassen kann.

Dabei könnten die genauen Erfolge der Coerver-Methode, des Trainings nach Horst Wein oder weiteren Jugendkonzeptionen überprüft werden. Langfristig wären auch gegenseitige Anleihen und die Verbindung mit neuesten Erkenntnissen aus der Trainings- und Sportwissenschaft interessant.

Auch Verbindungen zwischen den auf Wettkampfpeaks fokussierten und den niveauerhaltenden Periodisierungskonzepten wären umsetzbar. Eine Kombination der Methodiken für unterschiedliche Phasen – beispielsweise eine Blockperiodisierung in der Sommervorbereitung, Wellenperiodisierung danach – oder eine Integration einzelner Aspekte in die taktische Periodisierung. Dies wird dort schon ansatzweise gemacht, da in der taktischen Periodisierung die Vermittlung der defensiven Inhalte priorisiert wird. Das könnte in anderen Bereichen angewendet ein weiterer Fortschritt sein.

Der Weg zu einem klaren Umgang der Öffentlichkeit mit den einzelnen Konzepten, ihrer Verbindung und der empirischen Untersuchung ist aber noch sehr lang.

Ein Einwand – und eine persönliche Meinung

Allerdings muss man auch sagen, dass im Breitensport durchaus viel getan wird. Es gibt viele Weiterbildungen einzelner Trainer, gute Ideen und viele tolle Umsetzungen auch von weniger bekannten Personen, wie es unser Gastautor Marco Henseling (vangaalsnase) mit seiner praktischen Umsetzung der taktischen Periodisierung bewies. Dabei ist auch schön zu sehen, dass dies sogar bis nach oben dringt.

Historisch gab es einzelne Trainer wie Cramer und Lattek, die sich mit einem eher wissenschaftlichen Hintergrund nach oben arbeiten konnten. Aktuell ist dies auch der Fall. In der Bundesliga kommen viele der erfolgreichsten Trainer eher aus dem Nachwuchsbereich, haben Sportwissenschaft oder Pädagogik studiert und nutzen ihre Erkenntnisse dabei im Training.

Spielverlagerung möchte da nicht allzu sehr hinterherhinken. In den nächsten Wochen und Monaten werden wir beziehungsweise ich auch versuchen, etwas mehr Theoriearbeit in Sachen Trainingswissenschaft zu geben. Dies ist zwar sehr zeitaufwändig und mit viel Recherchearbeit verbunden, doch ich hoffe, dass es ein umsetzbares Projekt wird.

Aktuell habe ich mich schon mit einigen interessanten Sachen beschäftigt, arbeite noch an der genauen Ausarbeitung. Wenn einzelne Leser sehr lesenswerte sportwissenschaftliche Artikel oder generelle Ideen haben, freue ich mich natürlich auf einen Hinweis darauf [ rm@spielverlagerung.com ]. Eventuell werden wir in den nächsten Monaten ein Forum gründen, falls wir herausfinden, wie, dann hoffe ich dort auf einen regen Austausch zu diesem Thema.

Das Gesamtwerk habe ich übrigens in einer PDF zusammengefasst und biete es allen Lesern nochmal kostenfrei zum Download an.

Abschließend möchte ich noch Marco Henseling für den tollen Gastbeitrag sowie unserem Leser und Bloggerkollegen TW für Korrektur- und Beraterarbeiten bei meinen Artikeln danken.

Seminararbeit: Gewaltprävention im Sport – Bullyingprävention durch das (Jugend-)Fußballtraining

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Vor einigen Monaten habe ich im Rahmen meines Psychologiestudiums eine kleine Seminararbeit geschrieben, wie man durch das Fußballtraining Gewaltprävention betreiben kann; ich habe auch ansatzweise versucht diese in die taktische Periodisierung einzuarbeiten.

Da es womöglich Leser gibt, welche sich dafür interessieren, mache ich hiermit ganz ungeniert meine Seminararbeit öffentlich.

Vorwort

Meine Seminararbeit beschäftigt sich mit der Auswirkung des Sports beziehungsweise des Fußballs im Speziellen auf das Bullying und die Gewaltprävention im schulischen Kontext. Hierbei geht es mir letztlich auch darum, dass durch die natürliche zwischenmenschlich-verbindende Wirkung des Sports ein enormes Potenzial zur Verbesserung der Gesellschaft brachliegt, weil sie schlichtweg aus Gründen der mangelnden Kompetenz und geringem Interesse nicht berücksichtigt, erforscht und angewendet wird.

Durch Mannschaftssportarten kann bei richtiger Handhabe und der verstärkten Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse enormer Fortschritt erzeugt werden; nicht nur im Sport selbst. Desweiteren kommt auch eine Wechselwirkung hinzu: Bei einer verbesserten, kompetenteren und interessierteren Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse im Spitzen- und Breitensport und einer Öffnung gegenüber der Wissenschaft würde die Wissenschaft reagieren, sich verstärkt empirisch mit den im Sport vorhandenen Konzepten und Ideen beschäftigen sowie möglichem Steigerungspotenzial auseinandersetzen.

In dieser Arbeit soll es um einen ersten grundlegenden Schritt in diese Richtung sehen. Einerseits geht es um die Integration wissenschaftlicher Erkenntnisse zur Gruppendynamik ins Jugendtraining und die daraus entstehenden sozialen Vorteile, andererseits werden auch mögliche neue Ideen eingeworfen, um zum Beispiel die taktische Periodisierung noch zu erweitern beziehungsweise ihren ganzheitlichen Ansatz zu ergänzen.

Dafür stelle ich kurz einige unausgereifte Übungsideen vor,  bevor ich im Fazit auf die benötigten Entwicklungen in diesem Bereich sowie oberflächlich weitere zukünftige Ideen und theoretische Konzepte anschneide.

Aus Gründen der Leserlichkeit verzichte ich übrigens auf das Gendern; den Anfang in dieser Arbeit macht eine Klärung des Begriffs „Bullying“, welches den grundlegenden Antrieb für diese Seminararbeit anstellt – im Verbund mit meiner Arbeit als Nachwuchstrainer im Breiten- beziehungsweise Jugendsport sowie als taktischer Analyst im Spitzensport.

Was ist Bullying?

Die grundsätzliche Frage ist natürlich, was genau das Bullying ist. Das Wort selbst stammt aus dem Niederländischen („boel“) oder dem früheren (Mittelhoch-)Deutschen („buole“) und den Wörtern für „Liebhaber“ respektive „Bruder“. Das englische Wort „bully“ hatte ebenfalls diese eigentlich positive Konnotation, verkehrte sich aber im Laufe der Jahrhunderte ins Gegenteil und wurde nur zwei Jahrhunderte später auch schon als „Peiniger der Schwachen“ verwendet; in der heutigen Zeit ist es als Anglizismus wieder in den deutschen Sprachraum gekommen, während das Wort „buhlen“, welches vom ursprünglichen „buole“ stammt, nach wie vor eine positive Konnotation hat.

In der Psychologie hingegen geht es allerdings um die Bedeutung des Anglizismus‘ und generell eine negative Tat, welche im Schulkontext für eine spezielle Form der Gewaltausübung gegenüber sozial Schwächeren steht.

Hierbei  gibt es einige klare Richtlinien, welche eingehalten werden müssen, um den „Tatbestand“ des Bullying zu erfüllen. Olweus (1996) führt beispielsweise aus, dass das Machtverhältnis zwischen dem/den Täter/n unausgewogen sein muss sowie die jeweiligen Bullying-Handlungen sich über einen längeren Zeitraum erstrecken müssen; einzelne Reibereien, Streitigkeiten oder unabsichtliche Schädigungen zählt also hier nicht hinein, sondern fällt (meist) in einen normalen Streit oder in ein kommunikatives Missverständnis. Grundsätzlich ist die Definition einfach und findet sich auch auf Seite 9 von Olweus‘ Studie aus dem Jahr 1996 wieder:

„Ein Schüler oder eine Schülerin ist Gewalt ausgesetzt oder wird schikaniert, wenn er oder sie wiederholt und über einen längeren Zeitraum den negativen Handlungen eines oder mehrerer anderer Schüler oder Schülerinnen ausgesetzt ist.“

Olweus schreibt auch Folgendes:

„Konstante Aussetzung über einen längeren Zeitraum gegenüber negativen Aktionen von einer oder mehr Personen. Negative Aktionen entstehen, wenn eine Person absichtlich einer anderen Schaden oder Diskomfort zufügt, ob durch physischen Kontakt, Wörter oder auf anderem Wege.“

Die Art des Bullyings kann somit variieren. Bollying muss nicht immer offensichtlich sein, beispielsweise durch physische oder verbale Attacken, sondern kann auch deutlich versteckter und bisweilen manipulativer sein. In Studien von Hazler und Shapiro findet sich zum Beispiel auch die psychologische Komponente und die psychische Schädigung durch non-physische Gewalt, beispielweise das bewusste Ausschließen Einzelner aus einer Gruppe oder wiederholte negative Beeinflussung des sozialen Umfelds eines Schülers, welche somit zum Bullying gehören.

Wichtig ist auch noch, dass Bullying rein auf den Schulkontext zu sehen ist; bei Erwachsenen oder außerhalb der Schule wird vom „Mobbing“ gesprochen. Zusammenfassend kann man sagen, dass die konstante Ausübung von negativen Machtmöglichkeiten im Schulbereich als „Bullying“ zu definieren ist.

Als Ursache auf Täterseite für Bullying gibt es viele unterschiedliche Konzepte und Ideen. Zahlreiche Studien sehen Neid oder Wut sowie ein aufbrausendes Temperament als wichtige Risikofaktoren, andere wiederum sehen eine arrogante und narzisstische Selbstanschauung als wichtigen Auslöser, wobei diese Studien zu Selbstwerteinschätzungen bei Tätern vielfach inkongruente Ergebnisse erzielen. Auch antisoziale Persönlichkeitseigenschaften oder eine autoritäre Erziehungsstil sollen als Mitursache gelten, doch alles in allem lässt sich kein einheitliches Bild zeichnen.

Cook 2010 beispielsweise beschreibt, dass der Bully-Stereotyp akademische Probleme hat, Probleme in der sozialen Problemlösung, bei gleichzeitiger negativer Selbst- und Weltanschauung sowie aus einem konfliktreichen Familienumfeld stammt. Cook führt Ähnliches bei den Opfern aus, denen negative Emotionen und Aggressivität zugewiesen wird; konträr zu anderen Studien. Als dritte Gruppe existieren noch die „Zuseher“, welche beim Bullying nur passiv teilnehmen.

Das Problematische am Bullying sind die negativen Auswirkungen auf die Opfer. Obwohl einzelne Studien wie von der UCLA oder die Entwicklungspsychologin Helene Guldberg auf mögliche positive Aspekte verweisen (Training des Konfliktumgangs als größter Punkt), stehen die negativen Aspekte meistens – und zu Recht – im Vordergrund. So werden die Schulmassaker in den USA seit 1999 (damals als „Vorreiter“ für viele kommende das Columbine High School Massaker) sowie viele Teenagerselbstmorde in den Industriestaaten auf Bullying zurückgeführt. Darum sollte man sich auf die Prävention solcher Bullying-Problematika konzentrieren; auch im außerschulischen Kontext.

Relevanz des (Jugend-)Fußballtrainings für die Bullyingprävention im (schulischen) Alltag

Die Grundthese dieser Seminararbeit ist eine einfache: Im Nachwuchsbereich des Breitensports sind es – insbesondere auf dem Land – häufig ganze Schulklassen, welche sich gemeinsam in einer Mannschaft betätigen. Dadurch können nicht nur Eltern, Lehrer und Schulsystem auf mögliche Bullyingprobleme einwirken, sondern auch die Sportmannschaften und ihre Jugendtrainer.

In dieser Seminararbeit soll es hierbei insbesondere um den Bereich Fußball gehen, der als einfach zu praktizierender (ob finanziell oder von den Regeln und Anforderungen her), beliebter Massensport gilt. Er ist außerdem überall erreichbar, wird in allen Gegenden praktiziert und arbeitet häufig durch Förderprogramme an Schulen auch mit diesen mit, wodurch die Lehrer sich (eben besonders auf dem Land) einfach mit den Verantwortlichen zusammenschließen oder bei Interesse die Schüler einfach auf den Verein aufmerksam machen können.

Zusätzlich ist es kein Muss, sondern nur ein Plus, dass die jeweiligen betroffenen Schüler sich auch in einer Schulklasse miteinander befinden. Dies ist nur bei einem akuten Veränderungswunsch einer bereits vorhandenen Bullying-Situation benötigt, stattdessen soll es hier um eine pädagogische und soziale Erziehung der Schüler durch gruppendynamische und gruppensoziale Prozesse gehen, damit einem möglichen Bullying vorgebeugt werden kann.

Diese Prävention soll durch ein ganzheitliches Coaching der Jugendfußballer erzielt werden; im Jugendsport sollte sich nicht nur auf eine Entwicklung der Technik, Koordination, Kondition und generellen Leistungsfähigkeit konzentriert werden, sondern auch auf die Entwicklung sozialer Kompetenzen, sozialer Intelligenz und einem gemeinsamen, harmonischen Miteinander Rücksicht genommen werden.

Der Breitensport und insbesondere der Spielsport Fußball selbst sind hierbei nahezu optimal geeignet. Durch seinen kollektiven Charakter und die Abhängigkeit des Gesamterfolgs nicht nur von der Leistung jedes Einzelnen, sondern auch von den Synergien psychologischer, taktischer und struktureller Natur ist der Fußball für das Coaching und in gewisser Weise als Hilfe zur Selbsthilfe nahezu ideal.

Der Trainer des FC Bayern, Josep Guardiola, seines Zeichens einer der besten Trainer aller Zeiten, sprach zum Beispiel davon, dass der Fußball ihm alles beigebracht hat, was er über den Mensch weiß; der Mikrokosmos und Mikroorganismus Fußball, so Guardiola, helfe beim Verständnis sozialer Strukturen, beim Erlernen der unterschiedlichen Möglichkeiten zum Umgang mit verschiedenen Individuen und beim Umgang miteinander. Wird diese Ansicht auch im Breitensport von kleinauf vertreten, so weitergegeben und das Training darauf ausgerichtet, dann bieten sich zahlreiche Möglichkeiten; insbesondere auf die Prävention negativer sozialer Vorgänge wie dem Bullying.

Doch wie lassen sich gruppendynamische Übungen und Prozesse in das Fußballtraining integrieren?

Grundlegender Aufbau eines Fußballtrainings

Um eine mögliche Integration gruppendynamischer Prozessübungen in ein Fußballtraining zu ermöglichen, muss man sich mit dem Aufbau eines Fußballtrainings beschäftigen. Wo und wie bietet sich Platz? Welche Aspekte können ersetzt oder erweitert werden?

Meistens besteht ein Fußballtraining aus drei grundlegenden Phasen – dem Aufwärmen zu Beginn mit niedriger Intensität und relativ langen Übungsdauern, der intensiven Phase des Fähigkeitenerwerbs mit unterschiedlichen Übungen aus verschiedenen Themenbereichen als Hauptteil des Trainings und dem weniger intensiven „Cool-Down“ am Ende des Trainings, wobei Letzteres im Breiten- und Jugendsport häufig zu kurz kommt. All diese Aspekte sind natürlich noch durchzogen mit kleineren Unterbrechungen zur Korrektur der Umsetzung (dem „Freezing“) und Erholungs- und/oder Trinkpausen.

Im Hauptteil konzentriert man sich meistens auf einen einzelnen Themenkomplex: Von körperlichen Eigenschaften wie der aeroben Ausdauer, anaeroben Ausdauer, Antrittsschnelligkeit, Maximalgeschwindigkeit, Wendigkeit, Kraft, Reaktionsschnelligkeit, technischen Eigenschaften wie dem Passspiel, Abschluss, Ballkontrolle, Zweikampf, Kopfballspiel, oder taktischen Eigenschaften wie dem Pressing, Stellungsspiel, Angriffskombinationen oder auch Standards. Letzteres wird meistens in Mannschafts-, Gruppen- oder Individualtaktik unterteilt, während der Übungsaufbau in all diesen Aspekten variieren kann. Auch bei der Physis und der Technik gibt es Individual-, Gruppen- und Mannschaftsübungen.

Zu den drei grundsätzlichen Bereichen – Physis, Taktik, Technik – kommt in der Trainingslehre und Fußballlehrerausbildung nach der UEFA noch der Bereich der „Psychologie“ hinzu, der allerdings vielfach stiefmütterlich behandelt wird. Fast ausnahmslos wird er mit der Menschenführung des Trainers und seines Trainerstabs sowie deren sozialen Kompetenzen gleichgesetzt, vielfach besteht der Großteil der psychologischen Arbeit aus einzelnen Teambuildingaktionen, disziplinarischen Maßnahmen und dem generellen Umgang miteinander. Teilweise belegen zwar einige Trainer psychologische Kurse, in der Fachausbildung der FIFA und UEFA gibt es einzelne Themenbereiche zu Pädagogik und Psychologie und in Spitzenmannschaften gibt es, wenn auch selten, angestellte Psychologen wie Mentaltrainer, alles in allem wird dieser vierte Bereich häufig etwas isoliert betrachtet und findet sich insbesondere im Training selbst kaum wieder.

Während Taktik, Technik und Physis sowohl im Training selbst als auch außerhalb trainiert werden (Technik: Visualisierungsübungen, Taktik: Videostudium und –analyse, Physis: Kraftraum, Eiskammer, Hausübungen oder durch Ernährungs- und Schlafunterstützungen), beschränkt sich die reine Übungszeit der Psychologie im Training auf null. Im Gegensatz zu den anderen Bereichen wird hier nicht präventiv gearbeitet, sondern meist nur überhastet Akutmaßnahmen (häufig amateurhaft) gesetzt.

Aber: Wie lässt sich dieser Missstand bereinigen? Natürlich ist er auch struktureller und organisatorischer Natur; es müsste also schon im Bereich der Trainer- und Spielerausbildung diesbezüglich gearbeitet werden. Der nächste und praktischere Faktor ist aber die genaue Umsetzung im Trainingsbetrieb; hier können individuell bereits sofort neue Impulse gesetzt werden.

Integration der psychologischen Komponente: Wo und Wie?

Die wichtigste Frage ist natürlich, auf welche Art und Weise sich ein gesondertes Training psychologischer Aspekte – in diesem Fall sozialpsychologischer gruppendynamischer Natur – in ein Training inkludieren lässt. Welche Übungszeiten können dafür geopfert werden? Da sich eine solche Trainingsphilosophie weitestgehend auf den Jugendfußball im Breitensport erstrecken sollte, ist eine schlichte Verlängerung der Trainingszeit keine reelle Option; hier muss Rücksicht auf die Schulbildung der Schüler, andere Hobbys und Umfeldkomponenten wie die Zeit und der Wille der Eltern genommen werden. Ist dies einfach praktikabel, kann dies natürlich in Anspruch genommen worden, doch ein anderer Weg scheint naheliegender zu sein.

Die Grundidee wäre es, dass man die jeweiligen Trainingssegmente auf ein Mindestmaß verkürzt (insbesondere den Hauptteil), die Pausen dadurch verlängert, aber diese regenerativen Pausen mit einfachen gruppendynamischen Übungen füllt. Damit würden die Leerzeiten nicht nur abwechslungsreich, sondern auch gewinnbringend gefüllt werden.

Gleichzeitig erfüllen die gruppendynamischen Übungen die nötigen Ansprüche an eine Pause: Sie sorgen für Erholung, da sie körperlich nicht anstrengend sind, sie lenken von den bisherigen Übungen ab, wodurch die Intensität in den Übungen selbst höher und einfacher aufrechtzuerhalten ist. Da sie minimal körperliche Anstrengung benötigen, können sie auch als aktive Regeneration nach intensiveren Übungen eingesetzt werden und die dabei benötigten längeren Pausenzeiten füllen. Desweiteren helfen sie eben bei der Prävention von internen Konflikten in der Mannschaft, die sich insbesondere im Spielsport Fußball im Jugendbereich auch durchaus in größeren Reibereien und „Raufereien“ entladen können; frei interpretiert nach „Do Girls Manipulate and Boys Fight?“ von Björkvist, Lagerspetz und Kaukiainen (1992).

Dieses Verlängern und Füllen von Pausen muss aber nicht der einzige Weg zur Umsetzung sein. Das Positive am Jugendfußball und –training ist eine mögliche Abkehr des Fokus auf die physische Komponente; insbesondere im Prä-Teenager-Alter ist ein Lauftraining absolut nicht benötigt, da die geringen Distanzen, das Regelwerk (freies und unbeschränktes Ein- und Auswechseln) und die bereits vorhandene physische Konstitution ausreichend sind. Zusätzlich geht es in diesem Alter um die Spielerentwicklung taktischer und spielerischer Natur, die Physis spielt erst im Übergang ins Erwachsenenalter eine größere und wichtigere Rolle.

Somit könnte der physische Teil in diesem Alter deutlich ausgespart und lediglich auf die grundlegende Koordination und das Training der Schnelligkeit beschränkt werden. Diesen dadurch geöffneten zeitlichen Freiraum könnte man mit gruppendynamischen Übungen füllen. Vermutlich ist es auch einfach möglich, dass man die Koordination mithilfe von gruppendynamischen Übungen – beispielsweise dem simplen Spiel „Fangen“ oder auch komplexeren und für die Teamchemie effektiveren Übungen – trainieren könnte. Im Sinne von Komplexübungen – also dem Verbund des Trainings mehrerer Aspekte in eine einzelne Übung – könnten dadurch enorme Vorteile erzielt werden. Gleichzeitig ist diese Idee der Kombination unterschiedlicher Trainingsaspekte und –ziele in eine Übung „the way to go“.

Mögliche Übungen für den U13-Bereich in einem isolierten Training

In diesem Kapitel sollen einige klassische Übungen der Psychologie, die sich mit dem Verbessern unterschiedlicher gruppendynamischer Prozesse befassen, vorgestellt werden. Diese Übungen sind aus der Methodensammlung, die mir Herr Mag. Raimund Steinbacher zugeschickt hat, entnommen und basieren auf den Ideen von Brenner, Fröhlich-Gildhoff, Jonas, Boos und Brandstätter, Rachow und Vopel. Ich habe die Übungen je nach eigenem Ermessen und Gutdünken danach ausgewählt, wie sie meiner Meinung nach am besten auf junge und vorwiegend männliche Fußballer passen.

Die erste Übung ist eine „Kennenlernübung“. Bei der sogenannten „Mentalistenübung“ sollen zwei Personen jeweils Fragen an eine dritte Person stellen und versuchen die Antwort sofort zu erraten. Damit kann nicht nur der Trainer die jeweiligen Vorlieben der Spieler planen, sondern auch die gemeinsame Interaktion erkennen und sich ein Bild über seine Gruppe machen. Auch die jungen Spieler – besonders, wenn sie einander unbekannt sind – können sich dadurch besser kennenlernen und womöglich gemeinsame Interessen finden. Die Fragen können sich dann um Fußball drehen wie „Wer ist dein Lieblingsspieler?“ oder um Alltagsaspekte im Jugendalter wie „Deine Lieblingsserie oder dein liebstes Computerspiel?“ oder Ähnliches.

Auch Brenners Namensball ist hierfür eine interessante Übung. Beim Fußballtraining kann der Ball im Kreis zugespielt werden, während der jeweils passgebende Akteur eine positive Eigenschaft findet, die mit dem gleichen Anfangsbuchstaben wie sein Name beginnt und sich somit vorstellt. Jeder, der bereits dran kam, soll die Hände verschränken. Danach soll in den folgenden Runden die Geschwindigkeit erhöht und die Zeit gemessen werden.

Beim Augenduell geht es nicht mehr um das Kennenlernen, sondern um die soziale Kommunikation. Im Kreis sollen jeweils zwei Spieler aufeinander zu gehen, sich in die Augen blicken, sollen dabei aber weder lachen noch den Blickkontakt abbrechen. In der Mitte sollen sie stehen bleiben, sich mit nur wenigen Zentimetern Abstand gegenüberstehen, sich anblicken und zurückgehen. Wer lacht, hat verloren. Auch diese Übung basiert auf Brenners Ideen.

Der „Detektiv in der Mitte“ ist eine Übung zum Stärken des Teamzusammenhalts und gemeinsamen Arbeit. Sie zielt also auf Empathie und Kommunikation ab, desweiteren ist sie unterhaltsam. Im Kreis soll ein kleiner Gegenstand – auf dem Fußballplatz eignet sich ein Hand- oder Tennisball, der oft für Technikübungen genutzt wird – weitergegeben werden, ohne dass der „Detektiv“ in der Mitte es sieht. Theoretisch können dann auch Strategien zur Verschleierung oder Verwirrung entwickelt werden, welche die Kreativität des Kindes fördern; im Idealfall äußert sich dies dann auch beim Fußballspielen.

Bei „Emotionale Begrüßung“ erhält die Hälfte der Spieler eine Vorgabe durch den Trainer über einen Gefühlszustand, welchen sie simulieren sollen. Sie suchen sich dann einen Partner, begrüßen ihn, während sie diesen Gefühlszustand ebenfalls in ihre Gestik, Mimik und Wortwahl integrieren sollen, damit dieser ihn zu erraten versucht. Dies fördert ebenfalls die Empathie und Kommunikation.

„Fratzenmemory“ ist wiederum eine Übung, die nicht nur zur Schulung von Empathie und Wahrnehmung sowie emotionaler Selbstreflektion taugt, sondern schlichtweg sehr unterhaltsam und somit auch zur Auflockerung dient. Einer der Spieler soll sich bei dieser Übung umdrehen, während je zwei der Jugendlichen ein Pärchen bilden. Zeigt der „Memory-spielende“ Jugendliche auf einen Spieler, dann soll eine bestimmte Grimasse geschnitten werden; Ziel ist es die jeweiligen Pärchen zu finden.

Auch „Wer hat hier das Sagen?“ ist eine vom Grundkern her ähnliche Übung. Einer der Spieler begibt sich zuerst hinaus (beziehungsweise auf dem Fußballfeld weiter weg) und soll danach herausfinden, welcher anderen Spieler das Sagen hat; einer der Spieler soll hierbei eine Bewegung vormachen, welche die anderen nachmachen.

„Chinesisches Knobeln“ ist wiederum eine klare Auflockerungsübung und basiert auf Fröhlich-Gildhoff. Hier sollen ähnlich wie bei Schere, Stein und Papier kleine Wettbewerbe gespielt werden; die Figuren sind aber „Tiger“, „Krieger“ und „böse Schwiegermutter“. Sie sollen mit dem Körper dargestellt werden und haben jeweils eigene Animationen (die „böse Schwiegermutter“ sieht den Gegner vorwurfsvoll an, zeigt den „dudu“-Finger und sagt ununterbrochen „dududududu“). Der Krieger schlägt den Tiger, der Tiger schlägt die Schwiegermutter und die Schwiegermutter schlägt den Krieger.

Auch „Die Erbteilung“ und „Logisch gedacht“ sind Auflockerungsübungen, allerdings keine wirkliche Übung, sondern ein Rätsel. Hierbei sind unterschiedliche Rätsel möglich und dienen zur Unterhaltung, ebenso wie das bekannte Kinderspiel „Simon says“.

Bei etwas kritischerer Beurteilung der Lage – also eher akute Maßnahme oder prä-akute Maßnahme anstatt Prävention – gibt es auch noch Übungen zum Umgang mit Aggressivität. Die „Abstandsübung“ wird vom Spielleiter angeleitet und zuerst vorgezeigt. Er sagt, dass er nun auf einen Freiwilligen zugehen wird, aber „Stopp“ sagen soll, wenn es zu nah wird. Nach der „Stopp“-Verkündung soll gezeigt werden, dass dies ein „Sicherheitsabstand“ ist, der meistens perfekt zur Armlänge des Gegenübers passt. Danach können die jeweiligen Spieler diese Übung in wechselnden Pärchen machen.

Auch beim „Backofen“ geht es viel um Körperkontakt und Abstand. Beim „Backofen“ bildet man zwei parallel zueinander stehende Gruppen; die jeweils gegenüberstehenden Kinder halten sich die Hände. Auf die Hände legt sich ein Freiwilliger hinauf. Nun muss „der Teig aufgehen“ – er liegt weiter auf den Händen, nachdem er zuvor durchgerüttelt wurde. Danach wird er „gebacken“ – er wird gedreht und noch etwas gerüttelt.

Beim „Dosen zertrümmern“ geht es um direkten Aggressionsabbau sowie das Kennenlernen von eigenen Gefühlen im Verbund mit physischer Aktivität. Hier sollen mit einem Gummihammer Dosen zertrümmert werden;  wichtig ist bei den Jugendlichen nicht nur die Aufsicht, sondern auch die Reflexion dieser Übung.

„Ich bin – Ich kann – Ich habe“ hingegen ist fast schon eine Übung zum Teambuilding und kann jederzeit eingesetzt werden; aufgrund der Materialien aber eventuell eher nach dem Training oder davor. Jeder Spieler bekommt ein Kärtchen auf den Rücken geklebt, die mit „Ich bin“, „ich kann“ und „ich habe“ beginnen. Die jeweiligen Mitspieler sollen diese Sätze komplettieren, bis jeder mindestens fünf positive Eigenschaften (und keine negativen) auf seinem Kärtchen stehen hat.

Der ganzheitliche Ansatz und die taktische Periodisierung

Wie schon am Ende des Kapitels „Integration der psychologischen Komponente: Wo und Wie?“ angedeutet, ist die Kombination von unterschiedlichen Trainingsaspekten und –zielen in eine einzelne Übung das vermutliche Idealbild der Integration in den Trainingsalltag. José Mourinho und auch Louis Van Gaal, ebenfalls jeweils zwei der besseren Trainer in der Geschichte des Fußballs, vertreten nach dem ganzheitlichen Prinzip den Ansatz, dass Taktik, Technik, Physis und Psychologie untrennbar miteinander verbunden sind.

Zwischen den jeweiligen Bereichen besteht eine Wechselwirkung und sie beeinflussen einander durchgehend; ein körperlich stärkerer Akteur kann über längere Zeit seine Technik abrufen, ein technisch starker Spieler taugt besser zur Umsetzung taktischer Vorgaben, ein taktisch herausragender Spieler kann auch mit einer schwächeren Physis haushalten, ein mental stärkerer Spieler kann sich über körperliche Probleme eher hinwegsetzen und wird auch akribischer an Technik und Taktik arbeiten.

All diese vier Bereiche spielen auch eine signifikante Rolle im gesamtmannschaftlichen Kontext. Sie sind für den Erfolg verantwortlich, beeinflussen sowohl jeden Spieler einzeln als auch in seiner Rolle im Team und sollen möglichst alle gemeinsam in jeder Übung trainiert werden. Das Grundprinzip selbst ist einfach: Indem nicht nur einer oder zwei Aspekte in einer Übung geschult werden, sondern alle vier, erhöht sich die Effektivität dieser Übung.

Diese Übungen sollen wiederum möglichst spielnah sein; sie sollen sich an konkreten Spielsituationen orientieren, um die Ansprüche möglichst reell zu halten, da dadurch die ideale Anpassung des Körpers an den Spielsport Fußball erfolgen soll. Die genaue Art der Umsetzung soll sich an der gewünschten Spielphilosophie, dem „Spielmodell“, des Trainers orientieren.

Auch hier ist das Grundprinzip simpel: Die vielen Richtungswechsel, Tempovariationen und unterschiedlichen Distanzen sowie die vielen komplexen taktischen Aspekte können in einer einzelnen und simplifizierten Übung nicht abgebildet werden, sondern benötigen eine möglichst nahe Orientierung an das Spiel selbst (Anm.: Eine genauere Beschäftigung mit der taktischen Periodisierung von mir selbst findet sich unter diesem Link).

Diese Gedanken bilden den Grundkern des Konzepts der „taktischen Periodisierung“, welches vom portugiesischen Sport- und Trainingswissenschafter Vitor Frade (2003) entwickelt wurde und auf den grundlegenden Ideen der niederländischen Fußballschule (u.a. Johan Cruijff und Louis van Gaal in den späten 80ern und 90ern) basiert. Bis heute übt dieses Konzept einen enormen Einfluss auf die Trainer im Spitzensport, aber auch in der Jugendausbildung der Topvereine eingenommen hat.

Dennoch ist auch hier die psychologische Komponente vielfach im Trainingsbetrieb isoliert und nicht eingebunden, auch wenn das Konzept selbst einen anderen Anspruch daran und an sich stellt. Trotz vieler trainings- und sportwissenschaftlicher Errungenschaften dieses Konzepts und seines ganzheitlichen Ansatzes ist hier Verbesserungsbedarf möglich.

Die taktische Periodisierung geht nämlich wie die klassische Trainingslehre davon aus, dass die psychologische Komponente jeweils durch das Coaching, den alltäglichen Umgang miteinander und Ähnliches trainiert wird. Die einzige Erweiterung zur klassischen Trainingslehre besteht darin, dass eine Wechselwirkung zwischen dem Übungsaufbau, dem Spielablauf und seiner Auswirkung auf die Psychologie der Mannschaft gesehen wird. Somit wird eine Erweiterung benötigt: Doch wie lässt sich diese Trainingsanschauung mit den gruppendynamischen Übungen kombinieren?

Mögliche Übungen für den U13-Bereich nach dem ganzheitlichen Ansatz

Um möglichst hohe Qualität und die Mischung aus unterschiedlichen Eigenschaften in eine Übung zur Maximierung des Lern- und Trainingserfolgs zu gewährleisten, habe ich versucht die zuvor „isolierten“ gruppenpsychologischen Übungen aus dem vorherigen Kapitel entweder umzuformen, einige Übungen aus der vorherigen Methodensammlung umgedeutet neu zu übernehmen oder eben einige Übungen selbst zu entwerfen. Diese drei Kategorien inklusive der Übungen stelle ich jeweils vor. Natürlich ist dies aber nicht mit allen Übungen möglich.

Umwandlung der zuvor isolierten Übungen:

Namensball: Anstatt des Zuspielens des Balles per Hand im Kreis könnte diese Übung mit dem Fuß ausgeführt und insgesamt etwas dynamischer gemacht werden. Eine Aufstellung in der jeweiligen taktischen Grundformation der Mannschaft ist beispielsweise möglich. So könnte zum Beispiel auch über bestimmte Zirkulationen der Ball nach vorne weitergespielt werden; dadurch müssen sich die Spieler nicht nur ihre Position merken, sondern anstatt der verschränkten Hände muss sich außerdem jeder merken, wo der Ball bereits hingespielt wurde und welche Position somit blockiert ist. Die Spieler merken hierbei auch, dass eine zu weiträumige Zirkulation (langer Ball auf den Stürmer von hinten mit Rückpass) unpraktikabel ist und lernen zumindest eine grundsätzliche strategische Komponente des Angriffsspiels implizit kennen.

Augenduell: Diese Übung kann mit dem Ball praktiziert werden. Der technische Schwierigkeitsgrad für die Ballführung ist erhöht, weil die Spieler sich in die Augen sehen müssen. Das schult die Balltechnik. Anstatt der Ballführung kann auch das Passspiel trainiert werden. Dann ist nur ein Ball im Spiel und er wird während des Zugehens aufeinander hin- und hergespielt. Gleichzeitig muss die Passlänge variiert werden.

Detektiv in der Mitte: Diese Übung könnte so erweitert werden, dass der Ball in mehreren Kleingruppen zirkuliert wird; aber es sind unterschiedlich gekennzeichnete Bälle und einer der Bälle ist der „echte“ Ball. Dieser Ball wird entweder quer oder diagonal gespielt, die anderen Bälle sollen innerhalb der anderen Kleingruppen ebenso zirkuliert werden. Gleichzeitig müssen sich die Spieler aus der Gruppe mit dem „echten Ball“ ebenso immer wieder verschleiernd zu den anderen Gruppen orientieren, um die Illusion aufrechtzuerhalten und zu verwirren. Allerdings dürfte diese Übung rein spielerisch zu anspruchsvoll sein, damit hier eine flüssige und effektive Zirkulationsgeschwindigkeit erreicht werden kann, der „Detektiv“ hat es somit zu einfach.

Rätsel: Während der Übungen könnten Rätsel gerechnet werden, wie zum Beispiel „Die Erbteilung“ und „Logisch gedacht“. Eine Koordinationsübung wird dadurch aufgewertet, unterhaltsamer und schwieriger. Ein Wettbewerb ist ebenfalls möglich. Wer die Lösung weiß, kann zum Beispiel die Übung kurz verlassen und dem Trainer die Antwort zuflüstern. Wenn sie richtig ist, gibt es für diesen Spieler bspw. eine Trinkpause. Die anderen müssen die Übung weiterhin ausführen und währenddessen das Rätsel lösen. Ab einer bestimmten Anzahl richtiger Lösungen kann die Übung aufgelöst werden, damit keiner der Spieler am Ende alleine übrigbleibt. Bei dieser Übung werden neben Koordination (oder auch Technik/Taktik) ebenfalls Gehirnaktivität, Spielintelligenz und Multitasking geschult.

Simon says: Hier können unterschiedliche Parcours aufgebaut werden. „Simon“ kommandiert dann eine bestimmte Art der Ausführung oder eine bestimmte kurze Übung. Der Rest ist wie bei diesem Spiel üblich und wird nicht verändert.

Dosen zertrümmern: Anstatt Dosen kann die Schusskraft trainiert werden. So kann beispielsweise mit voller Wucht auf eine Holzfigur oder aufs Tor geschossen werden.

Weitere Übungen:

Pferderennbahn: Diese Übung von Jonas, Boos und Brandstätter kann in veränderter Form interessant genutzt werden. Normalerweise bilden die Teilnehmer einen Kreis (Schulter an Schulter) und es wird quasi ein Rennen simuliert; beim „Laufen“ sollen sich die in der Hocke befindlichen „Pferde“ auf die Oberschenkel klatschen, auf der „Rennbahn“ sollen sie auf Kommandos reagieren (zum Beispiel Rechts- oder Linkskurven, Vögel oder Holzbrücken auf der Bahn) und in der Zielgerade die Tribünengeräusche simulieren oder „dem Pferd die Sporen geben“ (auf den Hintern klatschen). Theoretisch könnte man anstatt einer simulierten Rennbahn inkl. Rennen eine Koordinationsübung auf einem realen Parkour mit Ball basteln.

Tic Tac Toe: Bei dieser Übung sollen die Kleingruppen eigentlich ihre Mitspieler jeweils in einem „Tic Tac Toe“-Feld positionieren und gegen eine andere Gruppe wetteifern. Statt des „Tic Tac Toe“-Spiels könnte hierbei aber auch ein eigenes „Fußballspiel“ praktiziert werden. Vor dem Strafraum sollen  die „angreifende“ und die „verteidigende“ Mannschaft in bestimmten Zonen (bspw. einem Rechteck mit 4×3-Feldern) ihre Angreifer beziehungsweise ihre Verteidiger positionieren. Ist dieser Prozess abgeschlossen, kommt ein Ball ins Spiel. Die Angreifer sollen dann aus ihren Zonen heraus vor das Tor kommen und treffen. Neben dem regenerativen und unterhaltsamen Faktor dieser Übung wird auch das strategische Spielverständnis und die Kommunikation geschult.

Flasche im Kreis: In diesem Fall soll sich die Flasche nicht im Kreis zugespielt werden, sondern ein bestimmter Spielzug absolviert oder ein kleines Spiel gemacht werden. Die Flasche statt des Balls erhöht den Schwierigkeitsgrad, sorgt für Abwechslung und Unterhaltung.

Gruppenrollen/Kasperlspiel: Hier erhält jeder sechs Kapperl mit unterschiedlicher Beschriftung, woraufhin sie eine bestimmte Rolle einnehmen müssen. Anstatt „der Experte“ oder „das Mauerblümchen“ können hier positionsspezifische Attribute verteilt werden wie „der spielmachende Sechser“. Die Spieler sollen dann diese Position übernehmen, ihre Aufgaben reflektieren und letztlich umsetzen. Theoretisch kann auch mit jeweils mehreren Kapperl die Taktik variiert werden; so spielen dann manchmal Teams mit mehreren oder ohne einen „spielmachenden“ Akteur, wodurch sie die Wichtigkeit der Existenz dieser Rolle erfahren, gleichzeitig aber auch sehen, dass zu viele Köche den Brei verderben und auch weniger beliebte Positionen eine für das Kollektiv wichtige Rolle übernehmen.

Luftball: „Die Gruppe hat die Aufgabe, einen Gymnastikball in der Luft zu halten, ohne dass er den Boden berührt. Der Gymnastikball darf mit allen Körperteilen gespielt werden. Es ist sinnvoll das Spielfeld zu begrenzen (halbes bis ganzes Volleyballfeld). Die Gruppe entscheidet am Anfang in einer kurzen Austauschphase selbst, welche Spieltaktik sie wählt und wie sie sich im Spielfeld aufstellt. Drei Regeln müssen beachtet werden:

  • Der Ball darf den Boden nicht berühren.
  • Niemand darf den Ball zweimal hintereinander berühren.
  • Der Ball darf nicht festgehalten oder gefangen werden “

Ich zitiere hier Brenners Übung ungeniert aus der Methodensammlung, da hier nur eine Änderung benötigt ist – einzig der Fuß beziehungsweise das Bein anstatt jedes Köperteils darf genutzt werden.

Eigene Übungsideen:

1)      In der ersten Übung werden kurzzeitig frustrierende Unterzahlsituationen erzeugt. Eine bestimmte Mannschaft soll mit weniger Spielern und zusätzlich erschwerenden Regeln (Direktspiel zum Beispiel) kurzzeitig von der anderen Mannschaft dominiert werden. Nach kurzer Zeit wird die Übung unterbrochen, darauf folgt die Reflexion, insbesondere das Ansprechen von taktikpsychologischen Problemen wie der mangelnden Hilfe und Unterstützung durch die Mitspieler sowie die Überlegenheit der größeren Gruppen und das Gefühl sowie die kollektive Reaktion darauf.

2)      In der zweiten Übung soll ein Kreis gebildet werden. Alle Spieler „umarmen“ sich und stehen Schulter an Schulter. Auf Trainerkommando müssen sie sich in eine bestimmte Richtung bewegen und währenddessen den Ball innerhalb des Kreises hin- und herjonglieren.  Diese gemeinsame Bewegung darf nicht aufgelöst werden, ebenso wenig wie die durchgehenden „Umarmungen“. Ziel ist das Erfüllen der Anweisungen ohne Herunterfallen des Balles für einen bestimmten Zeitraum. Alternativ kann es bei spielerisch schwächeren Spielern auch ohne Ball hochhalten mit einfachen Flachpässen auf dem Boden oder ohne kollektive Bewegung auf Trainerkommando praktiziert werden.

3)      Bei der dritten Übung geht es um „Synchronaktionen“ von zwei konkurrierenden Kleingruppen. Es werden zuerst für einen bestimmten Spielzug oder eine bestimmte Aktion jeweils gewisse Temporhythmen einstudiert („langsam“, „mittel“, „schnell“). Diese sollen dann möglichst präzise einstudiert werden. Danach konkurrieren die zwei Gruppen, um eine genaue Ausführung, die möglichst synchron sein soll. Somit muss bei Fehlern der Konkurrenz dennoch auf diese gewartet werden. Das Team mit den wenigsten Fehlern gewinnt, der Schwierigkeitsgrad kann durch Tempowechsel auf Trainerkommando variiert werden oder es werden immer schnellere Geschwindigkeitsstufen eingeführt. Die gruppendynamische und soziale Wirkung ist hierbei allerdings etwas geringer als bei den ersten zwei Übungen einzuschätzen.

4)      Auch unterschiedliche Spielformen mit bestimmten Regeln, die dann bei Verstoß, bei Misserfolg oder bei Erfolg der Übung zu einer der gruppendynamischen Übungen führen oder alternativ auch Zonenspiele mit bestimmten gruppendynamischen Übungen bei Erreichen der jeweiligen Zonen sind möglich.

Fazit und Zukunftsausblick

In dieser Seminararbeit sollte die Möglichkeit einer erhöhten Implementierung psychologischer und mentaler Aspekte in den Trainingsablauf betrachtet werden. Der Fokus liegt natürlich auf dem Erzeugen vorteilhafter gruppendynamischer Prozesse durch die dafür subjektiv effektivsten Übungen, um damit im Jugendbereich für mehr Zusammenhalt, mehr Abwechslung, mehr Spaß und gleichzeitig eine Prävention von Bullying und Gewalt zu gewährleisten.

Idealerweise sollte eine solche verstärkte Integration dieser gruppendynamischen Übungen in den alltäglichen Trainingsablauf mit modernsten Erkenntnissen aus dem Spitzensport sowie der Trainings- und Sportwissenschaft verbunden werden. Die taktische Periodisierung inklusive ihres ganzheitlichen Ansatzes ist hierbei ein erster Schritt in eine erhöhte Effektivität und einen größeren Lern- wie Trainingsfortschritt im Alltag, der den positiven Nebeneffekt der verbesserten Gruppenharmonie und einer Konfliktprävention innehat.

Langfristig sollte es auch Forschungen in diesem relativ unerforschten beziehungsweise nahezu inexistenten Bereich geben, um die Effektivität statistisch und wissenschaftlich zu ergründen sowie eine hohe Effizienz zu gewährleisten beziehungsweise die effektivsten Maßnahmen zu eruieren. Desweiteren wäre es hilfreich sich weitere Ideen aus dem Spitzensport zu holen, diese mit den grundlegenden Aspekten der taktischen Periodisierung und den gruppendynamischen Übungen zu verbinden.

Die Vernetzung von gruppendynamischen Übungen mit leistungsfördernden fußballspezifischen Übungen im Sinne der taktischen Periodisierung und solch neuen, aber ebenfalls weitestgehend wissenschaftlich unerforschten Bereichen wie dem Gehirn- und Sensoriktraining des Belgiers Michel Bruyninckx vom Fußballklub Anderlecht und dessen Firma „CogiTraining“ oder der „Life Kinetik“ des Deutschen Horst Lutz würde neue Wege im Spitzen-, Breiten- und Jugendsport eröffnen.

Auch bereits erwiesene neuropsychologische Konzepte wie das implizite Lernen, sportpsychologische Konzepte wie das erhöhte Spiel mit Ball, die individuelle Trainingssteuerung aus der Trainingswissenschaft oder neueste Erkenntnisse aus der Sport- und Bewegungswissenschaft oder der nationalen Verbände sollten in dieses ganzheitliche Konzept inkludiert werden sowie mit psychologischen und sozialen Komponenten ergänzt und wissenschaftlich überprüft werden, um eine wahrlich ganzheitliche Ausrichtung effektiv und effizient zu ermöglichen.

Eine richtige und empirisch gestützte Umsetzung dieses Konzepts könnte zu großen Fortschritten im Sport und wünschenswerten positiven Wechselwirkungen auf die Gesellschaft führen.


 

Ich habe die originale PDF zum Download hochgeladen, das Literaturverzeichnis findet sich ebenfalls darin. Gleichzeitig möchte ich noch anmerken, dass der fußballbezogene Inhalt in der Arbeit sehr vereinfacht, oberflächlich und kurz gehalten ist. Ich hoffe aber, dass der Grundkern der Überlegungen ersichtlich wird. Ziel ist nämlich grundsätzlich eine Erweiterung der Säulen der taktischen Periodisierung beziehungsweise eine Vertiefung darin und eine Fokusverschiebung. Die takt. Periodisierung versteht sich ja dahingehend, dass physische, taktische, technische und psychologische Aspekte miteinander verbunden werden. Diese psychologische Komponente wird jedoch selten explizit erwähnt noch gibt es Übungen, welche diese fokussieren – während es immer Übungen gibt, die meist einen der drei anderen Aspekte in den Vordergrund rücken, während die anderen als “by-product” gewünscht abfallen. Gleichzeitig sollte die psychologische Komponente differenzierter gesehen werden: Neuropsychologische Aspekte des Trainings sind komplett anders als sozialpsychologische, als taktikpsychologische oder als motivationale und andere mentale Aspekte. Je nach Situation, Team und Spieler werden eventuell im Training andere Aspekte dieses großen Ganzen benötigt. Eine weitere Entwicklung dahingehend wäre wünschenswert.

Die personenzentrierte Gesprächsführung nach C. Rogers

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Im heutigen Fußball wird immer wieder über flache Hierarchien, einen partizipativen beziehungsweise transformationalen Führungsstil und Mündigkeit der Spieler geredet. Diese stellen jedoch oftmals nur die Konsequenz des zwischenmenschlichen Umgangs dar.

Methodische Probleme in der Definition

Bei der vereinfachten Definition komplexer Mannschaftskonstrukte werden häufig Buzzwörter wie die in der Einleitung erwähnten genutzt. Dabei wird aber vergessen, dass diese nur einen von außen gesehenen Teil des Mannschaftsgefüges wiedergeben, welcher innerhalb der Mannschaft dynamisch und variabel ist. Beispielsweise ist ein „Führungsspieler“ nicht in allen Situationen ein solcher, kuam ein Spieler ist bei jedem Thema „mündig“ und der Führungsstil des Trainers kann auch von Spieler zu Spieler variieren, insbesondere wenn dieser aus unterschiedlichen Kulturkreisen kommt.

Dieses Problem ist auch in der psychologischen Wissenschaft bekannt. So vertritt zum Beispiel Hazel Markus diese Ansicht. Sie hat dafür ein psychologisches Konstrukt entwickelt, nämlich jenes der situativ wirksamen Selbst-Schema. Je nach Situation und der Eigenbewertung der Situation ist ein anderes Selbstkonzept aktiv. Dieses „working self concept“ ist also variabel und berücksichtigt die dynamische und interaktive Natur des menschlichen Verhaltens.

Dies ist eines vieler Indizien dafür, dass die letztlich vereinfachende Außendarstellung von Mannschaftsgefüge und Spielerpersönlichkeiten selten ausreichend ist. Wichtiger ist die Ursache für bestimmte Dynamiken; hier gibt es ein Konzept, welches in der psychologischen Beratung und Therapie sämtliche Themenbereiche und Stile durchzieht. Meistens befolgen die Toptrainer der Moderne dieses Konzept bereits intuitiv.

Die klientenzentrierte Gesprächsführung

Die sogenannte „klienten- oder personenzentrierte Gesprächsführung“ beschreibt in der Beratung und Therapie eine von Carl R. Rogers ab 1942 entwickelte Methode, um mit Patienten und Klienten umzugehen. Dabei wird anhand einfacher Richtlinien den Patienten und Klienten ein positives Gefühl gegeben, für Eigeninitiative bei der Lösungssuche und präziser Problemfindung geholfen.

So ist für den Beratungserfolg letztlich auch nicht entscheidend, welche Interventionen und Maßnahmen genutzt werden, sondern die Art der Beziehungsgestaltung. Dieser Effekt ist auch wissenschaftlich erwiesen [1]; unabhängig der Therapiemethode gibt es einen signifikanten positiven Effekt, wenn Rogers Gesprächsführungskonzept verfolgt wird.

Die zugrundeliegende humanistische Persönlichkeitstheorie Rogers‘ ist für die erfolgreiche Anwendung und die positiven Effekte im Grunde nebensächlich. Grundsätzlich basiert diese Theorie aber auf der Annahme, dass dem Mensch eine Aktualisierungstendenz innewohnt. Der Mensch besitzt ein Entwicklungsprinzip, welches den Menschen zur Ausnutzung seines Potenzials antreibt; später wird daraus die „Selbstaktualisierungstendenz“. Vereinfach könnte man sagen, dass aus Differenzen zwischen dem Erlebten (Aktualisierung) und dem Bewerteten (Selbstaktualisierung) sorgt Inkongruenz entsteht, welche dann psychische Probleme auslösen kann. Wissenschaftlich erwiesen konnte aber nur eine sehr ähnliche Theorie, nämlich jene der kognitiven Dissonanz.

Für den Fußballtrainer – und bis heute jeden Berater, Therapeuten oder sonst in sozialen Berufen arbeitenden Personen – stellen aber ohnehin lediglich die Grundpfeiler von Rogers‘ Konzept wichtige Anhaltspunkte im zwischenmenschlichen Umgang dar. Jeder Berater oder Therapeut möchte seinen Klienten positiv verändern; ebenso ist dies das Ziel eines Fußballtrainers.

Rogers‘ drei Grundaspekte

Um diese positive Veränderung beziehungsweise generell eine positive Beziehung zu besitzen, gibt es drei grundlegende Eigenschaften, welche der Therapeut bzw. Berater zeigen soll.

Empathisches Verstehen:

Die Bedeutung nach Rogers persönlich ist „den inneren Bezugsrahmen des anderen möglichst exakt wahrzunehmen, mit all seinen emotionalen Komponenten und Bedeutungen, gerade so, als ob man die andere Person wäre, jedoch ohne jemals die Als-Ob-Position aufzugeben“. Der Berater soll sich also in den Klienten hineinversetzen und seine Perspektive übernehmen versuchen.

Das grundlegende Ziel davon ist die angstfreie Aussprache von Gefühlen, Gedanken und Ideen seitens des Klienten. Er soll sich akzeptiert fühlen und durch diese Akzeptanz seine Gefühlswelt dem Gegenüber möglichst offen, ehrlich und frei schildern können. Die Schilderung ermöglicht bereits einen ersten positiven Therapieschritt. Desweiteren führt sie zu weiteren positiven Konsequenzen: Durch die Äußerung der Gefühlswelt wird ihnen eine negative Komponente bereits genommen, man kann sich auch effektiv distanzieren, die Gedanken können besser und direkter analysiert werden, zusätzlich kann der Berater eingreifen.

Bestimmte Gefühle kann er dann konkretisieren, das Verhalten und die Sprache des Patienten spiegeln, um ihm ein positives Gefühl sowie durch die Nutzung von Synonymen (aber nicht nur verbale Spiegelung möglich) einen leicht veränderten Einblick geben, aus welchem wiederum bestimmte Differenzen und eine genauere Beschreibung der Gefühle entnommen werden können. Die Nutzung vieler Adjektive, eines fragenden Sprechstils zur Anregung des Weitersprechens und –ausführens sowie das Aufgreifen des Repräsentationssystems des Klienten sind weitere praktische Aspekte der Umsetzung.

Unbedingte Wertschätzung:

Dies bedeutet „eine Person zu schätzen, ungeachtet der verschiedenen Bewertungen, die man selbst ihren verschiedenen Verhaltensweisen gegenüber hat“. Letztendlich bedeutet dies eine Akzeptanz des Gegenübers ohne Rücksicht auf sein Verhalten, auf seine Herkunft, seine Charaktereigenschaften oder ähnliches; also nicht nur eine vorurteilsfreie, sondern eine komplett urteilsfreie Haltung. Dies wird ebenso nicht nur verbal „umgesetzt“. Stattdessen ist auch der Inhalt und Tonfall der Sprache, die Mimik, Gestik und Körperhaltung wichtig.

Durch diese Akzeptanz wird das Grundbedürfnis nach Anerkennung und Selbstdarstellungsmöglichkeit eines jeden Menschen ermöglicht, was den Klienten wiederum zu einer kompletten Offenheit gegenüber dem Berater führen soll. Es hilft bei der Prävention von konformen und von der Gesellschaft erwünschten Aussagen, welche nicht der wahren Gefühlslage des Klienten entsprechen, stärkt die Selbstachtung und erzeugt somit erst die Möglichkeit zu einer richtigen Selbstbewertung. Das Wichtigste ist aber der Abbau von Angst- und Verteidigungsverhalten gegenüber dem Berater.

Kongruenz:

Die Kongruenz wird häufig als die fundamentale Eigenschaft von Rogers‘ Konzept bezeichnet. Sie bedeutet, dass „die Beraterin sich dessen, was sie erlebt oder empfindet, deutlich gewahr wird, dass ihr diese Empfindungen verfügbar sind und sie dieses Erleben in den Kontakt mit dem Klient einbringt, wenn es angemessen ist“. Das zeigt den ganzheitlichen Ansatz dieses Konzepts; nicht nur das Gefühlsleben des Klienten wird berücksichtigt, sondern auch die eigene. Ein nicht-kongruenter Berater kann nicht authentisch sein, wenn er sich eigene Probleme nicht eingesteht und diese (möglichst konstruktiv) in sein Berufsleben einbaut.

Kongruenz ist somit nicht statisch, sondern  ein aktives Bemühen um Wahrnehmung, Klärung und Offenheit gegenüber eigenen Gefühlen beim Therapeuten selbst. Hinzu kommt natürlich auch die Vorbildwirkung des Therapeuten, der natürlich nicht frei von Mängeln sein kann, aber mit einem offenen und ehrlichen Umgang mit diesen Schwächen den Klienten ein positives Beispiel ist.

Wie soll die Anwendung im Fußball aussehen?

Natürlich stellt sich hier die Frage, was dieses Grundkonzept aus der psychologischen Praxis für eine Bedeutung für den Fußball haben sollte. Neben dem Fakt, dass es eigentlich schlichtweg eine wundervolle Richtlinie für einen positiven Umgang miteinander darstellt, hilft es auch in der täglichen Coachingpraxis.

Durch das empathische Verstehen beispielsweise kann in Diskussionen über Taktik, Training oder auch schlichtweg die Leistung des Spielers die Meinung des Akteurs besser erfragt werden. Hält sich der Trainer immer wieder zu einer Perspektivenübernahme an, kann er auch zu besseren Erkenntnissen seines eigenen Coachings gelangen, welche Aspekte dem Spieler bislang noch unverständlich blieben oder missverständlich angekommen sind, erhält implizit Feedback durch die Spieler und kann selbst ein präziseres und für das Individuum passenderes geben.

Um dies zu erfüllen, ist die unbedingte Wertschätzung möglich. Sie bewahrt den Trainer auch von zu frühen Entscheidungen, was zum Beispiel bei einem Vereinswechsel oder bei Neuzugängen mit unterschiedlicher Vorgeschichte schnell der Fall sein kann. Auch bestimmte Spielertypen, die auf den ersten Blick nicht komplett ins System passen, können durch diese urteilsfreie Anschauung in einem anderen Licht betrachtet werden. Im persönlichen Gespräch werden die Spieler außerdem auch früher und offener zugeben, wenn sie mit einer bestimmten Maßnahme oder auch mit ihrer Position auf dem Feld oder gar generellen Rolle in der Mannschaft nicht zufrieden sind; Probleme innerhalb der Mannschaft sollten also früher und genauer erkannt sowie aus der Welt geschafft werden.

Die Kongruenz bezieht sich letztlich auf die Authentizität des Trainers. Der Trainer muss sich über seine eigene Gefühlswelt im Klaren sein, insbesondere bei etwas so Komplexem wie beim Coaching einer größeren Gruppe und dem zeitgleichen Verfolgen eigener Spielprinzipien. Ist er hier nicht im Reinen mit sich selbst, wird er daran scheitern und auch die Spieler nicht von seiner Idee oder der Art der Umsetzung überzeugen können. Oder um es mit Guardiola zu halten:

„Wir werden mit meinen Ideen spielen. Sonst kann ich nicht hier trainieren – wenn ich etwas sagen müsste, was ich nicht fühle. Es ist unmöglich, wenn ich den Spielern etwas sage, was ich nicht fühle. Sie sind intelligent.“

Fazit

Die klientenzentrierte Gesprächsführung nach Rogers hat sich durchgesetzt, auch wenn sich sein humanistisch-philosophisches Bild nicht gänzlich halten konnte. In der modernen Psychologie werden in fast allen Settings (exkl. Schockinterventionen) diese Grundkonzepte des zwischenmenschlichen Umgangs durchgehend genutzt. Im Coaching hat dies ebenfalls Einzug gehalten. Der Schleifer ist vom Kumpeltyp abgelöst worden, die Spieler haben ihren Umgang mit dem Trainer, aber auch Medien und Mitspielern, verändert. Eine weitere Bewusstwerdung der dazugehörigen Aspekte durch die Nutzung der wissenschaftlichen Definition der klientenzentrierten Gesprächsführung sollte hier noch weitere Vorteile im Umgang mit der Mannschaft bringen.

 

[1]

Counselling is the recommended treatment for individuals with mild to moderate mental health problems of recent onset. In this evaluation of a primary care counselling service offering person-centred counselling, the Core Outcome Measure (CORE-OM) was administered at referral and at the beginning and end of therapy. A pre-post therapy effect size for 697 individuals over a 5 year period was 1.2. This compares with a waitlist (between referral and pre therapy) effect size of 0.24 for 382 individuals over a three year period. The results indicate that person-centred counselling is effective for clients with common mental health problems, such as anxiety and depression. Effectiveness is not limited to individuals with mild to moderate symptoms of recent onset, but extends to people with moderate to severe symptoms of longer duration.

Gibbard, I. & Hanley, T. (2008): A five-year evaluation of the effectiveness of person-centred counselling in routine clinical practice in primary care. Counselling and Psychotherapy Research, 8(4). p. 215-222.

[2]

In fact, these results are uniformly good news for Person-Centred/Experiential practitioners: Clients use our therapies to make large changes in themselves; these changes are maintained over time and are much larger than our clients would have experienced without therapy. Furthermore, our clients show as much change as clients seen in other therapies, including CBT, but only if bonafide Person-Centred, Process-Experiential and Other Experiential therapies were involved. 

Training mit Ballfokus

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Welcher Hobbyfußballer kennt sie nicht, diese qualvollen Runden um den Fußballplatz? Mit Tempowechseln, als Steigerungsläufe, in Intervallen oder als gemächliche Dauerfolter. Viele Trainer in den unteren Ligen sehen hierbei keinen Ausweg. Wie soll man sonst in den spärlichen zwei bis maximal vier Trainingseinheiten pro Woche seinen Spielern die nötige Kondition eintrichtern?

Manche gehen zumindest etwas „moderner“ vor. Beispielsweise wird das Aufwärmen mit Ball gemacht, die Läufe ohne Ball sind meist intensiv und kurz, um tunlichst lange Auszeiten vom Ball zu vermeiden. Viele gehen dabei sogar dazu über, dass sie ihre Spieler mit Sprints fordern, ihnen dazwischen kurze Pausen geben und quasi aktiv mit dem Ball zwischen den Einheiten zu regenerieren und bei niedrigerem Pulsschlag weiterhin an der Grundausdauer zu feilen. Die meisten nutzen die langen Winterpausen im Amateursport, um diese Grundausdauer über mehrere Wochen hinweg durch eine erhöhte Zahl an Trainings zu schaffen. Während der Saison werden dann Sprint- und Koordinationsübungen im Verbund mit Standards, Torschuss- oder Passübungen trainiert, wo man von der zuvor gelegten Basis zehrt.

Egal, wie man vorgeht – der Aspekt des Trainings mit Ball kommt oftmals zu kurz. Viele Trainer gehen dazu über, dass sie im Trainingslager Sprint- und Koordinationsübungen trainieren, unter der Saison aber selbst diese mit Ball machen. Insbesondere die Dortmunder mit Jürgen Klopp und natürlich dem Genie für Trainingsübungen, Zeljko Buvac, sind bekannt dafür und zeigen, wie erfolgreich man damit vorgehen kann. In diesem Artikel listen wir die Vor- und Nachteile auf, zeigen die Grundaspekte der Umsetzung und äußern uns auch taktisch wie philosophisch über die veränderte Trainingsauffassung.

Zeit und Aufwand

Beim Training geht es nicht nur um die Effektivität – also den maximalen Output unabhängig vom Input –, sondern auch um eine möglichst hohe Effizienz. Ob im Jugendfußball oder bei Weltklasseakteuren; bei beiden muss zwingend darauf geachtet werden, dass die Zeit am Trainingsplatz bestmöglich genutzt wird. Darum wird in der modernen Trainingsplanung versucht viele Aspekte innerhalb einer Übung zu vereinen.

„Klopp ist der Meister der Ansprache und Mannschaftsführung, Buvac der Meister der Trainingsinhalte und Strategie. Klopp ist zwar ebenfalls Fachmann, doch erst im Zusammenspiel mit seinem Co-Trainer Buvac kommen seine Fähigkeiten richtig zur Geltung.

Neben seinem analytischen Geschick zeichnet sich Buvac vor allem als Erfinder von komplexen Übungs- und Spielformen aus. Dort beweist er eine enorm kreative Ader und schafft es, 10 bis 15 Elemente aneinanderzureihen, ohne dass der Fluss verloren geht. Passspiel, Laufwege, der Abstand der Spieler zueinander, der Abschluss und all die anderen spielrelevanten Dinge können so in immer neuen Variationen durchgespielt werden.“ – im Tagesspiegel

Wie in diesem Zitat zu sehen, sind die Dortmunder in diesem Aspekt Vorreiter. Durch die Komplexität der Übung werden vielfältige Fähigkeiten trainiert und geschult. Grob vereinfacht kann man sagen: was die meisten Trainer in vielen Übungen isoliert voneinander machen, schaffen die Dortmunder (und manche andere) mit einer Übung und einem Bruchteil der Zeit. Gleichzeitig wird die Intensität der Übung erhöht. Wegen der vielen Anforderungen an den Spieler werden diese besser an das Spiel angepasst, wo sie in einer Spielsituation ebenfalls mit unterschiedlichen Komponenten konfrontiert werden: Tempo, Bedrängnis, Ballbehauptung, Ballsicherung, Abspiel, die richtigen Abstände zu den Mitspielern und die passende Bewegung. In einer isolierten Übung fallen insbesondere die letzten Aspekte weg.

Technik und Spielintelligenz

In gewisser Weise verringert die bessere Technik auch einige unnötige Laufwege, wie zum Beispiel Sprints nach unnötigen Ballverlusten und Zweikämpfe wegen schwacher Ballverarbeitungen. Bei den Spielern des FC Barcelona wird auch deswegen gesagt, dass sie „sich in Ballbesitz ausruhen“. Das bedeutet keineswegs Standfußball, sondern eine Verringerung der Laufintensität. Sie können ihr Lauftempo selbst wählen, ebenso wie die Anzahl und Länge ihrer schnellen Bewegungen – halten sie den Ball tief, agieren sie weniger dynamisch mit längeren Wegen des Balles und könnten mit geringerer Intensität das machen, was viele Trainer zwischen Sprintintervallen machen: aktive Regeneration.

Ein statischer Vergleich dazu – Barcelona kommt auf ungefähr 111 Kilometer pro Champions-League-Spiel, lag im Achtelfinale sogar an viertletzter Stelle aller Mannschaften. Der BVB hingegen kommt zumeist auf über 120 Kilometer, wobei man auch differenzieren muss. Dies liegt nicht an einer schlechten Trainingsmethodik oder vielen unnötigen Ballverlusten, sondern der extrem aufs Pressing fokussierten taktischen Ausrichtung, der proaktiven Spielweise und an einer richtigen Trainingsmethodik. Es ist ausgerechnet dieses Komplextraining, welches ihnen diese körperlich wie taktisch hochintensive Spielweise ermöglicht.

Dank dieser erhöhten Anforderungen und der Verpackung vieler Aspekte in eine Übung entsteht nämlich ein großer Nebeneffekt: die Spieler werden nicht nur intensiver, sondern auch öfter mit dem Ball konfrontiert. Damit werden ihre technischen und taktischen Fähigkeiten besser geschult.

Neben der besseren Technik und Entscheidungsfindung, welche unnötige Zweikämpfe und kurze Sprints verringert, steigt durch das Komplextraining und die vielen Spielformen im Ball auch die Spielintelligenz. Durch die höhere kognitive Beanspruchung und den erhöhten Umgang im Mannschaftsverbund, statt durch isolierte Einzelübungen, verbesserte sich Qualität und Effizienz der Läufe. Die Effektivität ist dabei bei gleichbleibend oder sogar höher. Manche Spieler kommen über ihre quantitative Laufarbeit – vorrangig Terrier wie Gennaro Gattuso oder Außenbahndauerläufer früherer Tage –, doch im modernen Fußball reicht dies kaum.

Auf den meisten Positionen pendeln sich die Spieler bis auf wenige Extrembeispiele in sehr ähnlichen Laufleistungen ein. Viele Akteure agieren bereits am Maximum und die Schwelle wird sich in den nächsten Jahren nicht mehr dramatisch erhöhen, wie es in den 70er Jahren der Fall war. Heutzutage geht es um die Qualität der Läufe. Laufe ich richtig im Pressing an? Nutze ich meinen Deckungsschatten ideal? Stehen wir im Verbund ordentlich und verschieben wir harmonisch? Bleiben wir kompakt in beide Richtungen? Bewegen wir uns im Aufbau- und Offensivspiel in die richtigen Räume und bilden Dreiecke?

Lionel Messi ist hier das positive Beispiel. Zumeist führt er die Laufleistung seiner Mannschaft an – von hinten. Ausgesprochen selten überschreitet er die zehn Kilometer, pendelte sich sogar sehr oft unter neun Kilometern ein. Nelson Haedo-Valdez kratzte gerne an den elf Kilometern, aktuell ist auch Klaas-Jan Huntelaar gelegentlich einer der drei laufstärksten Spieler seiner Mannschaft. Beide laufen viele Wege vergebens. Einer hat zumindest eine taktische Entschuldigung: Haedo-Valdez beackerte die gesamte Horizontale, presste extrem stark und verschob durchgehend mit. Huntelaar hingegen versucht sich ins Aufbau- und Offensivspiel einzuklinken.

Beide sind aber selten – im Gegensatz zu Messi – unter den Top-Fünf an Passgebern und –empfängern innerhalb ihres Teams zu finden. Dies mag auch auf die unterschiedliche Spielweise (insbesondere bei Valdez) und Höhe des Kollektivs zurückzuführen sein, aber die intelligentere Bewegung von Messi und natürlich auch seinen Mitspielern verstärkt diesen Effekt. Und die Bewegung der Mitspieler ist auch das Stichwort für den nächsten Absatz.

Einfluss auf die Kollektivtaktik

Durch die erhöhte Anzahl von Spielformen und die intelligentere Bewegung in Raum, Zeit und Mannschaftsverbund ergibt sich auch ein positiver Effekt auf das gesamte Team. Man wird eingespielter, lernt sich kennen und erhöht dadurch die Präzision und Effektivität im Ballbesitz.

Das „Kennenlernen“ bedeutet eine Vielzahl kleinerer Aspekte. Wann geht mein Partner Risiko, wann startet er ins Loch? Dies kann beispielsweise bei einem Flügelstürmer und einem Außenverteidiger beim Hinterlaufen enorm wichtig sein, damit man unter Druck blinde Pässe in den Raum schlagen kann und weiß, ob der Außenverteidiger aufrückte und nicht absicherte. Ein Kreativspieler weiß auch, auf welchen Fuß sein Mitspieler den Pass will, mit welcher Härte und in welche Zone. Sebastian Deisler gab dazu einst ein schönes Zitat ab:

„Ich hatte auf dem Feld nicht diesen einen festen Plan, ich habe gesehen, wo die Stärken und Schwächen meiner Mitspieler waren, ich habe gesehen, welchen Ball, welchen Pass wer braucht. Verstehen Sie, was ich meine? Das ist meine Intuition, meine Kreativität, das ist meine Fantasie. Das ist es, warum ich so gut Fußball gespielt habe in meiner guten Zeit.“ – In der Zeit, 2007

Allerdings ist nicht jeder ein einmaliges Talent wie Deisler. Welcher Spieler welchen Pass in welcher Situation braucht, ist eine Kunst, die kaum erlernbar ist – doch durch Abstimmung und das Kennenlernen untereinander, welches Zeit benötigt, kann man dem schon nahe kommen. Bestes Beispiel ist einmal mehr der FC Barcelona, wo bereits die U10 die Spielphilosophie der Großen pflegt, Kurzpässe austauscht und sich harmonisch im Raum bewegt. Hier anzunehmen, dass elf junge Deisler auf dem Platz stehen, ist falsch. Vielmehr verfolgen die Miniaturen der großen Zwerge eine gemeinsame Idee, werden nach gleichen Stärken ausgewählt und trainieren durchgehend mit Ball und in Spielformen. Daraus entwickeln sich dann auch zwei weitere Stärken neben der Eingespieltheit.

Die erste ist jener mythische Begriff der Passkommunikation, den insbesondere Marcelo Bielsa geprägt hat. Dieser unterscheidet laut eigener Aussage sogar 36 unterschiedliche Formen über einen Pass mit einem Mitspieler zu kommunizieren. Für einen Fußballlaien klingt dies wie eine Lüge, eine Übertreibung und – pardon – Schwachsinn eines Verrückten.

Im Endeffekt ist es „nur“ eine Sprache für Fußballbegabte. Andrés Iniesta und Xavi vom FC Barcelona (Extreme sind die besten Beispiele!) dienen hierbei als Vorbild. Spielt Xavi einen harten Pass, wird ihn sich Iniesta nur dann stoppen, wenn er sich sicher ist, dass er für ihn bestimmt ist. Dies weiß er durch die Kenntnis seiner Umgebung und die Präzision Xavis. Kommt ein Ball exakt mit übertriebener Härte auf Iniesta zu und steht ein Spieler in dieser Passlinie hinter ihm, dann wird er den Ball wohl in keinem von hundert Fällen stoppen. Der Ball ist schlichtweg nicht für ihn bestimmt und Iniesta weiß es.

Steht aber keiner hinter Iniesta, dann erhält der Pass eine andere Aussage, als „dorthin“ oder „du stehst falsch“. Jetzt heißt es: „Wir sind unter Druck, wir müssen die Passschnelligkeit und dadurch die Ballzirkulation erhöhen.“ Im Normalfall folgt ein schneller Pass von Iniesta, der dieser Anweisung folgt. Oftmals sind es sogar keine Pässe, sondern schnelle Abpraller nach hinten, wodurch ein schneller Ball auf die Seite oder in die Spitze folgen kann.

Abermals ist die Eingespieltheit, die erhöhte Spielintelligenz und die verbesserte Technik – alles Effekte des Trainings mit maximalem Ballfokus – Voraussetzung für eine höhere Kunst. Als zweiter großer Effekt der erhöhten Eingespieltheit und Spielintelligenz kommt die Anpassung an situative Veränderungen hinzu. Wird mit isolierten Übungen, beispielsweise statischen Flankenübungen, trainiert, dann entwickeln sich gewisse Schablonen im kollektiven Spiel. Viele Mannschaften früherer Zeiten errangen durch den Fokus auf einen Spielaspekt mit bestmöglicher Umsetzung zahlreiche Titel.

Die legendäre Kombination „Kaltz-Flanke, Hrubesch-Tor“ errang in den späten 70ern Kultstatus in der Bundesliga – mit durchschlagendem Erfolg. Doch aktuell sind einfache und penetrant wiederholte Spielzüge kaum noch zielführend. Das Niveau der Verteidigungsreihen in puncto Abstimmung, Übergeben und Staffelung ist stark angestiegen, hinzu kommt die Gegneranalyse, womit man sich im Training gezielt auf das Neutralisieren solcher schablonenartiger Angriffe konzentrieren kann. Dank der erhöhten Spielintelligenz sowie der verstärkten Konfrontation mit dynamischen Spielsituationen entwickelt sich eine größere Vielfalt und ein Ideenreichtum in der Gruppentaktik beim Knacken von Defensivblöcken oder dem Bespielen freier Räume.

Vielerorts, ob in Medien oder durch Experten, wird der Mangel an Straßenfußballern kritisiert. Auch einer der erfolgreichsten Bundesligatrainer der vergangenen Jahre hat sich zu dieser Problematik indirekt geäußert.

„Allerdings muss man den heutigen Spielern mehr erklären, was sie auf dem Platz tun müssen, als das früher der Fall war. (…) es wird anders über Fußball gedacht. Früher haben wir auf der Straße selbst Spielformen erfunden, das fördert die Kreativität und das Verständnis von Fußball. Dadurch entwickelst du einen bestimmten Instinkt und Fußballintelligenz. Heutzutage fehlt das oft, weil niemand mehr auf der Straße spielt.“ – Huub Stevens in der 11Freunde

Stevens führt weiter aus, dass er deswegen als Jugendtrainer seine Schützlinge beim PSV Eindhoven eine halbe Stunde „sich selbst überließ“. Früher wurden diese Aspekte in Spielformen in der Freizeit erarbeitet, aktuell gehört die freie Zeit meist dem Nachholen von Schulstoff oder der Zeit mit Freunden und Hobbys; die besetzte Zeit gehört zwar König Fußball, aber jenem geplanten Fußball in den Akademien und Jugendinternaten.

Dort wird aber oftmals zu sehr auf einzelne Aspekte geblickt und auf die Perfektion isolierter Fertigkeiten gedrillt, wodurch das Erlernen des individual- und gruppentaktischen Bespielens von Situationen vernachlässigt wird. Auch Bernhard Peters äußerte sich diesbezüglich bei einem exklusiven Interview auf unserer Seite:

„In der Tradition der Trainerausbildung fehlt in der Entwicklungstreppe eine entscheidende Stufe, nämlich zwischen der Ausbildung der Positionstechnik und der Anwendung im Spiel. Ich sehe in einer Stufe dazwischen das Erarbeiten von individualtaktischen und gruppentaktischen Prinzipien. Das macht man durch Spielphasenübungen, in denen man das Antizipieren,Wahrnehmen und Entscheiden in taktischen Situationen trainiert, mit halbaktiven oder aktiven Gegenspielern.

Man trainiert in speziellen Spielräumen, mit Provokationsregeln und unter speziellen Prinzipien, um diese Lösungen erfolgsstabil zu machen. Im Fußball gibt es zu oft nur Techniktraining, in denen ohne aktiven Gegnerkontakt trainiert wird, und dann gibt es das Spiel, aber die Stufe dazwischen fehlt. (…)Das ist eine Stufe, die im Hockey intensiver betrieben wird und wo sich der Fußball weiterentwickeln kann im Methodischen.

Du musst das trainieren, was das Spiel am Wochenende fordert: Ich bin auf jede sich schnell und ständig ändernde Spielsituation durch das variable Training von Entscheidungsverhalten stabil vorbereitet.“ – Bernhard Peters, Nationalmannschaftstrainer im Hockey

Diese Entscheidungsfindung kann durch die Erhöhung der Spielformen und die maximale Fokussierung auf den Ball trainiert werden – bei richtiger Behandlung der Spieler sogar gezielt und zwar ohne direkt Einzugreifen. Nahezu jeder Trainer arbeitet mit Korrekturen während des Trainings. Im Trainingsbetrieb werden Fehler aufgezeigt, ob taktischer oder technischer Natur, und umgehend korrigiert. Doch was tun, wenn die Zeit begrenzt ist?

Bei nur wenigen Minuten an Spielformen und gruppentaktischen Übungen werden oftmals nur individualtaktische Mängel angeschnitten – oder gar nichts. Schlimmstenfalls werden die sporadischen Fehler in den wenigen Minuten sogar übersehen oder gar aus Zeitmangel nicht ausgebessert. Durch die erhöhte Zeit am Ball und im Spiel werden die Akteure nicht nur öfter beobachtet, sondern die Situationen können problemlos wiederholt werden. Damit übt man die richtige Bewegung, kann automatisch und intrinsisch umlernen und langfristig gehen weniger Probleme unter. Dies erhöht die taktische Qualität des Einzelnen und der Gruppe, was die Leistung auf dem Platz verbessert.

Conclusio: Die Vorteile sind überraschend viele und nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. In den meisten Aspekten entsteht sogar eine Plus-Plus-Situation. Die höhere Technik und Spielintelligenz verbessert den Einzelnen und das Kollektiv, was wiederum einander befruchtet. Dadurch wird auch eine höhere Stufe des Fußballs im Team, beispielweise das strategische Bespielen sich verändernder Situationen oder nonverbale Kommunikation auf dem Platz, erreicht. Die Liste ließe sich mit kleineren Aspekten noch unendlich fortführen.

Dies ist aber nicht das Ziel dieses Artikels, sondern ein objektiver, wenn objektiver Diskurs mit dieser Trainingsweise bzw. Trainingsphilosophie. Darum wird nun auf die (vermeintlichen) Nachteile eingegangen.

Weniger gezielte Physis?

Jener Punkt, den immer wieder genannt wird, ist das mangelnde Training der Athletik. Über Spielformen kann diese angeblich nicht ideal trainiert werden und bekanntlich ist Fußball ja Laufsport. Die Spieler stehen mit Nachspielzeit an die 100 Minuten auf dem Platz, laufen dabei 9-14 Kilometer und leiten Bälle innerhalb von einer halben bis maximal zwei Sekunden an den Mitspieler weiter.

Mit den jeweiligen Ballkontaktzahlen über die gesamte Spielzeit kumuliert erreichen sie Werte zwischen einer halben (der ehemalige Wolfsburger Innenverteidiger und aktuelle Juventus-Verteidiger Andrea Barzagli) und maximal drei Minuten (Bayernstar Franck Ribéry) am Ball pro Spiel.

Wieso sollte man die Spieler dann ausschließlich noch mit Ball trainieren? Die meisten laufen doch statistisch über 250 Meter pro Ballkontakt. Die Antwort ist eine einfache: Der Ball kann nur bei ordentlicher Technik so schnell verarbeitet werden, ohne dass ein Fehler bei der Annahme oder ein Ballverlust welcher Sorte auch immer entsteht. Und das Training mit Ball bedeutet keineswegs, dass die Physis nachlässt. Das einzige Problem dürfte sein, dass der jeweilige Trainer wissen muss, wie er diese beiden Aspekte à la Zeljko Buvac miteinander verbindet. Die Erfolge auf dem Trainingsplatz sind natürlich schwieriger messbar – dafür werden sie im Spiel erkennbar.

Allerdings trauen sich die meisten Trainer zu Recht nicht über diese Hürde, was jedoch weitestgehend auf ihre eigene Kompetenz sowie den Charakter ihrer Spieler zurückzuführen ist. Hierzu analysieren wir ein paar Aussagen und Zitate, welche es in der überaus interessanten Themenwoche von Spox zu lesen gab.

“Auch Mannschaften in der Bundesliga haben versucht, in verschiedenen Spielformen Konditionsarbeit zu machen. Aber durch Pulsmessungen in Echtzeit haben wir gesehen, dass sich einige Spieler dabei einfach verstecken. Man braucht dafür 20 absolut willige Profis und muss sie außerdem gut von außen coachen, um die Spieler anzutreiben, ständig in Bewegung zu sein. Und da wird der Unterschied zwischen Theorie und Praxis schnell spürbar.” – Raymond Verheijen, dessen herausragendes Konzept wir in einem morgigen Artikel vorstellen werden

Das bedeutet nichts anderes, als dass vereinzelte Spieler die Spielformen nutzen, um sich auszuruhen. Das Problem liegt hierbei in der Auffassung von Spielformen begründet. Wenn in der Jugend gespielt wurde, dann war es eine Belohnung und/oder aktive Regeneration – keine Anstrengung, sondern ein Spaß.

Guus Hiddink und sein Konditionstrainer Jan Verheijen hingegen verbinden diese Aspekte. Wichtig ist dabei Hiddinks analytisches Geschick und Motivationsfähigkeit. Als Quelle dient natürlich abermals der sehr gute Artikel von Spox.

Der zu Pointen aufgelegte Verheijen reduziert diesen Unterschied freilich auf eine einzige Person: Wie kein zweiter sei Guus Hiddink in der Lage, eine komplette Mannschaft zu überblicken, anzutreiben und zu motivieren. Alle anderen sollten seinetwegen weiter auf die alte Art Kondition bolzen: “Wenn der Trainer nicht coachen kann, ist um den Platz zu laufen eine gute Alternative.”

“In vielen Ländern geht man davon aus, dass man zunächst einmal Fitness haben muss, um Fußball zu spielen. Wir sagen: Wenn Du Fußball spielst, bekommst Du Fitness”, erklärte Verheijen seine Methode. Keine einzige Runde seien die Südkoreaner während der Vorbereitung um den Platz getrabt. Keine Dauerläufe, keine Medizinbälle, nur Fußball.“

Die Südkoreaner sollten sich letztlich im eigenen Land dazu aufmachen, überraschend Vierter zu werden und ihre Gegner in Grund und Boden zu laufen. Auch Hiddinks Russen galten bei der Europameisterschaft 2008 als laufstärkste Mannschaft und abermals wurden Dopingvorwürfe laut – die Sbornaja schaffte es mit ihrer Mischung aus laufintensivem Spiel und Stärken im Umschalten bis ins Halbfinale.

An diesem Beispiel wird auch klar, was die Vor- und Nachteile sind. Als Vorteil ist – neben den bereits erwähnten Vorzügen des Trainings mit Ball – die perfekte Anpassung an die Begebenheiten des Spiels aus konditioneller Sicht zu nennen. Nachteilig ist aber die hohe fachliche und personelle Kompetenz, um ein solches Training effektiv umzusetzen.

Die Nachteile sind aber ein zweischneidiges Schwert und desweiteren überaus unterschiedlich. Ein Problem gibt es zum Beispiel für den Arbeitgeber. Der 08/15-Präsident / Vereinschef kann nicht wirklich unterscheiden, ob sein Trainer die richtige Methodik anwendet oder ob er sie überhaupt anwenden kann. Der zweite Nachteil ist schon weniger eindeutig, denn er liegt bei den Trainern. Für viele Trainer, die bspw. von Taktik und/oder Trainingsmethodik wenig Ahnung haben, wird es schwer, diese Trainingsart zu implementieren. Für sie ist es nachteilig – weil sie wegen mangelnder Kompetenz hinterherhinken. Für einen kompetenten Trainer hingegen ist es gar ein Vorteil, weil er dadurch durch seine fachliche Kompetenz auch in der Trainingsführung auswirken kann und er diesen Vorteil nicht einfach verlieren kann. Denn im Gegensatz zu (insbesondere taktisch) schwächeren Kollegen kann er die Anforderungen dieser Trainingsführung erfüllen.

Der Trainer muss andauernd ein Auge auf sämtliche Spieler haben, Nachlässigkeiten erkennen und Kommandos geben. Es sind eben deswegen analytisch starke Trainer mit dem nötigen Charisma wie José Mourinho, Josep Guardiola, Jürgen Klopp und Guus Hiddink, die ein Training mit maximalem Ballfokus ideal vermitteln können. Außerdem muss darauf geachtet werden, wann die Spieler beginnen müde zu werden. Fällt das Niveau ab, wird die Übung in Spielform kontraproduktiv und darum muss die Anzahl und Länge der Pausen sowie die Art derselben richtig gewählt werden, um die Intensität hochzuhalten. Neben diesen Komplikationen gibt es einen weiteren Faktor: Spaß am Training mag zwar schön und gut sein, doch intensive Laufeinheiten oder überharte Trainingssessions werden bewusst eingesetzt, um die Spieler fordern. Nicht (nur) körperlich, sondern auch mental.

Strafen & Mentalität

Es geht bei solchen Dauerläufen mit Medizinbällen insbesondere darum, den „inneren Schweinehund“ zu überwinden. Felix Magath ist einer jener verbliebenen Trainer, der diese absolute Härte propagiert. In seiner ersten Amtszeit beim VfL Wolfsburg ließ er den Hügel der Qualen aufschütten und zwang seine Spieler zum Lauf auf einen über 2300 Meter hohen Berg in der Schweiz – Grafitè kollabierte.

Im Oktober 2012 rationierte er das Wasser bei seiner zweiten Amtszeit beim VfL. Ziel war es hierbei die Spieler zu fordern, durstig zu machen und danach als „pädagogische Maßnahme“ das Wasser zu begrenzen, um einen positiven Effekt bei der mannschaftlichen Gemeinschaft zu erzielen. Nach der Niederlage gegen Mainz wurden die Spieler aus ähnlichen Gründen für über eine Stunde zum „Auslaufen“ geschickt. Vielerorts wird das Lauftraining als Strafe und zur Mentalitätssteigerung genutzt. Um über eine Stunde in einem (schnellen) Dauerlauf zu galoppieren, schult laut vielen Alttrainern nicht nur den Körper, sondern auch den Geist.

Nach Niederlagen können die Spieler auch gerne ein bisschen gequält werden, damit ihnen ihre schwache Leistung inklusive Konsequenzen schmerzlich vor Augen geführt werden kann. Einige Mannschaften müssen beispielsweise nach Niederlagen mit einem harten Sprinttraining und Ballentzug rechnen. Dies steht oftmals in keinem Verhältnis zur Ursache der Niederlage, die damit auch nicht bekämpft wird. Im Gegenteil.

Die Spieler werden körperlich erschöpft und geistig zermürbt, was in nachteiligen Trainingseinheiten darauf resultiert. Viel eher wäre eine Fehleranalyse und effektive Bekämpfung dieser Mängel zielführend. Allerdings mangelt es solchen Trainern an der Kompetenz dafür, weswegen sie auf das abgelutschte Mittel der Bestrafung durch Ball- und Spaßentzug zurückgreifen. Im Endeffekt bedeutet dies folgendes: der Trainer bestraft dadurch die Spieler für seine und nicht ihre Fehler.

Dies ist auch der Grundtenor, der wohl im aktuellen Fußball unter Trainern herrscht. In flachen Hierarchien und kameradschaftlichen Trainern, deren neue Generation von Taktikern und Analytikern geprägt ist, heißt es nicht: „Ihr habt Fehler gemacht. Ich bestrafe euch jetzt ohne Kontext und Verbindung zu den Fehlern und hoffe, ihr lernt eure Lektion und macht die Fehler nicht mehr.“

Das wäre auch, gelinde gesagt, einfach nur schlechtes Coaching. Das Motto lautet stattdessen, dass per Videoanalyse und darauffolgender Trainingsausrichtung verstärkt auf diese Fehler geachtet wird. Der mündige Profi ist kein Kind, welches es noch zu erziehen gilt. Die Fehler sollen in einem gemeinsamen Diskurs debattiert werden, ihre Relation zur Spielphilosophie aufgezeigt und dann in einer Wiederholung verbessert werden. Auch hier sollte das Training mit maximalem Ballfokus effektiver sein, als eine schnöde Dauerlaufeinheit.

Ist es auch in unteren Ligen möglich?

Fraglich ist, ob und inwiefern eine solche Trainingsmethodik im Breitensport umgesetzt werden kann.

Hierzu muss der Unterschied zum Spitzenniveau beachtet werden. Der moderne Fußball besteht aus Sprints und Verschieben, in den niedrigeren Klassen gibt es zumeist kein Pressing, oftmals keine Raumdeckung und keine Raumverknappung. Dies bedeutet eine durchgehende Verfolgung des Gegenspielers, was längere langsame Bewegungen bedeutet und weniger Sprintintervalle. Die vorkommenden Sprintintervalle sind allerdings öfters länger, weil die Absicherungen fehlen, Laufduelle nach langen Bällen häufiger vorkommen und der effektiv bespielte Raum seltener, aber weiter wechselt.

Desweiteren ist der Platz geringer. Ein Profifußballer muss auf einem circa 7140m² großen Platz agieren, ein Amateurspieler hingegen öfters sogar auf unter 5000m² – je nach Liga, Platzgröße und –qualität. Das Minimum in den unteren Ligen ist dabei bei 4050m² (90×45), wird aber vereinzelt sogar unterschritten. Der Unterschied ist in der Länge kaum sichtbar. Auch weil die meisten Profimannschaften eine deutlich bessere und präzisere Abseitsfalle ohne Libero nutzen, dürfte die Länge des effektiven Spielfelds in etwa gleich sein, die Breite aber weniger.

Dadurch ist das Verschieben im Raum, welches zumeist in der Breite stattfindet, bei den Profis weitläufiger. Kürzere Sprints sind dadurch häufiger, längere Sprints in die Tiefe des Raumes gibt es hingegen bei den Amateuren wegen der taktischen Ausrichtung öfter.  Darum muss überlegt werden, inwiefern ein maximaler Ballfokus umsetzbar ist. Ein Trainer alleine für 20 Leute – es gibt selten den Luxus von mehreren Assistenztrainern – dürfte Probleme haben, allen seinen Spielern auf die Beine zu schauen, sie durchgehend zu animieren und die Fehler sofort zu erkennen und auszubessern.

Ein klassisches Training ist bei mangelnder Kompetenz des Trainers, bei viel weniger Trainingseinheiten (30-40h/pro Woche bei Profis vs. 6h/pro Woche bei Amateuren)  und schwächerer Grundphysis der Spieler deswegen empfehlenswert; aber auch nur dann. Im Idealfall sollte es aber eine Mischung aus Komplexübungen, kurzen intensiven Sprintintervallen und vielen Spielformen sein, die mit dem Maximum an Motivation ausgeübt werden. Besitzen die Spieler jedoch die passende Eigenmotivation, den dazugehörigen Trainer, dann ist diese Trainingsmethodik auch auf niedrigstem Niveau umsetzbar. Und spätestens ab der Bezirksliga sollte man unter normalen Umständen Erfolge erzielen können. Meine persönliche Meinung: Ein spielformorientiertes Training ist in jeder Klasse und Liga mit leichten Anpassungen die beste Wahl.

Fazit

Zurück zu kehren zum düsteren Anbeginn des Fußballtrainings, als die Engländer ihren Spielern die gesamte Woche über den Ball verweigerten, damit sie im Spiel hungrig auf ihn seien, will natürlich keiner. Doch bis vor fünfzig Jahren stellte dies sogar den Standard dar. Die Brasilianer 1958 und 1970 gaben dem modernen Fußballtraining einen Tritt in die richtige Richtung. Sie arbeiteten mit damaligen Sportwissenschaftlern zusammen, stimmten ihr Training an den neusten Stand der Wissenschaft ab und wurden beide Male souverän Weltmeister. Der Klubfußball und Europa wurden erst ab den 70er-Jahren davon betroffen. Vereinzelt hatten Trainer wie Sepp Herberger sich darüber Gedanken gemacht – der Bundestrainer gab seinen Nationalspielern „Hausaufgaben“ –, aber wirklich durchgesetzt hatte sich noch nichts. Die Veränderung kam mit vier überaus erfolgreichen Trainern.

Dettmar Cramer bei den Bayern orientierte sich an modernen Stand der Wissenschaft und baute sein Training danach. Valeriy Lobanovskiy in der Sowjetunion hatte einen Stab von Ärzten, Statistikern und sonstigen, oftmals dubiosen Vertretern unterschiedlicher Zünfte als Berater, nach denen er sein Training ausrichtete. Rinus Michels nutzte die Quantität und war eher ein Vertreter der Magath- und Zebec-Schule, während Ernst Happel wohl am stärksten dem aktuellen Stand entsprach.

1964 propagierten die Amerikaner Walson und Logan das SAID-Prinzip. SAID  bedeutet „Specific Adaptations to Imposed Demand” („spezifische Anpassung an auferlegte Forderungen”).  Vereinfacht: was man dem Körper antut, darauf passt er sich an. Ernst Happel nutzte das: harte Ausdauereinheiten wechselten sich mit vielen Spielformen ab, er nutzte auch das „Entdeckungslernen“ nach Volker Finke schon in den 60ern. Damit wurde den Spielern die Taktik nicht verbal oder auf der Magnettafel vorgekaut, sondern in die Regeln von Trainingsspielen eingewebt. Tore zählten nur, wenn die gesamte Mannschaft über der Mittellinie aufgerückt war – stand der Gegner nicht vollzählig in seiner eigenen Hälfte und auf den richtigen Positionen, zählte das Tor sogar doppelt.

In den 80ern und 90ern haben dann Guus Hiddink beim PSV Eindhoven und Johan Cruijff beim FC Barcelona den Ballfokus ausgeweitet. Louis van Gaal zerstörte dann sogar die Idee von Dauerläufen komplett – beim FC Barcelona wurde seit diesem Jahrtausend kein Lauf mehr gemacht, der länger als drei Minuten am Stück dauerte. Die Erfolge dieser Trainer und Mannschaften sprechen für sich. Sie sollten als Fundament für viele Dinge dienen: für Trainer mit Unterstützung (Co-Trainer bspw.) ab der Kreisliga und spätestens ab der Bezirksliga als Standard.

Besonders wichtig sollte es im Bereich der Jugendförderung sein. Durch Komplexübungen zur besten Vermittlung einer Basis lassen sich schnell Fortschritte erzielen und auf diesem schnellstmöglich erreichten Fundament kann dann weitergearbeitet werden. Mit Spielformen lernen die Spieler zu harmonieren, kommunizieren verbal und nonverbal, reifen als Spieler und könnten ihr Potenzial ausschöpfen. Eventuelle Mängel in der Kondition, die sich im Normalfall nicht ergeben sollten, können dann in einem einzigen Trainingslager beim Übergang in den Erwachsenenfußball nachgeübt werden.

Dies spart Zeit, sorgt für die beste Entwicklung und: der Spaß am Spiel bleibt erhalten. Egal, auf welchem Niveau.

Anmerkung: Dieser Artikel erschien ursprünglich in der ersten Ballnah. Da sie aber generell für Trainer sehr wichtig ist und die kostenpflichtige Veröffentlichung bereits lange her ist, habe ich es mir erlaubt sie hier nochmal zu posten. Wir wollen in den nächsten Wochen und Monaten mehr in puncto Trainingstheorie arbeiten. Marco Henseling und ich schreiben gar ein Buch dazu. Ich hoffe deswegen, dass mir dieser Re-Post darum von keinem unserer damaligen Käufer übel genommen wird. 

Raymond Verheijens Periodisierungskonzept

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Raymond Verheijen sorgt auf Twitter für Aufsehen durch sehr scharfe Kritik an zahlreichen Trainern. Teilweise gilt Verheijen dadurch als unseriös – doch hinter dieser PR-Maske verbirgt sich ein genialer Kopf. Ein Blick auf sein Periodisierungskonzept anhand seines neuen Buchs „The Original Guide To Football Periodisation. Always play with your strongest team. Part 1“ zeigt dies.

Sprache als Schlüsselaspekt und die „Action theory“ [1]

Verheijens Konzept beginnt schon bei der Sprache, die im Fußball genutzt wird. Externe Sprache, die nicht aus dem Fußball selbst kommt, muss in eine verständliche und klare Sprache für den Fußball übersetzt werden.

Ziel ist neben einer einheitlichen Terminologie und vereinfachten Diskussion sowie klarerer Kritik auch der inhaltliche Aspekt.

Die Idee dahinter ist die „Action Theory“: Damit ist gemeint, dass nur die Relation und der Kontext einer Bewegung die Bewegung überhaupt relevant macht. Ein Sprint ohne Ball und ohne taktische Situation ist nur ein Sprint und hat nichts mit Fußball zu tun, weswegen solche Sprints in diesem Konzept nicht / kaum vorkommen.

Sämtliche Bewegungen müssen „Aktionen“ sein und sich somit entsprechend dieser Definition in einem taktischen Kontext des Spielsports Fußball wiederfinden.  Diese Aktionen erhalten dann eigene Worte – Beispiele hierfür sind u.a. „verschieben“, „ballorientiert verteidigen“, „kompakt spielen“, welche sofort Aufschluss über die grundlegende Bewegung des Kollektives geben. „Nichtkontextuelle Wörter“ wie „mehr kämpfen“, „aggressiver sein“, „Teamchemie“, etc. sollen absolut vermieden sein.

Bei einem Stürmer wird dann das Problem im Abschluss nicht mehr auf interpretierte Probleme zurückgeführt, sondern auf einen Mangel an Können in dieser Situation; unabhängig vom Mangel selbst. Durch eine extrem spiel- und situationsorientierte Trainingsphilosophie werden immer sämtliche möglichen Mängel im Training gleichzeitig adressiert, um die Gesamtheit an Möglichkeiten zu trainieren. In diesem Fall erhält der Stürmer also keinen Psychologen, sondern ein Training seines Abschlusses in einem taktischen Kontext.

„Sag, was du siehst!“ – Raymond Verheijens Coachingtipp

Die „Action theory“ bedeutet somit auch, dass die Kategorisierung in mentale, körperliche oder sonstige Aspekte obsolet wird; stattdessen wird die Aktion beschrieben und die Aktion als solche ganzheitlich verbessert. Eine Kategorisierung in mehr Anteile sorgt implizit für eine Segregation des Trainings, wodurch die Komplexität und womöglich der Trainingseffekt selbst verloren gehen.

Kategorisierungen gibt es trotzdem, diese müssen aber objektiv und klar sein. Einige Kategorisierungen nehmen sogar Schlüsselrollen ein.

Die Kategorisierung und Hierarchisierung von Fußballaktionen [2]

Grundsätzlich besteht jede einzelne Aktion im Fußball nach Verheijen aus den vier Aspekten „Kommunikation“, „Game Insight“ (oder auch Entscheidungsfindung), „Technik“ und „Fußball Fitness“. Durch ihre Abfolge in jeder Aktion entsteht auch diese Reihenfolge, obwohl sie sich immer wechselseitig beeinflussen. Die ersten beiden Aspekte sind prinzipiell psychologisch-taktisch, der dritte ist die Ausführung selbst in technisch-motorischer Hinsicht und der vierte ist die Physis.

“Kommunikation” bedeutet die kollektive Kommunikation und die Wechselwirkung mit der individuellen. Soll heißen: Man wird gepresst; der Gegner kommuniziert mit einem (wie läuft er an, wie will er pressen, etc.), die Mitspieler ebenfalls (freilaufen oder nicht, wo bieten sie sich wie an, usw.) – basierend darauf und auf der Spielphilosophie des Teams kommt die “Game Insight”, also die Entscheidungsfindung. Daraufhin folgt Technik als Faktor der Exekution der Entscheidung.

Ähnlich wie bei Guardiola (sh. Perarnau-Buch) ist die Taktik nach dieser Definition das Umsetzen einer gemeinsam erlernten Sprache, innerhalb welcher kommuniziert wird; je besser die Spieler sich kennen, umso besser ist ihre Kommunikation, insbesondere non-verbaler Natur.

Orientierung an den abgeleiteten Spielphasen und der Zusammenhang mit der Fußballfitness [3]

Ein weiteres Beispiel für eine Kategorisierung ist die Aufteilung in „Ballbesitz“, „gegnerischer Ballbesitz“ und „offensiver“ bzw. „defensiver Umschaltmoment“; innerhalb dieser Aufteilungen gibt es dann kontextuelle Wörter für Aktionen, die exklusiv in diesen Kategorien existieren.  Jegliches Training muss sich an diesen kontextuellen Wörtern für diese Aktionen orientieren, diese Aktionen auf eine von vier unterschiedlichen Arten verbessern wollen und jede Trainingsübung gehört als zu einer der drei beziehungsweise vier Spielphasen.

„The biggest problem in football, with respect to fitness, is the exercises. Fitness is trained as something separate to football.”

Die „Fußballfitness“ nutzt eine komplett eigene Einteilung. Zwar werden beispielsweise aerobe und anaerobe Ausdauer weiterhin als wissenschaftliches Fundament genutzt und im Buch findet sich auch ein Kapitel zu wissenschaftlichen Hintergründen, aber in der „Fußballersprache“ (beziehungsweise „football action language“) teilt sich die „Fußballfitness“ in vier relevante Kategorien:

  • Bessere Aktionen (Explosivität und Qualität der Aktionen)
  • Umsetzung von mehr Aktionen (gemeint sind mehr Aktionen in einem bestimmten Zeitintervall, also die Frequenz oder Intensität der Aktionen)
  • Aufrechterhaltung guter Aktionen (weniger Erschöpfung über die Spieldauer, Aufrechterhaltung der Explosivität und Qualität)
  • Aufrechterhaltung vieler Aktionen (Ausdauer im weitesten Sinne, Aufrechterhaltung der Intensität)

Fußballaktionen gehören also zu bestimmten Strategien innerhalb von „eigener Ballbesitz/Angriff“, „gegnerischer Ballbesitz/Defensive“ und „Umschaltspiel“ (offensiv und defensiv) und bestehen dann innerhalb spezieller dazu passender Übungen aus den physischen Komponenten „bessere Aktionen“, „mehr Aktionen“, „bessere Aktionen aufrechterhalten“ und „mehr Aktionen aufrechterhalten“. Diese werden wiederum je nach Mikrozyklus, Trainingsphase und Zustand der Spieler sowie Ziele der Spielweise periodisiert.

Die „football conditioning exercises“ [4] trainieren diese vier Aspekte auf eine bestimmte Art und Weise. Eine Sache ist aber grundsätzlich gegeben: Jede Übung muss die Prinzipien des Spiels, ganzheitliche Aufstellungen und konkrete Situationen (inkl. Gegnerpräsenz, Ballbezug, etc.) abbilden. Die vier „Football Fitness“-Aspekte werden dann durch bestimmte Aspekte gesondert trainiert; hauptsächlich funktioniert dies über die Spielerzahl in den Spielformen und durch die Feldgröße sowie die Dauer der einzelnen Übungen.

1-vs.-1 und 2-vs.-2  als Spielformen sind „Intensive Intervalle“ für maximal explosive Aktionen und „Fußballsprints“, 3-vs.-3 und 4-vs.-4 sind „extensive Intervalle“, 5-vs.-5, 6-vs.-6 und 7-vs.-7 sind „intensive Ausdauer“ und von 8-vs.-8 aufwärts sind „extensive Ausdauer“. [5]  Die Kategorisierungen sind übrigens nicht willkürlich, sondern basieren auf der Anzahl der Aktionen pro Spieler; der jeweilige Abfall von einer Kategorie auf die andere wird auch taktisch erklärt.

 “For example, first you do a certain exercise on a certain pitch size, and then you make the pitch size smaller, and then smaller. The same exercise but less space, less time, increasing the demands, and that is how you improve players.” – Raymond Verheijen

Desweiteren führt Verheijen aus, dass bei einer Sportart wie Fußball Sauerstoff nicht als Lieferant für die Aktionen dient, weil die Aktionen zu kurzlebig und explosiv sind, sondern für die Erholung zwischen Aktionen; ergo muss man diese Erholung gezielt trainieren, wobei Dauerläufe hierbei nicht zielführend sind. Gemäß dieser Definition und der football-action-language werden auch die Läufe kategorisiert. So ist ein Sprint kein reiner Sprint, sondern ein „Football Sprint“, wo die Positionierung der Aktion, der Moment der Aktion, die Geschwindigkeit selbst und die Richtung der Aktion variabel sind.

„For sprinters, sprinting is the objective. In football the sprint is not an objective itself, but always just a means to realize a football intention. (…) This book introduces the term football sprint. This means that football players always sprint in a football context, in which by definition, the football resistance is present (such as the ball, the opponents, etc.).”

Sonstiges

  • Neben der Periodisierung von Saisonverläufen sowie den einzelnen Trainingswochen darin periodisiert Verheijen auch die Art der Übungen selbst; so gibt es „extensive und intensive“ Variationen von vielen Übungen, ob Pass-, Taktik- oder Ballbesitzübungen. Diese unterschiedlichen Übungskategorien besitzen also je nach genauer Ausführung – Spieleranzahl, Feldgröße, etc. – unterschiedliche Fitnesscharakteristika.
  • Bei Angst vor Übertraining werden weiterhin die gleichen Übungen gemacht, aber in geringerer Intensität mithilfe eines „Underload model” für quasi-Regenerationstrainings.
  • Nach der „Spezifitätsregel“ ist alles im Training fußballspezifisch und spielbezogen.
  • Das „Gesetz der Nachhaltigkeit“ ist ausgerichtet gegen Übertraining in der Aufbauphase, es wird ein langsamerer Aufbau von Fitness mit Qualität statt Quantität propagiert; sogar in der Vorbereitung also. Die Logik dahinter ist klar: Der Körper ist hier nicht mehr so fit und trainingsgewöhnt, darum kommen weniger intensive Sessions zur Anwendung und es gibt einen generellen Fokus auf das Erhöhen der aktuellen Intensität auf eine Leistungsdauer von 90min, danach erhöht der Trainer die Intensität im 90min-Kontext anhand der vier Kategorien; „long-term-fitness“ soll entstehen. Wichtig sind hier auch die Folgeeffekte wie beispielsweise langfristigere Fitness bei Verletzungen, etc.
  • Was Verheijen als „functional technique“ beschreibt, ist im Endeffekt Grundlage für die differentielle Lernmethode:

„Technique is the execution of the decision. (…) For this reason, it is not recommended to isolate technique from football and to teach players to move body parts in a certain way when passing and controlling for example, without the context of the game. Football players must have varying ways of executing a technique instead of having just one ideal typical way to perform a technique. Football players must learn to be able to pass and receive a ball in 101 different ways. This is also called a functional technique.“

Fazit

Vor einigen Monaten haben wir auf Spielverlagerung schon ausführlich unterschiedliche Periodisierungskonzepte besprochen. Raymond Verheijens Ansatz in seiner Periodisierungtheorie ist womöglich sogar der ganzheitlichste und extremste von all diesen und gleichzeitig auch der fußballspezifischste. Zwar kann man ihm den Mangel an einer Betrachtung beziehungsweise Simplifizierung psychologischer Aspekte und einen passiv-aggressiven Schreibstil vorwerfen, die fachliche Kompetenz ist aber unbestritten. Nicht umsonst arbeitete Verheijen für Barcelona, Gaal, Hiddink, Rijkaard, City sowie Argentinien und stellte mit Russland, der Niederlande und Australien bei Großturnieren jeweils Bestleistungen in puncto Laufleistung auf.

“Everything has to be football-related“ – Raymond Verheijen

Sein Wissen um die menschliche Physis, die fußballspezifische Kategorisierung dieses Wissens und die kompetente Umsetzung in ein ganzheitlich-differenzielles Konzept inklusive implizitem Lernen innerhalb eines intelligenten taktischen Kontexts wissen zu gefallen. Auch die generelle Periodisierung der Trainingsübungen und die Beispiele für mögliche Trainingswochen im Profi- und Amateurbereich beeindrucken.

Die treffende Beobachtung über einzelne Charakteristika des Fußballs und des menschlichen Körpers – wie zum Beispiel die besondere Rolle des Sauerstoffs, Fußball als Intensitätssport mit vielen physiologisch unterbewussten Abläufen sowie seine Multidimensionalität in der körperlichen Beanspruchung – führen zum Konzept der „Fußballfitness“ und einer „langsamen Periodisierung“, in der die Individualität in der Workload und der Grundsatz „Qualität statt Quantität“ über alles geht.

Weiterführende Links:

Verheijens Fußballfitness wird übrigens auch im kommenden Buch von Marco Henseling und mir eine Rolle spielen, welches einen eigenen Periodisierungsansatz mit vielen Aspekten aus der Wissenschaft, eigenen Erkenntnissen, fremden Periodisierungsansätzen und auch aus anderen Sportarten übernimmt. Ein Verlag ist bereits in Aussicht.

 

[1] Verheijen, R. (2014): The Original Guide To Football Periodisation. Always play with your strongest team. Part 1. Seite 17-30. Amsterdam. World Football Academy BV.

[2] Verheijen, R. (2014): The Original Guide To Football Periodisation. Always play with your strongest team. Part 1. Seite 30-39. Amsterdam. World Football Academy BV.

[3] Verheijen, R. (2014): The Original Guide To Football Periodisation. Always play with your strongest team. Part 1. Seite 47-55. Amsterdam. World Football Academy BV.

[4] Verheijen, R. (2014): The Original Guide To Football Periodisation. Always play with your strongest team. Part 1. Seite 55-75. Amsterdam. World Football Academy BV.

[5] Verheijen, R. (2014): The Original Guide To Football Periodisation. Always play with your strongest team. Part 1. Seite 93-116. Amsterdam. World Football Academy BV.


Spielorientiertes Training im Nachwuchsbereich

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In den vergangenen Jahren setzte sich im Fußball zunehmend eine spielorientierte Trainingspraxis durch. Es reifte die Erkenntnis, dass technische und taktische Inhalte nicht mehr isoliert von einander geschult werden sollen, sondern ganzheitlich. Allerdings hat sich diese Ganzheitlichkeit nicht auf allen Ebenen durchgesetzt.

Noch immer herrscht der Glaube, Kraft erlangt man nur mit Hanteln und Medizinbällen und Ausdauer nur durch Rundenlaufen im Stadion. Allerdings trainiert man mit unspezifischen Kraftübungen kaum ein spielnahes Zweikampfverhalten. Hier zahlen sich ohnehin Antizipation, situationsadäquate Koordination und Geschicklichkeit mehr aus als pure Kraft. Gleiches lässt sich über das Schießen sagen, wo nicht die bloße Schusskraft entscheidend ist, sondern eine gute -Technik. Mit Rundenlaufen wird zwar die zyklische Ausdauer geübt und gefestigt; Fußball ist jedoch ein azyklischer Sport, in welchem sich Sprints (mit und ohne Ball) und moderate Läufe stetig abwechseln. Es sollte also auch bei der Kondition der Grundsatz gelten, dass sie niemals ohne einen Bezug zu den technisch-taktischen Anforderungen des Fußballs adäquat trainiert werden kann.

Was aber noch mehr verwundert ist die Tatsache, dass die neuen Trainingsmethoden nicht nur vor der Kondition Halt machen, sondern auch vor der Nachwuchsarbeit – insbesondere im Kindesalter. Sieht man sich die vom DFB online zur Verfügung gestellten Trainingsübungen an, stellt man fest, dass der Anteil an Spielformen mit abnehmendem Alter ebenso abnimmt. Obwohl es stets heißt, man solle den Kindern früh den Spaß am Sport vermitteln, erreicht man genau das Gegenteil, wenn man ihnen zunächst technische Aspekte fragmentarisch ohne Spielbezug beibringt. Darüber hinaus widersprechen solche Ansätze den sport- und kognitionswissenschaftlichen Erkenntnissen der letzten 30 Jahre.

1. Lehr- und Lernansätze

Traditionelle Lehrmethoden in Sportspielen sind einschleifend, technikorientiert und analytisch. Zuerst sollen einzelne Fragmente erlernt und dann miteinander verbunden werden, bis man das Spiel erreicht. Der im Zentrum des Lehrprozesses stehende Trainer gibt Instruktionen, welche sich insbesondere auf Pass-, Dribbel- und Abschlusstechniken beziehen, ohne dabei einen spielrelevanten Zusammenhang herzustellen. Wie und wann diese Techniken im Spiel eingesetzt werden, bleibt bei den Übungen nämlich unberücksichtigt. Dies führt schließlich dazu, dass die isoliert erlernten Techniken im Spiel selbst „zusammenbrechen“ oder „verpuffen“.[1]

Es geht dabei darum, erst das „wie“ zu vermitteln, bevor das „warum“ klar wird. Es herrscht die vereinfachende Überzeugung  „Keine Taktik ohne Technik“.

Diese Trainingsmethode führt dazu, dass diejenigen Kinder, die weniger fähig mit dem Ball sind, die Motivation für die Sportart verlieren, weil sie große Schwierigkeiten bei der Technikausführung innerhalb und außerhalb des Spiels haben. Auf der anderen Seite ist eine solche Trainingsform für diejenigen Kinder langweilig, die die jeweiligen Techniken bereits beherrschen. Sie verbringen die ganze Zeit mit der Schulung von Dingen, die sie schon können. Neue Lernmöglichkeiten werden folglich weder für diejenigen Sportler angeboten, die eine bestimmte Technik bereits beherrschen, noch für solche, die sie nicht beherrschen. Studien bestätigten, dass der motorische Lernerfolg solcher Übungen für Kinder und Jugendliche quasi gegen Null geht.[2]

Diesen traditionellen Ansatz haben zahlreiche Konzepte seit Beginn der 1980er Jahre umgekehrt [Teaching Games for Understanding (TGfU); Situation Model of Anticipated response consequences in Tactical decision (SMART)] und stattdessen den taktischen Gedanken des Spiels (sense of play) in den Vordergrund gerückt. Das instruierende Vermitteln ist dem begleitenden Erleben und Probieren gewichen, wobei der Sportler selbst zum Mittelpunkt des Lern- und Lehrprozesses wird. Es sollen komplexe taktische Probleme in spielnaher Form geschaffen werden, die anspruchsvolle technische Fertigkeiten erfordern. Der Trainer passt dabei die Komplexität des Spiels an das technisch-taktische Niveau der Spieler an. Diesen Prinzipien folgt auch die taktische Periodisierung.

2. Entwicklungspsychologie in der Nachwuchsarbeit

Die Art des Erlernens spielrelevanter Fähigkeiten ändert sich im Laufe eines Menschenlebens je nach Entwicklungsstand des zentralen Nervensystems. So reift etwa der präfrontale Kortex, der für höhere kognitive Funktionen wie die Handlungskontrolle, das Planen oder die Risikoabschätzung von Entscheidungen verantwortlich ist, später als jene Kortexareale, die mit sensorischen oder motorischen Leistungen assoziiert sind.[3]

Grafik 9, Überblick über das menschliche Gehirn und den Reifungsprozess

Grafik 1, Überblick über das menschliche Gehirn und den Reifungsprozess

Der präfrontale Kortex erreicht seine maximale Dichte an grauer Substanz zwischen dem 11. und 12. Lebensjahr; also im zweiten Lebensjahrzehnt. Im Motorcortex wird die maximale Dichte an grauer Substanz bereits im ersten Lebensjahrzehnt erreicht. Der Reifungsprozess der grauen Hirnsubstanz verläuft somit „von hinten nach vorn“.

Die Fähigkeit, richtige Entscheidungen unter bestimmten Spielbedingungen zu treffen, beschreibt die taktische Intelligenz (konvergentes Denken). Diese Fähigkeit entwickelt sich angesichts der späteren Reifung des präfrontalen Kortex erst im zweiten Lebensjahrzehnt voll aus und erlaubt erst dann eine optimale Ausbildung.

Demgegenüber steht die Spielkreativität (divergentes Denken). Sie ist durch Originalität (die Lösung ist ungewöhnlich und selten) und Kontinuität (die originelle Lösung ist angemessen und nützlich) gekennzeichnet. Obwohl die Kreativität von gewissen Persönlichkeitseigenschaften (Mut, Phantasie, Neugier) abhängt, kann sie dennoch gefördert werden. Allerdings müssen die Grundlagen dafür bereits in frühen Stadien des Lebens vermittelt werden.

2.1 Kinder

Angesichts der früh entwickelten sensorischen und motorischen Hirnareale stehen der sichere und richtige Umgang mit dem Ball, sowie der Spaß am Spiel zu Beginn der fußballerischen Ausbildung (<11 Jahre) im Vordergrund. Die primären Ziele müssen sein, das Interesse der Kinder zu wecken und ihnen einen möglichst weiten Raum für Bewegungen zu gewährleisten. Dafür empfehlen sich von vorne herein Übungen in Spielform. Auf diese Weise herrscht stets ein möglichst breiter Bewegungsrahmen in unzähligen Situationen vor; der Ball ist permanent im Einsatz.

Für Kinder im Alter von 6-11 Jahren konnte in diversen Studien nachgewiesen werden, dass sich ihre Spielintelligenz – und somit ihr strategisch-taktische Verständnis – stark entwickelt, wenn sie sich nicht früh auf eine Spielsportart spezialisieren. Stattdessen sollen sie in sportspielübergreifenden Spielformen üben (deliberate play).[4] Dabei verbessert sich auch die Bewegungserfahrung der Kinder.

Eine explizite Vermittlung taktischer Inhalte (etwa an der Taktiktafel) kann angesichts des noch unzureichend ausgebildeten präfrontalen Kortex kaum forciert werden. Durch explizite Anweisungen und Instruktionen der Trainer können Kinder nicht alle situationsrelevanten Informationen wahrnehmen. Ein enger Aufmerksamkeitsfokus ist die Folge.[5] Ein entdeckendes Lernen ermöglicht hingegen einen weiten Aufmerksamkeitsfokus, der verschiedene Reize verknüpft, die zunächst irrelevant erscheinen.[6] Eine breite Erfahrung im Sport, die durch die Praxis mit verschiedenen Aktivitäten in unterschiedlichen Umgebungen, fördert nachweislich das taktisch divergente Denken und somit die Kreativität von Kindern.[7]

Weil das Handeln in zahlreichen unterschiedlichen Sportspielsituationen nachweislich die Entwicklung von Beweglichkeit, Spielintelligenz und Kreativität fördert,[8] wird ein erster positiver Beleg über die Effektivität des Lernens mit variierten Bewegungen und dem entdeckenden Lernen – dem sogenannten impliziten Lernen – geliefert.[9] Vielfältige Spielformen in Kleingruppen, die für den Einzelnen viele Ballkontakte bedeuten, eignen sich demnach besonders für Kinder und Jugendliche und weisen einen ähnlichen Entwicklungsweg auf, wie er für sogenannte „Straßenfußballer“ üblich ist.

2.2 Pubertät

Im anfänglichen pubertären Alter (12-14 Jahre) erfahren Jugendliche einen Wachstumsschub. Durch das Wachsen der Gliedmaßen wird die Koordination schlechter; der Mensch muss viele gewohnte Bewegungen neu lernen, koordinieren und ordnen.[10] Daher ist im jugendlichen Alter besonders auf eine koordinative Ausbildung zu achten.

Das Koordinationstraining stellt die Grundlage für die technische Ausbildung dar. Der Sportler lernt auf diese Weise, seinen Körper optimal einzusetzen. Je besser die koordinative Ausbildung eines Spielers ist, desto besser ist sein Umgang mit dem Ball und desto genauer kann er seinen Körper einschätzen und kontrollieren. Gleichzeitig muss die Beweglichkeit im Allgemeinen beachtet werden, damit der Spieler in Zukunft neue Dinge schnell und korrekt erlernen kann. Ein richtiges Einsetzen der Körperbewegungen verringert außerdem die Verletzungsgefahr und spätere Haltungsschäden.

Weil der präfrontale Kortex in diesem Alter voll ausgebildet ist, kann nun eine stärkere Spezialisierung hinsichtlich positionsspezifischer Techniken und Taktiken stattfinden. Der Anteil an gezielten Übungen für eine bestimmte Sportart (deliberate practice) nimmt zu.

Die Ausbildung der Kraft sollte in dieser Entwicklungsphase keine Rolle spielen. Zwar gelten die Muskeln spätestens ab dem 11. Lebensjahr als trainierbar, Der Sinn und Zweck darf jedoch bezweifelt werden. Die Muskeln entwickeln sich im Laufe der Adoleszenz (Lebensabschnitt des Kindes- und Heranwachsendendaseins) selbständig. Wegen des Wachstumsschubs muss darüber hinaus eher die Koordination geschult werden. Schließlich werden Muskeln in erster Linie durch eine Anpassungsreaktion des Nervensystems bzw. durch Koordinationsverbesserungen leistungsfähiger und nicht durch einen Massezuwachs.[11]

Zudem ist nicht ausreichend geklärt, welche Auswirkungen ein frühes Krafttraining auf die Gesundheit bezüglich der Wirbelsäule haben kann. Die Ausbildung der Kraft stellt in der Adoleszenz den wohl unwichtigsten Aspekt im Training dar. Die Kinder und Jugendlichen sollen ihre technischen und taktischen Fähigkeiten schulen und dabei Spaß empfinden. Unspezifische Kraftübungen können dies nicht gewährleisten.

2.3 Zusammenfassung

Gemäß diesen Erkenntnissen ist ein Modell entwickelt worden, wie die sportliche Ausbildung altersentsprechend ausgerichtet sein sollte und wohin alternative Wege führen können:

Grafik 9, Entwicklungsmodell sportlicher Betätigung

Grafik 2, Entwicklungsmodell sportlicher Betätigung

3. Training

Für Kinder und Jugendliche ergibt sich gegenüber dem Erwachsenentraining also eine größere Anzahl an freien Spielformen. Dabei müssen insbesondere Kindern (6-11 Jahre) viele Ballkontakte und mannigfaltige Bewegungsmöglichkeiten eingeräumt werden.

3.1 Trainingsvorschläge für Kinder

3.1.1 Kleingruppenspiele

Für Kinder bieten sich Kleingruppenspiele (3-4 Spieler je Team) in kleinen Feldern an (Spielfeldbreite: 9-12m; Länge: 15-18m). Kinder haben nicht so viel Kraft, um den Ball über große Distanzen zu schießen oder zu passen. Darum sollte in diesem Alter das Spielen über kurze Distanzen fokussiert werden. Die geringe Spieleranzahl führt dazu, dass jeder Spieler viele Ballkontakte hat. Außerdem kann so verhindert werden, dass sie als Haufen dem Ball hinterher rennen, was in dieser Altersklasse nicht ungewöhnlich ist. Sie erhalten eine leichtere Übersicht vom Spielfeld und erkennen (implizit) den Nutzen einer Aufstellung mit mehreren Linien.

In Kleingruppenspielen mit mannschaftsgebundenen Minitoren wird grundsätzlich ohne festen Torwart gespielt. Denn Abschlusshandlungen sollen weniger einen Torschuss simulieren, als vielmehr einen (finalen) Pass. Außerdem sollte in diesem Alter auch potenziellen Torhütern eine breite Spiel- und Bewegungserfahrung ermöglicht werden.

Grafik 3, Trainingsübung 1

Grafik 3, Trainingsübung 1

Diese Basisspielform eignet sich zur Vermittlung einfacher gruppentaktischer Elemente (Dreieckspiel, Raumverteidigung als kettenartiger Verbund). Weil nur sehr wenige Spieler beteiligt sind, bleibt die Komplexität der Situationen stets gering. Die Situationen wiederholen sich häufig.

Alternativ werden auf den beiden Torlinien je zwei Tore platziert. Dafür wird das Feld um 3-5m verbreitert.

Grafik 4, Trainingsübung 2

Grafik 4, Trainingsübung 2

In dieser Form wird zusätzlich verhindert, dass die Kinder dem Ball in einer großen Traube hinterherlaufen, da sich das Geschehen nicht nur auf die Feldmitte konzentriert. Außerdem können die Kinder den Sinn von Verlagerungen entdecken, wenn ein Tor zugestellt ist.

3.1.2 el caos

Dies ist eine Übungsform aus dem jüngeren Nachwuchsbereich des FC Barcelona, in der mehrere Zweierpaare in einem Feld samt Tor direkt im 1-gegen-1 spielen. Dabei versucht der Ballführer, ein Tor zu schießen; der Verteidiger soll das verhindern, indem er den Ball erobert und dann selbst versucht, ein Tor zu schießen.

Grafik 5, Trainingsübung 3

Grafik 5, Trainingsübung 3

Wegen der hohen Belastung wird in 3-4 kurzen Phasen (je 30-60 Sekunden) gespielt. Zwischen den Phasen gibt es 1-2 Minuten Pause zur Erholung. Hierbei muss Wert auf Fairness gelegt werden! Grätschen und (übermotivierte) Tacklings sind von vorne herein zu unterbinden.

Alternativ werden enge Zonen (10m x 5m) abgesteckt. Dort führen jeweils zwei konkurrierende Spieler einen Zweikampf. Jeder Spieler versucht, ein Tor zu erzielen.

Grafik 6, Trainingsübung 4

Grafik 6, Trainingsübung 4

Nach den einzelnen Phasen (30 Sekunden) wird für jedes Pärchen ein Nachbarfeld bespielbar. Sie spielen in der zweiten Runde somit auf 4 Tore; in der dritten Runde auf 8 usw. Obwohl sich die Felder dabei überschneiden, bleiben die Pärchen unter sich und versuchen, sich von den anderen nicht stören zu lassen.

Das Verhalten in 1-gegen-1-Situationen stellt eine technisch-taktische Grundlage des Fußballs dar. Die Spieler sollen hierbei die Fähigkeit vermittelt bekommen, sich in Dribblings und Zweikämpfen behaupten zu können, an deren Ende ein Abschluss stehen soll. Durch den weitgehend freien Verlauf des „caos“ können sich die Spieler an Finten und Täuschungen probieren und erhalten dank des Gegnerdrucks eine sofortige Resonanz über ihre Handlungen.

Mithilfe des el caos können neben den Handlungsweisen des ballführenden Spielers, auch die individualtaktischen Elemente des Defensivverhaltens von anlaufen, stellen, lenken, Tempo aufnehmen und ballerobern (ASLTB) trainiert werden. Der Coach wird in die Lage versetzt, die einzelnen Aspekte des individuellen Abwehrverhaltens spiel- und situationsnah zu bewerten und ggf. begleitend (nicht instruierend!) zu korrigieren.

3.1.3 Fangspiele

Sogenannte Fangspiele stellen eine Verbindung aus Pass- und Zweikampfübung dar. Durch sie können in spielerischer Form die Nutzungsmöglichkeiten des Passes und des Dribblings unter Gegnerdruck direkt veranschaulicht werden.

In einem 15m x 15m-Feld agieren zwei-drei „Fänger“ gegen 8-10 „Beutespieler“, wovon die Hälfte einen Ball führt. Bereitet diese Übung Schwierigkeiten, wird mit der Hand gespielt.

Grafik 7, Trainingsübung 5

Grafik 7, Trainingsübung 5

Die Fänger versuchen, diejenigen Spieler „anzuschlagen“, die keinen Ball haben. Die Spieler, die einen Ball führen, dürfen nicht angeschlagen werden. Alternativ gilt genau umgekehrt: Es dürfen nur die Spieler in Ballbesitz angeschlagen werden.

Mittels dieser Übung wird den Spielern direkt veranschaulicht, dass man sich mit Pässen und dem vorausgehenden Anbieten gegenseitig hilft.

3.2 Trainingsvorschläge für die frühe Pubertät

In der frühen Pubertät (11-12 Jahre) wird eine stärkere Spezialisierung angestrebt. Die Komplexität der Übungs- und Spielformen steigt.

3.2.1 Positionsspiele

Beim el Rondo stehen (mindestens) drei Spieler in Ballbesitz in einem Dreieck und passen sich den Ball zu, während ein defensiver Spieler in der Mitte versucht, den Ball zu erobern. Hat er das geschafft, wechselt er zum offensiven Team und derjenige, der den Ball verloren hat, geht in die Mitte und muss nun selbst den Ball erobern.

Grafik 8, Trainingsübung 6

Grafik 8, Trainingsübung 6

Diese Spielform geht auch im 4-gegen-1, 4-gegen-2, 5-gegen-2 usw. Allerdings sollten in der Grundform nie mehr als drei verteidigende Spieler in der Mitte sein.

Grafik 9, Trainingsübung 7

Grafik 9, Trainingsübung 7

In den Positionsspielen kommt es darauf an, den Ball in einem stark abgegrenzten Raum gegen einen zahlenmäßig unterlegenen Gegner  durch kurze schnelle Pässe in unterschiedliche Richtungen zu sichern. Das Bilden von Kurzpassdreiecken ist für eine erfolgreiche Umsetzung dieses Positionsspiels unerlässlich. Wegen des engen Raumes (ca. 8m x 8m) herrscht ständig hoher Gegnerdruck, der es notwendig macht, den Ball permanent in Bewegung zu halten. Dies erfordert ein schnelles Anbieten von Passoptionen, sowie eine schnelle Wahrnehmung derselben und verlangt darüber hinaus die Beherrschung diverser koordinativer Fähigkeiten.

Die Grundform des Rondos ist recht simpel. Aufgrund dessen bieten sich zahlreiche Variationen an, um spezielle Reize zu setzen und zusätzliche Schwankungen zu erzeugen. Anstatt etwa den ballerobernden mit dem -verlierenden Spieler zu wechseln, sollen die baller­obernden Spieler den Ball zu ihren Mitspielern bringen, die in einer zweiten Zone postiert sind. Ist ihnen das gelungen, begeben sie sich in ihre eigene Zone; zwei Spie­ler der gegnerischen Mannschaft folgen, sodass in auch hier ein Rondo gespielt wird. So wird neben dem Ballhalten das schnelle Umschalten trainiert.

Grafik 10, Trainingsübung 8

Grafik 10, Trainingsübung 8

3.2.2 Zonenspiele

Die Unterteilung des Feldes in drei Zonen erlaubt es, mithilfe von Sonderregeln die technisch-taktischen Anforderungen und Zielsetzungen zu variieren. Es darf sich frei bewegt werden. Zoneneinteilungen ziehen automatisch eine Verengung der Räume nach sich, da sich das Geschehen in diesen Zonen konzentriert. Auf diese Weise stellen die Zonenspiele hohe Ansprüche an die technisch-taktischen Fähigkeiten.

Grafik 11, Trainingsübung 9

Grafik 11, Trainingsübung 9

Zum Beispiel kann eine Regel lauten, dass vor jedem Torabschluss alle Zonen bespielt werden müssen. Dadurch können vielfältige Situationen entstehen, deren Lösung vom üblichen Schema abweicht. Wird etwa der Ball in der Angriffszone erobert, muss er trotz der Nähe zum Tor erst in die eigene Abwehrzone gebracht werden. Für die nun defensive Mannschaft besteht keine Gefahr eines Gegentores, weil der Ball zunächst alle Zonen durchlaufen muss. Anstatt nach Ballverlust also das eigene Tor zu verteidigen, sollte die Abwehr versuchen, zu verhindern, dass der Gegner den Ball nach hinten spielen kann.

Für jede einzelne Zone können ferner ganz eigene Regeln gelten. So dürfen die Spieler beispielsweise in der hintersten Zone nur zweimal den Ball berühren, während sie in der Mittelzone beliebig oft berühren dürfen. In der vordersten Zone darf dann evtl. nur direkt gespielt werden. Oder aber die Mittelzone soll sofort überbrückt, also gar nicht erst bespielt werden, wenn der Ball von hinten nach vorne vorgetragen wird.

Ob die einzelnen Zonen überspielt werden dürfen oder nicht, kann ebenfalls variabel vorgegeben werden. Die Anzahl an individuellen Ballberührungen kann beschränkt werden. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten für Sonderregeln. Allerdings sollte es den Spielern grundsätzlich gestattet werden, sich frei zu bewegen.

3.3 Lernen durch Variationen und Differenzen

Kindern technische Fertigkeiten ohne „Schwankungen“ vermitteln zu wollen, ist spätestens seit der differenziellen Lernmethode von Wolfgang Schöllhorn überholt. Gemäß diesem Lehr- und Lernansatz werden gegenüber dem sogenannten Einschleifen Bewegungsregeln und ein technisches Idealbild abgelehnt. Durch die Ablehnung starrer Bewegungsregeln geht automatisch eine Ablehnung starrer Trainingsformen einher. Denn beim Einschleifen werden an den Übungsleiter hinsichtlich Trainingsplanung und -durchführung keine hohen Anforderungen gestellt. Die potenziellen Übungen zur Technikschulung sind angesichts einer akzeptierten Idealtechnik umfänglich bekannt und weitestgehend ausgeschöpft („Das haben wir schon immer so gemacht.“). Die Folge davon ist, dass das Lernpotential stark beschränkt ist.[12] Wo nicht vom Schema abgewichen wird, kann schließlich nichts Neues entstehen.

Gemäß der differenziellen Lehr- und Lernmethode soll Spielern die Möglichkeit gegeben werden, ihr eigenes „Bewegungsoptimum“ zu finden. Dafür ist es unabdingbar, sie mit vielen spielnahen Situationen zu konfrontieren. Dort herrscht stets Gegnerdruck (DIE Quelle für Schwankungen), sodass sie auch gleichzeitig den Sinn technischer Handlungen im Zusammenhang mit dem Spiel erkennen. Die Komplexität der Spielformen wird den technisch-taktischen Fähig- und Fertigkeiten der Spieler angepasst. Insofern muss sich der Trainer immer wieder neue Übungsformen ausdenken, die zu vielen immerneuen Situationen führen. Dabei kann sich der Trainer keiner Vorbilder bedienen, sondern muss kreativ sein.

Das vom Trainer gesteuerte Entdecken des Sports in situationsorientierten Spielformen ist nach momentanen Erkenntnissen die bestmögliche Lehrweise: „Mit ihr stimuliert und führt der Trainer die Spieler durch offene und geschlossene Fragen zur Lösung eines bestimmten Problems.“[13] Er gibt ihnen konkludent zu verstehen, dass der Fußball im Kopf beginnt, bevor die Aktion auf dem Spielfeld mit dem Fuß beendet wird.

Durch das ständige Konfrontieren mit unterschiedlichen Aufgaben (Differenzen) wird die Fähigkeit, sich an neue Situationen im Bereich des Lösungsraums schneller adäquat zu reagieren, erlernt.[14] Bei der differenziellen Lernmethode handelt es sich demnach um einen Ansatz, der die Adaptionsfähigkeit auf sämtlichen Ebenen von Technik, aber auch Taktik und Kondition in ganzheitlicher Form ausbildet und fördert.

Das differenzielle Lernen bietet immer wieder neue erfolgsunsichere Situationen, die unerwarteten Bewegungserfolg ermöglichen. Unerwartet positive Handlungsereignisse aktivieren über Dopaminsignale Lernvorgänge im Gehirn.[15] Durch eine phasische dopaminerge Aktivität wird garantiert, dass erfolgreiche Bewegungslösungen (für spezifische Situationen angemessene Bewegungen) optimiert werden.

Synapsen, Nervenzellen bis hin zu ganzen Hirnarealen passen sich in Abhängigkeit ihrer Verwendung in ihren Eigenschaften an (neuronale Plastizität). Weiterhin werden die Synapsenstärken häufig eingebundener Neuronen gesteigert, während die Verknüpfung mit und Integration von anderen neuronalen Zellverbänden mittels Differenzen in der Bewegungsausführung ermöglicht wird.[16]

Da die Wiederholungen beim Einschleifen hingegen vorhersehbar sind, werden nur stark begrenzte Möglichkeiten der technischen Verbesserung geboten. Denn hierbei ist es besonders schwer, einen unerwarteten Bewegungserfolg und damit eine „dopaminerge Beschleunigung der Kodierungsvorgänge überdauernd aufrechtzuerhalten“.[17]

4. Fazit

Kinder sollen früh Spaß am Spiel entwickeln. Es muss ihnen die Gelegenheit gegeben werden, den Sport zu entdecken. Wie soll das geschehen, wenn sie 90 Minuten trainieren, aber nicht eine Minute davon damit verbringen, zu spielen?! Es ist eine europäische Eigenheit, alles ordnen, organisieren und disziplinieren zu wollen. Was in vielen Bereichen des täglichen Lebens seinen Sinn hat, muss aber nicht uneingeschränkt für Kinder gelten. Wenn man Kindern eine Erwachsenenordnung auferlegt und sämtliche ihrer Handlungen bereits im Entdeckungsstadium steuert, anstatt sie zu begleiten, wird man Spieler erzeugen, die nicht kreativ und selbständig denken. Stattdessen werden sie zu einem Abbild unserer Vorstellungen, von denen wir glauben, sie seien richtig. So wird jedoch eine selbständige Entwicklung des Kindes gehemmt und damit letztlich auch die Entwicklung des Sports an sich.

Das sind auch die Gründe, weshalb der Mangel an „Straßenfußballern“ in Europa lange mit Südamerikanern kompensiert wurde. Diese spielten in ihrer Kindheit zumeist auf Straßen, Hinterhöfen oder Schotterplätzen mit allen möglichen Bällen oder allem, was dem in etwa nahe kam. Barfuß! Kein Erwachsener weit und breit, der ihnen sagte, was sie tun müssen oder lassen sollen. Stattdessen erleben und entdecken sie diesen Sport allein und in der Gruppe.

Nun darf sich niemand bestätigt sehen, der Kinder dauernd spielen und ihnen dabei völlig freien Raum lässt. Die Steuerung der Trainingsinhalte ist ein sensibles und komplexes Unterfangen. Die Steuerung erfolgt hier aber nicht durch Instruktionen, sondern durch das Provozieren bestimmter Situationen, die die Kinder und Jugendlichen lösen müssen. Der Trainer ist dabei begleitender Ratgeber.

Quellen:

[1] Raab 2001, S. 196 f.

[2] Schöllhorn/Sechelmann/Trockel/Westers 2004, S. 15.

[3] Konrad 2011, S. 125 ff.

[4] Memmert/Roth 2007, S. 1429 (m.w.N.).

[5] Memmert/Furley 2007, S. 366 f.

[6] Lopes 2011, S. 87.

[7] Baker/Côté/Abernethy 2003, S. 22ff.

[8] Memmert/König 2012, S. 26 f. (m.w.N.).

[9] Lopes 2011, S. 5.

[10] Verheijen 1997, S. 127.

[11] Verheijen 1997, S. 88.

[12] Schöllhorn, 2005, S. 127.

[13] Wein 2012, S. 356.

[14] Beck 2008, S. 439.

[15] Beck 2008, S. 436.

[16] Beck 2008, S. 437.

[17] Beck 2008, S. 438 f.

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Literaturverzeichnis:

Baker, Joseph / Côté, Jean, / Abernethy, Bruce; Sport-specific practice and the development of expert decision-making in team ball sports; Journal of Applied Sport Psychology, (2003) 15; S. 12-25.

Beck, Frieder; Sportmotorik und Gehirn – Differenzielles Lernen aus der Perspektive interner Informationsverarbeitungsvorgänge; Sportwissenschaft, 38 (2008) 4; S. 423-450

Bunker, David / Thorpe, Ron; A model for the teaching of games in the secondary school; Bulletin of Physical Education; (1982) 18; S. 5-8

Côté, Jean / Baker, Joseph / Abernethy, Bruce; Practice and play in the development of sport expertise; In: R. Eklund, G. Tenenbaum (Hrsg.); Handbook of sport psychology; Wiley; 2007; S. 184-202

Konrad, Kerstin; Strukturelle Hirnentwicklung in der Adoleszenz; In: P. J. Uhlhaas, K. Konrad (Hrsg.); Das adoleszente Gehirn; Stuttgart; 2011; S. 124-138

Lopes, Mariana C.; Wirksamkeit von impliziten und expliziten Lernprozessen – Aneignung taktischer Kompetenzen und motorischer Fertigkeiten im Basketball; Heidelberg; 2011

Memmert, Daniel / Furley, Philip; “I spy with my little eye!”: Breadth of Attention, Inattentional Blindness, and Tactical Decision Making in Team Sports. Journal of Sport & Exercise Psychology, 29 (2007), S. 365-381

Memmert, Daniel / Roth, Klaus; The effects of non-specific and specific concepts on tactical creativity in team ball sports; Journal of Sports Sciences, 25 (2007) 12; S. 1423-1432

Memmert, Daniel / König, Stefan; Zur Vermittlung einer allgemeinen Spielfähigkeit im Sportspiel; In: S. König, D. Memmert, K. Moosmann (Hrsg.); Das große Limpertbuch der Sportspiele; Wiebelsheim; 2012; S. 18-37

Raab, Markus; SMART – Techniken des Taktiktrainings, Taktiken des Techniktrainings; Köln; 2001

Schöllhorn, Wolfgang / Sechelmann, Michael / Trockel, Martin / Westers, Roland; Nie das Richtige trainieren, um richtig zu spielen; Leistungssport, 34 (2005) 5; S. 13-17

Schöllhorn, Wolfgang; Differenzielles Lehren und Lernen von Bewegung – Durch veränderte Annahmen zu neuen Konsequenzen; Schriften der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft; Band 144; 2005; S. 125-135

Verheijen, Raymond; Handbuch Fußballkondition; Amsterdam; 1997

Wein, Horst; Spielintelligenz im Fußball – kindgemäß trainieren; Aachen, 2009

Die differenzielle Lernmethode

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Bereits im Artikel zur Taktischen Periodisierung ist der Ansatz des differenziellen Lehrens und Lernens ausgiebig beschrieben worden. Ergänzungen und neurowissenschaftliche Erklärungen zur Wirksamkeit dieser Methode wurden im Rahmen dieser Serie im Nachwuchsartikel behandelt. Der vorliegende Text soll diese Ausführungen verbinden und sie in einen Gesamtzusammenhang bringen.

Das differenzielle Lernen wurde in Deutschland seit 1999 von Wolfgang Schöllhorn geprägt. Anfangs belächelt und teilweise noch heute als Scharlatanerie abgetan,[1] gab es im Laufe der Jahre in zahlreichen Sportarten positive Nachweise über die Wirksamkeit dieses Ansatzes. Schöllhorn selber erforschte die Effektivität unter anderem im Kugelstoßen und in einzelnen Techniken des Fußballs wie dem Torschuss oder dem Passen.[2] Klaus-Joachim Wewetzer untersuchte im Rahmen seiner Dissertation die Wirksamkeit des differenziellen Lernansatzes im Golf und konnte dort ebenfalls den Vorteil dieser Methode gegenüber traditionellen Ansätzen belegen.

Doch nicht nur in Deutschland ist die differenzielle Lehrmethode Gegenstand sportwissenschaftlicher Untersuchungen. Erst im August dieses Jahres veröffentlichten japanische Wissenschaftler eine Studie, in der die Strukturierung der Gehirne von Top-Athleten (u.a. von Neymar) untersucht wurden, wobei ein Zusammenhang zwischen motorischen Fertigkeiten und dem Lernen durch Differenzen hergestellt wurde.[3]

Mittlerweile kann ein positiver Konsens über die Effektivität des differenziellen Lernens attestiert werden, der nicht nur im Sport (insbesondere im Mannschaftssport) gilt, sondern bspw. auch im Sprach- und Musiklernen. Die Geschwindigkeit und Breite der Aneignung von Wissen und Fähigkeiten wird mittels dieser jungen Methode wesentlich schneller erreicht als mit traditionellen Ansätzen. Der Nutzen des differenziellen Lehrens und Lernens kann demnach als erwiesen betrachtet werden, weshalb es unbedingt Einzug in die allgemeine Trainingspraxis finden sollte. Aus diesem Grund soll hier nochmals eine zusammenfassende Erläuterung stattfinden.

1. Vorüberlegungen

Zur Verbesserung der Technik gibt es zwei vorherrschende Lehrmethoden, die unter-schiedlichen Ansätzen folgen. Auf der einen Seite steht das Modell des motorischen Wiederholens – das sogenannte „Einschleifen“. Dabei geht es darum, ein bestimmtes technisches Bewegungsideal ohne Fehler anzutrainieren. Durch stetige Repetitionen wird in der Idealvorstellung dieser Lehrmethode die bestmögliche Ausführung eingeübt bzw. „eingeschliffen“.

Auf der anderen Seite steht das Lernen mittels Variationen und Differenzen. Beim differenziellen Lernansatz kommt es zu einer Neubewertung jener Bewegungsfehler (Schwankungen), die beim Einschleifen vermieden werden sollen. Diese werden sogar bewusst in den Trainingsprozess integriert.[4] Der differenzielle Lernansatz folgt dabei zwei Grundideen: Bewegungen unterliegen ständigen Schwankungen und können nicht (exakt) wiederholt werden. Darüber hinaus sind Bewegungen individuell bzw. personenspezifisch, was bedeutet, dass sich niemand auf die gleiche Weise bewegt wie ein anderer Mensch.[5]

Bei traditionellen Lehrmethoden wird hingegen eine schrittweise Annäherung an ein vorgegebenes Ziel durch entsprechend hohe Wiederholungszahlen mit ständigem Soll-Ist-Vergleich angestrebt. Dabei soll die Abweichung vom Ideal nach und nach verringert werden, bis die Zieltechnik erreicht ist. Diese angestrebte Zieltechnik muss jedoch im Fußball in Bezug auf die ständig wechselnden Anforderungen von Raum-, Gegner- und Zeitdruck, sowie äußerer Umstände (Bsp.: Wetter, Platzverhältnisse) angepasst werden und lässt ferner die individuelle Motorik außer Acht, sodass die Anwendung der reinen Zieltechnik nur selten oder gar nie stattfindet. Insofern kann das Einschleifen den komplexen Anforderungen des Fußballspiels mit all seinen ganzheitlichen und synergetischen Effekten unmöglich gerecht werden.

2. Ursache und Wirkung

Das differenzielle Lernen bietet immer wieder neue erfolgsunsichere Situationen, die unerwarteten Bewegungserfolg ermöglichen.[6] Unerwartet positive Handlungsereignisse aktivieren über Dopaminsignale Lernvorgänge im Gehirn.[7] Durch eine phasische dopaminerge Aktivität wird garantiert, dass erfolgreiche Bewegungslösungen (für spezifische Situationen angemessene Bewegungen) optimiert werden.[8] Synapsen, Nervenzellen bis hin zu ganzen Hirnarealen passen sich in Abhängigkeit ihrer Verwendung in ihren Eigenschaften an (neuronale Plastizität). Weiterhin werden die Synapsenstärken häufig eingebundener Neuronen gesteigert,[9] während die Verknüpfung mit und Integration von anderen neuronalen Zellverbänden mittels Differenzen in der Bewegungsausführung ermöglicht wird.[10]

Da die Wiederholungen beim Einschleifen hingegen vorhersehbar sind, werden nur stark begrenzte Möglichkeiten der technischen Verbesserung geboten. Denn hierbei ist es besonders schwer, einen unerwarteten Bewegungserfolg und damit „eine dopaminerge Beschleunigung der Kodierungsvorgänge überdauernd aufrechtzuerhalten“.[11]

Durch das ständige Konfrontieren mit unterschiedlichen Aufgaben (Differenzen) wird die Fähigkeit, sich an neue Situationen im Bereich des Lösungsraums schneller adäquat zu reagieren, erlernt.[12] Bei der differenziellen Lernmethode handelt es sich demnach um einen Ansatz, der die Adaptionsfähigkeit auf sämtlichen Ebenen von Technik, aber auch Taktik und Kondition in ganzheitlicher Form ausbildet und fördert.

Werden also ständig neue Situationen erzeugt, die entsprechend spezifische Bewegungslösungen erfordern, wird das Hirn dahingehend geschult. Der Zielbereich der jeweiligen Technik wird bei der differenziellen Lernmethode nicht mehr als eng und stabil betrachtet, sondern als weiter Lösungsraum, innerhalb dessen sich die optimale Lösung in jeder Situation ändert und niemals wiederholt. Dadurch wird auch der Randbereich des Lösungsraums „abgetastet“,[13] was dazu führt, dass mehrere Aspekte von technisch-taktischen Bereichen automatisch (mit)geübt werden. Somit wird nicht die theoretisch optimale und konkrete Lösung (Idealtechnik) geübt und „gegen Lösungen anderer Bewegungsgegenstände stabil gemacht“, sondern ein möglicher Lösungsraum umkreist, der es dann erlaubt, die auf jeden Fall neue und situativ optimale Lösung auszuführen.[14]

Zwar werden gute Bewegungsleistungen mit sämtlichen Lern- und Trainingsansätzen erzielt; signifikante Unterschiede ergeben sich aber in Bezug auf die Dauer, bis das Ziel erreicht wird – die sogenannte Lernrate (Lernfortschritt pro Zeit) – und die Dauer, über die das Gelernte behalten wird. Ausschließliches Wiederholen enthält dabei immerhin ein Mindestmaß an Verbesserungen, dafür jedoch auch auf die Dauer nur eine relativ geringe Lernrate und nur einen stark begrenzten Zeitraum, in dem das Gelernte weiterhin im Gedächtnis bleibt. Sowohl die Verbesserungen als auch die Lernraten nehmen laut bisherigen Studien beim differenziellen Lernen zu.[15]

3. Anwendung

Um sich die differenzielle Lehrmethode im Trainingsbetrieb zu Eigen zu machen, können Schwankungen in spezielle Situationen (Bsp.: Torschuss) integriert oder in freien Spielformen gezielt provoziert werden. Aber auch äußere Umstände (Platz- und Ballqualität) können ursächlich für Schwankungen sein. In Passübungen ohne Gegnerdruck können sichtbehindernde Hilfsmittel (Augenklappe, Scheuklappen) genutzt werden.

3.1 Einzeltechniken

Die gemäß einer Leittechnik optimale Körperhaltung bei Torschüssen erfolgt so, dass das Standbein etwa 2-3 Fußbreiten seitlich vom Ball entfernt steht, während der Oberkörper leicht über den Ball geneigt wird. Der dem Schussbein gegenüberliegende Arm wird seitlich vom Körper weg gestreckt und beim Schuss nach innen durchgeschwungen; der andere Arm wird leicht nach hinten geschwungen. Da die differenzielle Lehrmethode ein solches Leitbild mit Allgemeingültigkeit ablehnt, können hier Schwankungen integriert werden, um technische Fortschritte zu erlangen. Für mögliche Übungsformen zum Torschuss werden sechs Kategorien zur Erzeugung von Schwankungen erfasst:[16]

1. Anlauf:

Sidesteps, Anfersen, Kniehebelauf, Hopserlauf, Zick-Zack, Schlusssprung (mit Koordinations-/Konditionsformen verbinden).

2. Situation:

Ball ruht, Ball rollt oder springt (von vorne entgegen, von der Seite herein), Ball wird gedribbelt; Gegnerdruck (Gegner läuft von der Seite ein, greift frontal an).

3. Standbein:

Vor oder hinter dem Ball, Fußspitze zeigt nach innen oder außen, auf Ballen oder Ferse stehen.

4. Oberkörper:

Armhaltung (nach oben, unten, vorne, hinten, zur Seite gestreckt; kreisend; Kombination), Kopfhaltung (zur Seite geneigt), Oberkörperlage (bei hohen Schüssen Oberkörper nach vorne beugen & umgekehrt).

5. Schussbein:

Ausholbewegung nach hinten außen, gestrecktes Kniegelenk, nach Schuss sofort abstoppen, nur zur Hälfte ausholen.

6. Zusatz:

Ein Auge schließen, Blinzeln, Trefferzone am Tor vorgeben.

Keine Vorgabe soll wiederholt werden, sondern kommt nur einmal vor.

3.2 äußere Umstände

Auch die Qualität des Spielfeldbelages (Halle, Natur- oder Kunstrasen, Sand-, Asche-, Hartplatz) und/oder die Größe und Qualität der Bälle können verändert werden. Die Gefahr, sich Hautverletzungen zuzuziehen ist auf Sand-, Asche- und Hartplätzen größer als auf Naturrasen. Um derartigen Abschürfungen zu umgehen, müssen die Spieler ihre Bewegungen besser planen und bewusster ausführen. So werden vor allem die koordinativen Fähigkeiten geschult. Auf Rasen- und Kunstrasenplätzen gleitet der Ball schneller als auf Asche oder Sand, wo es mehr Unebenheiten geben kann.

Bälle der Größe 4 oder Futsalbälle sind kleiner und weisen jeweils ein anderes Gewicht und Sprungverhalten auf als gewöhnliche Fußbälle der Größe 5, sodass die Spieler sich bei der Ballführung umstellen müssen. Unterschiedliche Qualitäten von Bällen und Spielfeldern wirken sich auf die Differenzierungsfähigkeit – einem Teilbereich der Koordination – und damit direkt auf das allgemeine Ballgefühl aus.

3.3 Spielformen

Schwankungen können zudem vor allem in Spielformen erzeugt werden. In solchen herrscht stets Gegnerdruck, der dafür sorgt, dass die theoretische Idealtechnik praktisch nicht umgesetzt werden kann. Es werden also spielnahe Schwankungen erzeugt, die zu einer entsprechend spielnahen und -relevanten Technik führen.

Die Begrenzung der Spielfeldgröße kann verändert werden und beeinflusst auf diese Weise die Spielintensität. So kann etwa der Ball in kleinen bzw. engen Feldern schneller unter Druck gesetzt werden. Das hat Auswirkungen auf die Beweglichkeit und Koordination für Zweikampfaktionen zur Folge. Die Begrenzung der Anzahl individueller Ballkontakte zwingt die Spieler zu einer schnellen und effizienten Ballverarbeitung.

Zu diesen beeinflussenden Faktoren gesellt sich eine automatische, zum Teil unbewusste Auseinandersetzung mit den taktischen Gegebenheiten und Erfordernissen des Spiels. Dadurch findet eine simultane Förderung von Technik und Taktik statt. Taktische Erfahrungswerte werden auf diese Weise mittrainiert.

4. Auswirkungen auf das Training, den Sportler, die Sportart

Beim Einschleifen werden an den Übungsleiter hinsichtlich Trainingsplanung und -durchführung keine hohen Anforderungen gestellt. Die potenziellen Übungen zur Technikschulung sind angesichts einer akzeptierten Idealtechnik umfänglich bekannt und weitestgehend ausgeschöpft („Das haben wir schon immer so gemacht.“). Die Folge davon ist, dass das Lernpotential stark beschränkt ist. Wo nicht vom Schema abgewichen wird, kann schließlich nichts Neues – möglicherweise Besseres – entstehen.

Werden Bewegungsregeln jedoch abgelehnt und der Sportler stattdessen in Situationen gebracht, in denen er selbst Bewegungslösungen finden muss, werden auch höhere Anforderungen an den Trainer gestellt. Denn er muss trotzdem wissen, wie eine vermeintliche Idealtechnik ausgestaltet ist, um entsprechende Schwankungen zielgerichtet einsetzen zu können.[17]

Die Folge daraus ist, dass sich die technische Leistungsfähigkeit des Sportlers stark verbessert. Diesen stärkeren und zugleich schnelleren Verbesserungen sind nur dann Grenzen gesetzt, wenn keine zusätzlichen Schwankungen mehr erzeugt werden können. Damit aber weiterhin Schwankungen zum gewünschten Lernerfolg führen, sind die Übungen stetig komplexer auszugestalten. Um dafür passende Situationen zu schaffen, muss der Trainer komplexe Übungsformen selbständig kreieren können, wobei er sich keiner Vorbilder bedienen kann.

Durch die Ablehnung starrer Bewegungsregeln geht automatisch eine Ablehnung starrer Trainingsformen einher. Daraus resultiert ein Zyklus, in dem sich sowohl der Sportler stetig weiterentwickelt, als auch der Trainer: komplexe Übungsform → Schwankungen → Weiterentwicklung technischer Handlungsmöglichkeiten → komplexere Übungsformen → zusätzliche Schwankungen → Weiterentwicklung technischer Handlungsmöglichkeiten → etc.

Übungszyklus

Zyklus des differentiellen Lernens

5. Fazit

Bedenkt man, dass jede Situation im Laufe eines Fußballspiels ganzheitliche Anforderungen an den bzw. die Spieler stellt, kommt man nicht umhin, diese Zustände auch im Training zu berücksichtigen, um einen angemessen Verbesserungseffekt gewährleisten zu können. Das gilt vor allem für Ballaktionen. So ist u.a. bei jedem Pass die Entfernung zwischen Passgeber und -Empfänger unterschiedlich. In jedem Zweikampf hat man es mit einem Gegenspieler zu tun, der eigenständig entscheidet, wie er Druck gegen den Ball erzeugen will. Nur dann, wenn die Spieler im Training zahlreichen Situationen mit stetig wechselnden Umständen ausgesetzt werden, werden sie überhaupt in die Lage versetzt, sich selbständig entsprechend der gegebenen Situation technisch-taktisch anzupassen. Das bloße Einschleifen von Bewegungen, ohne dabei Schwankungen zu erzeugen und ohne die Bewegung in einen taktischen Kontext zu stellen, kann demgegenüber unmöglich diejenigen Umstände schaffen, die es braucht, um die technischen Fertigkeiten adäquat zu schulen.

Es ist daher unabdingbar, immer wieder neue Differenzen zu erzeugen und Schwankungen zu provozieren. Solange dies gelingt, sind Verbesserungen möglich.

Quellen:

[1] Die Sportwissenschaftler Stefan Künzel und Ernst-Joachim Hossner kritisierten im Jahre 2012 in einem Aufsatz die Methode Schöllhorns. In einem Leserbrief an die Zeitschrift, die den Aufsatz Künzels und Hossners veröffentlichte, äußerten Marcus Schmidt und Markus Henning, dass die Kritik nicht den Standards eines wissenschaftlichen Diskurses entspricht.

[2] Schöllhorn/Sechelmann/Trockel/Westers 2004, S. 13 ff.

[3] Naito/Hirose 2014, S. 6.

[4] Schöllhorn 1999, S. 7 ff.

[5] Schöllhorn 1999, S. 9.

[6] Beck 2008, S. 439.

[7] Beck 2008, S. 436.

[8] Fn. 6.

[9] Beck 2008, S. 437.

[10] Fn. 6.

[11] Beck 2008, S. 438 f.

[12] Beck 2008, S. 439; Schöllhorn/Sechelmann/Trockel/Westers 2004, S. 13.

[13] Schöllhorn 1999, S. 9 f.

[14] Schöllhorn 2005, S. 129.

[15] Schöllhorn 2005, S. 130 ff.; Wewetzer 2008.

[16] Hegen/Schöllhorn 2012, S. 33 f.

[17] Wewetzer 2008, S. 92.

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Literaturverzeichnis:

Beck, Frieder; Sportmotorik und Gehirn – Differenzielles Lernen aus der Perspektive interner Informationsverarbeitungsvorgänge; Sportwissenschaft, 38 (2008) 4; S. 423-450

Hegen, Patrick / Schöllhorn, Wolfgang; Lernen an Unterschieden und nicht durch Wiederholung – Über ‚Umwege’ schneller zur besseren Technik: Differenzielles Lernen im Fußball; Fussballtraining, (2012) 03; S. 30-37

Naito, Eiichi / Hirose, Satoshi; Efficient foot motor control by Neymar’s brain; Frontiers in Human Neuroscience, (2014) 8

Schöllhorn, Wolfgang; Individualität – ein vernachlässigter Parameter?; Leistungssport, 29 (1999) 2; S. 5-12.

Schöllhorn, Wolfgang / Sechelmann, Michael / Trockel, Martin / Westers, Roland; Nie das Richtige trainieren, um richtig zu spielen; Leistungssport, 34 (2004) 5; S. 13-17

Schöllhorn, Wolfgang; Differenzielles Lehren und Lernen von Bewegung – Durch veränderte Annahmen zu neuen Konsequenzen; Schriften der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft; Band 144; 2005; S. 125-135

Wewetzer, Klaus-Joachim; Motorisches Lernen in der Sportart Golf – Eine empirische Studie mit Anfängern; Kiel; 2008

Serie zum Thema Trainingstheorie

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Spielverlagerung goes Training!

In einer kleinen Serie wollen wir uns einzelnen Themen der Trainingstheorie widmen, um diese dem Leser näher zu bringen. Generell ist es unser Ziel sich in nächster Zeit verstärkt im Bereich der Trainingstheorie zu engagieren. Die taktische Anwendung strategischer Aspekte ist immerhin ein stetiger Prozess, der sich aus der Qualität der Spieler, der Analyse des Gegners, der generell taktisch-strategischen Kompetenz und – natürlich – der Vermittlung dieser Aspekte und der Schulung der Spieler im Training definiert. Deswegen ist es uns auch ein Anliegen, dass in den nächsten Monaten und Jahren vermehrt Artikel auf Spielverlagerung zu diesen Themen zu finden sind. Einen Anfang haben wir mit einer Serie zur Periodisierung im vergangenen Winter schon gemacht, die mit einzelnen Artikel seither ergänzt wurden.

In dieser Serie wollen wir diesen Trend fortsetzen, ohne uns einem bestimmten Thema zu widmen. Die geplante Artikelliste sieht wie folgt aus:

  1. Training mit Ballfokus: Ein detaillierter längerer Artikel aus unserer ersten Ballnah, der das Fundament für einen ganzheitlichen und spielformorientierten Trainingsansatz geben soll. Dieser Artikel ist prinzipiell als eine Argumentation für das ballorientierte Spielformen und deren Vorteile zu sehen. Erscheinungstag: Montag.
  2. Raymond Verheijens Periodisierungskonzept: In diesem Jahr hat Raymond Verheijen, der vielen durch seine scharfe, beinahe polemische Kritik an veralteten Trainingsmethoden und Inkompetenz generell auf Twitter bekannt sein dürfte, sein neues Buch “The Original Guide to Football Periodisation. Part 1″ veröffentlicht. Wir haben uns das Buch ebenso wie sein “Handbuch: Fußballkondition” aus den 90ern angesehen und die wichtigsten Punkte extrahiert. Vorab: Verheijens Konzept dürfte zu den besten der Welt gehören. Erscheinungstag: Dienstag.
  3. Spielorientiertes Training im Nachwuchsbereich: Marco Henseling hat sich bestimmte entwicklungspsychologische Eigenheiten im Jugendalter angesehen und diese mit modernen Trainingskonzepten zusammengeführt, um in dieser Ausführung zu erklären, in welchem Alter welche Trainingsformen aus welchen Gründen zu bevorzugen sind. Für jeden Jugendtrainer ein absolutes Muss. Erscheinungstag: Mittwoch.
  4. Die differentielle Lernmethode: In diesem Artikel erläutert Marco Henseling die differentielle Lernmethode. Er stellt die grundsätzliche Methodik vor, führt die Nutzung aus, erklärt die Effekte und wie sie neuropsychologisch zu begründen sind und wie man sie im Fußball anwenden kann. Ein fundamentaler Artikel für jede Trainingsphilosophie. Erscheinungstag: Donnerstag.
  5. Interview mit Martí Perarnau: Als Abschluss dieser Serie werfen wir einen kleinen Blick in die Praxis. Das Interview mit Buchautor Perarnau beinhaltet zwar hauptsächlich eine Diskussion über seine Guardiola-Dokumentation, bespricht aber auch einzelne taktische Aspekte und versucht einen kleinen Blick hinter die Kulissen der Guardiola’schen Trainingsplanung zu werfen. Erscheinungstag: Freitag.

Wir hoffen, dass den Lesern die Serie zu gefallen weiß. Die verstärkte Aktivität in puncto Trainingstheorie ist übrigens auch unserem Mitautor Marco Henseling zu verdanken. Seine Artikel auf Spox.com, die vielen Diskussionen mit ihm per E-Mail und auch sein Artikel zur taktischen Periodisierung im Rahmen unserer Periodisierungsserie haben uns zu einer verstärkten Beschäftigung mit diesem Themenkomplex bewogen. Dies ist sogar derart ‘ausgeartet’, dass Marco und ich gemeinsam (primär Marco) ein Buch über Training verfasst haben, welches sich mit zahlreichen sport- und trainingswissenschaftlichen Erkenntnissen sowie Philosophien aus dem Hochleistungsbereich befasst.

All diese Theorien und Konzepte wurden von uns geprüft, analysiert und angepasst, um einem einheitlichen Rahmen und objektiven Richtlinien zu entsprechen. Der Veröffentlichungstermin ist noch nicht bekannt; wir halten euch auf dem Laufenden und werden in der Zwischenzeit immer mal wieder einzelne Erkenntnisse aus unserer informativen Reise in Artikelform auf Spielverlagerung veröffentlichen. Die Serie dieser Woche soll vorerst einen grundlegenden, einfachen Überblick geben. Feedback ist wie immer erwünscht! In diesem Hauptartikel darf diskutiert werden und alle fünf Artikel werden hier verlinkt.

Umblickverhalten und Schulterblick

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Dieser trainings- und taktiktheoretische Artikel behandelt das Umblickverhalten sowie den Schulterblick im Speziellen.

Fußballtaktik besteht aus vielen unterschiedlichen Aspekten. Strategische Aspekte, Mannschaftstaktik, Gruppentaktik, Wechselwirkungen mit dem Gegner, Umfeldbedingungen (Anpassungen an die Platzverhältnisse z.B.), der Spielstand oder auch die Berücksichtigung der jeweiligen Tagesform werden oftmals genannt. Ein Teil davon bleibt jedoch oft gänzlich unerwähnt: Die Individualtaktik.

Ursachenforschung gefragt

Individuelle Leistungen werden meistens auf undefinierbare Begriffe wie Talent oder vereinfachend auf die Qualität des Spielers zurückgeführt, ohne auf den Einfluss des Trainers, der Ausbildung, des Spielcharakters oder – ganz banal – nach den Ursachen für die Überlegenheit in technischen Teilaspekten zu suchen. Obwohl dies in einem globalen Rahmen gemacht wird, geschieht dies selten für einzelne Spieler. Beispielsweise wird Barcelonas Gesamterfolg der letzten Jahre auf die Fußballschule La Masia und die dortige Ausbildung zurückgeführt, die individuellen Fähigkeiten Xavis, Iniestas, Messis und Co. gelten jedoch als eine von Gott gegebene goldene Generation.

“Over the years I‟ve spent thousands of hours by the side of the pitch watching some of the very best players in the world train and compete. A striking difference between watching the pro‟s play and watching youth soccer players train is the amount of time the best professionals look up and around consistently and constantly.” - Sportpsychologe Dan Abrahams

Natürlich ist es durchaus möglich, dass es nie wieder eine Spielergruppe mit so viel Talent geben wird, auch wenn es unwahrscheinlich ist. Bayern und Real sind aktuell schon sehr nahe dran. womöglich sogar ebenbürtig. Sogar das aktuelle Barcelona steht rein individuell in nichts nach, obgleich Barcelona 2011 wohl für viele nach wie vor den Zenit darstellt. Nichtsdestotrotz hat auch diese sogenannte goldene Generation von ihrer Ausbildung profitiert und konnte nur durch die Mischung ihres eigenen „Talents“ und dem nötigen Rüstzeug so gut werden. Ein Aspekt, den man besonders bei Spielern aus La Masia wiederfindet, ist dabei der Blick über die Schulter. Darum messen einige Vereine in der deutschen Bundesliga sogar bei ihren gescouteten Spielern, wie oft sie im Schnitt pro Minute über die Schulter blicken.

Das klingt zwar sehr simpel, doch die Auswirkung einer solch kleinen Bewegung kann sich drastisch äußern.

Spielintelligenz fördert die spielerische Leistung beziehungsweise ihrer Umsetzung

Die Informationsaufnahme strategischer und taktischer Aspekte in der Umgebung erleichtert nämlich das darauffolgende Dribbling beziehungsweise den Offensivzweikampf. Ein Spieler kann technisch perfekt sein, doch wenn er sich bei der Ballannahme nach hinten in den Gegner dreht, wird er den Ball dennoch im Normalfall verlieren. Gleichzeitig kann auch ein technisch schwächerer Spieler den Ball deutlich öfter behaupten und seine Aktionen erfolgreich gestalten, wenn er sich in offene Räume oder einfachere Situationen bewegt.

Der Schulterblick ist hierbei ein grundlegendes Mittel. In La Masia werden die jungen Fußballer schon von klein auf geschult sich andauernd umzusehen und ihrer Umgebung bewusst zu werden. Wo sind Räume frei? Wo kann ich mich freilaufen? Wohin kann ich mich nach der Ballannahme bewegen? Wie stehen meine Mitspieler? Wen kann ich dann wie anspielen?

“I once took a youth team player at a Premiership Academy through 10 minutes of footage of Cesc Fabregas. I asked the player what it was he noticed about Fabregas and he commented that the then Arsenal player checked his shoulders over 10 times a minute. And it appeared that every decision he made was based on what he had just seen. The world‟s best players have developed an internal tracking system that scans the immediate environment.” Sportpsychologen Dan Abrahams

Das gesamte Spielsystem der Katalanen, das Juego de Posición (eine in-depth-Erklärung auf Englisch gibt es hier), das dominante Kurzpassspiel mit wenigen Kontakten über mehrere Stationen, selbst ihr Defensivspiel, basiert alleine darauf, dass sich die Spieler konstant ihrer Umgebung bewusst sind. Xavi als Organisator der Mannschaft ist hierfür ein perfektes Beispiel.

Xavi als Informationsfinder

Xavi positioniert sich sehr oft genau in einer diagonalen Linie zweier gegnerischer Spieler; meistens macht er dies zwischen einem gegnerischen Sechser und einem Mittelstürmer. Erhält er hier den Ball, blickt er schon davor über seine Schultern. Er registriert, ob hinter ihm der Raum von einem einrückenden Flügelstürmer versperrt wird und wie sich die beiden Gegenspieler in seiner Nähe – also der Sechser und der Mittelstürmer – bewegen. Dadurch kann er auf ganz einfache Weise sich und seiner Mannschaft einen riesigen Vorteil verschaffen.

Xavi in der diagonalen Linie in der gegnerischen Staffelung

Xavi in der diagonalen Linie in der gegnerischen Staffelung

Rückt keiner der beiden Akteure auf Xavi, wenn dieser den Ball bekommt, kann er ihn sich stoppen und hat viel Raum zur Verfügung. Indem er sich oftmals nahe am genauen Mittelpunkt dieser gedachten Linie positioniert, sind oftmals die Zuteilungen unklar. Manchmal haben die gegnerischen Spieler aber bestimmte Verantwortungen, wie zum Beispiel einen sehr tiefen Mittelstürmer oder eine zonale Mannorientierung des Sechsers, wo dann dieser taktische Effekt nicht entsteht. Dank der Informationen, die ihm viele und zeitlich passende Schulterblicke geben, hat Xavi aber für alle anderen Situationen ebenfalls Möglichkeiten parat.

Wenn der Mittelstürmer sich am Mittelfeld orientieren soll und sich dann auf Xavi zurückfallen lässt, dreht sich der katalanische Spielmacher während beziehungsweise kurz vor der Ballannahme mit dem Rücken zu ihm hin und deckt ihm damit den Weg zum Ball ab. Xavi lässt den Ball an sich vorbeirollen und hat wieder das gesamte Spiel vor sich. Der Gegner wurde geblockt und kann auch in den folgenden Sekunden keinen Druck aufbauen. Für Xavi gibt es nun die Möglichkeit nach vorne zu laufen und einen Pass zur Seite zu spielen oder sich mit dem Ball weiter zur Auslinie zu bewegen, wodurch der Außenverteidiger aufrücken kann.

Spielt der Gegner mit einer Mannorientierung des Sechsers auf Xavi, dann kann Xavi mit einem passenden Schulterblick das Herausrücken des Gegenspielers erkennen. Er kann sich nun nach hinten drehen, den Ball zu den Innenverteidigern spielen oder seitlich ablegen. Das hat zur Folge, dass das Herausrücken des gegnerischen Spielers zu einem Nachteil wird: Barcelona kann in den geöffneten Raum spielen oder zum Beispiel über Iniesta oder Messi in dieses Loch eindringen.

“The first lesson I learned at Barcelona was to play with your head up. If you look around you only after you receive the ball, then how do you know what’s going on? But if you raise your head before you control your team-mate’s pass, you immediately notice all the space you have. You know where the nearest defender is and where your best options are to make a successful pass. I’ve had wonderful advice in my career, but that first piece is still the most important.”Xavi

Sehr oft dreht sich Xavi auch einfach mit einer 360°-Drehung um den Gegner herum, woraufhin Barcelona plötzlich Überzahl hat. Das mag zwar teilweise spektakulär oder wie ein Fehler des Gegners aussehen, ist aber an sich simpel. Jeder professionelle Fußballer kann einen Pass stoppen, sich um 360° drehen und dann ein paar Schritte nach vorne. Doch nur einige wenige wie Xavi schätzen die Situation und Dynamik der Szene richtig ein, bewegen sich rechtzeitig und richtig, damit dieses einfache und überaus effektive Kunststück entstehen kann. Behilflich sind dabei der Blick über die Schulter und der dazugehörige Informationsgewinn.

Gegen Barcelona ist es darum – in deren besten Zeiten zumindest – immer ein Tanz mit dem Feuer gewesen. Stellt man keinen Druck her, wird Barcelona das Spiel dominieren, dadurch keine Chancen zulassen und geduldig nach den Löchern in der eigenen Abwehr suchen. Diese Spielweise bezeichnete Liverpools Trainer Brendan Rodgers unlängst als „Death by football“.

Rückt ein Spieler auf Xavi, verlässt er seine Position und ein anderer Spieler wird frei. Selbst wenn sowohl der Sechser als auch der Mittelstürmer auf Xavi schieben, ist es selten möglich konstant effektive Ballgewinne zu haben. Dann lässt Xavi meistens den Ball nur kurz abprallen, um dieses Herausrücken für seine Mitspieler bespielbar zu machen oder er kann sich auch in dieser Situation drehen und selbst den offenen Raum bespielen, wenn er sieht, dass der Gegner nicht rechtzeitig in den Zweikampf kommen kann.

Besonders fatal ist das für den Gegner aber, weil alle Spieler Barcelonas so denken. Wenn jemand auf Xavi herausrückt, dann weiß nicht nur Xavi das, sondern auch der Xavi-nahe Innenverteidiger, der beim Pass von der anderen Seite ebenfalls über die Schulter blickt und sich sofort für eine mögliche Ablage Xavis hinter den zurückfallenden Mittelstürmer freiläuft. Der Außenverteidiger blickt ebenfalls auf beide Seiten und wird aufrücken, damit er Raum für einen Vorstoß des Innenverteidigers oder eine Drehung Xavis öffnet, indem er seinen Gegenspieler nach hinten stößt.

Der Flügelstürmer erkennt das ebenfalls und wird nun etwas einrücken, um einerseits das Übergeben des Außenverteidigers vom gegnerischen Flügelstürmer in den Raum zu verwehren und andererseits um ein Zurückfallen Messis zu ermöglichen, der ebenfalls die Situation registriert und sich in das Loch hinter dem herausrückenden Sechser positioniert. Aus der eigentlich guten Pressingsituation wird auf einmal eine Ablage Xavis mit darauffolgendem Pass  auf Messi, der im Mittelfeld Tempo aufnehmen kann – es ist nicht die beste Situation.

Diese gesamte kollektive Bewegung, ausgehend von Xavis Schulterblick vor der Ballannahme, wenn man so möchte, ein Kettenmechanismus durch die gesamte Mannschaft in eigenem Ballbesitz. Und er entsteht letztlich dadurch, dass sich Fußballer durch individualtaktische Eigenschaften in einem größeren gruppen-, mannschaftstaktischen und strategischen Kontext mit Wechselwirkung auf die gegnerische Bewegung und jene des Balles definieren. Gleichzeitig definiert sich jegliche Taktik auch über die Wechselwirkungen mit dem Spieler und seinen körperlichen, spielerischen und taktischen Möglichkeiten.

Bayerns großer Verdienst gegen Barcelona unter Heynckes 2013 war es auch, dass man diese Mechanismen durch die adäquaten Zuteilungen und die enorme Kompaktheit nicht entstehen ließ. Doch die Bayern waren von 2008 bis 2013 nur eine von sehr wenigen Mannschaften, welche das konstant über eine Partie hinbekamen – und die einzige, die es über zwei Spiele schaffte. Dies zeigt auch, wie effektiv es ist, wenn eine Mannschaft solche grundsätzlichen einfachen Aspekte der Informationsgewinnung kollektiv anwendet und es – dank einer guten Spielereinbindung, einer passenden Spielidee und intelligenten Anpassungen an den Gegner – zur besseren Umsetzung ihrer Fähigkeiten führen kann.

“When I receive the pass, having already looked around me, I’m thinking about whether I’ve got time to turn or if I have a defender behind me. That’s the first thing. If I’m under pressure, I’m looking to play with one or two touches, or control the ball in such a way that my marker can’t intercept it. Basically, I’m looking to earn myself a few metres of space so that I’ll be in a position to not lose the ball and allow our team’s move to develop.”Xavi

Der Schulterblick ist natürlich nur ein Teilaspekt; die richtige Ballannahme, die Körperstellung zum Spielfeld hin, grundsätzlich eine saubere Technik, die Physis, die Mentalität und so weiter spielen ebenfalls eine Rolle. Doch auf den Schulterblick wird in der Trainingslehre kaum eingegangen. Wieso?

Subtilität wird oft übersehen

Vielfach werden einfache Sachen übersehen. Viele Trainingseinheiten konzentrieren sich auf das Offensichtliche: Physis, Balltechnik, klare schemenhafte gruppentaktische Abläufe, defensiv wie offensiv. Das ganzheitliche Training mit Fokus auf das freie Spiel inklusive der differenziellen Lernmethode mit Ergänzungen wie Life Kinetik ist aktuell auch darum im deutschen Profifußball der letzte Schrei, weil es automatisch zahlreiche kleinere Sachen berücksichtigt und automatisch in den Trainingsbetrieb implementiert.

Doch insbesondere in der Jugendausbildung werden viele Sachen nicht in einem größeren Rahmen trainiert, sondern es gibt einen natürlichen Fokus auf die Individualtaktik, die spielerische Qualität und grundsätzliche motorische Aspekte wie die Koordination. Die vielen einfachen Passformen und Technikübungen sorgen dann dafür, dass sich die Jugendspieler präzise und schnell in einzelnen Aspekten weiterentwickeln, jedoch werden anderen Aspekte durch diese Trainingsübungen nicht berücksichtigt; für viele Trainer ist auch diese Einfachheit und Übersehbarkeit mitursächlich dafür, dass sie weder die Trainingsübungen auf die Entwicklung solcher Fähigkeiten auslegen noch innerhalb andere Trainingsübungen die Ausführung dieser Bewegungen kontrollieren beziehungsweise darauf konstruktiv hinweisen.

Um diese viel übersehenen Fähigkeiten in Zukunft stärker zu entwickeln, muss natürlich auch ein stärkeres Augenmerk in der Trainerausbildung auf diese gelegt werden. In La Masia, um beim vorherigen und im Weltfußball populärsten Beispiel zu bleiben, wird neben dem Schulterblick auch auf die Bedeutung offener Räume im Freilaufen, der korrekten Bewegungsrichtung bei der Ballannahme in Relation zur Spieldynamik und den grundsätzlichen Staffelungen geachtet.

Der viel zitierte positive Effekt des „gleichen Systems durch alle Altersstufen“ ist nämlich nicht (nur) auf so banale und nichtssagende Aspekte wie die Formation oder die grundlegende Spielweise zurückzuführen.

“It sounds easy, but to dominate these skills is difficult. It’s how I survive in a game. I’m not physical, strong or tall, so I’ve always got to look for free space from where I can create and have time to think, control the ball and look for the next pass. This means I have to run for miles in each game looking for that space, allowing my team-mates the chance to ‘roll out’ when I give them the ball. You must think about the game situation, and also about the team-mate to whom you’re passing.”Xavi

Er bedeutet eher, dass allen Spielern die fundamentalen Bedeutungen strategischer und mannschaftstaktischer Aspekte bekannt sind und wie diese individualtaktisch umsetzbar sind. Das Talent, die Technik, die Physis und die Mentalität entscheiden letztlich, auf welchem Niveau der Spieler sich durchsetzen könnte – das Verständnis grundlegender Mechanismen, die Fähigkeit zur Umsetzung seiner Fähigkeiten generell und die mögliche, flexible Einbettung in das Spielsystem der Mannschaft entscheiden jedoch darüber, ob er es letztlich auch tun wird.

Denn ohne das physische, technische und mentale Rüstzeug kommt man heutzutage gar nicht mehr in die Verlegenheit für einen großes Team vorzuspielen; ohne taktische Kenntnisse wird man in naher Zukunft, der Zeit des Ballbesitz- und Pressingfußballs, sich kaum noch auf höchstem Niveau durchsetzen können.

Ein Spieler, der sich in der Jugend durchgehend durch seine körperliche wie technische Überlegenheit als Zehner individuell profilieren konnte, wird spätestens im Profibereich auch beginnen müssen seine Pässe intelligent zu wählen, sie der strategischen Marschroute des Trainers folgen zu lassen und positionspassende Defensivaktionen ebenfalls geschickt zu wählen.

Darum wird in den nächsten Jahren auch entscheidend sein, wie die Fußballakademien aus aller Herren Länder ihre Spieler (individual-)taktisch ausbilden. Der Schulterblick und die intelligente Informationsaufnahme bei diesem mit der richtigen Zuteilung der gewonnenen Informationen im taktisch-strategischen Kontext sind hierbei eine wichtige Kategorie der Ausbildung. Nun stellt sich aber natürlich die Frage: Wie zum Teufel bringe ich das den Knirpsen bei?

Wie lehre ich den Schulterblick?

Das Vermitteln des Schulterblicks geht mit den grundlegenden Prinzipien des Fußballtrainings einher. Die jeweilige Trainingsphilosophie des Trainers kann natürlich variieren, grundsätzlich ist aber ein möglichst spielnahes Training nach einem ganzheitlichen Ansatz empfehlenswert, wie schon in der ersten Ballnah-Ausgabe im Artikel „Nah am Ball – auch im Training“ (hier auf SV veröffentlicht) argumentiert wurde.

Die Trainingsübungen sollten somit an reellen Spielsituationen orientiert sein, welche jedoch so gewählt werden, dass ein richtiger Schulterblick unabdingbar für eine erfolgreiche und flüssige Erfüllung der Übung ist. Beispielsweise können dies spezielle Passspielformen sein, bei denen man sich in bestimmten Momenten nach hinten orientieren muss oder gar eine spezielle Brille zur Sichtbehinderung verwendet wird, eine Zweikampfübung mit variierendem Gegenspieler, der einen von hinten im eigenen Rücken attackiert, Spielformen mit durch den Übungsaufbau erzwungenen zu spielenden oder empfangenden Pässen außerhalb des eigentlichen Sichtfelds oder auch Positionsspielübungen mit wichtigen taktischen Bewegungen hinter sich.

“If you think before your opponent where the ball is going to go then you have an advantage. If you stay with the ball at your feet and think about what to do, you are going to lose the ball. The best players are the quickest thinkers. Where is my team-mate going to run to? Will he stay onside? Which one has space? Which one is looking for the ball? How do they like the ball – to their feet or in front? You can be the best passer in the world, but without your team-mates being in the right position, it’s no good.”Iniesta

Theoretisch sind sogar abstraktere Sachen möglich: Sich bewegende Tore, dynamische Spielfeldbegrenzungsveränderungen, reger Blickkontakt zu einem bestimmten Mitspieler in freier Bewegung weiter weg auf dem Feld oder zum Beispiel auch das Abzählen von einer sich verändernden Anzahl an Dingen im eigenen Rücken mit dazugehöriger Abfrage zur Kontrolle noch während der Übung könnten eine Option darstellen, um die unaufhörliche Kontrolle des Spielfelds zu provozieren. Auch 1-2-2-1- oder 1-2-3-2-1-Formationen von aneinandergereihten Rondos mit Zonenwechseln sind auf Fortgeschrittenenniveau eine Möglichkeit.

Generell werden somit Übungen gebaut, wo die Spieler (zu Beginn) verhältnismäßig einfache Entscheidungen treffen, die aber die motorische Komponente des Schulterblicks für den Übungserfolg benötigen. Mit der Zeit und je nach der jeweiligen Entwicklungsstufe werden der kognitive Input und der erwünschte Output erhöht. In kleineren Spielsituationen kann dann mit Freezing gearbeitet werden, wenn bestimmte strategisch falsche Entscheidungen getroffen wurden oder auch, wenn wieder grundsätzliche Probleme im Spielverlauf wegen mangelndem oder nicht ausgeführtem Schulterblick auftauchen.

Ziel ist es somit, dass zuerst die motorische Komponente des Schulterblicks in einfachen Übungen in Fleisch und Blut übergeht. Die Ausführung soll dabei immer wieder auch verbal in Erinnerung gerufen werden, die genaue Umsetzung obliegt aber prinzipiell dem Spieler. Nachdem der motorische Aspekt und die grundsätzlich korrekte Umsetzung in Relation zu den direkt umliegenden dynamischen Begebenheiten des Spiels beherrscht werden, kann dann zu einem größeren Rahmen übergegangen werden.

Es wird fortan nicht nur die erfolgreiche Ballannahme unter direktem Gegnerdruck geplant, sondern die Bewegung in den offenen Raum. Bei Ersterem soll der Ball einfach mit richtiger Nutzung der gegnerischen Bewegung behauptet werden, bei Zweiterem soll direkt in der Folgebewegung der offene Raum anvisiert werden. In der nächsten Stufe geht es dann darum, auch über seine eigenen Bewegungen hinauszublicken und die Positionen der Mitspieler zu erfassen.

Später sollen dann auch jene Aspekte berücksichtigt werden, die eine besondere Manipulation dieser zahlreichen Komponenten ermöglichen. Dies kann zum Beispiel eine Körpertäuschung bei der Ballannahme und herannahendem Gegner darstellen, die dann ins Aufdrehen in einen bestimmten Raum mündet, von wo aus ein erwünschter Pass gespielt werden kann.

Wichtig bei diesen Ansprüchen ist die Berücksichtigung der individuellen Klasse der Akteure. Die Erfüllung allerhöchster Kriterien dürfte außerhalb des Hochleistungsfußballs wohl kaum unter großem Zeit- und Raumdruck konstant gegeben sein. Doch nicht nur die komplexe Planung von der Manipulation erst entstehender Spieldynamiken in Sekundenschnelle ist oftmals ein Ding der Unmöglichkeit.

Bei sehr jungen Spielern im Nachwuchs könnten sogar bei der Ballannahme mit Schulterblick Probleme vorhanden sein, obwohl es da nur um das Einstudieren der motorischen Komponente geht. Das liegt daran, dass die Jugendspieler den Ankunftspunkt des Passes sowie die Dynamik des Spiels, des Passes, der Ballannahme und des Schulterblickzeitpunkts noch nicht in kleinen Zeitintervallen einschätzen können.

Hier sind einerseits natürlich Geduld und korrekter Umgang mit den Spielern bei Fehlern gefragt, andererseits muss zuvor auch schlicht an der Technik, der Antizipationsfähigkeit und Koordination gearbeitet werden, um ein bestimmtes Grundniveau zur Ausführung zu erreichen. Man kann dann die Pass- und Laufwege des Gegners erhöhen, um dem ungeübten Akteur das Leben etwas zu erleichtern.

Statt des Gegnerdrucks kann auch die Nutzung von bestimmten Farben und Signalen herangenommen werden, um einen Schulterblick zu provozieren. Eine Übung dafür wäre zum Beispiel eine Passübung, wo der Spieler einen langen Ball erhält und in seinem Rücken mehrere Hütchen in unterschiedlichen Farben besitzt. Auf Zuruf einer bestimmten Farbe des Trainers oder des Passgebers vor der Ballannahme soll er dann seinen Kopf drehen, die Farbe finden, den Ball in die richtige Richtung mitnehmen und möglichst schnell einen präzisen Pass auf das Hütchen spielen.

Dieses Grundprinzip könnte man auch in eine Übung überführen, die endlos ist; ein sehr großes Feld mit vielen Hütchen, wo jeder Spieler vor einem Hütchen steht und dann seinen Platz wechselt, der Passgeber gibt immer die Farbe vor und das nächste Hütchen in der erwähnten Farbe soll angespielt werden. Dabei muss natürlich kritisch erwähnt werden, dass eine solche Übung wohl zu viel Leerlauf für zu viele Spieler hätte und kaum Intensität mitbringt. Erhöht man die Anzahl der Bälle, kann eine interessante Übung erzeugt werden, die sich jedoch unter Umständen auf diesem Niveau wiederum zu komplex gestaltet.

“Before I receive the ball, I quickly look to see which players I can give it to. Always be aware of who is around you: if you feel them closing down, take a touch to move the ball away from them. Try and put yourself in space to get the pass: the more space you have, the more time you have to think. And when you get the ball, don’t move it towards the opponent. That said, sometimes I’m happy to run at a player and just hold the ball in front of him. That way I’ve moved the team forward.”Iniesta

Desweiteren sollte beachtet werden, dass es teilweise die Forderung nach dem Schulterblick als solchem ist, welche für Nervosität, ein Gefühl der Überforderung oder generelle Skepsis sorgt. Diese psychologische Barriere ist gelegentlich gegeben, sollte aber insbesondere bei älteren Spielern – wo man es durch eine einfache Erklärung des Nutzens – kein Problem darstellen. Bei jüngeren Spielern kann man das machen, was man eben so macht: Schweigen und die Übung so bauen, dass sie es ohne Auskunft implizit lernen beziehungsweise mit einer beiläufigen Erklärung die Problematik des Erlernens klein halten.

Allerdings stellt sich beim Vermitteln des Schulterblicks eine grundsätzliche Frage. Ist es effektiver, diesen Mechanismus und die „Denkkoordination“ durch das implizite Lernen durch die Anwendung in Spielsituationen zu schulen oder fängt man lieber damit an, die strategischen Grundlagen beizubringen, sodass die Spieler sich nach diesen umsehen und sich selbst zwingen den Schulterblick anzuwenden?

Dies ist natürlich eine kleine Glaubens- und Philosophiefrage.

Grundprinzipien zur Orientierung

Persönlich denke ich, dass durch die motorische Komponente das taktisch-strategische Verständnis nachhaltig und langfristig profitiert und positiv beeinflusst wird; gleichzeitig kann auch bei hoher Spielintelligenz schlichtweg die motorische Komponente des Schulterblicks fehlen. Desweiteren denke ich, dass es bei Jugendspielern einfacher ist die motorische Komponente zu vermitteln und daraus positive Effekte für die Spieler zu erzielen, als ihnen taktisch-strategische Aspekte zu lehren. Soll heißen: Wenn sie sich daran gewöhnen, den Schulterblick richtig zu setzen, dann werden sie bei einem heranstürmenden Gegner schon aus Instinkt gute Entscheidungen treffen, den Ball seltener verlieren und mit etwas Übung alleine durch das implizite Lernen ihre Entscheidungsfindung auch nicht nur in puncto Ballannahme, sondern ebenfalls in den weiterführenden Aktionen verbessern.

Damit dieses implizite (und später auch mit explizitem Lernen durch Anweisungen unterstützte) Lernen entstehen kann, sollte die Trainingsübung für den Schulterblick mit möglichst vielen Handlungsmöglichkeiten angereichert sein. Diese Möglichkeiten entstehen natürlich aus der Analyse von Spielsituationen und deren situationale Aspekte, welche relevant für den Schulterblick sind.

Zuvor sollte man jedoch bedenken, dass Schulterblick nicht gleich Schulterblick ist. Ich entscheide für mich grundsätzlich drei Nutzungsmöglichkeiten mit jeweils unterschiedlichen Präferenzen und Fokussen in der Umfeldbeobachtung.

  1. Durchgehender Schulterblick im Spiel: Hier wird während des Spielverlaufs ohne Ballbesitz bzw. Ballführung des Spielers die Umgebung geprüft. Wichtig sind hierbei die Abklärung der eigenen Position, die Suche nach Räumen, Analyse der Mitspielerposition und der gegnerischen Staffelung sowie die Kontextualisierung der Ballposition und -dynamik. Trainiert kann dies werden durch verbale Erinnerung des Spielers an die Überprüfung der Umgebung, durch bestimmte Übungen, wo gewisse Reizpunkte in der Spielerumgebung gesetzt und durchgehend geprüft werden müssen oder ähnliches. Theoretisch könnte man diesen Schulterblick und dessen Wirkungen und Aufgaben nach den unterschiedlichen Spielphasen (eigener Ballbesitz, gegnerischer Ballbesitz, offensiver Umschaltmoment, defensiver Umschaltmoment, Standardsituationen) sowie nach unterschiedlichen strategischen Positionen auf dem Platz oder der Rolle des Spielers weiter aufteilen.

 

  1. Schulterblick vor und bei der Ballannahme: Dieser Aspekt ist jener, den man schon eher mit Übungen vermitteln muss. Der durchgehende Schulterblick im Spiel wird eigentlich schon instinktiv gemacht, ist motorisch sehr einfach und wird im Taktiktraining sowie in Spielformen auch implizit motorisch wie taktisch-strategisch vermittelt. Der Schulterblick bei Ballan- und –mitnahme ist nicht nur eine andere Variante, sondern auch eine Weiterführung und ein anderer Schwierigkeitsgrad. Wichtig ist, dass hier die Analyse der entstehenden Dynamiken und des möglichen Raumes, um den Ball mitzunehmen zu den im vorherigen Absatz geschilderten Aspekten hinzukommen sowie nun mehrere motorisch komplexe Komponenten (Bewegung, Bewegung zum Ball, Ballverarbeitung, etc.) und kognitiv mehrere Aspekte miteinander verschmelzen, was bei Ersterem ebenfalls nicht wirklich gegeben ist.

 

  1. Schulterblick bzw. Umblicke in Ballführung: Dies ist die dritte große Möglichkeit und ebenfalls wieder eine Stufe schwieriger. Für die meisten ist es im Jugendbereich ohnehin in schnellem Lauf praktisch nicht möglich ihn anzuwenden – selbst auf Profiniveau haben viele Akteure große Probleme damit. Darum sollte man als Jugendtrainer die Spieler auch nicht überfordern, aber zumindest versuchen, dass sie bei langsamer Ballführung oder bei Ballbesitz in kurzen statischen Situationen den Kopf heben, sich umsehen und ihre Entscheidungen im Passspiel danach fällen.

Diese unterschiedlichen Möglichkeiten geben schon Aufschluss über die Frage, was man beim Schulterblick abprüfen soll. Wichtig ist bei der Ballverarbeitung natürlich auch, dass man zuvor schon prüft, wohin man sich freilaufen kann – wo sind die offenen Räume andererseits und wo die offenen Passwege andererseits. Heißt: Ich muss einen möglichst offenen Raum finden, den ich effektiv innerhalb der nächsten Situationen anlaufen kann, dass ich in einer dieser Situationen praktisch anspielbar bin.

Bei der später folgenden Ballmitnahme geht es natürlich darum zu sehen, wie der Gegner attackiert oder wie er es könnte. Die Analyse der ballnächsten Gegenspieler, die Drehung in den richtigen Raum und die darauffolgende Suche nach direkt möglichen Anspielstationen stehen im Fokus. Daraufhin folgen die Suche nach Anspielstationen oder offenen Räumen im Lauf und die grundlegende Analyse der generellen Gegnerbewegung.

Die höhere Schule der Analyse strategisch wichtiger Aspekte im Lauf, der Bedeutung der mannschaftstaktischen Staffelungen und die Abwägung der möglichen Angriffsräume und angriffsabschließender Pässe und Strukturen, auch über eine indirekte Einflussnahme, stellt die Kür dieses spielerischen und taktischen Mittels dar.

Die nutzbare Informationsgewinnung aus dem Schulterblick in dynamischen Situationen als Meisterstück dürfte jedoch bis auf eine Gruppe größerer Talente, die koordinativ, kognitiv und spielerisch auf hohem Niveau sind, nicht im Mannschaftstraining vermittelbar sein. Deswegen liegt der Fokus der theoretischen und praktischen Relevanz dieses Artikels auf dem Aspekt der Ballan- und –mitnahme. Dazu stelle ich acht selbst erfundene Übungen zum Schulterblick vor sowie eine extreme Spielform von Kollege MR / Martin Rafelt und zwei schöne Passformen von Kollege VanGaalsNase/Marco Henseling.

Mögliche Übungen

Die erste Übung, die ich für das Vermitteln des Schulterblicks nutzen würde, sähe wie folgt aus:

1ste Übung

1ste Übung

Team X besteht aus einem Dreieck mit dem Torwart, der vor seinem Tor steht, an dessen Eckpunkte sich die zwei Verteidiger von Team X befinden. Ein zusätzlicher Spieler von Team X befindet sich in der Mitte dieses Dreiecks. Team X zirkuliert den Ball innerhalb dieses Dreiecks im 4 gegen 2. Hinter dem Torwart von Team X befindet sich ein Stürmer von Team O, im Dreieck befinden sich zwei weitere Akteure von Team O und der Libero von Team O steht am anderen Ende des Dreiecks außerhalb desselben.

Team X zirkuliert den Ball im Dreieck, 4 vs 2. Der vorderste Spieler von Team O darf auf den Torwart des Gegners rückwärtspressen, muss aber dabei immer aus einer bestimmten Position starten. Der Torwart muss hinter sich blicken, die Pässe auf ihn müssen ebenfalls intelligent sein und der Stürmer von Team O sprintet viel, somit keine Leerlaufphase für ihn und Antizipieren der Pässe als zusätzliche Komponente.

Der „Libero“ von Team O soll hinten zwischen den Eckpunkten des Dreiecks herumpendeln und ggf. von außerhalb des Dreiecks die Eckpunkte des Dreiecks von Team X pressen. Der Libero hat somit ebenfalls eine laufintensive Aufgabe, die Eckpunkte von X müssen aufpassen und die Pässe müssen präzise kommen. Nun kommt die nächste Krux an der Übung: Der Trainer kann jederzeit(!) Bälle von hinten auf den Libero spielen. Dieser soll sich dann drehen; der ballnahe Spieler von X rückt auf ihn heraus, somit müssen beide einen Schulterblick in zwei Richtungen anwenden. Der Libero von Team O baut jetzt das Spiel auf, der Ballbesitz hat gewechselt und es entsteht eine (fast) normale Spielform.

Wenn der Trainer auf Libero von Team O spielt, muss der Torwart von Team X sich entschieden: Geht er zurück oder hilft er beim Abfangen vom Angriff? Letzteres ist Pflicht, wenn der Torwart Fan von Manuel Neuer sein sollte. Einer der Achter von X geht wie erwähnt auf den Libero von O; wodurch ein 3vs3+Torwart entsteht. Der Stürmer muss aus dem Abseits sprinten, sucht nach offenen Räumen und provoziert somit wieder einen Schulterblick der Spieler von Team X und auch seinen Mitspielern.

Wird der Ball schon vorher in der Dreieckszirkulation von Team X verloren, dann kann der Balleroberer auf den Libero oder/und dieser direkte Pässe spielen. Durch das Pendeln ist der Libero immer ballnah oder erobert eben selbst gegebenenfalls Fehlpässe. Es gibt dann den sofortigen Angriff, Stürmer darf wegen Abseits nicht mitspielen bzw. muss mit Sprint da raus. X-Mannschaft kann Konter nach Ballverlusten durch Gegenpressing und Abseitsfalle evtl. vermeiden (tiefer Sechser rückt raus).

Die zweite Übung ist eine Aufbauspielübung, wo die Passoptionen für jeden Spieler so gewählt sind, dass sie immer mit anderem Sichtfeld und Druck im Rücken durch dahinter versetzten Gegenspieler erhalten. Will man diese Übung sehr komplex machen, weitet man die Anzahl der Stafetten oder der Gegenspieler aus.

2te Übung

2te Übung

Prinzipiell kann dies wie folgt aussehen: Der Torwart spielt nach halbrechts, wo sein quasi-Rechtsinnenverteidiger in dieser Situation steht. Der Gegenspieler des rechten Innenverteidigers steht dahinter, er kann ihn entweder bogenartig von rechts oder bogenartig von links anlaufen. Je nachdem, wie er es tut, muss der Ballführende anders spielen.

Entweder spielt er quer nach von ihm aus nach rechts auf den linken Innenverteidiger in dieser Situation oder diagonal nach hinten links, wo der rechte Außenverteidiger steht. Bei diesen beiden kommt ebenfalls ein Gegner in einer diagonalen Linie von hinten beim Pass angelaufen; das trainiert nicht nur die Entscheidungsfindung der ballbesitzenden Akteure, sondern auch der pressenden Spieler.

Gehen wir weiter in diesem Szenario, wo der Ball auf den rechten Verteidiger kam. Wie erwähnt kommt nun ebenfalls ein Gegner in gleicher diagonaler Linie von hinten und soll Druck machen. Dahinter stehen wiederum zwei Innenverteidiger des Gegners und ein eigener Stürmer. Der ballnahe linke Innenverteidiger des Gegners soll Pässe vom Rechtsverteidiger der Ballbesitzmannschaft in die Tiefe verhindern; der rechte Innenverteidiger rückt ballorientiert nach und sichert den Raum. Aber natürlich hat auch er einen Gegenspieler, der paar Meter Rückstand auf ihn hat.

Aus dieser Situation gibt es dann normale Abschlussversuche. Die Übung ist natürlich so gebaut, dass es auf beide Seiten funktioniert. Geht der Ball zu Beginn auf den linken Innenverteidiger der Ballbesitzmannschaft, dann kann dieser sofort in die offene Mitte gehen. Der ballferne Linksverteidiger vom Gegner soll dann einrücken und sichern, der linke und rechte Innenverteidiger hindern den gegnerischen Stürmer am Anbieten, der linke Innenverteidiger und der linke Außenverteidiger müssen wiederum auf den möglicherweise startenden gegnerischen rechten Innenverteidiger achten.

Idealerweise laufen sowohl der Rechtsverteidiger als auch der Linksverteidiger V vom Gegner bogenartig ab und drängen nach hinten; dann entsteht normales Spielchen kurz.

In der dritten Übung spielt eine Mannschaft mit einem 1-2-1-2-1; also zwei Rauten quasi, wo der Anfangs- und Endpunkt der anderen Raute jeweils der gleiche Spieler ist. Der Gegner hat drei innerhalb dieses Feldes, einer davon soll sich immer in der Mitte dieser Doppelraute befinden und herumjagen.

3te Übung

3te Übung

Der zentrale Spieler der Ballbesitzmannschaft und die pressenden Spieler fokussieren sich auf den Schulterblick; diese Übung ist ein Ableger des Rondo. Der Spieler als Bindeglied in die andere Raute bringt 3 Punkte, der Ballverlust zieht 3 Punkte ab und man kann es als Rondo von drei Teams mit drei Spielern und einem zentralen Akteur praktizieren. Der Übergang über die Außen bringt keinen Punkt.

Bei der vierten Übung geht es um einen Zonenwechsel. Ein Viereck steht als einzelne Zone auf der einen Seite, drei andere Vierecke als Spielfelder stehen in einer vertikalen Linie angeordnet auf der anderen Seite. Im alleine stehenden Viereck wird ein 4vs2 gespielt. Die vier Akteure stehen in einer Raute. Die Spieler befinden sich somit mittig an den Kanten des Vierecks und sollten idealerweise nur entlang der Linien verschieben.

4te Übung

4te Übung

In dem zentralen der anderen Vierecke wird 3vs2 gespielt, einer der Spieler ist ein freier Spieler und spielt für die ballbesitzende Mannschaft. Wenn eine Mannschaft in diesem Viereck zehn Pässe schafft, sprintet sie mit Verlagerung in eines der anderen beiden Vierecke Zone (z.B. Blau geht nach oben, Rot geht nach unten oder beliebiger Zonenwechsel oder nach räumlicher Nähe/Ferne). Die beiden Spieler der „Verlierer“ sprinten nach links in das Viereck, wo 4vs2 gespielt wird. Sie unterstützen die „2“ dort.

Sobald dieser Zonenwechsel passiert, müssen die vier Spieler im ersten Viereck das verstehen und in die Zone der „Gewinner“ verlagern. Die 4er-Mannschaft muss über jene Spieler verlagern, die mit Rücken zu dem Viereck der „Gewinner“ stehen. Ansonsten müssen sie solange 4vs4 spielen, bis es geht oder der Ballverlust passiert ist. Mit guter Verschiebung brauchen sie in dieser Übung natürlich keinen Schulterblick, aber brauchen dann wiederum für die gute Verschiebung innerhalb der eigenen Zone zuvor einen schnellen – oder sie zählen sogar vorher schon während der eigenen Zirkulation die Pässe in dem anderen Viereck.

Auch bei der fünften Übung gibt es mehrere Vierecke als Zonen. Hierbei stehen die Vierecke in einer 1-2-1-Formation – ja, die Vierecke! In jedem dieser Vierecke spielt man 3vs2. Es gibt dabei zwei zonenübergreifende Mannschaften, die eine besteht aus allen Dreier-Teams, die andere logischerweise aus allen Zweier-Teams. Die Dreierteams müssen den Ball in eine bestimmte Richtung in eine andere Zone zirkulieren lassen, diese Richtung wechselt auf Zuruf. Die Zweierteams dürfen nach Balleroberung auch über die Mitte in alle Zonen spielen, also auch quer von der einen zur anderen, die nicht verbunden ist.

5te Übung

5te Übung

Diese Übung kann man außerdem variieren. Ein mögliches Zusammenziehen der Zweierteams in der Mitte und versuchtes Rondo unter großem Druck sowie darauffolgender Zonenrückkehr nach Ballverlust, ein mögliches Herausweichen der Zweierteams aus ihren Zonen oder ein zweiter Ball (dann jedoch eher im Fünfeck statt in der Raute) sind Optionen.

Bei der sechsten Übung benötigt man drei zueinander parallel stehende Querlinien, wobei die unterste am längsten und die oberste am kürzesten ist.

6te Übung

6te Übung

Auf der ersten und dritten Linie steht je ein Spieler, auf der zweiten stehen zwei Spieler an den Ecken der Linie. Die beiden dürfen zu Beginn nicht entlang dieser Linie verschieben, der obere und der untere Akteur allerdings schon auf ihren Linien.

Für den unteren gibt es quasi eine intensive Laufübung durch die Länge seiner Linie. Zwischen oberster und mittlerer Linie stehen zwei Gegenspieler. Sie spielen also quasi ein Rondo im 3gegen2, aber der Ball soll immer wieder über die Eckspieler bei passender Stellung des herumlaufenden unteren Spielers direkt auf ihn kommen.

Wenn der Ball nach hinten verlagert wird, dann pressen die zwei Gegner Richtung ganz unten. Der unterste Spieler soll nun wieder nach vorne spielen, jetzt dürfen sich die Eckspieler entlang der Linie bewegen und freilaufen. Alle seine sauberen Rückpässe zählen je 1 Punkt. Es sind eigentlich drei Zweier-Teams, die Punkte kriegen die Eckspieler, da sie den Pass entscheiden und auch nach dem Rückpass direkt nach oben verlagern müssen. Die Spielerzahl kann variiert werden.

Bei der siebten Übung handelt es sich schon um eine kleine Pass- und Drehungsübung.

7te Übung

7te Übung

Der Trainer spielt einen Pass auf den vorderen Spieler (O). Sein Gegenspieler (X) erhielt zuvor eine Farbkombination, die er sich merken muss, zB “Grün-Grün-Rot-Grün-Rot-Grün”. Er soll dann bogenartig über die jeweilige Farbe “Grün” laufen und „O“ pressen.

Spieler A bei Grün wird dann zum Mitspieler von „X“; Spieler A bei Rot soll von „O“ angespielt werden. „O“ dreht sich, spielt auf A, der wiederum von Grün gepresst wird. O bietet sich nach hinten an, die beiden spielen dann kurz 2 vs 2 auf ein Tor, welches quer auf der anderen Seite – in diesem Fall also rechts daneben – steht. Oder man spielt 2vs2 über eine halbe Minute mit zwei Toren oder in einem kleinen Feld ohne Tor.

Die achte Übung funktioniert prinzipiell ähnlich.

8te Übung

8te Übung

Der Passgeber spielt auf den ersten Spieler, der sich um seinen Gegenspieler drehen soll. Danach soll er auf seinen Mitspieler passen – im Idealfall natürlich möglichst schnell/direkt – und sofort in jene Zone sprinten, in die der vorherige Passgeber lief. Der zweite Spieler soll dann in diese Zone verlagern, um dort dann 3vs2 kurz zu spielen.

Die neunte Übung stammt von Martin Rafelt und ist eine relativ einfache Spielform.

9te Übung

9te Übung

Hier spielen 5vs5 in einem kleinen Feld und sollen den Ball in den eigenen Reihen halten. An jeder Seite (oder auch jeder Ecke) steht ein kleines Tor. Innerhalb des Feldes gibt es drei kleine Kreise; der Trainer ruft während des Ballhaltens dann eines der Tore aus. Die gerade ballbesitzende Mannschaft muss nun erst in einen der Kreise spielen und anschließend in das ausgerufene Tor. Bei passendem Hereinrufen des Trainers muss das Sichtfeld gedreht werden und bei kurzen Abständen zwischen den Rufen des Trainers sollten die Spieler dazu gezwungen sein, dass sie sich dauernd umblicken. Außerdem sollte diese Übung das Gegenpressing, die gruppentaktischen Abläufe und die Gegenpressingresistenz schulen.

Die zwei folgenden Übungen stammen von Marco Henseling. Die erste ist ein Passdreieck.

Erste Übung von VanGaalsNase / Marco Henseling

Erste Übung von VanGaalsNase / Marco Henseling

Fünf Spieler stehen an drei Stationen, die in einem Dreieck angeordnet wurden. An der Ausgangsposition 1 stehen zwei Spieler, ebenso wie auf Position 2. Lediglich bei Station 3 steht nur ein Spieler. Spieler 1 passt den Ball zu 2, der ihn direkt auf 3 weiterleitet, welcher in der Mitte von einem im Dreieck angeordneten Feld steht. Nach dem Pass auf 3 umläuft Spieler 2 die Hütchen und empfängt den direkten Rückpass von 3. Nach Erhalt des Balles spielt 2 einen Doppelpass mit 4 an Station 3, der wiederum den Ball zurück zur Ausgangsposition spielt, von wo die Übung direkt neu beginnt. Diese Übung ist somit eine Endlosform. Jeder Spieler geht nach seiner jeweiligen Aktion auf die von ihm aus nächste Position.

Marcos zweite Übung behandelt das Aufdrehen oder „Klatsch“-Spiel. Es ist eine Übung, die das Umblickverhalten (Schulterblick) unter Gegnerdruck schult und stellt eine typische Spielsituation für Sturmspitzen dar.

Zweite Übung von VanGaalsNase / Marco Henseling

Zweite Übung von VanGaalsNase / Marco Henseling

 

Spieler 1 dribbelt kurz auf Spieler 2 zu und passt dann auf denselben. Anschließend läuft er an Spieler 2 vorbei Richtung Tor. Spieler 2 muss sich zuvor als Passempfänger zum I anbieten und geht ihm entgegen. Dazu muss er sich von seinem gegnerischen Verteidiger lösen, welcher in einer abgesteckten Zone steht. Der Abstand von Spieler 2 zur Zone des Verteidigers beträgt ca. 5m.

Der gegnerische Verteidiger entscheidet selbst, ob er den 2 verfolgt oder in seiner Zone verweilt. Verbleibt er in seiner Zone, muss sich Spieler 2 nach Erhalt des Passes zum Tor aufdrehen; geht der Verteidiger mit, muss 2 auf Spieler 1 prallen/klatschen lassen. Um zu realisieren, wie sich der Verteidiger verhält, muss sich 2 visuell versichern (Spieler 1 darf hierbei nichts sagen).

Nach erfolgtem Pass von Spieler 1 auf 2 greifen beide das Tor an und suchen den Abschluss, wobei sie den gegnerischen Verteidiger + Torhüter gegen sich haben. Der Verteidiger darf sich nun frei bewegen. Es gilt die Abseitsregel.

Fazit

Wie man sehen kann, gibt es also viele Möglichkeiten den Schulterblick zu trainieren – Spielformen, welche ihn provozieren und unentbehrlich machen, Passformen, in welcher er klarer Bestandteil ist oder die klare Anweisung zum Schulterblick bei Ballannahmen durch den Übungsaufbau. Die Möglichkeiten sind unendlich und die hier dargestellten Übungen sind nur ein Bruchteil an Varianten, die außerdem individuell an die Begebenheiten des Kaders und die Vorstellungen des Trainers angepasst werden müssen.

Fakt ist aber, dass der Schulterblick eine häufig unterschätzte Komponente in der Jugendausbildung ist, der aber taktisch wie spielerisch für enorme Möglichkeiten sorgt und eigentlich ein Fundament der Spielerentwicklung darstellen sollte. Eine Entwicklung von Spielern mit den Fähigkeiten Informationen aus der Umgebung zu eruieren und sie gewinnbringend für das Team einzusetzen sollte das Maß aller Dinge sein.

In diesen beiden Videos (hier und hier) kann man anhand der Barcelona-Spieler, allen voran Xavi, viele Situationen sehen, wie der Schulterblick effektiv eingesetzt wird, um sich Raum zu verschaffen. Das resultiert in zahlreichen positiven Konsequenzen für ihr Team.

Traineranalyse: Sir Alex Ferguson

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Sir Alex Ferguson wird als größter Manager aller Zeiten gesehen, doch seine Erfolge werden vorrangig auf die individuelle Qualität seiner Spieler und die richtige Einbindung dieser durch ihn und seine Motivationsfähigkeiten zurückgeführt. Diese ‚Traineranalyse‘ beschäftigt sich näher mit Fergusons Methoden.

Motivation alleine trifft es nämlich nicht, Ferguson war, um im SV-Jargon zu bleiben, psychologisch enorm „weiträumig“. Nicht nur die Motivation der Spieler beherrschte er perfekt, sondern viele andere Kleinigkeiten. Dazu war er taktisch und strategisch keineswegs schwach und wie auch in der Trainingsmethodik wohl unterbewertet. Dennoch dürfte die Psychologie den größten Stellenwert bei Ferguson eingenommen haben. Besonders die Überzeugung seiner Spieler von ihnen selbst war wohl sein größtes und konstantestes Merkmal über all diese Jahre.

Du bist der Beste! Und du bist der Beste! Und du bist der Beste!

In der Psychologie gibt es ein Konzept namens „Selbstwirksamkeitserwartung“. Im Grunde bedeutet es, dass man sich zutraut in einer bestimmten Situation eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen und/oder ein spezifisches Ziel zu erreichen. Es ist also nicht gleichzusetzen mit dem Selbstvertrauen, welches eher etwas Allgemeineres darstellt. Im Sport ist die Selbstwirksamkeit enorm wichtig, um bestimmte Aufgaben und Anforderungen (beispielsweise innerhalb eines Fußballspiels) erfüllen zu können.

Auch wenn Ferguson der Begriff selbst („self-efficacy“ im Englischen) womöglich nicht einmal geläufig ist, so war er enorm fokussiert darauf den Spielern den Glauben an sich selbst zu vermitteln. Insbesondere ihnen im Rahmen von bestimmten Zielen und Aufgaben betonte er die spezielle Qualität seiner Spieler – vor der Mannschaft oder in Einzelgesprächen –, um sie auf die kommenden  Herausforderungen einzustellen.

Neben der erhöhten Wahrscheinlichkeit durch das größere Selbstvertrauen hatte diese Vorgehensweise noch einige andere interessante Effekte. Im Training konnte Ferguson den Spielern hohe Ziele vorgeben und an ihren Ehrgeiz und an ihr Selbstbewusstsein appellieren, diese Ziele zu erfüllen und sie auch erfüllen zu können. Ohne Letzteres ist sämtliches Training obsolet bzw. wird alibihaft ausgeführt. Desweiteren entstand ein größerer Konkurrenzkampf, da sich kein Spieler schlechter als der andere halten sollte und hielt.

Ferguson führte zum Beispiel sogar mit einem Jugendspieler ein Einzelgespräch und trichterte ihm ein, er sei besser als Cristiano Ronaldo. Wieso kam Ferguson überhaupt auf diese Idee? Er hatte beobachtet, dass der Jungspieler ehrfürchtig Cristiano beim Essen vor sich gelassen hatte – das Einzelgespräch folgte umgehend.

Zusätzlich entstand eine Siegermentalität im ganzen Team. Jeder hielt sich für den besten und für einen Teamplayer. Die Atmosphäre war fordernd, ehrgeizig und wo man sich umsah, konnte man ehrgeizige Spieler voller Selbstvertrauen um sich herum beobachten, die sich aber gegenseitig unterstützten. Kam ein neuer Spieler in den Verein, wurde ihm dieser Glaube an die eigene und somit auch an die kollektive Qualität sofort eingeimpft, falls er nicht schon so ein „Siegertyp“ war.

Um seine Spieler einschätzen zu können, hatte Ferguson sich sogar ein großes Repertoire an Prüfungen angeeignet.

Versteckte Tests der Spieler

Wie schon die Anekdote mit dem Jungspieler, der sich doch gefälligst für so gut und talentiert wie Cristiano Ronaldo halten soll, gezeigt hat, besitzt Ferguson eine hervorragende Beobachtungsgabe und beeindruckende Daueraufmerksamkeit. Ehrfurcht in einem Haufen von Spielern an einem Buffet zu erkennen, traut man womöglich nicht jedem zu. Viele solcher unscheinbaren, aber für Ferguson speziellen Vorfälle nutzte er zur Analyse der Persönlichkeitsstruktur seiner Spieler. Andere Tests waren allerdings deutlich geplanter.

Ferguson 2011: Wahrscheinlich ist das Klatschen bewusste Manipulation des gegnerischen Linksaußen.

Ferguson 2011: Wahrscheinlich ist das Klatschen bewusste Manipulation des gegnerischen Linksaußen.

Einer sah wie folgt aus: Nach einem Spiel bietet Ferguson einen Spieler zum Einzelgespräch ins Büro. Sobald der Spieler ins Zimmer kommt, geht das Licht aus und ein Video springt an. Ein großer Fehler des Spielers in dieser oder einer der vergangenen Partien wird gezeigt, woraufhin der Spieler die Szene selbst analysieren soll. Neben der inhaltlichen Komponente nimmt Ferguson insbesondere Rücksicht darauf, wie sich der Spieler verhält. Beschuldigt er andere Mitspieler? Relativiert er seinen Fehler? Gelobt er sofort Besserung? Auf welche Weise tut er es? Wie sehen seine Mimik und Gestik aus?

Die Antwort dient in ihrer Gesamtheit als introspektives und projektives Verfahren zur Persönlichkeitsbeeinflussung und –manipulation des Spielers. Die Selbstanalyse des Spielers und die Beurteilung des Spielers, was Ferguson mit dieser Art der Analyse erreichen möchte, werden ebenso wie seine Reaktion insgesamt betrachtet.

Ähnliches praktizierte Ferguson auch schriftlich. Immer wieder ließ er vorrangig Jugendspieler kleine Tests ausfüllen, wo per Paper&Pencil-Verfahren nach guten und schlechten Spielen, besonderen Eigenschaften und ähnlichem gefragt wurde. Ferguson war immer auf der Suche nach enorm kritischen, selbstkritischen und dennoch ehrgeizigen und selbstbewussten Spielern. So schnitt die legendäre „Class of 92“ um Beckham, Giggs und Co. bei diesen Tests als Jugendspieler enorm gut ab, weil sie schlichtweg überkritisch und in der Kritik enorm selbstorientiert waren.

Der selbstkritische, die Teamleistung internalisierende, dabei aber stabile und mit positiv adaptivem Coping versehene Spieler wurde von Ferguson bewusst gesucht.  In der Psychologie gibt es auch das Konzept des „High Achiever“. Diese konzentrieren sich in ihren Aktionen nicht darauf, Fehler zu vermeiden, sondern Erfolg zu suchen. Auch das war von Fergusons explizit erwünscht.

Diese Charaktereigenschaften im Verbund mit dem vermittelten Glauben an die eigene Qualität oder das Erreichen einer enorm hohen Qualität erzeugten einen interessanten Ketteneffekt.

Es ist wichtig, was man glaubt, nicht, was ist

Man stelle sich vor, man ist überzeugt davon auf ein sehr hohes Level kommen zu können, ist aber noch davon entfernt und geht davon aus, man gibt zurzeit keine guten Leistungen ab. Gleichzeitig ist man sich aber sicher, dass man es sicher kann; existiert eine bessere Motivation für ein intensives Training?

Die Motivation ist intrinsisch, langfristig und durch das immer wieder neue Vorgeben von höheren Zielen ist der Entwicklung keine wirkliche Grenze gesetzt. Genau damit spielte Ferguson: Es geht immer besser, auch wenn es schon gut ist, und jeder Spieler kann das noch höhere Level erreichen. Ferguson trichterte seinen Spieler ein, es wäre eine Schande, wenn man auf dem jetzigen Leistungsniveau verbleiben würde.

Einzelne Anekdoten (teilweise aus der Literatur und sogar aus dem Kriegswesen übernommen), Ansprachen und eine gute Mischung aus Lob und Kritik sorgten für dieses Mindset und diese Denkstrukturen in Fergusons Mannschaften – insbesondere im Verbund mit der hohen Selbstwirksamkeitserwartung jedes Einzelnen und im Kollektiv. Das zeigt folgende Geschichte von Gary Neville sehr schön:

‘Three or four times a season he’ll make the same speech – and it never fails to work. “Look around this dressing room,” he’ll say, “Look at each other and be proud to be in this together.” He’ll point to an individual. “I’d want him on my team, and him, and him.” By the time he is finished, you can feel the hairs on the back of your neck standing to attention. Your skin will be covered in goose bumps. Your heart will be thumping. Before you go out, he’ll stand at the dressing room door. No player leaves without him being there pre-match and at half-time. You walk past him and he shakes the hand of every player and every member of staff. He doesn’t have to say anything. He’s the boss, probably the greatest manager ever in this country. What more motivation do you need?’

Niemand zweifelt daran, dass er seine Mitspieler im Team haben möchte. Und das Wissen davon wird vor dem Spiel noch verstärkt. Gleichzeitig kann er einzelne Spieler ansprechen, ohne sie aus dem Team herauszuheben. Und selbst wenn er es tut: Na und? Jeder Spieler sieht sich als genau den Spieler, den er gerade herausgehoben hat. Kurzum – das ist eine absolut geniale Ansprache.

Verstärkt wird der Effekt durch die aufgehängten Poster von früheren Kapitänen, alten Erfolgen und das Erzeugen von einem Mythos um den Verein selbst. Uniteds Spieler erhielten zum Beispiel auch Geschichtsstunden, erfuhren alles über den tragischen Flugzeugunfall  der Busby Babes in den 50ern, beschäftigten sich durch das gemeinsame Besuchen des Grabmals damit und letztlich war es auch die Uniformität (gleiche Trikots bei Auftritten, bestimmte Regeln für alle, etc.), welchen die Identifikation mit dem Verein selbst verstärkten.

‘Remember who you are, remember that you are Manchester United players. Remember what you did to get here, now go and do it one more time. And you’ll win.’ – Eine von Fergusons Ansprachen

Dazu wurde um den Verein durch konstante Affirmation eine Aura erzeugt: Von Siegeswille, Überlegenheit, Tradition, bestimmten Charaktereigenschaften und vielem mehr. Ferguson soll sogar vor Spielen auf europäischem Boden im Training ein uraltes United-Trikot getragen haben, um die Spieler an die Tradition des Vereins zu erinnern und sie auf Europa einzustimmen.

Gemeinsam mit der Selbsteinschätzung des Spielers, den hohen individuellen und kollektiven Zielen war der Verein als fundamentaler Rahmen enorm wichtig zu einer langfristigen und durchgehenden Motivation der Spieler. Desweiteren ermöglicht es, die Selbstkonsistenz der Spieler (positiv) zu manipulieren und mithilfe kognitiver Dissonanz zu beeinflussen.

Asymmetrisches 4-4-2/4-3-3 gegen Real

Asymmetrisches 4-4-2/4-3-3 gegen Real

Was bedeutet das? Bei der Theorie der Selbstkonsistenz geht man davon aus, dass eine Person versucht die innere Ordnung aufrechtzuerhalten. Jede Person hat ein „Selbst“, welches aus vielen rollen- und situationsvariablen „Selbstbildern“ besteht. Jeder Mann verhält sich vor Freunden anders als vor Bekannten und in der Arbeit sieht es wieder anders aus. Die Unterschiede können hierbei laut empirischer Evidenz viel größer sein, als gedacht. Die extremsten Beispiele dürften (je nach Definition von aktiven Selbstbildern) die Experimente von Milgram, Zimbardo und Jones sein.

Innerhalb dieser Selbstbilder, so die Theorie, möchte man konsistent bleiben. Das bedeutet, sich an bestimmte Prinzipien halten, sich langfristig nicht zu widersprechen und insgesamt kongruent zu sein. Die Selbstkonsistenz kann aber angegriffen werden, wenn man den eigenen Erwartungen nicht gerecht wird. Das Spielen mit dem Zweifeln-lassen an der Selbstkonsistenz und Schaffen neuer Motivation war Fergusons Spezialgebiet. Funktionierte es nicht mehr oder kratzte jemand am erzeugten Rahmen, welcher den anderen Spielern das nötige Fundament für diese Manipulation gab, musste er gehen.

Disziplin und Fluktuation zur Qualitätssicherung

Die Anekdote mit der Party von Sharpe und Giggs aus dem Trainerporträt zeigt, wie konsequent Ferguson das Befolgen der internen Spielregeln nahm. Nach der Party forderte er von Lee Sharpe gar das Ende seiner Beziehung mit seiner damaligen Freundin und den Umzug in ein neues Haus, bei Giggs ging der Monatslohn flöten und er wollte die Mutter des jungen Spielers anrufen; wovor Giggs panische Angst zu haben schien.

„Schließe die Spieler nie ins Herz, weil sie dich bescheißen werden“ – Jock Stein zu Ferguson

Seine Beobachtungsgabe nutzte Ferguson ebenfalls. Anhand der Rasur, der Wochentage und des Trainingsplans konnte er häufig bei jungen Fußballern nachverfolgen, ob sie am Abend zuvor feiern waren. Das Annagen von Fergusons Autorität und seinem Status als Respektsperson wurden aggressiv im Keim erstickt. In Fergusons Anfangszeit wurde der Kapitän noch vor Saisonbeginn verkauft, weil er hinter Ferguson eine unanständige Geste gemacht hatte. Ein anderer Spieler überholte Ferguson auf der Autobahn und erhielt eine Geldstrafe.

Auch nachlässiges Training und leblose Mannschaftsleistungen wurden von Ferguson gnadenlos zusammengeschrien. Allerdings wäre es falsch, wenn man Ferguson als Disziplinfanatiker bezeichnet. Vielfach konnte er sehr umgänglich sein. Das „Hairdyertreatmant“ – das Anschreien eines Spielers aus nächster Nähe – gab es viel seltener als von vielen vermutet.

„Es ist nicht falsch, seine Contenance wegen den richtigen Beweggründen zu verlieren.“ – Jock Stein zu Ferguson

Nur bestimmte Aktionen verdienten diese Behandlung vereinzelt, nach Aussage vieler Spieler kam es häufig monatelang nicht vor. Oftmals gab es von Ferguson sogar aufbauendes Lob nach Rückständen oder ganz ruhige Ansprachen, wenn die (kämpferische) Leistung akzeptabel war.

Ferguson konnte zwar situativ zum Magath werden, doch hatte auch andere Facetten. Mit Giggs gab es über die ganzen Jahre hinweg einen überaus scherzhaften und freundschaftlichen Umgang, für Beckham war er lange Zeit eine Vaterfigur und für seine gesamte Familie wie ein Freund. Erst, als sich Beckham vom Fußball abwandte – Ferguson bemerkte z.B. einen veränderten Umgang mit Kritik und verringerten Einsatz im Training zusätzlich zu inkonstanteren Leistungen –, begannen die Streitereien inkl. der legendären „Ferguson-schießt-Beckham-einen-Schuh-an-den-Kopf“-Geschichte, welche zum Abgang des Superstars führte.

‘If you lose, you’ll go up to collect losers’ medals and you’ll be six feet away from the European Cup,’ Ferguson said as the players prepared themselves for the second half. ‘But you won’t be able to touch it. I want you to think about the fact you’ll have been so close to it and for many of you that will be the closest you’ll ever get. And you will hate the thought for the rest of your lives. So just make sure you don’t come back in here without giving your all.’ – Ferguson zu seinen Spielern in der Halbzeit des 99er-Finales

Die konsequenten Verkäufe oder gar teuren Kündigungen wie einst mit Kapitän Roy Keane warne ebenfalls ein Markenzeichen Fergusons. Das rechtzeitige Eingreifen bei möglichen langfristigen Unruhestiftern im Gesamtgefüge stand über jeder Leistung und jedem Status. Einen neuen Superstar konnte man kaufen, einen harmonischen, ruhigen und ehrgeizigen Kader allerdings nicht. Dies sorgte im Verbund mit ständiger personeller Fluktuation für die langjährigen Erfolge Fergusons außerhalb und auf dem Platz durch immerwährenden Konkurrenzkampf, Harmonie im Kader und Fergusons Status als Autorität.

‘Not one of you can look me in the eye, because not one of you deserves to have a say.’ – Ferguson zu seinen Spielern nach einer schwachen Halbzeit

Desweiteren gab es bei United immer einen durchgehenden, graduellen Prozess. Im Gegensatz zu vielen anderen Mannschaften kam es dadurch kaum vor, dass United an älteren Spieler zu lange festhielt. Immer wurde analysiert, wie würde dieser Spieler in drei Jahren aussehen. Ist er fit? Kann er seinen Status innerhalb der Mannschaft aufrechterhalten? Was passiert, wenn er das nicht kann? Wie entwickeln sich die anderen Spieler? Wie könnten die Systeme in den nächsten Jahren durch die personellen Veränderungen aussehen?

Innerhalb dieses langfristigen Plans wurden immer wieder Zwischenziele gesetzt.

Variable Zielsetzung als praktisches Mittel für alle Situationen

Ein enorm wichtiges Konzept in der Sportpsychologie ist es, dass man sich operative Ziele setzt. Rein strategische Ziele oder das Trainieren ohne ein bestimmtes Ziel führen zu geringerer Motivation und geringerer Trainingsintensität, welche sich letztlich schon mittelfristig in der Leistung widerspiegelt. Ferguson nutzte darum vielfach das Setzen von konkreten kurzfristigen Zielen im Verbund mit bestimmten langfristigen Zielen ein, um seine Spieler in allen Aspekten an der Stange zu halten und zu hoher Disziplin und Intensität in allem zu motivieren, ob Training, Spiel oder auch außerhalb des Platzes.

Interessant ist auch die Wechselwirkung davon mit der Effektivität des Trainings selbst. Glaubt man Fußballkonditionstrainern wie Jan van Winckel und seinem Team („Fitness in Soccer“) oder Raymond Verheijen („The Original Guide to Football Periodisation“), so ist eine spielähnliche Intensität (oder höher) unabdingbar, um ein intensives Fußballspiel – taktisch, technisch und körperlich – umsetzen zu können.

Dies kombinierte Ferguson mit dem Setzen von Leistungs-, Prozess- und Ergebniszielen. Spieler erhielten schon in jungen Jahren langfristige Ziele, wohin sie sich entwickeln sollten (Leistungsziele). Oder, um das Modell von Elliot (1999) zu nutzen, sie erhielten sowohl annähernde Lern- als auch annähernde Leistungsziele für Fähigkeiten und Meilensteine in ihrer Karriere, welche sie erlernen und erreichen sollten. Mittelfristig gab es Prozessziele, welche bestimmte Ziele im Ablauf zu einem bestimmten (meist kollektiven) Erreichen darstellen. Was muss passieren, um dieses Jahr Meister zu werden, ist beispielsweise ein mögliches Fundament für das Bilden von Prozesszielen.

Entscheidend waren aber die vielen kurzfristigen Ergebnis- und Handlungsziele. Diese waren auf die nächste Zeit gemünzt – von einer bestimmten Sequenz von Spielen bis sogar zu einzelnen Trainings – und dienten der kurzfristigen Motivation der Spieler. Damit wurden die Spieler im Verbund mit der Trainingsarbeit selbst, der Videoanalyse und der taktischen Einstimmung auf den Gegner für die kommenden Partien vorbereitet.

Außerdem ist es auffällig, wie präzise sich Ferguson an das „SMART“- bzw. das „SMARTER“-Modell hielt. Dieses Wort ist eine kleine Richtlinie zum korrekten Bilden von Zielen. SMARTER steht hierbei für Folgendes:

Besonders die letzten Punkte sind im Fußball extrem wichtig. Die Analyse und Re-Analyse der Leistungen und der Ziele sind wichtig, um beim Bilden neuer Ziele die anderen fünf Anforderungen erfüllen zu können. „E“ und „R“ in diesem Schema werden häufig auch als „ethnisch“ und „rewarding (belohnend)“ oder „ressourcenorientiert“ definiert, was Ferguson ebenfalls berücksichtigte.

Dieses Geben von immer wieder neuen und spezifischen Zielen innerhalb eines größeren Rahmens zur persönlichen Entwicklung des Spielers sorgte auch dafür, dass sie den Fokus wechseln konnten. Nach Spielen konnte im Training durch das Geben von neuen Zielen von der letzten Partie, z.B. nach Niederlagen, abgelenkt werden. Ferguson war nach Niederlagen selten sauer oder aggressiv, sondern richtete den Blick seiner Spieler (und von sich selbst) sofort mit Optimismus in die Zukunft.

Dieser Perspektivenwechsel verhinderte, dass sich die Spieler von Misserfolgen beeinflussen ließen. Im Trainingsgelände von United gab es sogar eine Zone, welche vorrangig diesem Perspektiven- und Fokuswechsel diente.

Ein Auszug aus dem Buch „How to think like Sir Alex Ferguson: The Business of Winning and Managing Success”:

Another effective solution is to have a transition zone. The coaches at Manchester United do this to help their players block off distractions from their home life and focus on playing football. They draw a white line about ten yards behind the training pitches. The area behind the line is the ‘thinking zone’. In the thinking zone, the players receive feedback from the coaches about the aims of the session. Once they have figured out what they want to do, they cross the line into the ‘play zone’. Before they cross the line, the players must begin focusing on the session and forget any distractions. The coaches start the session with an exercise which requires the players to keep possession of the ball. As each player arrives on the field, he must try to win the ball from the previous one. When this well-established routine has fully switched on all the players, the coaches know they are focused and ready for quality practice.

Ein weiteres Beispiel, wie Ferguson nicht nur die Psyche seiner Spieler positiv beeinflusst, sondern auch das Training und die Trainingsintensität. Zusätzlich baut Ferguson noch ein paar interessante Aspekte ins Training, in seine Einzelgespräche und in die Ansprachen mit ein.

Fokussierung einzelner Spieler und adaptive Kritik

Seine Spieler erhielten zum Beispiel Lob für bestimmte Eigenschaften oder für bestimmte Vorreiterrollen. Das war besonders bei kämpferischen Aspekten der Fall. Wenn man einzelne Spieler für ihren Einsatz lobt und dies passend macht, zum Beispiel aus jedem Mannschaftsteil einen Akteur, können sich die anderen Spieler an diesem Akteur orientieren. Andererseits wird dieser Spieler seinen Einsatz und seine Laufbereitschaft noch intensiveren und fokussieren. Er hat nicht nur Lob als Motivation zur Aufrechterhaltung erhalten, sondern fühlt sich diesbezüglich von seinen Mitspielern beobachtet und fühlt sich auch verantwortlich durch seine Vorbildwirkung. Öffentliche Kritik der Spieler gab es allerdings nicht. Kritische Punkte wurden in Einzelgesprächen oder anonymisiert angesprochen.

Ein Motivationstrick Fergusons war auch folgender: Nach dem ersten Meistertitel verkündete Ferguson, er wisse, drei Spieler würden die Mannschaft in der kommenden Saison im Stich lassen. Dazu hielt er drei Kuverts nach oben und sprach davon, dass die Namen der fraglichen Spieler sich in diesen Kuverts befinden. Die Ablenkung vom Meistertitel war perfekt und jeder Spieler musste sich trotz der Erfolge konzentrieren, um nicht als Buhmann im Team zu gelten.

Barcelona vs ManUtd, 1994

Barcelona vs ManUtd, 1994

Interessanterweise zeigte Brendan Rodgers, wie situativ man solche Spielchen anwenden muss. Der Trainer von Liverpool kopierte diesen Trick von Ferguson und wendete ihn in seiner Anfangszeit bei Liverpool an. Das geht allerdings komplett an der Sache vorbei. Einerseits fehlt mit dem Meistertitel ein direktes Motiv, andererseits ist es bei ihm weder authentisch noch passend, weil bei Liverpool noch kein solches Umfeld wie bei United durch Ferguson damals entstanden ist. Und: Inkonstantere und schwächere Mannschaften werden deutlich häufiger Enttäuschungen haben. Rodgers hätte also eher einen Serienbrief verfassen müssen.

Ferguson hingegen war ein Meister der situativen Anwendung. Stellte er einen Spieler nicht auf, so führte er das vor versammelter Mannschaft auf kleinere Gründe zurück, häufig die Taktik. Danach folgten unter vier Augen Einzelgespräche und Ferguson beantwortete, wieso der Spieler nicht aufläuft und was ihm sonst einfiel. Diese intelligente Art zu kritisieren zeigte er auch öffentlich und nach Spielen.

Bei Louis van Gaal in seiner Zeit bei Bayern sprach man diesbezüglich auch von „azyklischer Kritik“. Nach guten Spielen wurde kritisiert, um die Motivation hochzuhalten und die Arbeit an kleineren Aspekten weiterhin zu fokussieren. Bei schlechteren Partien gab es wiederum positive Kritik. Die Spieler werden damit aus der Schussbahn genommen, es soll keine schlechte Stimmung entstehen und Optimismus vor der nächsten Aufgabe verbreitet werden.

Im Training selbst war Ferguson sogar ausschließlich positiv, wie er selbst sagt:

‘There is no room for criticism on the training field. For a player – and for any human being – there is nothing better than hearing, “Well done.” Those are the two best words ever invented in sports. You don’t need to use superlatives.’

Der letzte Satz ist hierbei ebenfalls wichtig. Superlativen und spezifisches Lob sorgen für eine vermeintlich vom Trainer erzeugte Hierarchie der Fähigkeiten der Spieler und generell einem Ranking der Wichtigkeit von Eigenschaften, welches Fergusons Vermittlung von Selbstwirksamkeit und Selbstvertrauen an seine Spieler widersprechen würde.

Jeder Spieler ist individuell und für (s-)eine bestimmte Rolle im Team unersetzlich. Ferguson wusste das, weil er auch über die Wichtigkeit von dem Einfluss von Taktik auf die Psychologie und umgekehrt wusste. Bestimmte Spielertypen eigneten sich für besondere Situationen schlichtweg taktisch und/oder psychisch besser, auch wenn dieses Spiel nur einmal in zwei Jahren stattfinden sollte. Und Ferguson war ein Meister darin, mit diesem Wissen Gegner zu zerstören.

Der Gott der taktik- und strategiepsychologischen Manipulation

Ferguson sprach jüngst in einem Interview davon, was das Geheimnis hinter der sogenannten Fergie-Time eigentlich ist. Zur Info: Als Fergie-Time wird jene Zeit bezeichnet, welche Schiedsrichter Manchester United angeblich zu viel an Nachspielzeit geben und in der United schon zahlreiche Spiele gedreht hat bzw. gedreht haben soll. Studien haben zwar ergeben, dass United nur marginal und nicht signifikant mehr Nachspielzeit als andere Topteams erhalten hat, doch der Mythos lebt bis heute.

Vor einigen Tagen erklärte Ferguson, dass er absolut keine Ahnung hatte, wie viele Nachspielzeit gespielt werden sollte oder gespielt wurde. Er deutete schlichtweg auffordernd auf seine Uhr, um die Schiedsrichter und den Gegner zu beeinflussen. Sahen die Gegner ihn im Verbund mit dem Mythos Fergie-Time und Uniteds Aufholjagden im Kopf mit der Uhr an der Seitenlinie dastehen, gerieten sie laut Ferguson bereits in Panik.

Diese Panik wiederum beeinflusste ihre Spielweise und sorgte für mehr Fehler, wodurch United durchaus häufiger treffen konnte und der Mythos zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung wurde. Taktikpsychologie beobachtete Ferguson gar 1999 im CL-Finale:

‘The Bayern players had lost all positional discipline: they were like men staggering away from a plane crash. I knew that they’d gone, mentally.’

Die Verbindung zwischen mentaler Instabilität und positioneller Disziplin zu machen, ist durchaus beeindruckend und selten. Viele fokussieren sich in ihren Analysen auf nur eines davon, doch meist interagieren Taktik und Psychologie miteinander. Fergusons legendäre „Mind Games“ mit anderen Managern waren ebenfalls durch diese Denkweise angetrieben.

Aussage wie „wir sind in der zweiten Saisonhälfte besser“ waren nicht (nur) für die Presse und für die eigene Mannschaft gedacht, sondern sollten den gegnerischen Trainer und das gegnerische Team negativ beeinflussen und sie zu Fehlern in der taktischen und strategischen Ausrichtung verleiten. Interessanterweise war es ausgerechnet Ancelotti in seiner kurzen Zeit bei Chelsea, der mit der simplen Aussage „sind wir auch“ den Effekt neutralisierte und womöglich sogar eher Druck auf United ausübte; immerhin war er nach Fergusons Aussagen einer der ersten exklusive Mourinho, den man mit so etwas kaum beeinflussen konnte.

Taktik- und strategiepsychologische Aspekte ließ Ferguson außerdem bewusst ins Training einbauen. So gab es Trainingsspiele, in der sich eine Mannschaft von Beginn an in Rückstand befand und es nur noch ein bestimmtes Zeitlimit gab (welches variierte), um das Spiel noch zu drehen. Dadurch wurde die verteidigende Mannschaft in der Strafraumverteidigung und im Konterspiel geschult, die angreifende Mannschaft hingegen sollte lernen konstruktiv und zielorientiert anzugreifen, dabei aber abgesichert und ruhig zu bleiben. Ferguson vermittelte als bewusst die Kontrolle des Spielrhythmus in unterschiedlichen Phasen an seine Mannschaft.

Die rein psychologische Komponente in dieser Übung ist ebenfalls beachtlich – z.B. das Coping nach weiteren Gegentoren oder die Effekte auf beide Teams bei gelungener Aufholjagd. Ferguson war nach eigener Aussage der Meinung, dass Glück kein Zufall ist, sondern durch die Begebenheiten erzwungen wird. Man solle versuchen, alles zu kontrollieren, was man nur irgendwie kontrollieren kann – und der Rest wird sich ergeben und ist irrelevant für die Einschätzung von Leistungen und für langfristigen Erfolg.

Statistiken der letzten Ferguson-Jahre zeigten passenderweise, dass Manchester United teilweise konträre Muster in Rückstand und bei Vorsprung im Vergleich zu anderen Mannschaften aufwies. Die absolute Schusszahl im Spiel erhöhte sich bei Rückständen z.B. nicht. United packte somit nicht die Brechstange aus, sondern spielte ruhig weiter und glaubte weiterhin an den eigenen Erfolg, ohne panisch auf lange Bälle oder die Brechstange zugunsten vieler, aber schwieriger und weniger erfolgreicher Abschlüsse Chancen auszupacken.

Ein von Ferguson häufig im Training und in Ansprachen genutztes Mantra setzte sich hier durch und in den Köpfen seiner Spieler fest:

‘Manchester United never get beaten. We may occasionally run out of time but we never believe we can be beaten.’

Alleine die Nutzung strategie- und taktikpsychologischer Aspekte im Training macht Ferguson in gewisser Weise zu einem Vorreiter in der Trainingsmethodik. Auch anderes ist hier sehr positiv.

Langsame Periodisierung, ballorientiertes Training und Rotation

Im Gegensatz zu vielen anderen Trainern, besonders in den 70ern, 80ern und 90ern, ließ Ferguson in der Aufbauphase vor der Saison keineswegs extrem hart trainieren. Stattdessen wurde die Kondition der Spieler langsam aufgebaut und gemächlich an dem physischen Rüstzeug für die neue Saison gearbeitet; eine Trainingsphilosophie, wie sie führende Fußballkonditionstrainer wie die bereits erwähnten Verheijen und van Winckel in den letzten Jahren erst propagieren.

Desweiteren war Ferguson einer der ersten Verfechter der Rotation im britischen Fußball. Einzelne Akteure wurden sowohl aus taktischen als auch aus physischen Gründen immer wieder geschont und die Aussicht lag darauf, dass man in den entscheidenden Spielen und Phasen der Saison auf die besten Spieler in einem körperlich guten Zustand zurückgreifen kann.

Außerdem trainierte Ferguson seine Mannschaft meist in Spielformen, die vereinzelt sogar extrem komplex werden konnten. Zwei beispielhafte Trainingsübungen Fergusons mit sich erhöhender Komplexität finden sich zum Beispiel hier. Eine andere Übung zur Strafraumverteidigung wurde beispielsweise so praktiziert, dass die vier bis sechs verteidigenden Spieler im Strafraum durchgehend von mehreren gegnerischen Teams gefordert wurden, die im Wechsel in Unterzahl und Überzahl angriffen. Sie mussten schnell ihren Fokus wechseln, den dynamisch auf sie zukommenden gegnerischen Angriff analysieren, miteinander kommunizieren und den Angriff möglichst gut verteidigen.

Die attackierenden Mannschaften lernten wiederum auf unterschiedliche Art und Weise anzugreifen und Unter- oder Überzahlen variabel auszuspielen. Dazu gesellten sich viele individualtaktische Übungen, einzelne (heutzutage als überholt geltende) isolierte Übungen zu bestimmten Techniken und zur Physis sowie das Einstudieren gruppen- und mannschaftstaktischer Abläufe.

In den letzten Jahren seiner Karriere fand man aber Ferguson kaum noch auf dem Trainingsplatz vor. Schon lange Zeit zuvor hatte er begonnen sich weniger aktiv mit der Trainingsarbeit zu beschäftigen – ein versteckter Geniestreich.

Beobachter, Organisator und Delegator

Auf den ersten Blick erscheint es (zumindest hierzulande) konterintuitiv, dass ein Trainer das Training nicht verfolgt, aber weiterhin für Transfers, Aufstellungen und die taktische Ausrichtung verantwortlich ist. Fakt ist aber nur, dass Ferguson das Training nicht leitete. Dennoch hatte er einen maßgeblichen Einfluss auf das Training, u.a. die Planung der Entwicklung der Spieler, die Trainingssteuerung und die grundsätzliche Ausrichtung der Übungen im Verhältnis zur gewünschten Spielweise.

Desweiteren hatte Ferguson eine beobachtende Rolle. Sein Büro lag so, dass er das Trainingsgelände immer komplett im Auge hatte. Situativ konnte er herausstürmen und bestimmte Dinge korrigieren, sich über bestimmte beobachtete Dinge austauschen oder schlichtweg die Spieler von seinem Fenster aus anschreien, wenn ihm etwas missfiel. Positiver Nebeneffekt: Die Spieler fühlten sich andauernd beobachtet, auch wenn sie es nicht waren. Nachlassen nicht möglich. Stünde Ferguson auf dem Platz, könnte er wie auch die anderen Trainer nicht alles überblicken und würde Konzentrationsmängel übersehen.

Gleichzeitig erhielt Ferguson dadurch mehr Zeit für andere Sachen. Die Zeit im Büro nutzte er neben der Beobachtung auch zur Analyse des Gegners, von Trends in der Liga, zum Scouting von Spielern, zur Reflektion des Feedbacks seiner Assistenten und zur Analyse der Vorgänge innerhalb des Vereins. Andere Trainer müssen dies mit der alltäglichen Arbeit in Einklang verbinden, wodurch viele Sachen im Verein übersehen oder falsch eingeschätzt werden.

Zusätzlich erhielten die von ihm eigens ausgewählten Assistenten mehr Verantwortung, mehr Selbstbewusstsein bzw. Selbstwirksamkeit und Erfahrung. Der Trainerstab konnte das Alltagsleben selbst kennenlernen und daraus Wissen ziehen, welches sie mit Ferguson teilten. Dennoch erhielten sie eine grundsätzliche Struktur, wie Trainings auszusehen haben.

Fergusons Trainingsstruktur

Die meisten Trainings begannen mit Passübungen, meistens Rondos und rondo-ähnlichen Übungen, bevor bestimmte Abläufe im Ballbesitz und Passspiel einstudiert wurden. Danach folgten die bereits erwähnten Übungen zum Bespielen des Strafraums, zum Raumgewinn und Angriffsvortrag sowie dem Verteidigen davon. Als vorletzter Baustein diente eine isolierte Abschlussübung, welche wohl auch für Regeneration, Abwechslung und schlichtweg Spaß dienen sollte, bevor zum Abschluss noch in einer größeren Spielform an der Mannschaftstaktik und dem Kombinationsspiel in spielnahen Voraussetzungen gearbeitet wurde.

„Der denkende Spieler“ nach Ferguson sollte sich im Training so viel wie möglich bewegen, es gab in den Übungen kaum Standphasen, dazu wurde fast alles mit Ball und im Bezug auf eine bestimmte Aufgabensituation aus dem Spiel gemacht. Ziel: Das Kreieren von Verständnis der Bewegungen untereinander und die passende taktische Kommunikation. Ergänzt wird dies mit Individualtrainern wie dem Coerver-Coach René Meulensteen, der Spieler noch individuell in bestimmten Punkten fokussiert ausbildet.  Im Sinne der „integrativen Methode“ (ähnlich der taktischen Periodisierung oder Roger Sprys „Functional Integrated Training“) wird aber auch das Einzeltraining an die jeweilige Position, die Zone und die positionsspezifischen Situationen angepasst.

Die grundsätzliche Struktur wird täglich mit neuen Übungen ausgefüllt, der Trainerstab trifft sich morgens und plant die genaue Umsetzung des jeweiligen Trainingstags im Bezug auf die taktischen, spielerischen und medizinischen Erkenntnisse der letzten Tage. Daraus werden die Trainings gebildet, welche Ferguson selbst als „Problemlöseaufgaben“ bezeichnete. Das Erstellen solcher Trainingsübungen – „Problemlöseaufgaben“ – benötigt aber auch taktische und strategische Kompetenz.

Diese wird bei Ferguson nämlich häufig unterschätzt, doch absolut zu Unrecht.

Inselbegabungen in der Taktik

Aberdeen im Aufbau gegen den HSV - eine weitreichende, effektive und unorthodoxe Anpassung

Aberdeen im Aufbau gegen den HSV – eine weitreichende, effektive und unorthodoxe Anpassung

Obwohl er hierbei keineswegs schwach war, ist Ferguson natürlich kein herausragender Trainer in puncto in-game-Gruppentaktikanpassungen wie Guardiola; was kaum ein Trainer auf dem Niveau kann und generell überaus schwierig ist, obgleich Ferguson vereinzelt mit guten Einwechslungen und Formationen die Abläufe sehr treffend verändern konnte. Dies ging zwar meist in Richtung der Mannschaftstaktik und war nicht wie bei Guardiola das Spielen mit bestimmten Staffelungen, dennoch effektiv.

Ebenso wenig war Ferguson ein großer Innovator, auch wenn er einzelne unorthodoxe Ideen hatte und seinen Konkurrenten in der Liga nie wirklich nachstand, exklusive Mourinhos Zeit bei Chelsea und Laudrups Swansea vermutlich. Im Trainerporträt bemühte ich deswegen den Begriff „Meta-System-Deuter“, da Ferguson sehr schnell auf sich entwickelnde Trends in seiner Umgebung anpassen und diese übernehmen oder mit einer eigenen Anpassung neutralisieren konnte.

Bei der Gegneranalyse war Ferguson aber interessant und unüblich gleichzeitig. Der Gegner wurde bis aufs Mark seziert, doch die taktischen Anpassungen hielten sich in Grenzen. Wieso? Weil sich Ferguson nach eigener Aussage lieber auf die eigene Mannschaft konzentrierte. Deswegen suchte man sich nur die wichtigsten Punkte zum Bespielen des Gegners, die den Gegner allerdings zusammenfallen lassen sollten. Ganz nach dem Motto:  Taktik? Wieso nicht einfach gewinnen?

Dadurch entstanden ganz merkwürdige Anpassungen, wie zum Beispiel das Unterbrechen ganz spezieller Passmuster in bestimmten Zonen durch eine Veränderung Bewegungsspiel, wodurch das gesamte Konstrukt zusammenfällt – das hat man nämlich explizit gegen Wengers Arsenal einst gemacht. Auch die Feuchtigkeit des Bodens und erhöhter Nutzen von Schnelligkeit in Laufduellen nach Schnittstellenpässen wurde zum Beispiel bei einem Spiel gegen einen Mittelfeldteam durch die späte Einwechslung des frischen Giggs bespielt.

Gepaart wurde dieses Zerstören des gegnerischen Gebildes durch das Attackieren von oftmals winzigen Schlüsselpunkten mit hervorragender strategischer Ausrichtung.

Ferguson, König der Strategie

Um diese kleinen Schlüsselpunkte zu attackieren, nutzte Ferguson meistens bestimmte Spieler in besonderen Rollen (von 2007 bis 2009 stellte er häufig Cristiano Ronaldos Position und Rolle von Spiel zu Spiel um). Viel stärker war aber Ferguson in noch abstrakteren und grundsätzlicheren Punkten. Er band die speziellen Eigenschaften einzelner Spieler meist schon von Beginn an so in das System ein, dass er keine gegnerspezifischen Anpassungen benötigte – die Durchschlagskraft und Effektivität waren bereits gegeben. Auch viele andere strategische Punkte sorgten für konstante und weitestgehend anpassungslose Überlegenheit.

Fergusons Teams spielten meistens kompakter als die Gegner, besonders in den 80ern und 90ern war der Vorteil gegenüber der Konkurrenz in Schottland und England gegeben. Dazu visierten sie die richtigen Zonen an und kontrollierten die wichtigsten Räume des Feldes. Obwohl sich Ferguson insbesondere in seiner Zeit bei United über das Flügelspiel und die Flügelstürmer definierte, war die Mitte fast immer besetzt, gut gestaffelt und wurde zum Einbringen der Flügel genutzt.

Im taktiktheoretischen Artikel über die Halbräume schrieb ich passenderweise Folgendes:

In gewisser Weise sind die Halbräume darum die “Verbindungszone” unter den unterschiedlichen Zonen, während man die Mitte eher als “Organisationszone” sehen könnte; die Flügel hingegen eignen sich speziell für Durchbrüche. Theoretisch wäre eine Unterteilung unterschiedlicher Zonencharakteristiken unter Berücksichtigung bestimmter Spieleigenarten (Ballzirkulation, Verteidigungsart, etc.) eine interessante Idee für einen zukünftigen Artikel.

Fergusons Mannschaften befolgten diese ungefähre Zonencharakteristik, natürlich mit einem Fokus auf die Durchbrüche entlang der Flügel. So sprach Ferguson selbst davon, dass die Kontrolle der Mitte und Besetzung der Mitte mit spielstarken und intelligenten Spielern für eine gute Mannschaft unabdingbar ist. Spieler wie Keane, Scholes, aber auch Butt, Ince und Carrick sind unterschiedliche Typen, welche jedoch allesamt die Anforderungen an zentrale Mittelfeldspieler nach dieser Definition erfüllen.

Die Flügelstürmer wurden vor allem deswegen fokussiert, weil durch das freie Aufrücken und Agieren der Flügelstürmer die Mitte (vorerst) zurückhaltender besetzt und dadurch simpel abgesichert werden konnte. Gleichzeitig konnten die Flügelstürmer aber befreiter aufspielen und ihre speziellen Stärken (Dribbling, Flanken, etc.) fokussierter einbringen. Ballverluste auf dem Flügel konnten außerdem gut zugestellt werden, Gegentore nach Kontern wurden reduziert.

Diesbezüglich erwähnte Ferguson, dass das effektive Spielfeld im letzten Drittel beziehungsweise neben den Strafräumen für ihn nicht die gesamte Breite wie im ersten und zweiten Drittel darstellt. Ferguson soll sogar im Training die Ecken des Spielfelds diagonal zum Strafraum hin abgeschnitten haben und zur verbotenen Zone erklärt haben. Bei den Flanken von Fergusons Teams zeigte sich dies zum Beispiel überaus eindeutig (hierbei großen Dank an Max Odenheimer von Statsbomb, welcher diese Grafik in diesem tollen Artikel eingebaut hatte):

fergie crosses

fergie crosses

Ferguson hat also trotz seines enormen Flankenfokus‘ eine ähnliche Ansicht zur Flanken wie Spielverlagerung: Nämlich eine kritische. Flanken müssen so scharf wie möglich aus strafraumnahen Zonen (beziehungsweise von innerhalb des Strafraums) kommen oder einige andere wichtige strategische Komponenten aufweisen.

Diese weiteren Komponenten waren eine passende Strafraumbesetzung, gute Sichtfelder durch eine intelligente Diagonalität beim Spielen von Flanken oder schlichtweg flache und halbhohe Flanken. Vermutlich war die Berücksichtigung dieser strategischen Punkte Fergusons größtes Erfolgsgeheimnis, insbesondere für die Durchschlagskraft seiner Mannschaften.

Die Mannschaften Fergusons zeichneten sich dadurch aus, dass sie Flanken situativ intelligent nutzten. Neben der Hereingabe von den Seiten bei Nähe zum Strafraum wurden vielfach auch frühe Diagonalflanken hinter die Abwehr aus dem Halbfeld genutzt. Gegen eine tiefe Abwehr ist eine Halbfeldflanke in den Strafraum ineffizient und bevorzugt die gegnerische Abwehr, gegen eine herausrückende und/oder hohe Abwehr kann der lange Diagonalball hinter die Abwehr bei passender Bewegung in die Tiefe der Stürmer, der zentralen Mittelfeldspieler und ein Einrücken des ballfernen Flügelstürmers enorm gefährliche Torchancen kreieren.

Flache Flanken wiederum sind für die angreifende Mannschaft einfacher zu verwerten, halbhohe Flanken sind am schwierigsten zu verteidigen. Die richtige Mischung und die Fokussierung einzelner Varianten bei bestimmten Gegnern oder gar eigenem Spielermaterial könnten enorm gefährlich werden. Am besten verkörpert Fergusons Ausrichtung aber das Bespielen von guten Sichtfeldern und passender Staffelung. Aberdeens Erfolg in Europa 1983 ist – wie man in der morgigen Analyse sehen wird – weitestgehend auf enorme Präsenz im Strafraum und sehr gute Organisation bei den langen, raumgreifenden Pässen vom Flügel und im Mittelfeld zurückzuführen.

Späte Vertikalsprints von zentralen Mittelfeldspielern aus dem Rückraum in den Strafraum, diagonale Pässe von der Grundlinie aus nach hinten, das gleichzeitige Besetzen der Mitte, des ersten und zweiten Pfostens und die schiere Anzahl an hereinstürmenden Akteure waren bei den meisten Ferguson-Mannschaften eines der Markenzeichen – und sind von fast jeder Mannschaft der Welt bei guter Umsetzung kaum zu verhindern.

Dazu wurden die speziellen Begabungen einzelner Spieler im letzten Drittel gut eingebunden, insbesondere die Abschlussbewegungen und die bevorzugten Situationen im Abschluss. Auch in der Ballzirkulation davor wurden schon grundsätzlich bestimmte Aspekte verfolgt: So waren die Angriffsrichtungen und Passmuster zonenübergreifend, wodurch der Gegner Probleme beim Verschieben und im Verbund mit den Bewegungen Uniteds auch beim Übergeben hatte. Die Zirkulation in einem Bereich des Feldes mit schneller Verlagerung und Überladung im anderen Bereich wurde ebenso oft genutzt wie lange Verlagerungen.

fergiegoalchart

fergiegoalchart

Zudem waren Fergusons Mannschaften traditionell bei Kontern und bei Standards extrem gut. Im Konterspiel wurden saubere und einstudierte Abläufe mit ausreichend dynamischen Spielern genutzt, während es bei Standards viele unterschiedliche Ausführungsvarianten gab. Durch die Bewegungen wurden immer wieder Spieler freigeblockt, Räume geöffnet oder schlichtweg mit der Wahrnehmung der gegnerischen Mannschaft gespielt. So führten bei United einige Male sogar zwei Spieler den Freistoß aus – und zwar gleichzeitig.

Diese strategische Überlegenheit und das Befolgen vieler von anderen Trainern unterschätzter fundamentaler Punkte sorgten letztlich auch für skurrile Zahlen bei der Analyse von Fergusons Mannschaften.

Exkurs: Der Albtraum für jeden Statistiker

In den letzten Jahren seiner Amtszeit fielen Fergusons Mannschaften bei der sogenannten „Total Shots Ratio“ klar ab. Die Totel Shots Ratio bezeichnet einen Wert, bei dem die Anzahl der eigenen Schüsse durch die summierte Anzahl der eigenen und gegnerischen Schüsse  dividiert wird. Dadurch erhält man einen Prozentwert, der den Anteil der eigenen Schüsse pro Spiel angibt. Dieser Wert gilt nach James Graysons und viele andere Studien als sehr stabil und prädiktiv. Bei Ferguson hingegen versagte der Wert.

Fergusons Meinung über TSR

Fergusons Meinung über TSR

Die Erklärung hierfür ist einfach: Ferguson war einer von sehr wenigen Trainern, bei dem die Chancenqualität schlichtweg im Schnitt viel höher war als bei der Konkurrenz. Seine Teams konzentrierten sich nicht auf eine Vielzahl von Schüssen, sondern auf eine geringe Anzahl von Schüssen mit hoher Erfolgswahrscheinlichkeit. Unter anderem waren „Score Effects“ dafür verantwortlich. Das bedeutet, dass die durchschnittliche Chancenverwertung beim TSR-Modell je nach “Game State” (Führung, Rückstand, Führung mit zwei Toren, etc.) in Relation zum Ergebnis steigt oder fällt. Verantwortlich dadurch ist der gegnerische Druck beim Abschluss. United ging unter Ferguson oft früh in Führung, nutzte diese “Score Effects” sehr gut aus und seine Mannschaften suchten desweiteren immer nach sehr guten Abschlusspositionen und -situationen. Schlechte Chancen wurden nicht abgeschlossen, es wurde dann weitergespielt und dem Gegner die Chance auf Ballbesitz und Konter genommen.

Ferguson ist außerdem fast der einzige britische Trainer, welcher auch das „Expected Goals“-Modell übertrifft. Expected Goals steht für erwartete Tore, wo aus jedem Schuss durch die Natur des Schusses – beispielsweise die Distanz zum Tor, die Art der Vorlage, die Art des Schusses, den Schusswinkel und die Art und Anzahl der Aktionen vor dem Schuss – die Wahrscheinlichkeit des Torerfolgs berechnet wird. Die Gesamtzahl der Schüsse der letzten Jahre wurde hierbei genommen, um für diese Wahrscheinlichkeit einen konkreten Wert zu schätzen.

Uniteds Übertreffen dieses Modells wird von vielen auf das herausragende Ausführen von Standards, die individuelle Qualität und schlichtweg das Glück zurückgeführt. Viele Statistikanalysten/-blogger führten dies zumindest zu gewissen Teilen auf reines Glück zurück, ob Richard Whittall, Neil Charles oder der herausragende Daniel Altman. Nur wenige andere wie James Yorke, Paul Riley oder letztens Max Odenheimer argumentieren gegen das Glücksargument.

Bei näherer Betrachtung und Analyse der Artikel zu diesem Thema scheint es allerdings wahrscheinlich zu sein, dass Ferguson schlichtweg bestimmte Mittel nutzte, die im Modell der Expected Goals nicht berücksichtigt werden. Ein eklatanter Punkt können bereits Datenerfassungsfehler sein: Neben der individuellen Qualität fließen auch Eigentore oder nicht-abgeschlossene Chancen nicht in das Modell ein. Die Eigentore werden dann zwar häufig aus beiden Wertungen genommen, United könnte aber unter Ferguson beispielsweise viele Situationen wegen der Suche nach noch qualitativeren Chancen schlichtweg nicht abgeschlossen haben. Das sind dann gefährliche Situationen, welche aber nicht in die Prädiktion kommender Leistungen miteinfließen.

Meine These ist somit, dass durch ein paar mangelnde Faktoren (wie z.B. Druck, Kompaktheit, etc.) nicht alle Chancen mit einem ExpG-Wert von bspw. 15% wirklich diesen Wert besitzen. United hatte unter Ferguson die Fähigkeit, dass sie die schwächeren Chancen ausließen, nicht abschlossen und nach besseren suchten, deren reeller Wert über dem Durchschnittswert für die von ExpG gemessenen Faktoren lag. Eine schwächere Mannschaft beherrscht diese Fähigkeit nicht und darf sich auch nicht erlauben, Chancen wegzuwerfen. Im ExpG liegen sie dann bei 0.15:0.15, obgleich diese Chancen keineswegs den gleichen Wert haben und United sich außerdem mehrere solcher Möglichkeiten erspielte. Bei (den seltenen) Rückstanden würden sie solche Chancen allerdings womöglich verstärkt früher abschließen und ihren ExpG dadurch erhöhen.

Eine höhere Chancenqualität bei geringerer Schussanzahl sorgt aber für langfristig mehr Punkte in einer Saison. Hat eine Mannschaft einen Expected-Goals-Wert von 2.0 in einem Spiel und der Gegner ebenso, aber Mannschaft A benötigte dafür nur zwei Schüsse und Mannschaft B zehn, so wird über eine Saison hinweg Mannschaft A mehr Punkte holen. Das mag auf den ersten Blick merkwürdig klingen – und viele Zuseher eines solchen Spiels würden Mannschaft B wohl klar überlegen finden –, doch bei Simplifizierung ist es nur logisch. Hätte eine Mannschaft eine 100%ige Chance jedes Spiel, aber nur eine davon, würden sie in jedem Spiel ein Tor erzielen. Man könnte zwar nie höher als 1:0 gewinnen und würde einige derbe Niederlagen einstecken, aber langfristig hätte man deutlich mehr Punkte.

Deswegen habe ich ein paar kleine Simulationen einer sehr guten gegen eine schwächere Mannschaft mit variablen ExpG-Werten und Schussanzahl 10‘000mal durchlaufen lassen, welche folgende Szenarien ergab:

a)      Eine Mannschaft mit 50 Schüssen bei 4% Erfolgswahrscheinlichkeit gegen ein Team mit 10 Schüssen und 5% Erfolgswahrscheinlichkeit holt im Schnitt gegen dieses Team 2.39 Punkte;

b)      Eine Mannschaft mit 40 Schüssen bei 5% Erfolgswahrscheinlichkeit gegen ein Team mit 10 Schüssen und 5% Erfolgswahrscheinlichkeit holt im Schnitt gegen dieses Team 2.4 Punkte;

c)       Eine Mannschaft mit 20 Schüssen bei 10% Erfolgswahrscheinlichkeit gegen dasselbe Team holt im Schnitt 2,41 Punkte;

d)      Eine Mannschaft mit 10 Schüssen bei 20% Erfolgswahrscheinlichkeit gegen dasselbe Team holt im Schnitt 2,45 Punkte;

e)      Eine Mannschaft mit 5 Schüssen bei 40% Erfolgswahrscheinlichkeit gegen dasselbe Team holt im Schnitt 2,52 Punkte;

f)       Eine Mannschaft mit 2 Schüssen bei 100% Erfolgswahrscheinlichkeit gegen dasselbe Team holt im Schnitt 2,82 Punkte;

Bei der ersten Mannschaft in Szenario a) gibt es in 13,75% der Spiele mehr als 3 Tore, bei selbiger Mannschaft in Szenario b) 11,77% der Spiele mehr als 3 Tore, in Szenario e) hingegen nur in 8.62%, und in Szenario f) natürlich in 0% der Spiele. Grundsätzlich hat man dadurch zwei Verteilungen, wobei Team A einen höheren ExpG als Team B hat. Desweiteren hat ein Team mit einem ExpG von 2 bei 2 Schüssen natürlich 0% Wahrscheinlichkeit weniger als 2 Tore zu schießen, bei 5 Schüssen sind es schon 33,7%, bei 10 Schüssen 37,58%, bei 20 Schüssen 39,17% und bei 50 Schüssen gar 40,05%. Durch die Reduzierung der Varianz (weniger Schüsse mit sehr hohem ExpG) reduziert man die Fälle, in dem Team B durch Glück doch gewinnt. Diese Gif zeigt die Verteilung als Histogramm:

Torverteilung nach 1, 2, 3, 4, 5, 10, 20, 30, 40 & 50 Schüssen

Torverteilung nach 1, 2, 3, 4, 5, 10, 20, 30, 40 & 50 Schüssen

Ansatzweise realistisch sind bei Topteams durchaus Unterschiede von 30 Schüsse mit 6,7% vs. 7 Schüsse mit 33,5%: In ersterem Fall holt man 2.4 Punkte pro Spiel, in Letzterem 2.5 bei schlechterer Tordifferenz. In einer 38er-Saison kann dies schon 3-4 Punkte ausmachen (3.8 im Schnitt).

Die Punktausbeute und der Saisonverlauf „litten“ also positiv unter der Suche nach hochqualitativen Chancen, die Tordifferenz aber negativ. Dennoch reicht diese Erklärung nicht aus, um die Absurdität von Fergusons letzten Jahren bei konstanten Erfolgen zu erklären. Fergusons strategische Fähigkeiten hingegen helfen eher; korrekte Sichtfelder, die passende Anlaufdynamik zum Ball beim Abschluss, der gegnerische Defensivdruck, der eigene Defensivdruck bei gegnerischen Chancen und synergetische Staffelungen im gegnerischen Strafraum fließen in das Modell nicht ein.

Allerdings finden sich einige Artikel, welche sich mit diesen Aspekten beschäftigen. Paul Riley fand zum Beispiel heraus, dass United im Strafraum über ein besseres „Spacing“ durch mehr Spieler in dieser Zone hatte. In diesem Artikel bei SBNation von Benjamin Pugsley findet man außerdem etwas zur enormen Effizienz bei Ecken, während Odenheimer letztens bei Statsbomb in einem Zweiteiler die Fokussierung auf ganz bestimmte Abschlusszonen und eine besondere Art zu flanken analysierte.

Auch weitere Punkte fehlen im ExpG-Modell, so machte ich zum Beispiel einen Statistikanalysten jüngst auf die Passlänge des Assists aufmerksam, wodurch das Modell leicht positiv aufgewertet werden konnte. Außerdem ist der Abschluss einzelner Spieler trotz konträrer Ansichten womöglich doch auf die individuelle Qualität zurückzuführen, wie dieser Artikel von Devin Pleuler zeigt.

Ferguson war auch hervorragend beim individualtaktischen Ausbilden von Abschlussfähigkeiten, beim Scouting von abschlussstarken Spielern und beim Analysieren von gegnerischen Torwartbewegungen; so sprach er zu seinen Spielern davon, dass man im 1-gegen-1 gegen Neuer flach schießen soll, weil Neuer recht früh und hoch springt; United traf dadurch in einem CL-Spiel gegen Schalke.

Diese Masse an solchen kleinen Vorteilen sorgte für Fergusons große Überlegenheit und zeigt, wie herausragend er in allen Aspekten wirklich war.

Was Ferguson über Statistiken und Glück zu sagen hatte, weiß man übrigens auch.

Fazit: Effizienzgott

Am besten schildern die Vergleiche von Ferguson und seinen Trainerkollegen in der Liga im Bezug auf das Übertreffen der Erwartungen in finanzieller Hinsicht, wie gut Ferguson wirklich war. Obwohl es schwieriger ist, bei einer sehr guten Mannschaft mehr als erwartet herauszuholen als vom Budget prophezeit wird, tat Ferguson dies jahrelang.

Diese tolle Analyse von Sihan Zheng zeigt den Wert Fergusons für seine Mannschaft. Im Artikel finden sich diese zwei sehr interessanten Grafiken:

Hier wird das Jahresgehalt der Mannschaften mit der erreichten Punktzahl verglichen. Die orangen Punkte stellen United dar; das Abschneiden übertrifft als die Erwartungen. Noch deutlicher wird es in dieser Grafik:

In jeder einzelnen Saison lag United deutlich über der erwarteten und vom Jahresgehalt projizierten Punktzahl. Auch wenn die Methodik nicht ganz stimmig ist, so ist das Fazit des Artikels beeindruckend – Ferguson hat United über die Jahre an die eine Milliarde Pfund eingespart.

Auch viele andere Studien kamen auf ähnliche Ergebnisse in puncto Finanzen. Zach bei Transferpriceindex hat Ferguson in seiner Studie noch vor Mourinho und Wenger auf Platz 1, auch Roger Pielke jr. und Bell, Brooks und Parkham deduzierten, dass Ferguson einer von wenigen Trainern sei, welche die Erwartungen konstant übertroffen haben. Ich zitiere aus letzterem Artikel:

The best managers relative to expectations are Alex Ferguson and Guus Hiddink, equal on 0.72 more points on average per match than would have been expected. Next are Arsène Wenger, José Mourinho and Rafa Benítez with around 0.56 more points than expected

At the other end of the spectrum, for Alex Ferguson, Arsène Wenger, David Moyes, Guus Hiddink, José Mourinho, Rafa Benítez and Sam Allardyce, not a single one of the 10,000 randomly generated managers was able to outperform them.

Dies zeigt, wie gut Ferguson wirklich war. Die grundlegenden Ursachen für seine enorme Qualität war wohl die passende Vermittlung des „Wieso“ an seine Spieler. Taktisch, strategisch, psychologisch – egal, was seine Spieler taten, sie hatten einen Grund dafür. Dies sorgte für eine stabile Organisation mit viel Zielorientiertheit und den passenden Rahmenbedingungen für die vielen Erfolge. Gleichwohl passte sich Ferguson immer an die Gegner an, ohne sich aber von Spiel zu Spiel auf alle spezifischen Punkte einzustellen. Angepasst wurde nur, was relevant war – und durch strategische Punkte immer das richtige Gegenmittel zu haben, ist wie die Linkshändigkeit im Tennis oder Boxen ein automatischer Vorteil im Vorhinein.

Ergänzt wurde dies durch Fergusons geniale motivationalen Künste. Seine variablen Ansprachen trafen fast immer den Nerv der Spieler. Mal war er sauer, mal motivierend, in anderen überließ er sie sich aber Selbst oder diskutierte die Leistung betont ruhig. Nach Niederlagen gab es aber keine „Hairdyertreatments“, hier war Ferguson entsprechend der Erkenntnisse moderner Führungspsychologie ruhig, Optimismus verbreitend und zukunftsorientiert.

Der Autor von Soccernomics, Simon Kuper, schrieb außerdem, dass Ferguson nicht nur ein guter, sondern auch ein begeisterter Zuhörer war. Von allen möglichen Informationsquellen sammelte Ferguson und nutzte diese; interne Informationen wurden auch genutzt, um Spieler besonders zu beeinflussen. Gepaart mit seiner Beobachtungsgabe und seinem enormen Ehrgeiz konnte sich Ferguson alles, was er benötigte und nicht schon intuitiv wusste, aneignen oder sich mit den passenden Leuten umgeben.

Der Mythos Ferguson ist also schlichtweg Ehrgeiz, Charakter und Intelligenz – wie herrlich passend.

Das Buch “How to think like Sir Alex Ferguson: The Business of Winning and Managing Success” von Damian Hughes diente neben der eigenen Recherche, einigen Studien (unter anderem jene aus Harvard von Elberse), Fergusons beiden Autobiographien, seinen Pressekonferenzen und der eigenen genauen Analyse von Aussagen von und zu Ferguson als wichtigstes Material für diesen Artikel. Danke auch an Statistikexperte Tobias Wagner alias TW / Tehweh, welcher mit Rat und Tat durch Grafiken, Korrektur bei meinen Simulationen durch eigene analytische Berechnungen, Programmierungen in MatLab und Feedback behilflich war.  

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