Der relative age effect (RAE) ist eines der interessantesten Phänomene im Nachwuchssport – und eines der besorgniserregendsten.
Im Wesentlichen besagt er, dass innerhalb eines Jahres – oder genauer: innerhalb eines Selektionszeitraumes – früh geborene Sportler gegenüber jenen, die in einem späteren Monat geboren sind, systematisch bevorzugt werden. Demnach sind in einer Stichprobe häufiger Geburtsdaten anzutreffen, die im Beginn des Selektionszeitraumes liegen. Wissenschaftlich formuliert ist dann vom RAE die Rede, „wenn die Geburtsdaten einer Stichprobe nicht proportional zu den Geburtsdaten des entsprechenden Ausschnitts der Normalbevölkerung verteilt sind.“ (LAMES et al. 2008).
Vom RAE sind vor allem kraft- und laufintensive Sportarten betroffen, die sich einer großen öffentlichen Beliebtheit erfreuen und in denen früh selektiert wird. All das trifft auf den Fußball zu. Geht man davon aus, dass sich Talent gleichmäßig übers Jahr verteilt und sich nicht in der ersten Jahreshälfte ballt, deutet der RAE auf Mängel im System der Nachwuchsförderung hin. Daher ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem RAE zugleich eine kritische Auseinandersetzung mit der Nachwuchsarbeit an sich.
- Fakten ! Fakten! Fakten
Eine erste Studie zum RAE wurde bereits im Jahre 1985 von BARNSLEY/THOMPSON/BARNSLEY im nordamerikanischen Eishockey veröffentlicht. Seither konnte der RAE in vielen weiteren Sportarten auf allen Kontinenten nachgewiesen werden. Besonders auffällig ist der RAE im europäischen Fußball:
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Grafik von Wikipedia
Eine Studie zur U17-WM 2013 (SALLAOUI et al. 2014) zeigte, dass mehr als ein Drittel aller Spieler im ersten Quartal des Jahres 1996 geboren wurden (38,7%) und beinahe ein Viertel im zweiten (23,2%). Lediglich 24,4% wurden in der zweiten Jahreshälfte geboren. 13,7% aller Spieler wurden nach 1996 geboren. Graphisch stellt sich das wie folgt dar:
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Grafik zum RAE bei der U17-WM 2013
Auch bei der jüngsten U17-WM, die 2015 in Chile stattfand, bestätigten sich diese Zahlen (die folgenden Geburtsdaten stammen von fifa.com). 38,8% der Spieler wurden im ersten Quartal von 1998 geboren, 22,8% im zweiten, 12,9% im dritten, 12,3% im vierten und 13,1% in der Zeit nach 1998. Bei den UEFA-Teams wurden insgesamt gar 73% der Spieler in der ersten Jahreshälfte geboren; lediglich ein Spieler kam 1999 zur Welt. Auch die Mannschaft von DFB-Trainer Christian Wück offenbarte einen signifikanten RAE: Jeweils 9 Spieler wurden im ersten und zweiten Quartal geboren (je 42,9%), einer im dritten (4,8%) und zwei im vierten (9,5%).
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Vergleich der Verbände bei der U17-WM
Damit hatte das DFB-Team neben Russland, Frankreich und Belgien einen der deutlichsten RAE. Interessante Werte lieferte auch Syrien: Insgesamt 17 Spieler (81%) kamen im Januar zur Welt; jeweils einer in den Monaten Februar bis Mai. Kein einziger Spieler wurde in der zweiten Jahreshälfte geboren. Es wurden also 19 von 21 Spielern im Zeitraum von Januar bis März geboren. Fünf Spieler Syriens kamen 1999 zur Welt.
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Der DFB im Vergleich mit Syrien
Aufgrund der auffälligen Daten in der deutschen U17-Nationalmannschaft liegt die Vermutung nahe, dass sich auch in den Bundesligen von U17 und U19 entsprechende Hinweise auf den RAE finden lassen. Und tatsächlich zeigen die Geburtsdaten einen auffälligen RAE.
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Daten zum RAE der U17- & U19-Bundesliga
Mit 47,5% kam beinahe die Hälfte aller Spieler der U17 Bundesliga allein im ersten Quartal zur Welt (das Geburtsjahr ist hierbei nicht berücksichtigt). In der U19 sind es immerhin noch 40,3%.
- Ursachen
Belege für den RAE gibt es – vor allem in Deutschland – zu Genüge. Um jedoch Gegenmaßnahmen herausarbeiten zu können, müssen die Ursachen für die Entstehung des RAE identifiziert werden. Als Hauptgrund vermuteten bereits BARNSLEY/THOMPSON/BARNSLEY (1985), dass ältere Spieler in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung weiter sind und daher bevorzugt für leistungsstarke Mannschaften selektiert werden. Bereits wenige Monate können in der Adoleszenz entscheidende Unterschiede in der Muskelbeschaffenheit und der neuronalen Entwicklung bedeuten und schließlich auch in der Spiel- und Lebenserfahrung.
Vergleicht man einen Spieler, der am 01.01. geboren wurde, mit einem Spieler, der am 31.12. desselben Jahres auf die Welt kam, liegen 364 Tage zwischen beiden. Im Alter von zehn Jahren entspricht dieser Unterschied einem Zehntel an Lebenserfahrung. Dieser altersbedingte Entwicklungsunterschied führt natürlich dazu, dass relativ ältere Spieler zu einer bestimmten Zeit ein höheres Leistungsniveau abrufen können. Sie sind schneller, ausdauernder und kräftiger und können alleine dadurch Spiele in einer Art und Weise prägen, zu der relativ Jüngere (noch) nicht in der Lage sind. Auch die technisch-taktischen Fähigkeiten dürften durch den Entwicklungsvorsprung zu einem gewissen Grad fortgeschritten sein, was die spielerische Leistung zusätzlich verbessert.
In mehrere Studien konnte eine Korrelation zwischen dem RAE und anthropometrischen Besonderheiten festgestellt werden: Unabhängig vom Geburtsdatum weisen selektierte junge Sportler ein ähnliches sportmotorisches Leistungsniveau auf. Dies deutet darauf hin, dass relativ jüngere Sportler nur dann eine Chance haben, selektiert zu werden, wenn sie bereits ein höheres sportmotorisches Leistungsniveau aufweisen, während relative ältere Sportler eine zusätzlich höhere Wahrscheinlichkeit haben, selektiert zu werden, wenn sie größer und schwerer sind. Somit haben die anthropometrischen Charakteristika einen wesentlichen Einfluss auf die Talentselektion im Nachwuchsleistungssport (MÜLLER et al. 2015b m.w.N.). Diese körperbetonte Komponente wird im Rahmen der Nachwuchsausbildung durch verschiedene Faktoren verstärkt.
Ein erster Einflussfaktor ist die Spielfeldgröße bei den F- bis C-Junioren. Hier sind die Feldgrößen im Verhältnis zu den körperlichen Voraussetzungen der Kinder und Jugendlichen teilweise so enorm, dass kleinere Spieler erhebliche Nachteile haben, überhaupt an den Ball zu kommen. Enge Spielsituationen, in denen technisches Geschick und eine gute Entscheidungsfindung unter Druck wichtig sind, können durch weiträumige Verlagerungen umgangen werden, wobei die größeren und schnelleren Spieler Vorteile in der Ballbehauptung haben.
Ein weiterer Faktor sind die auf Intensität und Laufbereitschaft aufbauenden Pressingkonzepte, die die DFB-Ausbildung beherrschen. In diesen intensitätsfokussierten Spielmodellen wirken ältere Spieler vermeintlich besser, weil selbst schlechte Entscheidungen noch durch die körperliche Überlegenheit zu einer erfolgreichen Umsetzung erzwungen werden können. Wenn der Erfolg, sich in Situationen durchzusetzen, nur davon abhängt, wie sich ein Spieler körperbetont „durchtanken“ kann, verliert die Qualität von Entscheidungen an Bedeutung. Taktische Mängel können auf diese Weise kaschiert werden, wodurch simple Lösungen forciert werden.
Indem Nachwuchstrainer offensichtlich dazu neigen, Spieler anhand von vordergründig körperlichen Merkmalen als (momentanes) Talent zu bewerten, wird deutlich, dass hierin dem Erfolg eine größere Bedeutung beigemessen wird als der Entwicklung von Spielern. Je früher dann nach Leistung selektiert wird, desto schneller versprechen sich die Trainer davon einen Vorteil. Wenn aber nur die momentane Leistungsfähigkeit in Wettkämpfen beurteilt wird, ignoriert man die Entwicklungsfähigkeit des Nachwuchssportlers. Dabei muss es das Ziel der Talentselektion sein, zu bewerten, zu welchen Leistungen der betreffende Spieler in Zukunft fähig sein kann oder wird. Durch eine frühe Selektion wird den Spielern ein Leistungsprinzip vermittelt, das keinen Platz für Spaß und Spielerentwicklung bietet. Dabei gehört beides zusammen (BECK 2008).
- Folgen
Die Auswirkungen durch den RAE können auf lange Sicht fatal sein. Wenn ältere Spieler lediglich wegen ihrer körperlichen Überlegenheit häufiger als „besser“ eingestuft werden, ist die Gefahr groß, dass kleinere aber womöglich talentiertere Athleten übersehen oder ignoriert werden. Die Folgen davon sind erst Jahre später zu spüren. So wird regelmäßig der Mangel an kreativen und dribbelstarken Spielern in den Auswahlmannschaften bedauert. Die übermäßige Fokussierung auf die Umschaltmomente beim DFB und in den meisten Nachwuchsleistungszentren (NLZ) fördert diesen Umstand zusätzlich. Denn wo kreative Spieler nicht gesucht, eingesetzt oder gefördert werden, weil sie für den angestrebten Spielstil nicht relevant sind, wird es auch keine geben.
3.1 Matthäus-Effekt
Die als „besser“ eingestuften Spieler werden intensiver gefördert und häufiger Nationalspieler (siehe oben). Sie erhalten mehr Spielzeit und können somit weitere Erfahrungen sammeln, was ihren Entwicklungsvorsprung noch weiter vorantreibt, während ihre jüngeren Kollegen quasi auf der Strecke bleiben. Diese bekommen zunehmend weniger Einsätze und keine spezielle Förderung, wodurch ihre Leistungen stagnieren oder gar zurückgehen. Schließlich verlieren sie den Anschluss.
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Matthäus-Effekt (ROMANN/FUCHSLOCHER, 2010).
Dieser Effekt wurde nicht etwa nach dem Ehrenspielführer des DFB benannt sondern nach Kapitel 13, Vers 12 des Matthäusevangeliums (Gleichnis von den anvertrauten Talenten): „Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“. Michael Romann von der Eidgenössischen Hochschule für Sport Magglingen geht davon aus, dass durch den Matthäus-Effekt bis zu 15-20% an Talenten aus dem letzten Quartal verloren gehen, während bei Spielern aus dem ersten Quartal etwa 25% gefördert werden, die keine Perspektive haben.
Ein Beispiel aus der Praxis: Guardiola selbst sprach z.B. davon, dass er bei keiner anderen Jugendakademie als Barcelonas unter Cruijffs Einfluss zu jener Zeit Profi geworden wäre. Er vermutet selbst, dass er vermutlich in der dritten oder vierten Liga agiert hätte. Wieso es doch gereicht hat, zeigt dieser Einblick in Cruijffs Philosophie und den damit einhergehenden Fokus auf Taktik-Technik:
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3.2 Verletzungen
Eine weitere Gefahr, die durch den RAE entsteht, ist das Übertraining der relativ jüngeren und somit regelmäßig körperlich schwächeren Spieler, weil sie (noch) nicht den Anforderungen standhalten können, die ältere Spieler absolvieren. In den NLZ ist es nicht ungewöhnlich, dass bis zu fünf oder sechs Mal pro Woche trainiert wird. Wer bei einem solchen Belastungsumfang mit und gegen körperlich überlegene Athleten spielt, wird ungleich höher belastet als es bei gleichentwickelten Spielern der Fall wäre. Wird hier nicht adäquat periodisiert, indem etwa mehr Erholungspausen gemacht werden, wird die Gefahr für Verletzungen gesteigert.
Diese Belastungsprobleme zeigen sich auch in der Übergangsphase vom Nachwuchs- in den Männerbereich. Dort sind die etablierten Spieler wegen des residualen Trainingseffekts bereits an die höheren Belastungen gewöhnt. Stoßen nun aber junge Spieler hinzu, müssen sie nach und nach an ebendieses Leistungslevel herangeführt werden. Andernfalls droht eine Überbelastung, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Verletzungen führt. Insofern verwundert es nicht, dass so viele Nachwuchsspieler ihren Traum vom Profifußball bereits in ihren Teenagerjahren verletzungsbedingt aufgeben müssen.
In der von Raymond Verheijen aufgebauten Jugendakademie Feyenoord Rotterdams wurde darum z.B. bei bestimmten Spielern – wie Jordi Clasie – von einer konstanten Teilnahme am Training abgesehen; „besseres“ anstatt „mehr“ Training, weswegen Clasie a) mehr Energie für das Wachstum hatte, b) weniger verletzungsanfällig war und c) bei den älteren Jahrgängen mittrainierte, da er spielerisch weiterentwickelt war, obgleich er körperlich unterentwickelt war.
Der jüngst leider von uns gegangene Johan Cruijff sprach sogar davon, dass man sich bewusst nach körperlich unterlegenen Spielern für die Akademie umschauen müsste. Diese würden – entsprechend den heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen des constraints-led approach! – aufgrund ihrer körperlichen Probleme sich stärker auf die Entwicklung der technisch-taktischen Fähigkeiten konzentrieren. Aus ihrer Schwäche würde dann eine Stärke: Die verbesserte Spielintelligenz und Technik.
- Gegenstrategien
Durch den RAE fallen viele Talente durchs Raster oder müssen in Verbindung mit einer schlechten Periodisierung verletzungsbedingt mit dem Leistungssport aufhören. Andererseits werden relativ ältere Spieler wegen vorübergehender Leistungsvorsprünge gefördert, obwohl sie langfristig keine Perspektive haben (FUCHSLOCHER et al. 2011). Insofern ist es unbedingt notwendig, die Sichtung und Entwicklung von Talenten effizienter und nachhaltiger zu gestalten. Etwaige Strategien gegen den RAE müssen neben strukturellen Aspekten auch auf inhaltliche abstellen. Einerseits muss ein größerer Fokus auf technisch-taktische Aspekte gelegt werden; andererseits gilt es, die Selektion so lange wie möglich zu umgehen und so die Bedeutung von Wettkampfresultaten gegenüber der Art und Weise zu verringern.
Die Einführung kleinerer Selektionsgruppen (halbjährig, quartalsweise) und die Berücksichtigung des biologischen Alters sollen altersbedingte Entwicklungsvorsprünge und -rückstände möglichst neutralisieren, sodass auch hier die technisch-taktischen Fähigkeiten dominieren. Um eine optimale Entwicklung zu gewährleisten, müssen die Wettkampfregeln altersgerecht ausgestaltet sein, was sich primär in der Anzahl der Spieler pro Mannschaft und die Spielfeldgröße niederschlagen muss.
Im Folgenden werden einige Modelle vorgestellt, die zur Verhinderung des RAE geschaffen wurden. Ihre wesentlichen Inhalte werden beleuchtet und mögliche Umsetzungen im Rahmen der DFB-Konzeptionen untersucht.
4.1 Schweizer Modelle
In der Schweiz wurden eigene Selektionsinstrumente entwickelt, mit deren Hilfe das Potenzial von Nachwuchsathleten besser eingeschätzt werden soll. Der Fokus wird dabei nicht auf die erzielten Wettkampfresultate gelegt, sondern auf die Entwicklungsfähigkeit der Sportler. Um ein möglichst valides Instrument zur Prognose der Leistungs- und Talententwicklung entwerfen zu können, führten die Dachorganisation der Schweizer Sportverbände (Swiss Olympic) und wissenschaftliche Mitarbeiter des Bundesamtes für Sport Experteninterviews mit Trainern und Nachwuchsverantwortlichen sowie umfassende Literaturrecherchen zum Thema „Talentidentifikation, -selektion und -entwicklung“ durch.
Dabei wurden Artikel der letzten 20 Jahre aus internationalen Journals und Fachbüchern gesichtet. Auf dieser Grundlage wurde das sportartenübergreifende Instrument PISTE (Prognostische Integrative Systematische Trainer-Einschätzung) herausgearbeitet, mit dessen Hilfe das Entwicklungspotenzial der Nachwuchsspieler ermittelt werden soll. Es orientiert sich an den sogenannten „big five“-Kriterien zur Leistungsbeurteilung:
- eigentliche Wettkampfleistung im späten Nachwuchsalter
- sportartenspezifische Leistungstests
- beobachtete Leistungsentwicklung über einen längeren Zeitraum
- Leistungsmotivation
- physische und psychische Belastbarkeit des Kindes.
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* sehr schlecht,, ** schlecht, *** befriedigend, **** gut, ***** sehr gut
Auffällig ist die Unwirksamkeit von generellen sportmotorischen Tests gegenüber der guten Prognosevalidität sportartenspezifischer Tests. Mithilfe sportmotorischer Tests soll der Ist-Zustand von Sportlern hinsichtlich ihrer konditionellen Leistungsfähigkeit (Kraft, Schnelligkeit, Ausdauerfähigkeit, Gelenkigkeit, Koordination) ermittelt werden. Dass solche Tests (u.a. Tapping, Drop Jump, Tempodribbling, Laufbandstufentest) für die Talentbewertung in der Adoleszenz kaum verlässlich sein können, sollte angesichts der dauernd fortschreitenden körperlichen Veränderungen offensichtlich sein. Nicht zuletzt sind sie gänzlich unspezifisch und isoliert. Sie können zwar Aufschluss über grundsätzliche motorische Fertigkeiten liefern, aber nicht, ob der betreffende Spieler diese auch in der jeweiligen Sportart effektiv einzubringen vermag. Insofern sind derartige Tests (sogar Tempodribblings) für die Bewertung der Spielfähigkeit völlig irrelevant (SCHWESIG et al. 2016). Daher sollen entsprechende Tests nicht zu Selektionszwecken genutzt werden. Sogar die Nutzung als Trainingskontrolle ist zu hinterfragen.
Um die sportartenspezifische Leistung objektiv einschätzen zu können, müssen entsprechende Tests einen inhaltlich relevanten Bezug zu den spezifischen Anforderungen der jeweiligen Sportart haben. Die Einbeziehung von Trainereinschätzungen als Beurteilungsmethode ist dabei zwar naheliegend, aber vor allem in komplexen Spiel- und Mannschaftssportarten wie dem Fußball nicht ohne Schwierigkeiten umzusetzen. In solchen Sportarten herrschen infolge von Azyklik, Komplexität und Systemdynamik vielseitige Anforderungen hinsichtlich Technik, Taktik und Kondition. Dies erschwert es, die Leistungen valide zu bewerten. Zumal hier eine Vielzahl von Spielern individuell und in Wechselseitigkeit miteinander bewertet werden muss, was für einen oder zwei Trainer allein schwer zu realisieren ist. Es müssen daher adäquate Tools entwickelt werden, die eine möglichst umfangreiche und objektive Einschätzung gewährleisten (siehe 4.1.4).
Die im frühen Nachwuchsalter erzielten Resultate sind ebenfalls kein verlässlicher Indikator für eine Prognose über die Talententwicklung. Denn durch die unzähligen Einflussfaktoren auf die psychosoziale und körperliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist es kaum möglich, vorherzusehen, wie sich junge Talente in Zukunft entfalten werden (FUCHSLOCHER et al. 2011). Erst mit zunehmendem Alter und einer langfristigen Beobachtung wird die Prognose genauer. Talenteselektionen, die noch vor dem 14. Lebensjahr ansetzen, sind daher grundsätzlich abzulehnen.
Mithilfe dieser Kriterien soll durch ein Punktbewertungsverfahren eine Selektionsrangliste von den Trainern erstellt werden. Dabei sollen sie auch Faktoren wie die innere Motivation, das familiäre Umfeld und psychische Belastbarkeit der Spieler bewerten. Dennoch sind auch sie kein bedenkenloses Hilfsmittel zur Talentprognose und -entwicklung. Eine präzise und vor allem individualisierte Vorhersage kann es nicht geben, sondern allenfalls eine gewisse Wahrscheinlichkeit.
Aufbauend auf PISTE entwickelte der Schweizer Fußballverband speziell für die Altersklassen U11 bis U14 das Förder- und Sichtungsinstrument FOOTECO (Football Technique Coordination). Nach Aussage des Verbandes zielt FOOTECO „auf die Entwicklung des Potenzials der Spieler ab und hat zum Ziel, die jungen Spieler nicht zu früh zu selektionieren“. Es basiert auf den folgenden Prinzipien:
– Respekt und Fairplay erziehen
– Respekt gegenüber dem Umfeld des Spielers
– Die Art und Weise gegenüber dem Resultat priorisieren
– Wert auf die Spielfreude legen
– Spielflächen limitieren
– Die Anzahl an Ballberührungen favorisieren
– Intensität und Erfolg erhöhen
– Anzahl der Spieler der Mannschaften limitieren
– Jedem Spieler Spielzeit garantieren
– großgewachsene Spieler nicht bevorzugen
– kleingewachsene Spieler nicht benachteiligen
4.1.1 späte Selektion
FOOTECO wurde für die Altersstufen U11 bis U14 entworfen. In diesem Alter sollen die Leistungen der Spieler kontinuierlich beobachtet werden und letztlich so eine möglichst optimale Grundlage für die Leistungsselektion ab der U15 liefern.
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Förderstufen des Schweizer Fußballverbands (SFV).
Die Selektion ab dem 14. oder 15. Lebensjahr entspricht auch dem Entwicklungsmodell von CÔTÉ/BAKER/ABERNETHY (2007) und wird vor dem Hintergrund, dass Wettbewerbsresultate aus der frühen Nachwuchszeit kein valides Kriterium für Entwicklungsprognosen darstellen, zusätzlich gestützt.
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Entwicklungsmodell sportlicher Betätigung (Côté/Baker/Abernethy 2007)
Der DFB hingegen fängt mit der Sichtung von Talenten bereits im U9- bis U11-Bereich an. Vereinstrainer können drei Spieler aus ihrer Mannschaft für eine besondere Förderung vor Ort anmelden, woraufhin die Kinder gesichtet werden. Da bereits bei dieser Anmeldung nachweislich Spieler aus der ersten Jahreshälfte bevorzugt angemeldet wurden, wird den Trainern mittlerweile vorgegeben, dass mindestens einer dieser Spieler in der zweiten Jahreshälfte geboren sein muss.
4.1.2 biologisches Alter und Periodisierung
Der RAE ist weitestgehend Ausdruck einer Bevorteilung von körperlich weiter entwickelten Spielern. Von dieser Bevorzugung profitieren jedoch nicht nur relativ ältere Spieler, sondern auch Spieler, deren körperliche Beschaffenheit gemessen an ihrem relativen Alter fortgeschritten ist (Vgl.: 2.). Bestimmend für diese anthropometrischen Eigenheiten eines Sportlers ist das biologische Alter. Mit dem biologischen Alter (BA) ist der Zustand des Körpers gemeint, der normalerweise einem bestimmten Alter ungefähr entspricht. Demgegenüber ist mit dem chronologischen Alter (CA) die geläufige zeitliche Altersangabe gemeint, die sich nach dem Geburtsdatum errechnet. Der körperliche Entwicklungsstand wird aus der Differenz des biologischen und chronologischen Alters ersichtlich.
Die präziseste Messmethode zur Feststellung des biologischen Alters ist das Röntgen der Handwurzelknochen (Greulich-Pyle-Methode).
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Bestimmung des biologischen Alters durch Röntgen der Handwurzelknochen (MÜLLER et al. 2015a)
Da dieses Verfahren jedoch aufwendig und teuer ist und zu einer Strahlenbelastung führt, wird die Mirwald-Methode bevorzugt (MIRWALD et al. 2002). Dabei wird das Geburtsdatum mitsamt den Maßen von Körpergewicht (in kg), Körpergröße und Sitzgröße (jeweils in cm) verwendet und mithilfe einer mathematischen Formel zu einer einmaligen Schätzung berechnet. Die Mirwald-Methode weist gewisse Schwankungen in der Genauigkeit auf. Daher werden nur drei grobe Entwicklungsphasen kategorisiert:
– früh entwickelt/akzeleriert (BA – CA > +1 Jahre);
– normal entwickelt (BA – CA = -0.5 bis +0.5 Jahre);
– spät entwickelt/retadiert (BA – CA < -1 Jahre).
Das biologische Alter kann während der Pubertät bis zu 5 Jahre vom chronologischen Alter abweichen. Problematisch dabei ist jedoch, dass die Daten nur über Kaukasier erhoben wurden. Wie die Validität bei anderen Ethnien ist, ist unklar. Vor dem Hintergrund, dass die Zahl der Kinder mit Migrationshintergrund zunimmt, ist der praktische Nutzen dieser Methode zumindest fraglich.
Unter Berücksichtigung des Entwicklungsstandes können Spieler präziser in Mannschaften integriert werden, wenn es kleinere Altersklassen (jährlich, halbjährlich, quartalsweise) gibt. In einem Verein mit vielen Mannschaften, die nach Altersklassen eingeteilt sind, kann dem biologischen Alter besser entsprochen werden, wenn ältere Spieler in der körperlichen Entwicklung noch zurückhängen oder jüngere Spieler umgekehrt ihren Altersgenossen bereits spielerisch und/oder körperlich voraus sind.
Diese Spieler können dann in die für sie passende Mannschaft integriert werden, um ihre technisch-taktische Entwicklung in einem dafür konditionell passenden Rahmen voranzutreiben. Talentierte kleinere Spieler, die physische Nachteile haben, spielen dann im jüngeren Jahrgang. Talentiertere kleinere Spieler, die trotzdem besser sind als ihre Selektionsgenossen, trainieren bei den Älteren. Da die konditionellen Anforderungen in diesem Fall zu hoch für den körperlichen Entwicklungsstand des betreffenden Spielers sind, trainiert dieser im Sinne einer adäquaten Belastungssteuerung weniger.
Die Einführung kleinerer Altersklassen ist vor allem im Kindesalter und der frühen Adoleszenz notwendig. Strukturelle Schwierigkeiten, die sich insbesondere aus den stetig sinkenden Geburtszahlen ergeben, können durch die kleineren Spielformen (siehe: 4.1.3) kompensiert werden. Da etwa Funino im 3-gegen-3 gespielt wird, ist es möglich, Mannschaften nach Quartalen zu bilden und Kinder mit ähnlichem biologischem Alter zusammen spielen zu lassen.
Die Berücksichtigung des biologischen Alters kann sogar so weit gehen, dass ein Spieler in einer Altersklasse spielt, für die er kalendarisch schon zu alt ist. Eine solche Möglichkeit besteht im schweizerischen Eishockey. Dort sind jeweils maximal zwei „Lateborn/Spätentwickler“ des jüngeren Jahrgangs der höheren Altersstufe in den Piccolo-, Moskito-, Mini-, Novizen-Stufen spielberechtigt, sofern die folgenden Kriterien erfüllt sind:
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Spielberechtigungsstufentabelle
Laut Verband sind „Lateborns“ Spieler, „welche innerhalb des Jahrganges durch die Jahrgangsstruktur benachteiligt sind“. Als „Lateborns“ kommen also nur Spieler des jüngeren Jahrgangs in Frage, die in der zweiten Jahreshälfte geboren wurden. „Spätentwickler“ sind „grundsätzlich in der Entwicklung gegenüber dem Durchschnitt der gleichen Alterskategorie im Rückstand.“ Weitere Einschränkungen für die Berechtigung, in einer tieferen Altersklasse zu spielen, sind etwa, dass der „Lateborn/Spätentwickler“ nicht in einer tieferen Leistungsklasse spielen darf, als in derjenigen, in welcher er bereits im vorherigen Jahr qualifiziert war. Im Bereich der Novizen-Elite wird das Knochenalter bestimmt. Dieses muss mindestens 1 Jahr unter dem chronologischen Alter liegen. Es bedarf jeweils einer ärztlichen Bestätigung.
Das Konzept, „Lateborn/Spätentwickler“ in einer jüngeren Altersklasse spielen zu lassen, ist äußerst sinnvoll. Den (deutlich) unterentwickelten Spielern wird die Möglichkeit geboten, ihre technisch-taktischen Fähig- und Fertigkeiten in einem konditionell passenden Rahmen zu entwickeln, ohne dass dieser Entwicklungsprozess von körperlich dominierenden Mit- und Gegenspielern beeinträchtigt wird. Würde man in diesem Fall nicht entgegensteuern sondern die strikten Stichtagsgrenzen sowie Altersklasseneinteilungen einhalten (müssen), würde man einer Vielzahl von Spätentwicklern jede Chance auf eine adäquate Förderung verbauen.
4.1.3 Verkleinerung von Spielflächen und Spielerzahl pro Mannschaft
In den Jahren 2005/06 und 2011/12 führte der DFB Reformen im D-Jugendbereich (U12/13) durch, nach denen die Spielfeldmaße, Torgrößen und Spieleranzahl pro Mannschaft verringert wurden. Fortan sollte im 9-gegen-9 auf 70x50m gespielt werden.
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Die Intention hinter den Reformen war, dass Jugendliche im Alter von 12 und 13 Jahren körperlich noch nicht in der Lage sind, um auf Großfeld zu spielen. Die Wege wären zu weit, wodurch es seltener zu Ballaktionen (Vgl.: RAMPINI et al. 2007 m.w.N.) und häufiger zu langen Flugbällen kommt. In der Folge verlieren technisch-taktische Aspekte gegenüber den konditionellen an Bedeutung; zumal auch hier körperlich überlegenen Spieler deutliche Vorteile haben. Des Weiteren war der direkte Übergang vom 7-gegen-7 auf dem Kleinfeld (68x50m) zum 11-gegen-11 auf dem Großfeld schlichtweg zu extrem. Es gab keine altersgerechte Anpassungsphase an das Großfeld. Zusätzlich erhoffte man sich von der Reform eine leichter zu überblickende und kontrollierende Raumaufteilung für die Spieler.
Auch bei den G- bis E-Junioren wurden Anpassungen vorgenommen. In der Jugendordnung des DFB heißt es in § 8a:
„1. Bei den G- bis D-Junioren/Juniorinnen wird auf einem verkleinerten Spielfeld gespielt. Die Mannschaften der G-Junioren/Juniorinnen bestehen aus bis zu sechs, die Mannschaften der F-Junioren/Juniorinnen und E-Junioren/Juniorinnen aus bis zu sieben Spielern/Spielerinnen, die Mannschaften der D-Junioren/Juniorinnen aus bis zu neun Spielern/Spielerinnen. Die Größe der Tore beträgt bis zu 5 x 2 m.
- Bei den C-Junioren und älter sind sowohl Spiele auf verkleinertem Spielfeld und mit verkleinerten Toren als auch auf Normalspielfeld möglich. Die Mannschaftsstärke liegt bei mindestens sieben und maximal elf Spielern.“
Durch die vagen Vorgaben des DFB hinsichtlich der Spielfeldgröße, gibt es zwischen den einzelnen Landesverbänden Abweichungen, was die Umsetzung betrifft. In Berlin werden etwa folgende Angaben gemacht:
„Bei den Spielen der F- und G-Junioren im Juniorenbereich gelten folgende Spielfeldmaße:
Länge: 40m, Breite: 29-39m, Strafraum: 9m, Torraum: 3m, Strafstoßmarke: 9m
Bei den Spielen der E-Junioren im Juniorenbereich gelten folgende Spielfeldmaße:
Länge: 45-55m, Breite: 29-39m, Strafraum: 9m, Torraum: 3m, Strafstoßmarke: 9m
Bei den Spielen der D-Junioren im Juniorenbereich gelten folgende Spielfeldmaße:
Länge: 45-70m, Breite: 44-55m, Strafraum: 11m, Torraum: 3m, Strafstoßmarke: 9m“
Von den C- bis A-Junioren wird im 11-gegen-11 gespielt, in der D-Jugend 8-gegen-8 und in der F- bis G-Jugend 7-gegen-7.
In Niedersachsen gelten folgende Regeln: In der G-Jugend spielen bis zu 6 Spieler auf ca. 35 x 32m Spielfläche, in der F-Jugend bis zu 7 Spieler auf ca. 40 x 35m Spielfläche und in der E-Jugend bis zu 7 Spieler auf ca. 55 x 35m Spielfläche. In der D-Jugend wird entweder im 9-gegen-9 auf 70 x 50m gespielt, oder im 7-gegen-7 auf 65 x 50m. Ab der C-Jugend wird im 11-gegen-11 auf Großfeld gespielt. Bei den G- und F- Junioren werden keine Meisterschaften durchgeführt.
Im Prinzip wurden die D-Junioren durch die Reform wieder zurück aufs Kleinfeld geschickt, wobei sie sogar einen zusätzlichen Feldspieler bekamen. Ein seichterer Übergang zum Großfeld ist damit zwar gegeben, geht aber nicht weit genug. Denn auch für die C-Junioren sollten Spielfläche und Spieleranzahl verbindlich begrenzt werden. In den G- bis E-Jugenden sollten die jeweiligen Begrenzungen sogar noch kleiner sein, wobei sich die entsprechenden Maße im Optimalfall nicht nur per Jahrgangsstufe ergeben sondern per Geburtsjahr.
Für die G- und F-Junioren bietet Horst Weins Funino einen vielversprechenden Ansatz. Dabei wird im 3-gegen-3 auf etwa 32 x 25 Metern und vier Toren gespielt (ohne Torhüter). Im Sinne der „Fair-Play-Liga“ gibt es keinen Schiedsrichter und die Trainer müssen sich ebenso wie die Eltern mit Anfeuerungen und Coaching zurückhalten. Funino garantiert mehr Ballkontakte, Pässe, Schüsse und Zweikämpfe. Nach Toren geht es ohne Anstoß sofort weiter. Aufgrund der geringen Spielerzahl muss jeder Spieler permanent im Angriff und in der Verteidigung eingebunden sein, da ansonsten ein für die Mitspieler nicht zu kompensierender Nachteil entsteht, wenn ein Spieler nicht mitmacht. Quantität wird dabei zu Qualität. Durch die zwei Tore wird verhindert, dass sich das Spiel im Zentrum ballt und alle dem Ball hinterherrennen. Ist ein Tor zugestellt, besteht die Möglichkeit, auf die andere Seite zu verlagern. So wird der Blick für den Raum geschärft, die Prinzipien des ballorientierten Verschiebens und des Überzahlspiels implizit vermittelt.
Laut Arrigo Sacchi, der Funino in Italien einführte, verhilft das Spiel dem Straßenfußball zu einer Renaissance. Hilfreich dabei ist es, die Qualität der Bälle (Größe, Gewicht, Härtegrad, Prelleigenschaften) und des Spielbelags (Asphalt, Halle, Naturrasen, Kunstrasen), die Größe der Tore und des Spielfeldes sowie die Spieleranzahl im Sinne des impliziten und differenziellen Lernens zu variieren. Mithilfe weiterer Sonderregeln kommt Funino auf über 40 bekannte Varianten.
Für die darauffolgenden Altersstufen ist es ratsam, die Spielerzahl pro Mannschaft und die Feldmaße sukzessive zu erhöhen. So wird im ersten Geburtsjahrgang der E-Jugend 5-gegen-5 (ca. 40x25m) und im zweiten im 6-gegen-6 (45x30m) gespielt. In der D-Jugend wird erst im 7-gegen-7 (ca. 60x45m) und im zweiten Jahr 8-gegen-8 (ca. 65×50) gespielt. In der C-Jugend wird komplett 9-gegen-9 (75x50m) und ab der B-Jugend schließlich im 11-gegen-11 auf Großfeld gespielt.
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Wein 2012, S. 25.
Die Kinder und Jugendlichen werden nicht nur stufenweise an das Zielspiel herangeführt, sondern zugleich regelbedingt taktisch und strategisch mit variablen Herausforderungen zunehmender Komplexität konfrontiert.
4.1.4 Trainingsmethodische Ansätze und Analysetools
Es muss das Ziel sein, Kindern und Jugendlichen eine altersgerechte und -angemessene Ausbildung zukommen zu lassen, um sie bestmöglich zu entwickeln. Dafür müssen die verantwortlichen Trainer eine entsprechende Schulung und Sensibilisierung über Themen wie Entwicklungspsychologie, körperliche Entwicklung in der Pubertät und Ursachen für den RAE erfahren. Außerdem ist es wichtig, dass Trainingsmethoden vermittelt werden, die zum einen altersgerecht sind und zum anderen valide Entwicklungsmöglichkeiten liefern.
Solange aber Inhaltsbausteine wie „Techniktraining (Detailkenntnisse, richtiges Demonstrieren und Korrigieren usw.)“ (DFB Elite-Jugendtrainerausbildung) vermittelt werden, kann man nicht erwarten, dass das auch erreicht wird. Denn die isolierte Betrachtung und explizite Korrektur von Techniken, wie es noch immer von fast allen Verbänden gelehrt wird, ist überholt und führt nachweislich auch nicht zum erhofften Erfolg (zusammenfassend: HENSELING/MARIC 2015, S. 25ff. m.w.N.). So trägt die Einführung von Trainerlizenzen wie die Elite-Jugendtrainer (UEFA-B Lizenz) bisher auch keine Früchte, da noch immer nach klassischen Methoden trainiert und sich dabei primär am Erwachsenensport orientiert wird (PARTINGTON/CUSHION 2013).
Insofern wäre es auch eine wichtige Maßnahme, die Trainerstellen mit fachlich kompetenten Altersspezialisten zu besetzen, welche die jeweiligen Altersgruppen kennen und mit den Eigenheiten dieser und trainingsmethodologisch, psychologisch, aber auch technisch-taktisch umgehen können.
Um die Fähigkeiten der Spieler nicht nur anhand der im Wettkampf gezeigten Leistungen einzuschätzen, muss desweiteren im Training die passende Umgebung geschaffen werden, um die Spieler fußballspezifisch analysieren zu können. Das setzt zwingend Spielformen voraus. Spielformen fördern erwiesenermaßen die technisch-taktischen Fähigkeiten effizienter und erlauben zugleich eine bessere Sichtung und Analyse als isolierte Übungen. Denn in solchen fehlt der Aspekt der Entscheidungsfindung. Außerdem besteht kein Spielkontext, was es unmöglich macht, die tatsächliche Qualität der Ausführung zu bewerten.
In Rahmen eines spielnahen Trainings müssen schließlich Kriterien für eine objektive Leistungs- und Entwicklungsanalyse geschaffen werden. Dazu werden in bestimmten Spielformen unter standardisierten Bedingungen positionsspezifische und positionsunspezifische Fußballaktionen gezählt (Anzahl der Aktionen pro Minute) und bewertet (Qualität der Entscheidungen, Qualität der Ausführung). Spieler, die gute Entscheidungen treffen und diese gut ausführen, aber bei letzterem abfallen, können angesehen werden, ob sie müde werden oder körperlich schwächer sind oder einfach nicht wissen, wann und wie sie aktiv werden müssen. Ersteres deutet auf eine mangelnde Physisentwicklung hin.
Im Falle der zweiten Variante ist Training gefragt (siehe unten). Trifft ein Spieler gute Entscheidungen, führt diese aber schlecht aus, liegt das entweder an einem Entwicklungsmangel in dem Teilbereich oder an mangelnder Physis. Trifft ein Spieler schlechte Entscheidungen, führt sie aber gut aus, ist das eine Frage der Spielintelligenz und kann somit im Training forciert werden. Alternativ kann das auch ein Indiz für mangelnde Vermittlungskompetenz des Trainers sein. Schlechte Entscheidungen gepaart mit einer schlechten Ausführung deuten auf eine insgesamt mangelhafte Qualität des Spielers hin. Schafft er dennoch viele Aktionen, darf das nicht zu einer positiven Bewertung infolge seiner körperlichen Überlegenheit führen. Im Hinblick auf physischen Probleme und Mängel muss beobachtet werden, ob der betreffende Spieler noch nicht das notwendige Niveau hat oder ob er müde ist.
Damit die Entscheidungsfindung und die Ausführung objektiv bewertet werden können, werden wiederkehrende suboptimale Lösungen auf die Referenzpunkte Orientierung, Position, Moment, Richtung und Geschwindigkeit hin analysiert. Als Beispiel wählen wir die Positionierung des Sechsers im Spielaufbau eines 4-1-4-1/4-3-3 gegen ein 4-4-2. Im Spielmodell ist vorgesehen, dass sich der Sechser situativ zurückfallen lässt, um eine Überzahl in der hintersten Linie zu schaffen, wenn die Innenverteidiger von der gegnerischen Doppelspitze unter Druck gesetzt werden. Als Folgeaktionen lassen sich die Achter zurückfallen, und die Flügelspieler rücken ein. Doch dazu kann es gar nicht erst kommen, wenn schon die auslösende Aktion – das Abkippen des Sechsers – scheitert.
Orientierung: Der Sechser kippt zwar korrekt ab, doch bei jedem Anspiel gerät er unter Druck. In der Analyse wird deutlich, dass er sich falsch zu den Mitspielern, Gegnern sowie dem Ball orientiert und ein mangelhaftes Umblickverhalten zeigt. Dadurch fehlt es ihm am nötigen Sichtfeld, sodass er schlechte Verbindungen zu seinen Mitspielern erzeugt und etwaige Gegenspieler in der Nähe übersieht. Zudem wird es dem Gegner durch seine schlechte Körperstellung im Feld leicht gemacht, gegen ihn zu pressen. Durch eine offenere Stellung hätte er eine bessere Übersicht und somit mehr Optionen.
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Probleme in der Orientierung; diese können sich nicht nur auf Körperstellung, sondern noch viel mehr auf Wahrnehmung / Umblickverhalten beziehen.
Position: Kippt der Sechser schlichtweg nicht ab, stimmt die Position nicht. Es muss geklärt werden, ob dies an einem mangelnden Verständnis der Aufgabe oder mangelhafter Auffassung der Situation liegt.
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Probleme bei der Position
Moment: Der Sechser bewegt sich zwar nach hinten, tut dies jedoch im falschen Moment. Oftmals fällt er zu früh zurück, während der Innenverteidiger am Ball noch zum Flügel blickt.
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Probleme beim Timing.
Richtung: Der Sechser verliert immer wieder den Ball am eigenen Strafraum, weil er zu nah am rechten Innenverteidiger abkippt. Dadurch sind die Abstände zu gering, wodurch der Gegner im Pressing leicht Zugriff herstellen kann.
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Probleme in der Richtung.
Geschwindigkeit: Der Sechser bewegt sich zwar in Richtung der richtigen Zone und weiß um die Effekte des Abkippens, doch er bewegt sich dabei zu langsam.
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Probleme in der Dynamik.
Diese Beispiele veranschaulichen, wie der Analyseprozess abläuft und welche Einblicke er in die Aktionen eines Spielers geben kann. Auf Grundlage der Beobachtung können Sichtfelder, die Orientierung bei der Ballannahme, positionsspezifische Eigenheiten und viele weitere Komponenten im Verantwortungsbereich eines Spielers in Wechselwirkung mit den eigenen und gegnerischen Spielern bewertet werden. Vor allem das Geben von Strukturen und Verbindungen kann somit recht zuverlässig evaluiert werden. Unter Umständen notwendige Verbesserungsprozesse werden dann zeitnah im Training unternommen.
Die obigen Beispiele zeigen außerdem, welch vielfältige Ursachen Beispielsweise ein Ballverlust haben kann. Häufig liegt die Ursache nicht in einer schlechten Ballbeherrschung (die dann womöglich in isolierten Übungsformen verbessert werden soll), sondern in schlechten Entscheidungen, mangelhaften Verbindungen oder auch an Defiziten im Blickverhalten. Das Übersehen eigener und gegnerischer Spieler kann direkt zu Ballverlusten führen oder dazu, dass gute Optionen nicht wahrgenommen werden. Vor allem der Aspekt der Orientierung stellt auf das Blickfeld ab.
Weist ein Spieler wiederholt Mängel in der Orientierung und/oder dem Umblickverhalten auf, reicht es häufig nicht, ihn darauf anzusprechen und das entsprechende Verhalten verbal einzufordern. Denn ob der Spieler dadurch in die Lage versetzt wird, die passende Situation und die etwaig notwendigen Verhaltensweisen im Spiel zu erkennen und auszuführen, ist äußerst fraglich. Stattdessen muss der betreffende Spieler schon im Training immer wieder in Situationen gebracht werden, in denen ein erfolgreicher Ablauf zwingend von einem passenden Orientierungs- und Umblickverhalten abhängt. Somit wird er auf das adäquate Verhalten geprimt. Er erkennt, wann es notwendig ist und wie er sich entsprechend verhalten muss.
Eine passende Übung, um das zu vermitteln, kann wie folgt konzipiert sein: Es wird in einem Rondo 5-gegen-3 gespielt. Die fünf Spieler sind in Ballbesitz und sollen ihn durch eine ständige Zirkulation sichern. Vier Spieler stehen entlang der Außenlinien; der fünfte Spieler – unser Patient – agiert im Zentrum, wo auch die drei Verteidiger sind.
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Eine Übung zur Ballzirkulation und zum Freilaufverhalten, ebenso wie zum Pressing und zur Kontrolle von Passwegen. Abbildung 137 aus unserem Buch „Fußball durch Fußball“.
Der zentrale Spieler muss den Ball direkt passen, darf aber nicht zu demjenigen Spieler passen, von dem er zuvor den Ball erhielt. Um dies erfolgreich umsetzen zu können, ist es für ihn unerlässlich, sich jederzeit über die jeweilige Position seiner Mit- und Gegenspieler zu vergewissern. Dafür muss er sich ständig umsehen. Erst auf Grundlage dieser Wahrnehmung, kann er sich passend positionieren und orientieren, um den Ball sofort zu einem Dritten weiterzuleiten. Dabei kann der Trainer begleitend coachen.
Während schlechte Entscheidungen und Verbindungen mithilfe des obigen Analysetools identifiziert werden können, muss für die Prüfung des Blickfeldes ein weiteres Instrument gefunden werden, wenn die Orientierung keine Mängel aufweist. Dafür ist ein simpler Test geeignet, der vom U10/11-Coach des VfL Wolfsburg, Tim Stegmann, genutzt wird: Der Mittelkreis wird als eine Uhr angesehen, in deren Mitte der zu testende Spieler steht. Auf Zwölf Uhr steht der Trainer; auf Sechs Uhr stehen zwei weitere Spieler. Der Spieler in der Mitte blickt starr zum Trainer; seine Augen sollen sich nicht bewegen. Nun gehen die beiden Spieler auf Sechs Uhr jeweils links und rechts entlang des Mittelkreises langsam Richtung Trainer. Wenn der Spieler in der Mitte einen der beiden Spieler in seinem Augenwinkel sieht, zeigt er das an und der betreffende Spieler bleibt stehen.
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Test, Tim Stegmann, Wolfsburgs U10/U11.
Die Bedeutung von Blickfeld und Umblickverhalten wird bei Fußballern häufig unterschätzt. Dabei bildet die visuelle Wahrnehmung die erste Phase allen taktischen Handelns. Es ist daher wichtig, Kenntnisse über das Blickfeld der Spieler zu haben und sie permanent zum Umblicken und Orientieren anzuregen. Studien zeigen, dass ein großes Blickfeld mit einer großen Sportspielerfahrung korreliert (JENDRUSCH 2009 m.w.N.; GRALLA 2007, S.52ff. m.w.N.). Mithilfe des obigen Tests erhält der Trainer Informationen darüber, wie es um das periphere Sehen seiner Spieler bestellt ist. Wird nun ein spielnahes Training forciert, kann mittels einer regelmäßigen Anwendung dieses Tests kontrolliert und nachvollzogen werden, ob und wie sich das Blickfeld des betreffenden Spielers erweitert.
So konzentrieren sich die Trainer in La Masia – trotz nach unseres Kenntnisstands keines objektiven Testverfahrens – besonders darauf, dass die Spieler das richtige Blickverhalten haben. Die Wahrnehmung wird als Basis für das Handeln gesehen, da es sämtliche basale Fußballaktionen definiert. Diese werden in der katalanischen Fußballakademie ebenfalls besonders beobachtet und geschult; ob Freilaufverhalten, Entscheidungsfindung im Passspiel oder Körperhaltung.
4.1.5 RAE und Taktik
Es wurde bereits angemerkt, dass eine pressing- und umschaltintensive Ausrichtung vom RAE profitieren könnte und ihn umgekehrt wiederum bestärkt. Es stellt sich also die Frage, ob man dem RAE entgegenwirken kann, wenn man einen Spielstil wählt, der stärker auf dem eigenen Ballbesitzspiel und dem Erzeugen von aufbau- und zugleich zugriffsorientierten Strukturen basiert. Wo also die Bedeutung von Verbindungen und dem Erkennen von potenziellen Freiräumen größer ist, als die Intensität im Anlauf- und Zweikampfverhalten. Denn gerade unter einem bestehenden RAE kann die Besetzung von Räumen in einer Art und Weise erfolgen, die nicht zwingend auf einer guten Antizipation und Raumaufteilung beruhen muss sondern primär auf schnellen Spielern, die in der Lage sind, viel Raum durch ein hohes Tempo zu besetzen. Dadurch könnten vor allem taktische Defizite kompensiert werden. In pressingintensiven Spielstilen geht es primär darum, den gegnerischen Spielaufbau zu Fehlern zu zwingen, um nach etwaigen Balleroberungen die gegnerische Unordnung für eigene Angriffe auszunutzen. Eine kreative Komponente ist hierbei nicht unbedingt notwendig.
Im Rahmen von FOOTECO verfolgt der Schweizer Fußballverband zwar eine offensive Grundausrichtung, allerdings werden keine strategisch-taktischen Vorgaben zur Umsetzung vorgeschlagen. Auch unter einem hohen Pressingfokus verstehen viele Trainer und Verantwortliche eine offensive Spielweise, weshalb die Vorgabe „offensive Spielstile“ unpräzise ist. Besser wäre es, von „konstruktiven Spielstilen“ zu sprechen. Wieder La Masia: Hier wurden eigene, kindgerechte Termini für Fußballaktionen eingeführt, welche eine besondere implizite Bedeutung beinhalten.
In Deutschland wäre ein Umdenken ebenfalls wichtig. Anstatt Pressing und Gegenpressing als beste Spielmacher zu sehen, sollte der eigene Aufbau über gute Verbindungen dazu führen, nach etwaigen Ballverlusten sofort Zugriff zu erzeugen. Das Spiel zu machen, ist dabei die beste Voraussetzung für Gegenpressing. So hat man zwei anstelle nur eines Spielmachers und würde weniger über die Intensität kommen, als vielmehr über Spielverständnis und -intelligenz.
4.2 weitere Vorschläge und Maßnahmen
Ein radikaler Ansatz fordert die Abschaffung von Nationalmannschaftsturnieren im Nachwuchsbereich, um die Bedeutung des Gewinnen-müssens für die Leistungsselektion zu neutralisieren. Zudem würden dann die Nationalmannschaften obsolet, sodass es keine zusätzliche Förderung gibt, was die Entwicklungsunterschiede weiter vorantreibt. Dieser Ansatz würde im Endeffekt aber dazu führen, dass jegliche zusätzliche Förderung ausbleibt, wodurch letztlich die Nachwuchsarbeit insgesamt an Niveau verlieren würde.
Dennoch stellt der Aspekt des Gewinnenmüssens die Verantwortlichen vor große Herausforderungen, weil hier der „Fehler“ im Ligasystem (Meisterschaft, Auf- und Abstieg) sowie der Erwartungshaltung von Trainern, Eltern und der Öffentlichkeit liegt. Spieler werden vor allem seitens der Trainer zum Gewinnen motiviert und von ihnen auch entsprechend aufgestellt. Wem der Trainer nicht zutraut, wertvoll für den Spielausgang zu sein, wird wohl kaum spielen. Dabei herrscht ein emotionales Coaching, in dem die Bedeutung der Zielerreichung dominiert, während die Art und Weise ebendieser Zielerreichung keine Rolle spielt. Anstatt eine Siegermentalität durch emotionales Coaching einzufordern, sollte aufgabenorientiert gecoacht werden. Der Trainer zeigt seinen Spielern, wie sie durch das Lösen von Situation zur Zielerreichung gelangen. Die Motivation ergibt sich dabei aus der Selbstwirksamkeitserwartung, welche wiederum aus einem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten erwächst.
In einigen Landesverbänden (bspw. Niedersachsen) werden bei den G- und F-Junioren keine Meisterschaften ausgespielt. Zudem hat der DFB 2013 die sogenannte „Fair-play-Liga“ eingeführt. Hier werden die üblichen Spielregeln um folgende drei Grundsätze erweitert:
- Eltern und Zuschauer müssen mindestens 15 Meter weg vom Spielfeld stehen.
- Die Trainer beider Mannschaften stehen direkt nebeneinander und treten sozusagen als ein Trainerteam auf.
- Es wird ohne Schiedsrichter gespielt. Über die Sanktionierung bei Regelverstößen entscheiden die Spieler selbst.
Auf diese Weise sollen Kinder Selbständigkeit und gegenseitige Rücksichtnahme lernen. Der Spaß soll im Vordergrund stehen und nicht der unbedingte Erfolg.
Von einigen Experten wird empfohlen, dass Im Leistungsbereich anstelle von Siegprämien Boni für Nachwuchstrainer gezahlt werden sollten, wenn es einer ihrer Spieler in den Profibereich schafft. Den Spielern soll es ums Gewinnen gehen; den Trainern um die Entwicklung. Dass die Spieler Letzteres nicht wissen müssen, ermöglicht beides.
Auch die TSG Hoffenheim sucht seit einigen Jahren nach Mitteln gegen den RAE. So werden Spieler erst ab dem 12. Lebensjahr selektiert. Bis dahin sollen sie in ihren Heimatvereinen verbleiben. Darüber hinaus zählen Titel und Erfolge erst ab der U17. „Vorher darf es allenfalls darum gehen, den Abstieg zu verhindern.“, so der Leiter des Hoffenheimer Kinderfußballs Dominik Drobisch gegenüber DIE ZEIT ONLINE. Hoffenheim hat mittlerweile Funino eingeführt und lässt die Wirksamkeit wissenschaftlich evaluieren.
Der Vorschlag, das Stichtagsdatum jährlich um drei Monate nach hinten zu verschieben, damit die Spieler mal zu den relativ Älteren und mal zu den relativ Jüngeren zählen, ist interessant. An der Selektionspraxis und der Bevorzugung relativ älterer Spieler dürfte sich jedoch dadurch allein nichts ändern.
- Fazit
Mit Bekanntwerden des RAE in den 1980er Jahren waren auch die Ursachen dafür weitestgehend klar. Doch trotz des seit vielen Jahren bekannten Phänomens hat sich zumindest in Deutschland keine Besserung in der Talentselektion eingestellt. Erste Reformen führten nach der desolaten EURO 2000 dazu, dass der DFB eine stark vernetzte Infrastruktur von Stützpunkten, Eliteschulen des Sports/Fußballs und NLZ schuf. Dadurch werden kaum noch Talente übersehen. Dass diese Maßnahmen sinnvoll waren, belegen die positiven Ergebnisse bei den Junioren-Europameisterschaften 2008/2009 sowie der Weltmeistertitel von 2014. Später wurden die Feldmaße im G- bis D-Jugendbereich verkleinert, um dem körperlichen Entwicklungsstand der Kinder und Jugendlichen besser zu entsprechen.
Spezielle Maßnahmen gegen den RAE wurden jedoch bis 2015 nicht getroffen. Und seitdem wurde lediglich eine Quote für Spätgeborene in der Sichtung von Talenten eingeführt. Vergleicht man diese Maßnahme mit den seit 2008 umfangreichen Programmen der Schweizer Sportverbände und den zahlreichen Erkenntnissen aus den Wissenschaften, ist für den DFB noch viel zu tun.
Es fallen zu viele Spieler wieder aus dem engen Fördernetz heraus, weil es noch immer Defizite in den Inhalten gibt. Die Hauptprobleme sind die nach wie vor dominierenden klassischen Trainingsmethodiken und der Mangel an objektiven Analysetools für die Bewertung der technisch-taktischen Fähigkeiten der Spieler. Zudem ist das Potenzial von strategischen und taktischen Mitteln im Bereich des Ballbesitzspiels noch längst nicht ausgeschöpft. Tatsächlich stagniert der deutsche Fußball seit Jahren in seinem Pressingfokus. Wie für einen Teufelskreis typisch ist der RAE zugleich Ursache und Folge all dieser Mängel.
Im Laufe der letzten Jahre wurden vor allem in der Schweiz und von Raymond Verheijen innerhalb der Akademie Feyenoord Rotterdams viele Lösungsmöglichkeiten diskutiert und getestet. Diese gilt es nun auch in Deutschland zu implementieren und evaluieren. Die wesentlichen Strategien zur Vorbeugung des RAE sehen folgende Punkte vor:
– späte Selektion (ab U14/15 = C-Junioren)
– kleinere Altersgruppen (mindestens halbjährig, bestenfalls quartalsweise)
– altersgerechte Spielregeln (Spielfeldmaße, Torgröße, Mannschaftsstärke)
– altersgerechtes Training
– konstruktive Spielstile
– Einführung technisch-taktisch fokussierter Analysetools
– Berücksichtigung des biologischen Alters
– alters- und kontextgerechte Belastungssteuerung
– Varianz zwischen den Kadern und teilweise auch Leihsysteme
Wie diese Punkte im Detail angegangen werden, ist teilweise noch sehr oberflächlich und bedarf weiterer Forschung. Insbesondere Instrumente zur objektiven Bewertung der technisch-taktischen Leistungsfähigkeit sind bisher kaum untersucht worden (SCHWESIG et al. 2016). Zumindest PISTE und FOOTECO bieten einige vielversprechende Ansätze, die es weiter zu verfolgen gilt.
Die Implementierung valider Analysetools zur Prognose und Förderung von Talenten stellt hohe Anforderungen an die Expertise der beteiligten Nachwuchstrainer. Solche Instrumente stecken noch in den Kinderschuhen und können schwerlich ausgereift sein. Denn Studien zur Wirksamkeit dieser Instrumente sind selten und allenfalls oberflächlich. Daher ist es wichtig, Trainer nach den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaften auszubilden. Sie müssen einerseits verstehen, welche Methoden unter welchen Voraussetzungen zum Erfolg führen und andererseits für die körperlichen Veränderungen in der Adoleszenz sensibilisiert werden.
Dennoch ist es schwer nachzuweisen, welchen Einfluss solche Instrumente auf die Talentselektion und -entwicklung haben. Denn eine Garantie, dass relativ Jüngere noch aufholen werden, ist nicht gegeben. Und selbst wenn es gelingt, die Geburtenverteilung der Talente anzugleichen, heißt das noch nicht, dass auch tatsächlich die talentiertesten Spieler gefunden werden. Obwohl der RAE ein Beleg für eine ineffiziente Nachwuchsförderung ist, kann allein die statistische Neutralisation des RAE aber kein Qualitätsmerkmal für die Nachwuchsförderung sein. Hierin zeigt sich vor allem die Schwäche etwaiger Quoten für Spätgeborene. Das wichtigste Mittel gegen den Matthäus-Effekt ist und bleibt die optimale Ausbildung der technisch-taktischen Fähigkeiten.
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